Die Kritiker

«Tatort – Treibjagd»

von   |  1 Kommentar

Amerikanische Verhältnisse in Norddeutschland? In einem Hamburger Vorort sinkt das Vertrauen in die Polizei, weshalb Leute glauben, ihr Hab und Gut mit Waffen selber verteidigen zu müssen ...

Cast und Crew

  • Regie: Samira Radsi
  • Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Franziska Weisz, Andreas Lust, Jörg Pose, Michelle Barthel, Sascha Nathan, Tilman Pörzgen, Levin Liam
  • Drehbuch: Benjamin Hessler, Florian Oeller
  • Kamera: Stefan Unterberger
  • Schnitt: Nils Landmark
  • Musik: René Dohmen, Joachim Dürbeck
Gerechtigkeit ist oftmals ein flexibler Begriff: Wenn sie Anderen zugute kommt, ist sie plötzlich, angeblich ungerecht und parteiisch. Da kochen die Emotionen rasch über – wie Thorsten Falke und Julia Grosz in ihrem neusten Fall zu spüren bekommen: Ein gut betuchter Hamburger Vorort wird von einer Einbruchsserie erschüttert. Die Anwohner verlieren das Vertrauen in die Polizei, hetzen im Netz gegen den Freund und Helfer, der sich für sie nicht zu interessieren scheint. Einmal dauerte es nach einem Einbruch über 40 Minuten, bis die Beamten vorbei gekommen sind, um sich das Ganze anzuschauen – ungeheuerlich! Also greifen die erbosten Hausbesitzer selbst zu den Waffen, um ihr Hab und Gut zu verteidigen. Das kann nicht lange gut gehen …

Und tatsächlich wird kurz darauf ein junger Einbrecher auf frischer Tat erschossen. Notwehr, redet sich der leicht verwirrte Mann raus. Falke und Grosz finden Hinweise, dass der Einbrecher eine Komplizin hatte, die angeschossen wurde und in die angrenzenden Wälder geflohen ist. Die verletzte Frau ist die einzige Zeugin der Tat, könnte die Situation einordnen: War es Notwehr oder Selbstjustiz? Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Falke und Grosz geraten ins Visier der wütenden Anwohner, in deren Augen die Ermittlungen Beweis dafür sind, die Polizei wolle nur Verbrecher schützen und hätte etwas gegen ehrliche, gut-deutsche Immobilienbesitzer, die einfach nur sich und ihren Besitz beschützen!

Es gibt mittlerweile eine Handvoll an «Tatort»-Ausgaben, die sich besorgniserregenden Entwicklungen annehmen. Reichsbürger. Rechtspopulisten, die zweistellige Prozentzahlen bei Wahlen einholen. Unverblümter Rassismus, der mit "Das wird man in unserem Land ja noch machen dürfen"-Aggressionen abgegolten wird. Auch «Tatort – Treibjagd» nimmt sich dem deutschen Wutbürgertum an und blickt auf das verschrobene Gerechtigkeitsempfinden mancher Priviligierter, denen die Hutschnur platzt, wenn sie einmal nicht vom Leben, dem Zufall oder Fortuna verhätschelt werden. Doch im Gegensatz zu «Tatort»-Fällen wie «Freies Land» legt dieser Neunzigminüter nicht explizit den Finger in eine real klaffende Wunde, sondern behandelt die Mechanismen aufgebrachter Reaktionärer sowie spießiger Kleingeister mit gewalttätigen Tendenzen, ohne direkt in eine politische Richtung zu zeigen.

Soll heißen: Weder ziehen die erzürnten Hausbesitzer in «Tatort – Treibjagd» über Ausländer her, noch gibt es Dialogzeilen, in denen absurderweise die linksgrün-versiffte Regierung Merkels angeklagt wird, so wie es in den Diskussionsspalten großer Nachrichtenportale längst Alltag geworden ist. Oder ähnliches. Und doch ist die verquere Geisteshaltung "Die sind die Verwöhnten, wir sind die armen Menschen", die sich so manche vom Schicksal und gesellschaftlichen Strukturen begünstigte, dennoch wutschnaubende Menschen leisten, durchweg präsent in diesem Krimi.

