Die Kino-Kritiker

«The Witch next Door» - Der Film, der «Black Panther» entthronte

von   |  1 Kommentar

In den USA hat sich «The Witch next Door» unter dem Titel «The Wretched» überraschenderweise an die Spitze der Kinocharts gesetzt – vor allem in coronabedingter Ermangelung an Konkurrenz. Doch der Horrorfilm über eine kinderfressende Hexe ist auch sonst ganz passabel.

Filmfacts: «The Witch next Door»

  • Kinostart: 13. August 2020
  • FSK: 16
  • Laufzeit: 95 Min.
  • Genre: Horror
  • Kamera: Conor Murphy
  • Musik: Devin Burrows
  • Buch & Regie: Brett Pierce, Drew T. Pierce
  • Darsteller: John-Paul Howard, Piper Curda, Jamison Jones, Azie Tesfai, Zarah Mahler, Kevin Bigley
  • OT: The Wretched (USA 2018)
In den USA trat der Indie-Horrorfilm «The Wretched» dieser Tage in die Fußstapfen des 2018er-Marvel-Hits «Black Panther». Und zwar unter dem Gesichtspunkt der Wochen, in denen eine Kinoproduktion ihren Platz auf der Pole Position verteidigen kann. «The Wretched» gelang dies nun zum bereits fünften Mal in Folge. Und das obwohl der Film die ganze Zeit über auch ganz bequem von Zuhause aus hätte angeschaut werden können. Schließlich ist er über US-amerikanische Streamingdienste längst als Leihtitel erhältlich. Nichtsdestotrotz verbucht der zuständige Independent-Verleih IFC Films mittlerweile bereits knapp 700.000 US-Dollar an Einnahmen, was nicht sonderlich viel klingt. Im Anbetracht der aktuellen Umstände aber als Riesenerfolg gewertet werden muss. Schließlich kam diese Summe lediglich über in Autokinos gelöste Tickets zustande, da die Lichtspielhäuser in den USA coronabedingt immer noch geschlossen sind.

Mit ein Grund für diesen Erfolg sieht die IFC-Vizepräsidentin für Akquise und Produktion in der ungewöhnlichen Marketingkampagne, die für «The Wretched» vorwiegend aus Retro-Zeitungsanzeigen bestand. Doch auch die gute Mundpropaganda macht sie für dieses überraschend gute Ergebnis verantwortlich. Und nicht zuletzt geht die Anzahl an Neustarts aktuell gegen null. Wer also keine Klassiker-Veranstaltung besuchen, sondern einen ganz neuen Film im Kino sehen möchte, hat derzeit sowieso nicht so viel Auswahl.



Die Hexe von nebenan


Im Jahr 1985 wird die Babysitterin der Familie Gambel Zeugin einer schrecklichen Gewalttat. Ein hexenähnliches Wesen verspeist vor ihren Augen ein kleines Mädchen. Daraufhin wird die junge Frau nie wieder gesehen. Heute, über 30 Jahre später, ziehen Ben (John-Paul Howard) und sein Vater Liam (Jamison Jones) ganz in die Nähe des Hauses, in dem sich diese Bluttat einst ereignete. Bens Eltern befinden sich aktuell mitten in der Scheidung. Um sich davon abzulenken, sucht sich der Teenager einen Job und freundet sich darüber hinaus mit der sympathischen Mallory (Piper Curda) an, während sein Vater zarte Bande mit der attraktiven Sara (Azie Tesfai) knüpft. Doch als der Nachbarsjunge Dillon (Blane Crockarell) im Wald vor seinem Haus plötzlich unheimliche Stimmen hört und in einem Baum ebenjenes Symbol eingeritzt vorfindet, das schon viele Jahre zuvor auch im Gambel-Haus zu entdecken war, beginnen sich die unheimlichen Ereignisse zu überschlagen.

Ein Großteil des Erfolges von «The Wretched» ist also auf die besonderen Umstände der Veröffentlichung zurückzuführen. Dies bedeutet allerdings längst nicht, dass der hierzulande im August unter dem Titel «The With next Door» im Heimkino erscheinende Titel automatisch nicht besonders gut sein muss. Die IFC-Sprecherin Adrianna Bocco spricht ja nicht umsonst auch von einer guten Mundpropaganda, die die Regiearbeit der Pierce-Brüder Brett und Drew T. («Deadheads») erfahren hätte. Und es ist tatsächlich nachvollziehbar, dass sich in den Vereinigten Staaten so viele Zuschauer von dem Düstermärchen angetan zeigten. Bringt es doch alles mit, was ein (im besten Sinne altmodischer) Schauerfilm mitbringen sollte, um sein Publikum auch dann ordentlich zu schocken, wenn es nicht das Standardrepertoire aus Blumhouse-Jumpscares aufwendet.

