Die Quotenmeter-Magazin-Rubrik wird präsentiert von
Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: RTL 2 macht einfach Mord!

von

Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 222: Die eigenproduzierten Filme von RTL 2.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir des einzigen Grimme-Preises, den RTL 2 je erhalten hat.

«Die jungen Wilden» wurden am 05. Oktober 1995 bei RTL 2 geboren und entstanden zu einer Zeit, als sich die großen Privatsender Sat.1 und RTL auf einem Zenit ihrer Beliebtheit befanden und es sich leisten konnten, große Teile ihres Programms mit aufwendigen Eigenproduktionen zu bestücken. Neben zahlreichen Serien ließen sie auch massenhaft Fernsehfilme herstellen, die entweder als einzelne Events oder im Rahmen von größeren Reihen wie «Der große TV-Roman», ausgestrahlt wurden. Von diesem Trend wollte offenbar auch der noch junge Kanal RTL 2 profitieren und kündigte überraschend an, künftig ebenfalls eigene Spielfilme zeigen zu wollen.

Um sich vom „üblichen Serieneinerlei" abheben zu können, gab Programmchef Christoph Mainusch jedoch ausschließlich unkonventionelle und außergewöhnliche Projekte in Auftrag, die zudem von unverbrauchten und kreativen Nachwuchstalenten umgesetzt werden sollten, weswegen die Ergebnisse unter dem Namen «Die jungen Wilden» zusammengefasst wurden. Das Ziel war es jedoch dadurch nicht, billige Experimentalfilme, sondern hochwertige Meisterwerke, entstehen zu lassen: „Die Qualität von Drehbüchern und Schauspielern und die Regiearbeit sollen sich eher am Niveau von Kinoproduktionen und amerikanischen TV-Movies orientieren als an der üblichen Fernsehstandardware", sagte Mainusch damals gegenüber der Berliner Zeitung. Daher stand pro Exemplar ein Budget von etwa zwei Millionen D-Mark zur Verfügung.

Tatsächlich konnte das ehrgeizige Ziel mit den ersten Aufträgen erreicht werden, denn es entstanden Titel, die von den Kritikern gelobt wurden und sich insbesondere wegen ihrer Düsternheit von den restlichen Vertretern unterschieden. So ging es beispielsweise in «Patricias Geheimnis» (von Hans Liechti) um eine engagierte Studentin (Petra Kleinert), die sich auf die Suche nach den Hintergründen des Sterbens ihrer Freundin begab, während in «Unter Druck» (von Peter Pistor) ein Radiomoderator (Kai Wiesinger) von einer Stalkerin terrorisiert wurde. Noch makaberer war «Rohe Ostern» (von Michael Gutmann), denn darin durfte die Hauptfigur (Oliver Korittke) nur wieder aus dem Jenseits zurückkehren, wenn sie dafür ihren besten Freund umbrachte. Das Highlight und zugleich den Auftakt der Kampagne bildete mit «Der Sandmann» eine Geschichte, die von einer Journalistin handelte, die aufgrund einer intensiven Recherche bald vermutete, dass die gewalttätigen und sexhaltigen Bücher eines Bestseller-Autors von echten Morden handelten, die der Schriftsteller verübt hatte.

Dieses Stück stach in mehrfacher Hinsicht aus den übrigen heraus, denn für die Realisation wurde Nico Hoffmann engagiert, der damals zwar noch am Beginn seiner Karriere stand, aber mit «Land der Väter, Land der Söhne», sowie der Konzeption und Umsetzung der Krimiserie «Balko» bereits für Aufsehen gesorgt hatte. Durch seine Regiearbeit an einer Episode von «Schulz & Schulz» knüpfte er zuvor auch Kontakte zum Schauspieler Götz George («Schimanski»), den er dann für die Hauptrolle beim «Sandmann» gewinnen konnte. Dies sorgte für ein großes Aufsehen für den Film, die komplette Reihe und den Sender. An Georges Seite waren darüber hinaus Caroline Eichhorn und Barbara Rudnik zu sehen.

