Die Kino-Kritiker

«Monsieur Claude 2» - Das wird man ja wohl noch sagen dürfen..!?

von   |  8 Kommentare

Die Fortsetzung zum Komödienhit «Monsieur Claude und seine Töchter» vergreift sich in ihrem Humor ganz gewaltig.

Filmfacts: «Monsieur Claude 2»

  • Start: 4. April 2019
  • Genre: Komödie
  • Laufzeit: 105 Min.
  • FSK: 12
  • Kamera: Stéphane Le Parc
  • Musik: Marc Chouarain
  • Buch: Guy Laurent, Philippe de Chauveron
  • Regie: Philippe de Chauveron
  • Darsteller: Christian Clavier, Chantal Lauby, Frédérique Bel, Julia Piaton. Emilie Caen, Èlodie Fontan, Ary Abittan, Medi Sadoun
  • OT: Qu'est-ce qu'on a encore fait au Bon Dieu? (FR 2019)
Der 2014er-Komödienhit «Monsieur Claude und seine Töchter» lässt sich guten Gewissens als Phänomen bezeichnen. Nicht nur, weil die alles andere als politisch korrekte Integrationskomödie aus dem Stehgreif (nämlich ohne Franchise-Zugehörigkeit, bekannte Vorlage oder so etwas wie Starpower) knapp vier Millionen Zuschauer in die deutschen Kinos locken konnte – und damit mehr als im damaligen Jahr Kassenmagneten wie Matthias Schweighöfer («Vaterfreuden») oder Leonardo DiCaprio («The Wolf of Wall Street»). Sondern auch, weil er die fragwürdige „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“-Mentalität der ewig Gestrigen wieder salonfähig gemacht hat. Oder einfach sehr gut veranschaulicht hat, weshalb sogenannte „besorgte Bürger“ mehr Gehör finden, als es ab einer gewissen Grenze erlaubt sein sollte. Mit viel gutem Willen geht Philippe de Chauverons Film aber auch noch als Gratwanderung durch: Mit einigen Gags unterwandert der Film die Ansichten des rückständig-patriotischen Monsieur Claude auch. Trotzdem animiert der erste Teil der Filmreihe vielerorts zur falschen Art von Amüsement; zum Echauffieren über „die Anderen“ und zum Respekt für Monsieur Claude, der endlich mal all die vermeintlichen Wahrheiten ausspricht, die man ja sonst nicht mehr laut von sich geben darf.

Noch weitaus schlimmer gemacht hat es Philippe de Chauveron mit seinem Folgewerk «Hereinspaziert!», zu dem ihm glühende Marine-Le-Pen-Anhänger beglückwünscht haben dürften. Dass «Monsieur Claude 2» nun tatsächlich näher am hundsmiserablen «Hereinspaziert!» ist, als am gerade noch akzeptablen «Monsieur Claude und seine Töchter», lässt tief blicken.

Die Töchter wollen weg


Was mussten Monsieur Claude Verneuil und seine Frau Marie nicht alles über sich ergehen lassen?! Beschneidungsrituale, Hühnchen halal, koscheres Dim Sum und nicht zuletzt die Koffis von der Elfenbeinküste. Doch seit den vier maximal multikulturellen Hochzeiten ihrer Töchter sind die beiden im Integrieren unübertroffen. Und so freuen sich Claude und Marie auf ihr Großeltern-Dasein in heimatlicher Gemütlichkeit. Abermals haben sie die Rechnung ohne ihre Töchter gemacht. Als die ihnen erklären, dass mit diesen Ehemännern im konservativen Frankreich auf keinen grünen Zweig zu kommen ist und sie deshalb mit Kind und Kegel im Ausland ihr Glück suchen werden, sind die Gesichter der Großbürger plötzlich sehr lang. Die ganze schöne Toleranz war für die Katz? Die so hart erarbeitete Anpassungsfähigkeit – perdü? Bei Claude Verneuil droht ein weiterer unversöhnlicher Familien-Infarkt. Er und Marie setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um ihre Schwiegersöhne zum Bleiben zu bewegen. Und werden plötzlich zu schlitzohrigen Patrioten in völkerfreundschaftlicher Mission.