Nun ist «The Witch next Door» zwar keines dieser intellektuellen Gruseldramen wie «The Witch», «Hereditary» oder «The Other Lamb», in denen die Macher die Hülle des Horrorkinos vorwiegend dafür nutzen, um unter der Schock-Oberfläche viel tiefschürfendere Themen aufzugreifen. Aber es etabliert ein Schreckensszenario fernab des gängigen Hollywood-Hochglanzhorrors, in dem auch die Figuren, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen und das soziale Umfeld eine ganz entscheidende Rolle für die Geschichte spielen.

Horror trifft Coming of Age


Dabei ist die von den Machern kreierte Szenerie noch nicht einmal „typisch Horrorfilm“. Im Gegenteil: Wenn Ben und sein Vater Liam in ihr neues Heim ziehen, der Sohn zart-romantische Bande mit der sympathischen Mallory knüpft und sich auch für den Vater neue amouröse Wege auftun, geschieht all dies von der sonnendurchtränkten Kulisse eines kleinen Küstenstädtchens, vor der auch die nächste Nicholas-Sparks-Romanze («The Choice», «Kein Ort ohne Dich»…) spielen könnte. Hier sitzen die Kids in ihrer Freizeit am Strand oder Vater und Sohn führen angeregte Gespräche im Abendrot, während im Hintergrund kleine Segelbote vorüberziehen. Doch da ist auch die andere Seite; Und wenn es schließlich zu den entscheidenden Schockmomenten kommt, fühlt es sich fast so an, als würde ein Unbekannter das Spielfeld einmal um 180 Grad drehen, damit der Zuschauer das zu sehen bekommt, was ihm sonst verborgen bleibt.

Dann dominieren plötzlich dunkle Farben, wir sehen das grauenvolle Antlitz eines verrotteten Hirschbocks und von dem Wald gegenüber von Bens und Liams Haus geht schon eine unheilvolle Aura aus, noch bevor der Nachbarsjunge Dillon erstmals schaurige Stimmen aus dieser Richtung wahrnimmt.

Im Original trägt der Film den Titel «The Wretched», was übersetzt so viel wie „Der Elende“ bedeutet. Der für den deutschen Markt gewählte Titel definiert das bereits im Prolog schemenhaft auftretende Böse wesentlich deutlicher: Es geht hier um die Bedrohung durch eine Hexe; und diese wird ihrer Horrorfilm-Definition nach wahlweise ins Groteske überzeichneten («Hänsel und Gretel: Hexenjäger»), melancholischen («Gretel & Hänsel») oder betont kultivierten («Suspiria») Abwandlungen hier endlich mal wieder zu 100 Prozent gerecht. Schon in der Eröffnungsszene lernen wir sie als Kinder verspeisendes Monster kennen, sodass wir selbst dann ihre permanente Bedrohung auch als solche wahrnehmen, wenn sie sich als eine Art Gestaltwandler in den Körpern schöner Frauen einnistet. Vor allem im leider arg hysterischen Finale, in dem Kameramann Conor Murphy («Mickey and the Bear») seine ruhig-übersichtliche Arbeit gegen wildes Herumgefuchtel eintauscht, findet die Hexe in ihrer altertümlich-garstigen Genredarstellung ihren Höhepunkt. Ohne moderne Schurkengimmicks, dafür mit einnehmender Präsenz und einem furchterregenden Äußeren, mit dem sie Hauptfigur Ben zu Leibe rückt.

Bis dato diente Newcomer John-Paul Howard («Hell or High Water») als charismatische Identifikationsfigur, auch wenn ihn das Skript zu «The Witch next Door» nicht besonders herausfordert. Trotzdem zieht er die Sympathien auf seine Seite. Nicht zuletzt, weil ihm das Drehbuch zwar keine anspruchsvollen Textzeilen zugesteht, wohl aber sehr charmante zwischenmenschliche Momente mit seinen Freunden und seinem Vater, wodurch wie seinen Charakter wesentlich besser kennenlernen als viele andere moderne Horrorfilmprotagonisten.

Fazit


Der Überraschungshit aus den USA: «The Witch next Door» ist ein ordentlicher Hexenhorrorfilm, der dann am stärksten ist, wenn er sich nicht auf die ungeschriebenen Gesetze des Genres verlässt.

«The Witch next Door» ist ab dem 13. August in den deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
16.08.2020 01:01 Uhr 1
Hallo Antje, ich habe es tatsächlich mal wieder ins Kino geschaffft, nach solanger Corona Kino Zwangs Pause....wollte mir den Film eigentlich im Internet angucken!!! Hatte dann aber zum Glück die Idee, endlich wieder ins Kino zu gehen...und, es hat sich echt gelohnt, mir hat der Film echt gut gefallen!

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