Die Kritiker

«Tatort – Niemals ohne mich»

von

Der 78. «Tatort»-Fall mit Ballauf und Schenk blickt auf das Leid der Kleinen, wenn sich die Eltern anzetern.

Cast und Crew

  • Regie: Nina Wolfrum
  • Drehbuch: Jürgen Werner
  • Cast: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Roland Riebeling, Peter Schneider, Christian Erdmann, Karen Damen, Gerdy Zint, Anna Böger, Katrin Röver, Melanie Straub, Yeliz Simsek, Henny Reents, Joe Bausch, Orlando Lenzen
  • Kamera: Peter Nix
  • Schnitt: Anne-Kathrein Thiele
Schleichend nähern sich Ballauf und Schenk ihrem 80. Fall. Das Duo steht im Regelfall für geradlinige Krimis nach deutscher Fernsehrezeptur – mal fähig und passioniert umgesetzt, manchmal fahrig am Fließband zusammengeschustert. In ihrem 77. Einsatz, «Tatort: Kein Mitleid, keine Gnade», ging es im Januar dieses Jahres jedoch atypisch sozialkritisch für die Ermittler aus Köln zu. Und auch die Ästhetik fiel für einen Fall dieses Teams ungewöhnlich aus. Nach dem Cybermobbing-«Tatort» aus Köln kommt Fall Nummer 78 ebenfalls mit gesellschaftskritischen Anflügen daher, wenngleich mit einem zeitlosen Thema: Es geht darum, wie sehr Kinder unter sich ankeifenden Eltern zu leiden haben. Aufgezäumt wird dieses Element mittels eines klassischen Krimiplots:

Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) werden dieses Mal auf den Plan gerufen, weil eine Mitarbeiterin des Jugendamtes erschlagen im Hinterhof eines Wohnhauses aufgefunden wurde. Das Opfer, die 38-jährige Monika Fellner (Melanie Straub), hat sich in der Stadt viele Feinde gemacht – denn sie hat ihren Beruf besonders hartnäckig und mit eiserner Strenge verfolgt. Selbst mit ihrer Kollegin Ingrid Kugelmaier (Anna Böger) befand sie sich immer wieder im Streit, da Fellner fand, dass es Kugelmaier an Durchsetzungsvermögen mangelte. Ballauf und Schenk bekommen es im Rahmen ihrer Ermittlungen zudem mit mehreren Ex-Paaren zu tun, die vorher mit Fellner in Kontakt standen. Nicht nur, dass dies den Kreis der Verdächtigen erweitert – es führt dem erprobten Duo auch vor Augen, wie oft bei zwei streitenden Eltern das Kind nicht der lachende Dritte ist …


Nicht jede Handlungswende wird mit Feingespür umgesetzt, manche lassen sich auch meilenweit gegen den Wind wittern – dessen ungeachtet ist «Tatort – Niemals ohne mich» ein solider bis gut geschriebener Kölner Krimi. Denn wie Jürgen Werner beim Mord an einer Jugendbeamten einsteigt und sich nach und nach immer tiefer in verschiedene Familiendynamiken hinein gräbt, um kaputte Beziehungen, verschleppte Streitigkeiten und vernachlässigtes Kindeswohl zu skizzieren, ist durchaus bemerkenswert. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Werner auf geringschätzende Verurteilungen sowie auf pathetischen Elendskitsch verzichtet – die Figuren in diesem Krimi sind zwar nicht alle gänzlich aus dem Leben gegriffen, aber sehr wohl plausibel sowie mit Ecken und Kanten versehen.

Werner strukturiert seinen Blick auf Problemfamilien, die nicht wie Problemfamilien aus dem Nachmittagsfernsehen und Axel-Springer-Blättern wirken, zudem mühelos um Kölner «Tatort»-Traditionen herum, so dass der geregelte Krimiablauf und die zentrale Geschichte dieses Neunzigminüters nahtlos ineinander übergehen.

Regisseurin Nina Wolfrum inszeniert das Ganze mit großem Geschick, indem sie Konflikte zeigt, wie sie sich für die Beteiligten anfühlen: Kinder sind in ihren Bildern so sehr an den Rand gedrängt und hilflos, wie sie auch sprichwörtlich an den Rand gedrängt werden, wenn Eltern sich scheren. Und drastische Erkenntnisse überrumpeln einen oft von hinten.

«Tatort – Niemals ohne mich» ist am 22. März 2020 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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