An der Prämisse von «Monsieur Claude und seine Töchter» ist ja per se erstmal nichts Verwerfliches zu erkennen. Und leider ist es im Anbetracht aktueller weltpolitischer Trends auch ziemlich realistisch, dass sich ein Mann im Rentenalter, der zuvor noch nie Kontakt zu fremden Kulturen hatte, im Anbetracht ausländischer Schwiegersöhne erst einmal in rassistische Gedanken flüchtet. Immerhin: Es gehörte zum Happy End des Erstlings, dass sich der titelgebende Monsieur Claude tatsächlich halbwegs mit den vielen verschiedenen, allesamt nicht-christlich-französischen Ehemännern seiner Töchter arrangierte (oder es zumindest vorgab). Wie ernst es ihm mit dieser Angelegenheit ist, zeigt die Fortsetzung «Monsieur Claude 2» direkt am Anfang. Gemeinsam mit seiner Ehefrau macht der vierfache Vater nämlich Urlaub in den Herkunftsländern all seiner Schwiegersöhne; eigentlich ein Akt der Aufopferungsbereitschaft und Zeichen, mit fremden Kulturen in Kontakt treten zu wollen.

Dass es die Drehbuchautoren Philippe de Chauveron und Guy Laurent (schrieben nicht nur den Vorgänger zusammen, sondern eben auch «Hereinspaziert!») mit dieser Ausgangslage jedoch gar nicht darauf abgesehen haben, so etwas wie einen fortschreitenden Charakterwandel Monsieur Claudes anzudeuten, wird schon wenig später anhand mehrerer Punkte deutlich: Zum Einen lassen sie ihre beiden Hauptfiguren lediglich die Standardtouristenziele der einzelnen Städte und Länder abgreifen, zum Anderen ist all das nur die Grundlage für Monsieur Claudes ersten großen Rundumschlag – und hier wird’s dann für all diejenigen, die sich schon im ersten Teil am unterschwelligen Rassismus störten, so richtig unangenehm.

Kino für AfD-Wähler


Wir wollen an dieser Stelle nicht päpstlicher sein als der Papst und gerade wenn vor allem derbere Gags gut und pointiert geschrieben sind, lässt sich mit politischer Korrektheit schön kokettieren. Das Skript zu «Monsieur Claude 2» hingegen ist in erster Linie eines: plump. So oft, so laut und so derb (und eben alles andere als gewitzt) sich Monsieur Claude hier über die Eigenheiten verschiedener Länder und deren Bewohner echauffiert (sei es nun über besonders gründliche Flughafenkontrollen oder Essgewohnheiten), kommen seine drum herumsitzenden Töchter und Schwiegersöhne gar nicht hinterher, ihn auch nur einmal halbwegs amüsant zu entwaffnen. Immer wieder lässt Monsieur Claude regelrechte Sperrfeuer an Vorurteilen los und hält mit seiner wenig aufgeschlossenen Meinung nicht hinterm Berg. Das wundert gerade im Anbetracht dessen, dass seine Figur im ersten Teil ja eigentlich schon einen gewissen Sinneswandel durchlebt haben soll.

So aber zieht der Film seinen vermeintlichen Witz aus solch hanebüchenen Szenen wie dieser, dass Monsieur Claude einem Flüchtling (natürlich muss das Thema Flüchtling hier irgendwo im Rahmen einer irrelevanten Nebenstory auch noch kurz Erwähnung finden) mit einer Schaufel vor den Schädel haut, weil er ihn für einen Terroristen hält, oder dass sich der bereits aus Teil eins bekannte André Koffi (Pascal N’Zonzi), Vater eines von Schwiegersohn Charles, plötzlich damit konfrontiert sieht, dass seine Tochter eine Frau heiraten möchte – für diesen „Monsieur Claude in schwarz“ natürlich eine Katastrophe sondergleichen.

