Die Kino-Kritiker

«Benjamin Blümchen» - Der erste Realfilm mit dem beliebten Elefanten

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Der beliebteste sprechende Elefant der Welt kommt ins Kino, doch die erste Realverfilmung der berühmten Zeichentrickfigur «Benjamin Blümchen» hat arg unter ihrem schmalen Budget zu leiden.

Filmfacts: «Benjamin Blümchen»

  • Start: 1. August 2019
  • Genre: Kinderfilm
  • FSK: o.Al.
  • Laufzeit: 91 Min.
  • Kamera: Fabian Rösler
  • Buch: Bettina Börgerding
  • Regie: Tim Trachte
  • Darsteller: Manuel Santos, Jürgen Kluckert, Friedrich von Thun, Uwe Ochsenknecht, Heike Makatsch, Dieter Hallervorden
  • OT: Benjamin Blümchen (DE 2019)
Seit 1977 begleitet der sprechende Elefant Benjamin Blümchen Generationen von Kindern beim Aufwachsen. Mittlerweile sind unter dem wachsamen Auge von Schöpferin Elfie Donnelly 142 reguläre Hörspielfolgen erschienen. Des Weiteren gibt es neben jeder Menge Sonderausgaben mit Liedern und Gute-Nacht-Geschichten auch eine Zeichentrickserie in mehreren Staffeln und natürlich Merchandise. Viel, viel Merchandise. Kurzum: Wenn schon der Terminus „Benjamin-Blümchen-Torte“ irgendwann in den allgemeinen Wortschatz übergangen ist, dann lässt der erste richtige Spielfilm (einen Zeichentrickfilm in Form einer längeren Serienepisode gab es bereits) in der Regel nicht lange auf sich warten. Sich dieses Projekts angenommen hat Tim Trachte, der vor einigen Jahren den höllisch unterschätzten «Abschussfahrt» inszenierte und in diesem Jahr gleich zweimal an den Start geht; in einigen Monaten erscheint seine Romanverfilmung «Dem Horizont so nah» mit Luna Wedler und Jannik Schümann in den Hauptrollen. Auf dem lastet aufgrund der bestsellergroßen Leserschaft ja auch ein gewisser Druck, doch mit «Benjamin Blümchen» sind nochmal eine ganze Menge mehr Leute aufgewachsen, als mit dem besagten Liebespaar.

So viel können wir vorwegnehmen: Der schwierige Spagat, einen Film auf Basis einer Kinderhörspielserie zu inszenieren, der sowohl kleine als auch große Elefantenfans abholt, ist Trachte nicht gelungen. Und das hat auf keinen Fall nur etwas damit zu tun, dass der Look des Films ziemlich grenzwertig ist.

Endlich Ferien!


Otto kann es kaum erwarten, die kommenden Wochen mit seinem besten Freund Benjamin Blümchen im Neustädter Zoo zu verbringen. Allerdings ist seine gute Laune etwas getrübt durch die Sorgenfalten von Zoodirektor Herr Tierlieb, der dringend Geld für die anstehenden Reparaturarbeiten im Zoo benötigt. Eine Tombola soll’s richten! Mitten in die Feierlichkeiten platzt der Bürgermeister von Neustadt dann mit einer Ankündigung: Er hat die gewiefte Zora Zack engagiert, um den Zoo zu modernisieren und zum neuen Prestige-Objekt von Neustadt zu machen. Und die emsige Fachfrau fackelt nicht lange: Erst wickelt sie Benjamin mit seinen geliebten Zuckerstückchen um den Finger – er soll das neue Werbegesicht der Kampagne werden –, dann rollen erste Baukräne an. Doch in Wirklichkeit hat Zora Zack ein ganz anderes Ziel… Ob Otto, Benjamin und die anderen Zoobewohner ihr rechtzeitig auf die Schliche kommen, um ihre Pläne zu verhindern?

Trotzdem möchten wir zu Beginn voller Inbrunst betonen: Es ist nicht alles schlecht an «Benjamin Blümchen». Und das nicht nur deshalb, um nicht mehr als nötig (oder gar: nur aus Prinzip) auf dem ohnehin angeschlagenen Image des deutschen Films rumzuhacken, sondern weil es an dem neunzigminütigen Kinderabenteuer Einiges gibt, womit man nicht nur die Zielgruppe garantiert zufriedenstellen wird. So ist es nämlich insbesondere bei den menschlichen Haupt- und Nebenfiguren hervorragend gelungen, die Zeichentrickvorlage ins Realfilmumfeld zu übertragen. So wie Benjamins kleiner Freund Otto (Manuel Santos Gelke), Karla Kolumna (Liane Forestieri), der liebenswerte Zoodirektor Herr Tierlieb (Friedrich von Thun) sowie der fleißige Wärter Karl (Tim Oliver Schultz), stets die gute Seele des Neustädter Zoos, hier dargestellt werden, beweisen Tim Trachte und seine Drehbuchautorin Bettina Börgerding («Bibi & Tina – Tohuwabohu total»), dass sie die von den Figuren ausgefüllte Seele der «Benjamin Blümchen»-Geschichten absolut verinnerlicht haben.

