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«The Voice» 2019: Besseres Entertainment trotz schwächerer Stimmen

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Ausgerechnet Deutschlands niveaustärkstes Musikcasting weiß in diesem Jahr kaum mit herausragenden Stimmen zu begeistern – und bekommt das auch erstmals von einem Coach gespiegelt. Damit entwickelt sich das Format in Jahr neun in eine Richtung, die nicht jedem Fan gefallen kann, aber nach so vielen Staffeln kaum zu vermeiden ist.

«The Voice»-Quoten in Blinds und Battles

  • S1: 4,66 Mio. (15,1% / 27,7%)
  • S4: 3,91 Mio. (13,0% / 23,0%)
  • S7: 3,88 Mio. (12,6% / 21,4%)
  • S8: 3,10 Mio. (10,4% / 17,8%)
  • S9: 2,87 Mio. (10,3% / 17,3%)
Durchschnittliche Werte aller Blind Auditions und Battles der jeweiligen Staffel.
Was sind die wesentlichen Charakteristika, die «The Voice of Germany» von anderen (einstmals) erfolgreichen Musikcastings wie «DSDS» oder «Popstars» unterscheiden? In erster Linie wohl die weitaus stärkere Fokussierung auf den herausragenden Gesang der auftretenden Talente ohne großes Entertainment-Brimborium oder lustige bis peinliche Freaks sowie eine bis zur Weichspülung getriebene Wertschätzungskultur innerhalb des Formats. Sicher, schon in den vorherigen Staffeln wurde stets ein „Kampf der Coaches“ heraufbeschworen und ein Mark Forster kabbelte sich regelmäßig mit einer Yvonne Catterfeld, aber unterm Strich hatten sich doch immer alle ziemlich lieb und fanden einander toll bis grandios.

Diese heile Musikwelt inmitten des gemeinhin insbesondere hierzulande aufgrund von Formatgesichtern wie Dieter Bohlen und Detlef D! Soost – oder auch fernab der Musik Heidi Klum – als krawallig und bloßstellungsorientiert wahrgenommenen Genres wurde in den ersten Jahren als äußerst erfrischend und wertig empfunden, da eine seriöse Umsetzung dieser Showkonzepte zuvor nie in wirklich großem Rahmen funktioniert hatte und der Zuschauer tatsächlich geflasht von den zahlreichen herausragenden Performances war. Diese Euphorie ließ jedoch in der jüngeren Vergangenheit zunehmend nach, da die Gier des Fans nach tollen und zugleich einzigartigen Stimmen kaum mehr zu stillen war, die Zahl der wahrlich tollen Stimmen pro Staffel jedoch zugleich eher sank als stieg und die Funktionsweise des Formats immer leichter zu decodieren war.

Drum musste ProSiebenSat.1 auf die natürlichen (und durch gleich zwei Ableger auch mitunter forcierten) Abnutzungserscheinungen des Franchise reagieren, was man in der Vergangenheit vornehmlich durch meist sanfte, manchmal etwas drastischere Veränderungen in den Showphasen nach den sakrosankten Blind Auditions tat. Bis auf die aktuell noch eher im Ungefähren dahinschwebende „Comeback Stage“ mit Nico Santos, die den meist nicht mehr so attraktiven Liveshows am Ende nochmal neuen Schwung verleihen soll, verzichteten die Verantwortlichen diesmal aber trotz deutlich rückläufiger Quoten im Vorjahr (siehe Infobox oben) diesmal aber auf große strukturelle Anpassungen und schleusten – bewusst oder unbewusst – stattdessen eine Art Trojanisches Pferd auf die Stühle der Coaches: Sido. Der wird nicht unbedingt dem bisherigen «The Voice»-Spirit gerecht, verhindert in diesen Wochen aber zumindest einen weiteren signifikanten Niedergang der Einschaltquoten.


„Weniger verkackt“ statt „unfassbar“ im Minutentakt: Sido steht für Klartext


Denn was schon in den vergangenen Jahren zunehmend nervte bis langweilte, war die wachsende Ambivalenz zwischen den persönlichen Seheindrücken vor dem Fernseher und dem Feedback der Coaches zu den Auftritten: Längst nicht alle Gesangseinlagen überragten in den Vorjahren, viele Stimmen verschwommen sich in einem Ozean der tonalen Gleichgültigkeit und die größten Stars der Sendung, Max Giesinger und Michael Schulte, starteten ihre Karriere so richtig erst Jahre nach ihrer Teilnahme an der allerersten Staffel. Für Samu Haber aber hatte trotzdem jede zweite Stimme Weltstar-Potenzial und Rea Garvey ritualisierte salbungsvolle Pathos-Monologe, die einen an die Reinkarnation des Musik-Messias glauben lassen sollten. Sehr leicht fassbares besseres Mittelmaß war aus den Mündern der Coaches viel zu oft „un-fucking-fassbar“, gewöhnliche Carey-Oktavenakrobaten wurden zu speziellen Gesangsrevolutionen hochstilisiert.