Die Kritiker zeigten sich regelrecht begeistert von dem Streifen, lobten ihn bereits vor der Ausstrahlung in den höchsten Tönen und feierten sowohl die spannende Atmosphäre als auch die guten Darsteller. Das positive Echo gipfelte darin, dass der Film mit dem Bayerischen Filmpreis, dem Goldenen Löwen und sogar dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Es sollten die einzigen derartigen Preise in der bisherigen Geschichte des Hauses bleiben. Auch das Publikum honorierte die Leistungen und belohnte die Produktion am 05. Oktober mit einer für den Sender sehr hohen Reichweite von 3,21 Millionen Zuschauern und einem Zielgruppenmarktanteil von 16,1 Prozent.

An diese Werte konnten die restlichen Vertreter der Serie trotz ebenfalls guter Kritiken dann nicht mehr anknüpfen. Für «Unter Druck» und «Patricias Geheimnis» interessierten sich am 26. Oktober und 16. November nur noch 1,11 Millionen bzw. 1,69 Millionen Zuschauer. Die Marktanteile in der werberelevanten Gruppe sanken auf 5,9 und 7,4 Prozent ab. Eine Sonderrolle nahm «Rohe Ostern» ein, denn obwohl der Film fürs Fernsehen hergestellt worden war, erhielt er ab April 1996 aufgrund der positiven Kritikerresonanz kurzfristig eine Ausspielung im Kino. Die Fernsehpremiere wurde daher auf den April 1997 verlegt.

Dort bildete er dann mit «Unter die Haut», «Berlin – Moskau» und «Der Kindermord» einen weiteren Zyklus an eigenen Spielfilmen, von denen aber alle Ausgaben weder eine große Beachtung noch eine hohe Sehbeteiligung erhielten. «Rohe Ostern» sahen beispielsweise nur 1,02 Millionen Menschen. Nachdem der Kanal mit «Im Namen der Unschuld» und «Der Schutzengel» im Herbst 1997 zwei weitere Titel ohne Quotenerfolg ausstrahlte, nahm er von weiteren, eigenen Fernsehfilmen Abstand. All diese späteren Werke liefen jedoch nicht mehr unter dem Label «Die jungen Wilden».

Die Reihe «Die jungen Wilden» hinterließ vor allem den Regisseur Nico Hofmann, der später für die Sat.1-Aktion «German Classics» das Remake zu «Es geschah am helllichten Tag» und zusammen mit Götz George den Kinofilm «Solo für Klarinette» realisierte. Danach engagierte er sich nur noch als Produzent und war mit «Dresden», «Die Luftbrücke», «Der Tunnel», «Die Flucht», «Die Sturmflut», «Die Patin», «Die Grenze» und «Hindenburg» für die größten TV-Events verantwortlich. Aktuell ist seine Produktion «Jesus liebt mich» im Kino zu sehen. Hans Liechti führte später bei unzähligen Fernsehserien wie «Der Bergdoktor», «Lotta in Love» und «Gute Zeiten, Schlechte Zeiten» die Regie, während Michael Gutman vor allem als Autor für die Filme «Nach fünf im Urwald», «23 – Nichts ist wie es scheint», «Crazy», «Krabat» und «Mein Leben: Marcel Reich-Ranicki» bekannt wurde.

Möge die Reihe in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann dem großen SMS-Event von Sonja Zietlow.

Kurz-URL: qmde.de/61387
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger Artikel«Private Practice» kommt schlecht aus den Startlöchernnächster Artikel«Berlin – Tag & Nacht»-Familie sehr stark

Optionen

Drucken Merken Leserbrief


Werbung


E-Mail:

Quotenletter   Mo-Fr, 10 Uhr

Abendausgabe   Mo-Fr, 16 Uhr

Datenschutz-Info

Letzte Meldungen

Werbung

Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika


Surftipps

Fabian Harloff feiert mit Freunden sein neues Album
Zur Veröffentlichung seines neuen Albums lud Fabian Harloff viele Freunde zum Konzert. Die bisher heißesten zwei Tage des Jahres sollten hinter uns... » mehr

Werbung