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Dominic Raacke: „Auch Privatsender müssen Highlights schaffen“

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Einer, der Klartext spricht: "Fuck ju Quote", sagt der ehemalige «Tatort»-Kommissar Dominic Raacke. Warum er nach zwei Filmen am Wochenende erst einmal von der Bildfläche verschwindet, er den «Tatort» an sich sogar lobt und Schwierigkeiten hat am vom ZDF angekündigten deutschen «Breaking Bad» Gefallen zu finden.

Zur Person

Dominic Raacke wurde im Dezember 1958 in Harnau geboren. In den 80ern drehte er Filme wie «Rote Erde» und «Lenz oder die Freiheit». In den 90ern spielte er in «Die Eurocops» mit und schrieb das Buch zu «Die Musterknaben». 1994 gewann er den Fernsehpreis Telestar für «Um die 30». Seit 2001 spielte er in 34 Ausgaben Hauptkommissar Ritter im Berliner «Tatort». Kürzlich lief die letzte Folge mit ihm. Zudem war er in der Sat.1-Miniserie «Blackout» zu sehen und arbeitete für «Drachenzähmen leicht gemacht» als Synchronsprecher.
Herr Raacke, Fernsehfilme holen zur Zeit wieder starke Quoten – nicht nur Samstags-Krimis im Zweiten oder der Film der Woche am Montagabend, auch Formate wie «Die Hebamme» punkteten. Das spielt Ihnen doch in die Karten?!
Wissen Sie, was ich in Anlehnung an einen Kino-Quotenhit dazu sage: Fuck ju, Quote! Wir dürfen uns nicht länger von einer Einschaltquote abhängig machen. Das ist ein anonymes Monster, ein Orakel, vor dem wir allmorgendlich ehrfürchtig in die Knie gehen. War ich gut? War ich erfolgreich? Darf ich weitermachen? Wir beten dieses Monster an wie eine Gottheit. Das muss aufhören. Es geht doch nicht an, dass die Quote entscheidet, ob ein Projekt fortbesteht. Die Quote ist ein Totschlagargument. Hast du den Marktanteil geholt, darfst du weitermachen, wenn nicht, fliegst du raus. Man kann kein gutes Fernsehen machen, wenn man sich auf das beschränkt, was die Masse goutiert.

Haben Sie dann auch bei Privatsendern kein Verständnis dafür, dass sich Programmentscheidungen stets nach der Quote richten?
Ich habe in der Tat wenig Verständnis dafür. Die Privaten können sagen, dass ihr Programm letztlich Abspielstätte für Werbespots ist und die Werbekunden im Nachhinein zufrieden sein müssen. Aber auch das ist doch auf Dauer nicht relevant. Auch Privatsender müssen Highlights schaffen: Etwas, das einzigartig ist, kultig, aufregend – etwas, das die Menschen bewegt, über das sie sprechen. Die öffentlich-rechtlichen Sender kann ich in diesem Zusammenhang noch weniger verstehen. Ich erwische mich ja selber dabei, wie ich auf eine große Quote reagiere. Mein letzter «Tatort» hatte zehn Millionen – wow! Ist er deshalb besser als der andere? Am Dienstag wird mir der Produzent von «Das Glück der Anderen» auf die Schulter klopfen, wenn die Reichweite gepasst hat. Das ist sein gutes Recht – aber es ist nicht das Maß aller Dinge.

Trotz hoher Zuschauerzahlen fahren die Privatsender die Anzahl an neuen Spielfilmen aus Deutschland zurück.
Das ist ein Jammer und für mich als Schauspieler und Autor keine gute Entwicklung. Ich glaube, dass sich die Privaten mehr für Neues öffnen sollten. Sie müssen sich mehr trauen, Nischen finden, ein bisschen elitärer werden und nicht allen alles recht machen wollen. Ich glaube, dass irgendjemand diesen Schritt wagen muss – und dann wird sich eine Art Schneeball-Effekt einstellen. Dann wollen die anderen das auch haben.

Könnte das dem ZDF gelingen? Programmdirektor Himmler hat jüngst ein deutsches «Breaking Bad» angekündigt.
Na ja, ich würde sagen, das war etwas ungeschickt kommuniziert. Jetzt kommt das „«Breaking Bad» vom Lerchenberg“! Zunächst fällt es schwer, eine der weltweit besten Fernsehserien der letzten Jahre in einem Satz mit dem ZDF zu assoziieren. Aber warten wir’s ab. Grundsätzlich finde ich neue Ansätze gut. Und vor allem solche, die nicht die klassische Krimistruktur bedienen.



Entsprechend war es eine gute Abwechslung für Sie, im ZDF-Film «Das Glück der Anderen» (Montag, 20.15 Uhr) einen Therapeuten spielen zu können und eben keinen Kommissar?
Absolut – gleiches gilt auch für den ARD-Film «Mona kriegt ein Baby» (läuft Freitag, 20.15 Uhr, d. Red.). Ich glaube man sieht es mir auch an: Ich konnte freier aufspielen.

Veronica Ferres spielt in dem ZDF-Film die Hauptrolle – und ist mal nicht als Ehefrau zu sehen, die dunkle Geheimnisse ihres Mannes aufdeckt…
(schmunzelt) Die Rolle hat ihr gut gestanden. Letztlich spiele ich mit ihr in dem Film ein sehr ungleiches Paar: Sie ist kaufsüchtig und landet nach einem Ladendiebstahl bei einem Psychotherapeuten. Ich fand es von Veronica Ferres sehr mutig, wie sie sich an diese grundsätzlich negative Rolle herangearbeitet hat.