Und nun ist da Sido, der gerne mal gelangweilt auf seinem Stuhl hockt, Oktavenakrobaten mitteilt, dass ihre Stimmen gar nicht mal so gut sind, nach kitschigen Duetten mitteilt, dass er die Hampelei auf der Bühne so überhaupt nicht magisch, sondern eher gekünstelt fand und nach einem misslungenen Battle-Auftritt offen zu verstehen gibt, dass sich seine Entscheidung eher daran misst, wer aus seiner Sicht „weniger verkackt“ als mehr begeistert hat – wenn er denn überhaupt dazu bereit ist, eine solche Entscheidung zu treffen und nicht eher damit schockiert, beide Duellanten nach Hause zu schicken. Sido unterbindet die Selbstdarstellung eines mäßigen Italoschnulzen-Performers, der nach seinem Auftritt die Bühne für einen gefühlsduseligen Heiratsantrag vor laufender Kamera nutzen will und kommentiert die Knopfdruck-Tränen von Alice Merton trocken mit „joar, ist doch gut jetzt“.

Kurzum: Sido wirkt offen und ehrlich, keiner seiner Beurteilungsbeiträge wirkt wie durch einen rosaroten Nettigkeitsfilter geschleust, ja mitunter verkörpert er sogar den durchschnittlichen Twitter-Zyniker, der große Fernsehshows betont ironisch schaut und in ein reflexartiges Gähnen verfällt, wenn mal wieder irgendwo irgendwas in Jahr X nach Formatstart so groß, so toll und so spannend ist wie nie zuvor. Innerhalb eines Formats, das von verbalisierten Grandiositäten acht Jahre lang nur so strotzte, während zugleich real-musikalisch immer weniger wirklich herausstach, ist das immens erfrischend und erhöht den Unterhaltungsfaktor dieser Staffel erheblich. Man wartet aktuell regelrecht darauf, was wohl Sido mitzuteilen hat, weil hier (tatsächliche) Reibungen und kleine Kontroversen entstehen können.

Etwas böser formuliert könnte man aber auch sagen, dass mit ihm ein wenig mehr Bohlen, Soost und Klum in die Sendung kommt – ein wenig mehr Krawall und Promi-Egomanie, während zugleich der Fokus auf Musik und Musiker abnimmt. Sido agiert mehr als Juror und Lehrer, der manchmal auch etwas doppelzüngige Lektionen erteilt, wenn er als bekennender Freund von Show-Auftritten in bewusstseinsverändertem Zustand seinem Talent Bastian das feuchtfröhliche Feiern am Vortag vorwirft, denn als Mentor und erfahrener Kollege auf Augenhöhe. Und doch ist er die bisher herausragende Person in einer Staffel, die bisher sonst noch nicht allzu viele bleibende Eindrücke hat hinterlassen können. Und ehrlicherweise hatte sie das auch in den vergangenen Jahren nur äußerst selten geschafft.


Hoffnung Nico Santos: Bringt die „Comeback Stage“ Leben in die Live-Lethargie?


MA-Vergleich der «The Voice»-Liveshows

  • S6: 15,7% (-25,6%)
  • S7: 16,2% (-28,0%)
  • S8: 11,6% (-39,3%)
Jeweils durchschnittliche Zielgruppen-Marktanteile von Halbfinale und Finale. In Klammern: MA-Verlust der Liveshows gegenüber dem Durchschnittswert der Blind Auditions in der jeweiligen Staffel.
Während also Paul Würdig den bisherigen Ausgaben den nötigen Drive gegeben hat, um trotz der zahlreichen musikalischen Nettigkeiten recht interessiert am Ball zu bleiben, ruhen die Hoffnungen der Verantwortlichen für die kommenden beiden Sonntagabende wohl in erster Linie auf Nico Santos. Dessen „Comeback Stage“ war bislang innerhalb der Show bestenfalls ein Running Gag, da in jeder Folge mehrfach auf deren Existenz verwiesen wurde, ohne jedoch mehr als einen irgendwo herumsitzenden Santos und einige gescheiterte Talente in irgendeinem Hinterzimmer-Kabuff singend vor die Linse zu bekommen – zumindest der Großteil der Zuschauer, der nicht bereit ist, seinen TV-Konsum um Online-Erfahrungen anzureichern. In den beiden Liveshows dagegen avanciert der junge Musiker zum gleichberechtigten Coach, der unter Beweis stellen darf, in seinen zwei Talenten mehr gesehen zu haben als das etablierte Quartett – was im Falle eines Santos-Sieges einer kleinen Ohrfeige für seine Kollegen gleichkommt.

Das ist keine drastische Umwälzung der Sendung und wird sie nicht hintenraus in schwindelerregende Quotenhöhen treiben, aber es kann dazu beitragen, dass «The Voice» 2019 nicht ganz so arg die Puste ausgeht wie im Vorjahr, wo vor allem Halbfinale und Finale mit gar nicht mal mehr so deutlich zweistelligen Marktanteilen aufgewartet (siehe Infobox) und damit den Programmchefs ein Alarmsignal gesendet hatten – immerhin war man vor 2018 noch nie unter die 13-Prozentmarke in der Zielgruppe gerutscht. Welchen Weg man dann im kommenden Jahr einzuschlagen gedenkt, um trotz des kaum mehr umkehrbaren Abfalls hinsichtlich des Gesangsniveaus weiterhin für Dynamik und Unterhaltungswert zu sorgen, muss in der Staffelevaluation eruiert werden. Wahrscheinlich sind konzeptionelle Anpassungen, nachdem der Vierklang aus Blinds, Battles, Sing-offs und Liveshows nun schon sein vierjähriges Bestehen feierte und längst nicht mehr zu überraschen weiß. Im Gegensatz zu Sido, der im Gedächtnis bleiben wird und eventuell Nico Santos bzw. seine „Comeback Stage“.

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