Ohnehin legen die Autoren in «Monsieur Claude 2» alles auf die größtmögliche Katastrophe aus. Im ersten Teil erstreckte sich das nur auf die Herkunft von Monsieur Claudes Schwiegersöhnen. In Teil zwei macht nun einfach jeder, was er will – und das soll offenbar das Problem sein. Natürlich ist das auch ein Stück weit das Konzept. „Murphy’s Law – Der Film“ quasi. Doch damit diese Idee aufgeht, verlangen die Macher vom Zuschauer, dass sie sich voll und ganz auf die Sichtweise ihres Protagonisten einlassen. Und vergessen dabei, sich selbst von ihr zu distanzieren. Am Ende wird das Erreichen der Minimalanforderung für Toleranz (André akzeptiert schmollend, dass seine Tochter eine Frau ehelicht) zum absoluten Happy End hochstilisiert. Die Auseinandersetzung mit der Idiotie dieses Themas fehlt «Monsieur Claude 2» damit genauso wie halbwegs glaubhafte Dialoge. Es gibt kaum einen Satz, in dem sich die solide von ihren Darstellern verkörperten Figuren nicht über die Eigenheiten ihrer Mitmenschen, mit Verweis auf deren Herkunft, oder verschiedene Länder austauschen.

Alles, was in «Monsieur Claude 2» passiert, hat im näheren oder weiteren Sinne immer etwas mit Herkunft zu tun. Das ist ermüdend und ärgerlich zugleich, denn wie schon im Falle von «Hereinspaziert!» bekräftigten die Macher mit ihrem Film Vorurteile viel eher, als sie aus dem Weg zu schaffen. Gerade in der heutigen Zeit ist das verdammt gefährlich.

Fazit


Beim ersten Teil konnte man noch darüber streiten, ob die Macher nicht einfach nur zu unbeholfen darin waren, die offen ausgelebten Vorurteile und Klischees auch angemessen zu entkräften. Im zweiten Teil versuchen sie es gar nicht erst – witzig ist das natürlich erst recht nicht mehr.

«Monsieur Claude 2» ist ab dem 4. April bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 8 Kommentare zum Artikel
Sentinel2003
02.04.2019 12:03 Uhr 1
Krasse Kritik Antje!! Der Film ist anscheinend wiklich völlig "außer Kontrolle" geraten... :oops: :roll:
tommy.sträubchen
02.04.2019 13:05 Uhr 2
Wer sind denn die "AFD Wähler"? waren zb in Sachsen Anhalt 22/23%.Bundesweit größte OP. Wenn wir mit so ein Blödsinn (sorry nicht pers.nehmen)nicht bald aufhören...immer die Moralisten zu spielen, wird sie nur immer stärker. Selbstverständlich darfst du den Film rassistisch finden oder scheiße( isser bestimmt auch) aber diese AFD Wähler Bemerkungen sind da nicht zielführend.Ich fand das schon bei dem Kino Podcast sehr grenzwertig.
Quotermain
02.04.2019 19:16 Uhr 3
Ich finde diesen AFD-Satz auch suboptimal.
Problematisch ist aber auch, das sich im Moment viele Menschen gar nicht mehr den Kopf freimachen, sich mit dem "Mist" der Anderen auseinander zu setzen und eine vernünftige Gegenargumentation zu bringen.
Ich habe weder Claude1 noch diesen hier gesehen, aber auf den ersten Blick klingt das eher nach einer Satire, die genau das aufs Korn nimmt, was die Autorin ihm vorwirft. Oder kurz mal die Augen von der Glotze lassen und ein nettes Buch lesen.
Ich empfehle MachoMan und Der Boss von Moritz Netenjakob.