Und die Darsteller stellen sich voll und ganz in den Dienst dieser jahrzehntelang entwickelten Rollen, was selbst dann funktioniert, wenn das Temperament der Darsteller mitunter doch stark von dem Vorbild abweicht. Liane Forestieri («Honig im Kopf») gelingt es etwa auch ganz ohne die von der Originalsprecherin Gisela Fritsch etablierte Exzentrik, den Wirbelwindcharakter der rasenden Reporterin auf den Punkt zu verkörpern, während Manuel Santos Gelke («TKKG») zwar noch einige schauspielerische Unsicherheiten vorweisen kann (beim gerade erst zweiten Schauspiel-Engagement absolut verzeihlich), dies aber oft mit Leidenschaft und Einsatz ausgleichen kann.

Schauspieler hui, alles andere: leider pfui!


Diese Passion für die Materie bringt auch der seit Folge 81 in die Rolle von Benjamin Blümchen schlüpfende Synchronsprecher Jürgen Kluckert auf. Dass es für diesen nicht nur eine Selbstverständlichkeit war, dem nun 3D-animierten Elefanten auch im Realfilm seine Stimme zu leihen, sondern sogar ausführlich an der Promo-Arbeit für den Film mitzuwirken, ist in erster Linie seiner Liebe für die Figur zu verdanken. Davon profitiert vor allem der Zuschauer; gerade wenn er mit Kluckert als Benjamin Blümchen groß geworden ist, da dieser sich auch für diesen Film ebenso mächtig ins Zeug legt, wie für sämtliche Hörspielfolgen. Leider kann auch Kluckerts Einsatz nicht darüber hinwegtäuschen, dass «Benjamin Blümchen» an zwei ganz zentralen Stellen große Probleme hat. Da ist zum einen die Story selbst: Dass das Motiv vom zu rettenden Zoo nach mehreren Hörspielepisoden und einer Trickserienfolge mit ähnlicher Thematik längst abgegriffen ist, dürfte gerade das ganz junge Publikum kaum interessieren.

Viel irritierender ist aber vor allem das Bemühen um Modernität, die völlig konträr zum eigentlichen Anspruch der Hörspielserie verläuft. «Benjamin Blümchen» ist der Inbegriff zeitlos-harmloser Unterhaltung für (Klein-)Kinder. Hier bekommen wir es hingegen plötzlich mit einer hinterhältig Zwietracht säenden Schurkin (Heike Makatsch gibt alles) zu tun, die obendrein mit zwei bemüht auf Hipstern getrimmten Handlangern daherkommt, die für Slapstick sorgen sollen aber in ihrer zelebrierten Dummheit vor allem nerven. Und nicht nur das: Ich konstruierter Hipster-Slang mit den zahlreichen Anglizismen wirkt so aufgesetzt, als hätte die Autorin einmal willkürlich durchs Jugendsprache-Wörterbuch geblättert. Und anders als der Slapstick geht das an der Zielgruppe einfach völlig vorbei. Es ist, als hätte man «Benjamin Blümchen» seine Unschuld genommen…

Natürlich lässt sich gerade im Kinderfilmsegment vieles mit der Zielgruppe relativieren. Doch letztlich haben auch noch so kleine Kinozuschauer einen guten Film verdient. Und so wenig sie sich (im Vergleich zu den Erwachsenen) daran stören dürften, dass «Benjamin Blümchen» aussieht, wie er eben aussieht, so kann man über den größten Kritikpunkt des Films nun mal nicht einfach so hinwegsehen: Schon der Trailer löste Anfang des Jahres bei vielen Gelächter und Stirnrunzeln aus. Und wenngleich die Macher bei der Animation des CGI-Elefanten nochmal nachgebessert haben, indem beispielsweise Schattierungen und Farben angeglichen wurden, so ist es letztlich vor allem der Look des Films, der höchst befremdlich wirkt. Das gilt nicht bloß für den Elefanten selbst, der, für sich genommen, sogar ein ganz passables Bild als 3D-Upgrade einer eigentlich zweidimensionalen Zeichentrickfigur abgibt. Das Problem ist vielmehr seine Integration in die reale Kulisse respektive in das, was hier als Kulisse ausgegeben wird. Es ist zwar durchaus nachvollziehbar (und im Anbetracht des Vorbild-Gedanken richtig sympathisch), dass sich ein Zoo ohne Gehege nicht einfach so nachbauen lässt. Doch der fast ausschließlich im Studio gedrehte Film sieht zu jedem Zeitpunkt so sehr nach Studio aus, dass sich nie der Eindruck einstellt, dass hier Schauspieler in einem echten Umfeld agieren.

Weder die Menschen noch die Tiere im Hintergrund verschmelzen je mit den im Vordergrund agierenden Figuren. Und schaut man genau hin, erkennt man an einer Stelle sogar, wie die Bewegung eines der in den Hintergrund gepflanzten Tiere endet, bevor die Kamera zur nächsten Szene umschwenkt. Und das ist dann auch leider nichts, was man mit einem geringen Budget erklären kann – oder damit entschuldigt, dass es den Kleinen nicht auffällt.

Fazit


Ja, «Benjamin Blümchen» ist für ganz junge Zuschauer gemacht und ja, denen werden so einige Mängel an der Kinderhelden-Realverfilmung gar nicht auffallen. Trotzdem scheitert Tim Trachte – auch aufgrund der mangelhaften Optik – in der Königsdisziplin, einen Familienfilm zu inszenieren, an dem nicht nur die kleinen, sondern auch die großen Zuschauer Freude haben.

«Benjamin Blümchen» ist ab dem 1. August bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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