Dabei lässt das Drehbuch von Benjamin Hessler und Florian Oeller das Ermittlerteam länger im Dunkeln tappen als das Publikum, das früh einen Wissensvorsprung erhält. Die dramatische Fallhöhe entsteht hier, nach ein paar Anlaufschwierigkeiten, daher nicht durch die Frage nach dem Wer und dem Was, sondern durch die Frage nach dem Wohin: Wohin führt diese immer weiter eskalierende Handlung noch, wie weit werden sich die Kleinbürger in ihrem Kreuzzug gegen kleine Einbrecher und die streng ihre Arbeit verfolgende Polizei noch hoch schaukeln?

Dass Falke im Laufe des Films mehrmals über die Funktionsweise sozialer Netzwerke staunt, ist selbst angesichts dessen, wie die Rolle sonst skizziert ist, etwas unglaubwürdig, und seine Kollegin Grosz kommt in diesem Fall arg kurz. Dafür ist die Inszenierung der «Deutschland '83»-Regisseurin Samira Radsi temporeich und dynamisch. Actionreichere Einlagen entwickeln eine visuelle Schlagkraft, die zum Titel passt, das Musikerduo Dürbeck & Dohmen treibt mit seinen dunklen, zügigen Klängen den Puls noch weiter nach oben.

Da lassen sich auch einige der plumpen Nebenfiguren verzeihen, insbesondere, weil mit Einbrecherin Maja die heimliche Heldin des Krimis durch Michelle Barthel sehr packend angelegt wird: Sie ist eine sympathische, verängstigte, cool-rotzige Außenseiterin, die zwar Fehler begeht, aber nun weit über Gebühr in die Ecke gedrängt wird.

Fazit: Der neue «Tatort» aus Norddeutschland braucht etwas, um in Gang zu kommen, bietet dann aber gute Krimispannung, die sich den Wutmechanismen des Kleinbürgertums annimmt.

«Tatort – Triebjagd» ist am 18. November 2018 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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libuda
20.11.2018 08:14 Uhr 1
Das Gegenteil von gut, ist nicht schlecht, sondern gut gemeint
Der Tatort wollte mit Klischees brechen: Einbrecher nicht von per se Monster, verständlicherweise verängstigte Bürger nicht unbedingt Sympathieträger, Kriminalbeamte keine Übermenschen.

Ergebnis aber, völlig überdreht: Hier die jungen, bonnie-and-clydehaften, eigentlich - lebenslustig, jung und übermütig - doch recht sympathischen Einbrecher, dort die spießigen Vorortbewohner, zwangsneurotisch, sicherheitsfanatisch, leicht faschistoid.

Der Kommissar Torsten Falke geriert sich stante pede als aufgeregter Einbrecherschützer, glaubt nicht einen Moment an eine Notwehrsituation, nimmt sich das völlig verstörte Einbruchsopfer sofort als mutmaßlichen Totschläger zur Brust: Selbst bei einem Ex-Punk unglaubwürdig, darüber hinaus dilettantisch. Eine verdächtige Person treibt der Profi nicht sofort in die Enge. Sondern wiegt sie zunächst in Sicherheit, um sie dann auf dem falschen Fuß zu erwischen.

Seltsam auch, wie die beiden Kranzbühlers gezeichnet werden. Als Dieter seinem Bruder Bernd gesteht, dass er den Einbrecher geplant erschossen hat, ist seine Verstörung auf einmal wie weggeblasen. Bernd wiederum zeigt sich zunächst völlig entsetzt über diesen Akt der Selbstjustiz, leistet dem Todesschützen dann aber in jeder Hinsicht - auch kriminellen - Beistand. Am Ende gar will er die Zeugin umbringen, durch Erdrosseln!

Kleinigkeiten u.a.: Warum wurde der Todesschütze nicht nach Waffenschein/Waffenbesitzkarte gefragt. Was hat die Bundespolizei hier zu suchen?

Fragwürdige Überspitzungen und unplausible Wendungen.

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