Vielleicht sollte sie mal Guess Who's Coming to Dinner (Rat mal, wer zum Essen kommt) von 1967 schauen.
Den versteht sie dann auch nicht, oder will es nicht, denn die eine Hauptrolle ist auch wieder nur ein böser weisser älterer Mann.
kauai
02.04.2019 20:04 Uhr 4
Ich wäre da vorsichtig! Wenn ich sehe, wie der erste Teil in der Kritik eingeordnet wird, muss man alles zu Teil 2 mit Vorsicht genießen. Ich fand den ersten Teil als sehr angenehm und wohltuend bei der ganzen, extrem übertrieben, politischen Korrektheit, die einem stets und ständig begegnet. Teil 2 kann ich noch nicht beurteilen.

Ansonsten gebe ich Tommy völlig Recht: eine mit erhobenem Zeigefinger geführte, undifferenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema AFD- Wähler wird der Partei eher noch mehr Zulauf verschaffen.
Princeps
02.04.2019 21:32 Uhr 5
Welche undifferenzierte Auseinandersetzung? Es gibt genug repräsentative Studien, zum Beispiel die von Decker und Brähler 2018, die zeigen, dass die AfD bei der letzten Bundestagswahl ihr Wähler*innenpotential zu 1/3 aus rechtsextremen Kreisen gezogen hat. Die AfD weiß das, die AfD nutzt das, um Wähler*innen zu mobilisieren, die die letzten Jahrzehnte keine Mainstream-Partei hatten, um entsprechend ihren Werten zu wählen. Die anderen 2/3 sollten aufhören, die Augen davor zu verschließen, dass sie Mitläufer*innen in der stärksten und offensten rechtsextremen Bewegung seit 1945 sind.
Sid
02.04.2019 21:44 Uhr 6
Dann schau sie doch, ehe du mutmaßt, wie sie sein KÖNNTEN. Dann hast du einen fundierten Blick auf die beiden Filme. Verrückt, nicht wahr?



"Rat mal, wer zum Essen kommt" mit den Claude-Filmen zu vergleichen, ist die ärgste Beleidigung Stanley Kramers, die ich je lesen musste. Schäm dich. Böser Quotermain. Ganz, ganz böser Quotermain.
kauai
03.04.2019 15:15 Uhr 7
Ich will jetzt in diesem Forum keine Politikdiskussion vom Zaun brechen. Vielleicht nur so viel:

Überschriften wie "Kino für AFD-Wähler" sprechen für mich nicht gerade dafür, dass man sich differenziert mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Inwieweit nun wirklich ein Drittel rechtsradikaler unter den AFD-Wählern sind, ist für mich fraglich. Bei der Bundestagswahl kam der größte Zulauf aus dem Bereich der Nichtwähler und der CDU (ca. 2 Mio zusammen). Auch die Wählerwanderung von Linken und SPD zur AFD fand in nennenswerter Höhe statt (gut 900K)

Das spricht für mich eher dafür, dass die Leute ihr Kreuzchen aus Protest gegen die etablierten Parteien und deren Politik bei der AFD gemacht haben. Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass auch Rechtsradikale unter den Wählern waren, da die AFD von Beginn an konsequent und lautstark gegen die unkontrollierte Aufnahme von Flüchtlingen war.
tommy.sträubchen
04.04.2019 10:25 Uhr 8
So sehe ich es auch. Politische Meinungen bzw Ansichten soll und kann man natürlich vertreten aber vielleicht etwas differenzierter. Habe mich mit beiden Filmen jetzt genauer beschäftigt. Teil 1 auch ein zweites Mal( diesmal genau) geschaut.Ja er ist Klischee Beladen.. (Absicht?ja/nein??!?) Ich sehe den Film aber ehr als Satire und bin der Meinung Ja im Film bzw in der Kunst muss man das auch mal sagen dürfen. Die AFD Wähler /Film Anspielung bleibt für mich fragwürdig und einfach nicht richtig. Hmm Free Willy ist Grün Wähler Kino. Aber gut natürlich muss man auch soetwas mal sagen dürfen...deswegen liebe ich die Demokratie das Richtig oder Falsch liegt nunmal im Auge des Betrachters..aber Millionen von Menschen als AFD Wähler zu unterstellen rassistische Filme toll zu finden...hmmm das muss man doch mal sagen dürfen.Nicht war?!?

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