In einer weiteren Rolle ist Antonie Monot jr. zu sehen, bald neuer Ermittler in «Ein Fall für zwei». Mutig, die Serie nun fortzuführen?
Für mich ist «Ein Fall für zwei» ein altes, verkrustetes Krimi-Konzept. Ich weiß nicht, wie ein Relaunch aussehen könnte. Wenn es deutlich neue Aspekte gibt, wovon ich nicht ausgehe, ist es mutig.
Dominic Raacke
Ich kann mir das ehrlich gesagt nicht vorstellen. Für mich ist «Ein Fall für zwei» ein altes, verkrustetes Krimi-Konzept. Ich weiß nicht, wie ein Relaunch aussehen könnte. Wenn es deutlich neue Aspekte gibt, wovon ich nicht ausgehe, ist es mutig. Ansonsten finde ich, dass wir schon genug Krimi im deutschen Fernsehen haben – zu viel Krimi. So eine Monokultur ist öde und auf die Dauer langweilig.

Dementsprechend vermissen Sie die Figur des Kommissar Ritter im «Tatort» wohl auch nicht…
Nein, überhaupt nicht. Für mich war das eine wichtige Zeit und ich bin dankbar, dass ich dabei sein konnte. Aber es war auch höchste Zeit zu gehen. Es war letztlich immer eine Wellenbewegung, mal lief es besser, mal nicht so gut. Jetzt bin ich froh, dass ich da raus bin. Und dieser Abstand macht mich auch wieder ungebundener und insgesamt kritischer.

Man hatte den Eindruck es gab ein bisschen Knatsch zwischen Ihnen und dem rbb, als entschieden wurde, den Berliner «Tatort» zu verjüngen.
Nein, Knatsch war das nicht. Der rbb wollte den «Tatort» mit Boris und mir beenden, was ich eine nachvollziehbare und völlig richtige Entscheidung fand. Sie haben dann den Vorschlag gemacht, dass wir noch zwei Filme drehen. Der letzte Fall sollte das große Finale sein, eine Art Gala für uns. Mein Bauch hat mir dann aber gesagt, dass ich das nicht will. Das war eine einsame und intuitive Entscheidung, die vom Sender akzeptiert wurde.

Wie sehen Sie die Entwicklung vom «Tatort» allgemein? Es gibt ja durchaus Stimmen, die bemängeln, dass man die Figuren nicht mehr so gut entwickeln kann, wenn Teams nur noch ein- oder zwei Mal pro Jahr auf dem Schirm zu sehen sind.
Eine Entwicklung von Figuren hat doch bisher kaum stattgefunden – zaghaft beginnt man jetzt in «Polizeirufen» damit. Aber es ist natürlich schwer bei ein oder zwei Einsätzen im Jahr echte Entwicklungen zu erzählen. Aber genau das macht gutes Fernsehen ja aus. Wir schauen Figuren beim Leben zu, begleiten sie, fiebern mit ihnen, gehen mit ihnen durch dick und dünn. So funktioniert die klassische Serie. Der «Tatort» ist eine Macht, weil er sich in über 40 Jahren immer wieder erneuert hat. Neue Kommissare, neue Spielorte. Dass die ARD ihr Flaggschiff weiter ausbaut ist verständlich.

Und kommt auch beim Publikum an.
Ja, es hat da auch ein Generationswechsel stattgefunden – es gibt viele Jüngere, die jetzt gucken. Der «Tatort» ist ein Kultprogramm geworden; man trifft sich inzwischen ja sogar, um in der Gemeinschaft zu schauen. Gut, dass es ihn gibt, aber das deutsche TV sollte trotzdem nicht nur aus «Tatort» und Krimi bestehen. Es muss doch in Deutschland möglich sein auch Geschichten von Menschen zu erzählen, die keine Polizisten, Detektive oder Gerichtsmediziner sind.

Gibt es denn dann Projekte von Ihnen, an die sie sich besonders gerne erinnern?
Wir hatten in den 90ern mal ein Projekt, das «Um die 30» hieß. Wir haben darin drei Paare um die 30 begleitet – und wollten das eigentlich alle zehn Jahre weitererzählen. Leider waren die Entscheider beim Sender nicht überzeugt von der Idee. Auch das war eine Quotenentscheidung. Ich erinnere mich gerne an «Die Musterknaben», das war auch eines meiner Babys. Und die Sat.1-Serie «Blackout» war wichtig.

 Aber ein Quotenflop.
 Naja, da hatte Sat.1 einen wahnsinnigen Geschäftsführer, der «Blackout» gegen den «Tatort» programmiert hat, mit dem Hintergedanken den «Tatort» mit einem Krimi killen zu wollen. Sehr gewagt. Das ging in die Hose, zumindest was die Quote betraf, woraufhin der Sendeplatz zwei mal getauscht wurde. Am Ende hieß es, die Zuschauer hätten das Programm nicht gewollt.

Was steht bei Ihnen in der näheren Zukunft an?
Ich arbeite gerade an mehreren Projekten. Ein kleiner Kinofilm über die Liebe und Nächstenliebe im Kapitalismus. Dann eine Serie, die man im weitesten Sinne als Familienserie bezeichnen könnte und ein internationaler politischer Thriller, mitten in Deutschland. Jetzt geht es darum Verbündete zu finden, Leute, die sich dafür interessieren und Lust darauf haben. Wenn ich schon Kritik übe, will ich auch ein paar Ideen bringen. Ansonsten ist es sicher gut, wenn ich jetzt – nach diesem Double-Feature – mal eine Weile von der Bildfläche verschwinde.

Vielen Dank für das Interview, Herr Raacke.

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