Hingeschaut

RTL macht das Unmögliche möglich – und verlässt das alte Schema trotzdem nicht

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In einer neuen Vorabendreihe begleitet RTL den Weg von querschnittsgelähmten Menschen, die das Laufen lernen sollen. Quotenmeter hat hingeschaut und sagt, ob das Format in qualitativer Hinsicht überzeugt.

Über Markus Holubek

  • * 14. Dezember 1965 in Bonn
  • Volontariat beim Express in Köln und beim Mitteldeutschen Express in Halle
  • ab 1993 Redakteur bei RTL
  • seit 2010 Autor, Mentaltrainer und Therapeut
Nach Jenke und Wallraff schickt RTL binnen kurzer Zeit einen dritten Mann auf Sendung, der nicht nur das Trash-Image des Senders verbessern, sondern die Segel auch weiter in Richtung Relevanz setzen soll. Denn selbst wenn man über die investigative Qualität der Formate sicher diskutieren darf, besser als die durchschnittliche Eigenproduktion der Kölner sind sie wohl ohne Zweifel. Als dritter im Bunde darf sich nun Markus Holubek versuchen, der bereits seit 1993 in unterschiedlichen redaktionellen Bereichen für RTL tätig war. Die meisten Zuschauer werden von ihm bisher allerdings wenig gehört haben – und das obschon seine Geschichte wahrlich eine besondere ist. 2007 verunglückte Holubek bei einem Skirennen und ist seitdem querschnittsgelähmt. Doch der Journalist hat mit langem Training und starkem Willen wieder geschafft das Laufen zu lernen. Das war jedoch nur möglich weil seine Nervenstränge nicht völlig durchtrennt sind. In zunächst zwei Folgen der neuen Eyeworks-Produktion «Reset – Zurück ins Leben» begleitet Holubek nun andere Querschnittsgelähmte und versucht ihnen das Gleiche zu ermöglichen. Ein Konzept also, in dem durchaus Potenzial steckt – sofern man es mit dem richtigen Maß an Seriosität, Einfühlsamkeit und Emotionalität angeht.

Der Auftakt von Folge eins macht aber gleich den Eindruck, das genau das nicht gelungen ist: Mit Filter und pathetischer Musik untermalt werden emotionale schwarz-weiß Bilder gezeigt um zunächst Holubek und dann den mittlerweile fast 30-jährigen Dennis vorzustellen. Dennis, der im Alter von 20 Jahren bei einer Party von einem Dach acht Meter in die Tiefe gestürzt ist, scheint aber zunächst eine härtere Nuss: Seine Nervenstränge sind vollständig durchtrennt. Ein solcher Fall hat es bis dato noch nie geschafft das Gehen wieder zu erlernen, wie die Sendung nicht müde wird zu betonen. Mithilfe von innovativster Medizintechnik und unbändigem Willen sind aber alle Beteiligten überzeugt, dass sie es doch schaffen können, Dennis wieder laufen zu sehen. Wer den Ausgang an dieser Stelle nicht schon ahnt, der hat vieles richtig gemacht: Denn offenbar hat er nur allzu selten die Flimmerkiste laufen. Die Dramaturgie dieser Folge ist von vorneweg klar absehbar. Wenn die Geschichte nicht so krass wäre, man könnte phasenweise das Gefühl haben eine Parodie anzusehen. Das als Titelmelodie gewählte Lied „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo verstärkt den Pathos da nur noch.

Die schlimmsten Befürchtungen werden aber trotzdem nicht wahr, denn die Sendung verlässt diesen Pfad bald. Das gelingt vor allem weil Holubek seinen „Patienten“ hart anpackt: „Warum bist du Drecksack eigentlich so arrogant, dass du glaubst wieder gehen zu können?“, wirft er ihm beispielsweise an den Kopf. Das mag für den Zuschauer befremdlich zu wirken, eventuell ist es aber genau die Art und Weise wie die Motivation aus Dennis rausgekitzelt wird. Dennoch, Holubek ist sicher eine Persönlichkeit, die die Zuschauer spalten wird: Die Produktion inszeniert ihn als grauhaarigen Halbgott, ob man das nun so sehen mag darf jeder selbst entscheiden. Respekt muss ihm aber ohne Zweifel zollen, zum investigativen Journalisten macht ihn das aber noch nicht.

Was dem Format in jedem Fall gelungen ist: Es stellt vielfältige Aspekte auf interessante Weise dar. Die Finanzierung wird ebenso thematisiert, wie die medizinischen Hintergründe. Und wenn dann von der großen Spendenaktion erzählt wird, die notwendig ist um Dennis OP zu finanzieren, kann man sich trotz all des Pathos kaum dagegen wehren doch emotional mitzufiebern. Die Sendung will das Unmögliche möglich machen. Genau deswegen fehlt aber die Nüchternheit, die «Reset» gebraucht hätte.

Auch aber weil es eben diese klare Dramaturgie gibt, überzeugt das Format bei weitem nicht völlig. Alles läuft ab wie in jeder bekannten Help-Sendung, den Doku-Soap-Anzug streift die neue Reihe nie ab. Zu diesem Eindruck trägt auch die Tatsache bei, dass einige Dialoge offensichtlich gestellt sind. Offen bleiben außerdem zwei Fragen: Zum Einen ist es äußerst zweifelhaft, ob das Konzept eine Vielzahl an Folgen tragen würde – wobei man zumindest sagen muss, dass auch andere Help-Formate die Zuschauer trotz starrem Konzept lange Zeit bei der Stange hielten. Zum Anderen, und das dürfte das weitaus größere Problem sein, ist es bei einer Entstehungszeit von mehr als einem Jahr (so lange hat die Begleitung von Dennis gedauert) kaum möglich die Sendung auf Masse zu produzieren.

Ob RTL das möchte, muss sich ohnehin erst zeigen. Solange bleibt ein Urteil: Ja, «Reset» ist relevanter als das was die Kölner sonst am Vorabend über den Äther schicken. Aber es funktioniert nach genau derselben Struktur – und ist viel zu emotional produziert um als Doku durchzugehen. Weil sich der Zuseher der Geschichte allerdings kaum entziehen kann, funktioniert diese Folge gar nicht allzu schlecht. Dennoch: Zumindest was dieses Format angeht, hat der RTL-Wind nicht wirklich in Richtung Relevanz gedreht.

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