Die Kritiker

«Polizeiruf 110 - Der verlorene Sohn»

von  |  Quelle: Inhalt: ARD

Generationswechsel beim «Polizeiruf 110» aus Sachsen-Anhalt: Wie vielversprechend ist die erste Folge des neuen Ermittlerteams aus Magdeburg?

Hinter den Kulissen

  • Produktion: Saxonia Media Filmproduktionsgesellschaft mbH
  • Drehbuch: Christoph und Friedemann Fromm
  • Regie: Friedemann Fromm
  • Kamera: Anton Klima
  • Produzentin: Britta Hansen
Inhalt
Das neue Ermittlerteam besticht durch Gegensätzlichkeit. Doreen Brasch ist lässig, immer mit dem Motorrad unterwegs, impulsiv und überschreitet gerne mal Grenzen und Gesetze. Jochen Drexler ist ein akribischer Tüftler, stets korrekt und diszipliniert und nimmt die Vorschriften ernst.

Hauptkommissarin Brasch wird an den Tatort gerufen. In einem neu eröffneten Fitnessstudio im Zentrum von Magdeburg liegt ein toter Afrikaner. Dem ersten Anschein nach wurde der Mann bei einem Diebstahl überrascht und erschossen. Doch nicht nur die Tatwaffe, eine Kalaschnikow, ist in diesem Fall ungewöhnlich. Der Asylbewerber war bereits tot, als auf ihn geschossen wurde. Da ein rechtsextremistischer Hintergrund der Tat nicht auszuschließen ist, muss Doreen Brasch diesen Fall zu ihrer Überraschung gemeinsam mit Hauptkommissar Jochen Drexler ermitteln. Farbspuren von Gotcha-Munition an der Kleidung des Toten führen die Ermittler zu rechtsextremen Jugendlichen. Doch die Tat ist ihnen nicht nachzuweisen. Erst als ein weiterer Mord geschieht, ahnen Brasch und Drexler die wahren Hintergründe für den Tod des Asylbewerbers. Doch den Kommissaren fehlen Beweise, mit denen sie auch die Hintermänner überführen können. Im letzten Moment gelingt es Brasch und Drexler, einen weiteren Mord zu verhindern und die Drahtzieher in diesem Fall zu überführen.

Darsteller


Claudia Michelsen («Der Turm») als Hauptkommissarin Doreen Brasch
Sylvester Groth («Romeo») als Hauptkommsissar Jochen Drexler
Felix Vörtler («Die Holzbaronin») als Kriminalrat Uwe Lemp
Steve Windolf («Doc meets Dorf») als Kriminalobermeister Mautz
Floriane Daniel («Tiere bis unters Dach») als Rechtsmedizinerin Dr. Anita Gerland
Vincent Redetzki («Die wilden Hühner») als Andi Wegener
Merab Ninidze («Nirgendwo in Afrika») als Victor Koslow

Kritik


Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler in den «Polizeiruf»-Ruhestand zu schicken, war sicher keine falsche Entscheidung. Zu behäbig, zu schnarchig, zu konventionell und zu altmodisch waren die Folgen mit den beiden älteren Herren – und selbst für die eher laxen Ansprüche, die man an den Sonntagabend im Ersten in Puncto Modernität und Innovation so stellt, war das altbackene Schmücke- und Schneider-Duo ein gehöriger Ausreißer nach unten.

Der MDR macht Ernst: von angestaubten Belanglosigkeiten im beschaulichen Halle an der Saale zum Versuch eines Soziogramms im sozialen Brennpunkt von Magdeburg, den zu weiten Teilen schon lange die rechte Szene übernommen hat.

Aber leider bleibt es beim Versuch. Und die Gründe für das Scheitern sind vielschichtig:

Zum einen Claudia Michelsens Rolle der trutschigen Hauptkommissarin, deren Sohn Andi ins Nazimilieu abgerutscht ist. Andi ist, wenig überraschend, knietief in den Mordfall verwickelt, mit dessen Aufklärung seine Mutter betraut ist. Wer die einschlägigen «Tatorte» und «Polizeirufe» kennt, wird unschwer erahnen können, worauf das hinauslaufen wird. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Michelsens Doreen Brasch nicht nur ihre persönlichen Beziehungen regelmäßig vor die Erfüllungen ihrer Dienstpflichten stellt, sondern dass sie noch dazu auch gerne ihre Kompetenzen überschreitet.

Was sie – wie sollte es bei dieser vorhersehbaren Dramaturgie anders sein – immer wieder mit ihrem Kollegen Drexler in Konflikt bringt. Auf dem Revier nennt man ihn nur „Paragraphen-Drexler“, weil er unter allen Umständen auf die Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen pocht. Was sonntagabends im Ersten so viel heißt wie: Der Mann ist ein typischer Beamter.

Bei einem Thema wie dem des verlorenen Nazi-Sohns ist es doppelt problematisch, wenn Kommissarin Brasch illegal Handys orten lässt und die diesbezüglichen Warnungen ihres Kollegen konsequent als weltfremd verwirft: Denn so wird letztlich der Rechtsstaat als unfähig dargestellt, allein mit legalen Mitteln der mordenden Nazibande Herr zu werden. In Zeiten des NSU-Prozesses so einen Blödsinn des Spannungsaufbaus oder der Banalisierung der Narrative wegen zu suggerieren, ist ziemlich bedauerlich.

Aber das Augenmerk liegt hier ohnehin eher selten auf dem Sinnigen. Anstatt ein differenziertes, vielschichtiges Portrait des ostdeutschen Nazisumpfes zu entwerfen, verbringt man lieber mehr Zeit mit der Etablierung der beiden Hauptfiguren. Doch die sind leider ziemlich uninteressant und lassen sich in ihrem Dienst-immer-nach-Vorschrift/Dienst-auch-mal-nicht-nach-Vorschrift-Dualismus ziemlich leicht zusammenfassen, ohne dass man allzu grob vereinfachen würde.

Dabei fängt alles so gut an, mit Relevanz und narrativer Raffinesse: Maskierte Rechte hetzen einen Schwarzen so lange durch die Gegend, bis er tot ist. Jagdszenen aus Ostdeutschland gewissermaßen. Dass man den Mut hat, ein derart sensibles und relevantes Thema anzugehen, verdient durchaus Respekt. Nur hätte dieses Thema eine vielschichtigere Betrachtung verdient, als sie „Der verlorene Sohn“ letztlich gewährt. Doppelt schade, da sich mit Friedemann Fromm ein hochkarätiger Autor und Regisseur für den Film verantwortlich zeichnet, dem man das locker zutrauen würde.

Das Erste zeigt «Polizeiruf 110 - Der verlorene Sohn» am Sonntag, den 13. Oktober um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/66673
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