Interview

Gero von Boehm: ‚Wollen wir eine Zensur der Spießer?‘

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Anlässlich der Dokumentation «Helmut Newton – The Bad and the Beautiful» sprach Quotenmeter mit von Boehm, der seinen Freund Helmut Newton portraitierte. Unter anderem sprach Markus Tschiedert über die Art des Fotografierens.

Gero von Boehm hat sich darauf spezialisiert, sich in seinen Dokumentationen großen Künstlern zu widmen. Egal ob Legenden wie Umberto Eco und Marcel Reich-Ranicki oder angesagten Stars wie Alexandra Maria Lara und Hape Kerkeling, der 66-jährige Filmemacher weiß, wie man ihnen ganz nah kommt. Als guter Freund des 2004 verstorbenen Starfotografen Helmut Newton war es von Boehm eine Ehre, eine zweite Dokumentation über ihn zu realisieren. 100 Jahre Helmut Newton, doch wie blicken die Frauen auf ihn zurück, die er so gern und so oft nackt fotografierte? Herausgekommen ist der Film «Helmut Newton – The Bad and the Beautiful», der nun als Stream und DVD erschienen ist. Gero von Boehm traf dafür nicht nur Ex-Models wie Grace Jones oder Claudia Schiffer, sondern reflektiert darüber hinaus die schicksalhaften Hintergründe eines Mannes, der am 31. Oktober 1920 unter dem bürgerlichen Name Helmut Neustädter in Berlin geboren wurde und 1938 als Jude vor den Nazis fliehen musste.

Was haben Sie über Helmut Newton durch Ihre erneute Auseinandersetzung erfahren, was Ihnen vorher nicht bekannt war?
Mir ist klar geworden, warum er in seinem Leben das alles machen konnte. Er hat zutiefst positiv gedacht, alles Negative war ihm fremd. Das Morgen war ihm wichtig, was er gestern gemacht hatte, war ihm ziemlich egal. Er ist aus Situationen herausgetreten, um sie von außen zu sehen und im Zweifelsfall darüber zu lachen, auch über sich selber. Das erklärt übrigens auch, warum er diese schlimme Nazi-Zeit überstanden hat. Irgendwie wird es schon gut gehen – das war der rote Faden in seinem Leben.

Mit seiner Frau June war er von 1948 bis zu seinem Tod verheiratet. War sie nicht manchmal eifersüchtig auf die vielen nackten Frauen, die er fotografierte?
Ganz im Inneren sicher. Aber da er nie irgendetwas mit einem Model angefangen hätte, hielt sich die Eifersucht in Grenzen. Er sagt immer: ‚Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.‘ Einmal hatte ich sie dazu auch gefragt und sie antwortete: ‚Das ist nun mal sein Job, damit verdient er sein Geld.‘ Insofern glaube ich nicht, dass sie wahnsinnig darunter gelitten hat.

55 gemeinsame Ehejahre sind in dem Business aber schon beachtlich. Was für eine Beziehung hatten die beiden?
Es war eine ganz große Liebe und Symbiose. Sie war für ihn seine Frau, aber auch die Mutter. Denn irgendwie ist er ein Junge geblieben. Wenn man so will, brachte sie Struktur in sein Leben und er durfte spielen.

Sagen seine Aktfotos Ihrer Meinung nach auch etwas über Männer aus?
Genau damit spielt er ja. Man erfährt, dass Männer auch gewisse Ängste vor Frauen haben. Er hat sie so fotografiert, dass sie uns ein bisschen verängstigen sollen und hockte sich dafür oft auf den Boden mit der Kamera nach oben gerichtet. Das wirkt so, als würden die Frauen auf uns herunterschauen. Seine Fotos reißen übrigens immer Geschichten an, die nicht fertigerzählt sind. Sie sollen unsere Phantasie anregen. Was ist vorher passiert, wenn etwa Nadja Auermann wie eine zurückgelassene Barbie-Puppe auf einem Hotelbett liegt? Geheimnisvoll, und man kann sich selbst ausmalen, was war oder sein wird.

Unter anderem haben Sie für Ihren Film nochmals große Namen wie Claudia Schiffer, Grace Jones, Charlotte Rampling oder Isabella Rossellini vor die Kamera bekommen…
Ja, und man sieht, dass es da eine Auseinandersetzung mit seinem Werk gab. Er hat wirklich einen Einfluss auf sie gehabt, sie aber auch auf ihn. Das war nach der langen Zeit wirklich interessant. Man darf nicht vergessen, dass sie in den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern fotografiert wurden. Trotzdem waren alles noch so frisch als wären die Fotos gerade erst entstanden. Und ich hatte den Eindruck, dass sie fast alle noch ein bisschen verliebt in Helmut waren.

Glauben Sie, Helmut Newton könnte heute Frauen noch so fotografieren?
Vermutlich nicht. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir auf dem Weg in ein Geschmacksdiktat sind. Wollen wir eine Zensur der Spießer? Diese Art von Political Correctness, die auf die Freiheit der Kunst geht, ist ein echtes Problem. Kunst muss sichtbar sein und bleiben. Niemand wird ja gezwungen, sich anzuschauen was er nicht sehen will.

Wie wäre Newton, wenn er heute noch leben würde, damit umgegangen?
Er hat bis zum Schluss starke Frauen porträtiert, das war ihm wichtig. Und wahrscheinlich hätte er bis heute damit weitergemacht, auch wenn seine Fotos von Magazinen nicht mehr gedruckt worden wären. Political Correctness war ihm sowieso ein Gräuel und im Film hört man ihn sagen: ‚Hauptsache es gefällt mir, alles andere ist mir schnuppe.‘

Es war also nie in seiner Absicht, Frauen auf Fotos zu demütigen?
Nein, ganz im Gegenteil. Er liebte Frauen, starke Frauen, und das wollte er uns zeigen. Man muss auch sagen, dass die Frauen das alles freiwillig gemacht haben. Sie haben sich sogar darum gerissen. Charlotte Rampling etwa sagt: ‚Helmut hat mir eine innere Kraft gegeben, und hätte er diese Aktbilder von mir nicht gemacht, wäre meine Karriere ganz anders verlaufen.‘ Das heißt schon was. Männer interessierten ihn übrigens gar nicht. Die waren für ihn nicht mehr als Accessoires.

Sie sind ein Mann! Wie haben Sie Helmut Newton eigentlich kennengelernt?
In Paris bei einem Abendessen. Wir haben die anderen Gäste beobachtet und uns über den Tisch zugezwinkert, was lustig war. Ich fand auch seine Frau June ganz toll. Auf jeden Fall merkten wir, dass wir einen Draht zueinander haben. Daraus wurde eine Freundschaft, die 2001 zu unserem ersten gemeinsamen Film „Helmut Newton – mein Leben“ führte.

Sie haben schon viele Persönlichkeiten porträtiert. Gibt es noch eine Person, der Sie auf diese Weise nochmals nähertreten möchten?
Durchaus! Meryl Streep steht auf der Liste, weil ich sie für eine sehr bemerkenswerte Schauspielerin halte. Das wird hoffentlich eines meiner nächsten Projekte – abgesehen von einem großen Film über Karl Lagerfeld, den ich gut kannte.

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