Die Kritiker

«Paradies 505»

von

Der diesjährige Heimatkrimi des Bayerischen Rundfunks kommt aus Niederbayern. Julian Miller sah die Produktion vorab.

Hinter den Kulissen

  • Produktion: Roxy Film
  • Drehbuch: Christian Limmer
  • Regie: Max Färberböck
  • Kamera: Felix Cramer
  • Produzenten: Annie Brunner, Ursula Woerner und Dr. Andreas Richter
Inhalt
Die Polizisten Schorsch, Erwin und Richie trauen ihren Ohren nicht, als zwei Niedernussdorfer Jungen aufgeregt von ihrer Entdeckung im Wald berichten: einem aus der Erde ragenden Zeh. Zugehörig dazu: der Leichnam einer jungen Frau – und das zwei Meter neben der Gemeindegrenze.

Wieder einmal bleibt da ihrer Chefin, der Polizeihauptkommissarin Gisela Wegmeye, nichts anderes übrig, als ihren Straubinger Kollegen, Kriminalkommissar Lederer, zu informieren, der sofort zur Stelle ist und alle erforderlichen Maßnahmen einleitet, um den Fall so schnell wie möglich zu klären. Allem Anschein nach ist die junge Frau aus großer Höhe gestürzt, aber offenbar geschah das nicht im Wald und wieso wurde sie dann dort begraben? Und vor allem: von wem?

Während Richie alle hohen Gebäude in der Umgebung abklappert, Erwin und Schorsch die Anwohner vernehmen, findet Gisela unter den Vermisstenanzeigen das Foto der Toten: Daniela, 22 Jahre alt. Sie hatte an ihrem Todestag Geburtstag und arbeitete im selben Pflegeheim, in dem auch Giselas Vater Jakob unter der Betreuung von Olis Mutter, Schwester Doris, inzwischen wohnt.

Bei der Wohnungsdurchsuchung des Opfers in Bad Reibach fällt den Kommissaren ein Terminkalender auf, aus dem hervorgeht, dass Daniela regelmäßig den Niedernussdorfer Hausarzt Dr. Huber konsultierte. Doch die polizeiliche Befragung von Dr. Huber endet abrupt. Der nervöse Doktor erleidet urplötzlich einen Herzinfarkt. Laut Aussage seiner schockierten Arzthelferin Jenny hatte er nicht nur Herzprobleme, sondern war auch Miteigentümer des Wellness-Centers "Paradies 505", in dem Daniela nebenberuflich arbeitete. Der zweite Eigentümer des "Paradies" ist ein Franzose namens Jacques.

Bei der Ortsbegehung des Wellness-Centers stellt Kommissar Lederer fest, dass mit diesem "Paradies" etwas nicht stimmt: Der nun tote Hausarzt hatte reihenweise Patienten per Rezept in die Wohlfühloase mit erstaunlich vielen leicht bekleideten Frauen überwiesen. Und wie sich schnell herausstellt, bieten diese noch ganz besondere Dienstleistungen an, die so nicht in der Broschüre stehen.

Darsteller


Johanna Bittenbinder («Wer früher stirbt, ist länger tot») als Gisela Wegmeyer
Florian Karlheim («München 7») als Florian Lederer
Stefan Betz («Franzi») als Schorsch
Tim Seyfi («Vincent will Meer») als Richie
Moritz Katzmair («Dampfnudelblues») als Erwin
Josef Wierer («Wildfeuer») als Jakob
Heinz-Josef Braun («Blaubeerblau») als Ludwig

Kritik


Heimat und Krimi – da kann aus Sicht eines öffentlich-rechtlichen Senderverantwortlichen gar nichts mehr schief gehen. Schon gar nicht beim Bayerischen Rundfunk. In Süddeutschland ist Heimat ein Exzess wie anderswo das Kokain. Identität, Wurzeln, Dazug'hear'n, das sind nicht nur Schlagwörter und (einfache) Werte; es ist ein Quell des Sich-Berauschens.

Ganz egal, wie abgewirtschaftet diese Heimat auch sein mag. Stützte man sich allein auf «Paradies 505» als Zeugnis, müsste man zu dem Schluss kommen, dass niederbayerische Polizisten die letzten Dödel sind und der Großteil der dortigen Dorfgemeinschaften aus degenerierten Puffgängern besteht. Und wenn sich dieser Haufen nicht gerade im örtlichen Bordell/Wellness-Center einen auf Rezept wegsteckt, das man sich ervetternwirtschaftet hat, ist die nächste Schlägerei nicht weit. Die Anlässe dazu sind meist Lappalien; irgendjemand hat eben wieder irgendjemanden beleidigt. Fast ein bisschen wie bei «Berlin – Tag und Nacht». Nur, dass wir hier nicht beim großstädtischen Subproletariat gelandet sind, sondern in der ländlichen Mittelschicht Süddeutschlands, wo „Mia san mia“ ein tragender Eckpfeiler des politischen Leitbilds ist. Das Kuriose daran ist, dass das sympathisch wirken soll.

Natürlich will man all das ein wenig selbstironisch inszenieren. Blöd nur, dass nichts davon zündet. Heimat bedeutet immer auch Rückständigkeit. In diesem Sinne ist «Paradies 505» sogar konsequent. Selbst der aufgesetzteste Blödsinn ist Autor Christian Limmer nicht zu aufgesetzt, die klamottigste Klamotte nicht zu klamottig. Hauptsache Lokalkolorit: Das sind hier Wirtshausstuben, Weißbier, Vetternwirtschaft und Mundart. Mundart muss sein, wir sind schließlich in Bayern. Dass man nördlich des Weißwurstäquators kaum noch etwas versteht, ist Teil des Konzepts. Muss ja auch nicht. Wir sind schließlich in Bayern.

Der Bayerische Rundfunk zeigt «Paradies 505» am Samstag, den 19. Oktober um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/66807
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