Popcorn & Rollenwechsel

Filme, die ihre Regisseure verloren haben

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Wenn im Laufe der Produktion der Regieposten vakant wird, herrscht unter Filmfans Panik: "Der Film muss doch eine Katastrophe werden!" Sicher?

Wahrnehmung. Sie kann so tückisch sein. So kann die gesteigerte Aufmerksamkeit, die wir einer Sache zukommen lassen, eine andere aus unserer Wahrnehmung verschwinden lassen. Etwa, weil die Filmwelt seit einigen Jahren aufwändige, kostspielige Filme zu 'nerdigen' Themen mit Argusaugen beobachtet und jedes Fitzelchen an Neuigkeit zu diesen Produktionen hochkocht. Es ließen sich Buchbände enzyklopädischen Ausmaßes damit füllen, wie viel online darüber berichtet und debattiert wurde, dass im Laufe des «Justice League»-Drehs Regisseur Zack Snyder Platz für Joss Whedon gemacht hat. Oder darüber, dass Lucasfilm bei «Solo: A Star Wars Story» das Duo Phil Lord & Chris Miller gefeuert hat und durch Ron Howard ersetzte.

Aber eine andere große Meldung zum Thema Regiewechsel lief vollkommen an der Wahrnehmung der Filmfangemeinde vorbei. Denn der kommende Disney-Fantasyfilm «Der Nussknacker und die vier Reiche» schreibt Kinogeschichte – und bislang hat das kaum wen gekratzt. Ursprünglich war Lasse Hallström («Chocolat») als Regisseur angesetzt. Bei einer Produktionspause beschloss Disney nach Sichtung des bisherigen Materials, die eh schon angedachten Nachdrehs zu verlängern. Aus Zeitgründen gab Hallström die Regie für diese 32 Tage allerdings an «Captain America – The First Avenger»-Macher Joe Johnston ab. Mit Beginn der Postproduktion kehre Hallström zurück.

Die Regiegewerkschaft gab in einem historischen Sonderfall Disneys Wunsch nach, beiden Regisseure gleichberechtigt die Nennung im Abspann zu gestatten. Sonst erhalten nur Regie-Teams, die durchweg zusammen am Film arbeiten, solch eine Nennung. Wenn der Regiestuhl zwischenzeitlich weitergegeben wird, sperrt sich die Directors Guild of America dagegen – siehe etwa «Justice League» und «Solo: A Star Wars Story». Eine Ausnahme stellte der Surferfilm «Mavericks – Lebe deinen Traum» dar – da sprang jedoch auch jemand für einen todkranken Kollegen ein. Disneys «Der Nussknacker und die vier Geschichte» ebnet also den Weg für gleichberechtigte Regie-Credits in Fällen produktionstechnischer Wechselspielchen.

Eine Katastrophe für die Filmkunst? Ist bald jeder fünfte Hollywood-Blockbuster Murks in «Justice League»-Größe? Nein. Denn hier nähern wir uns dem nächsten Wahrnehmungsphänomen. So simpel es auch sein mag: Journalistische Berichterstattung (und sei es auch nur "Berufliches Schreiben und Labern über Filme") tendiert ins Negative. Unglückliche Ausnahmen von der Norm eignen sich mehr für Schlagzeilen, Updates und anschließende Analysen als "Alles so wie es immer war!" oder "Wir dachten, alles geht schief, aber … stimmt nicht". Und das überträgt sich selbstredend auf Filmfans, und von denen ausgehend auf nur gelegentlich an Filmen interessierte Mitmenschen. A brüllt panisch von Regiewechseln, B bis F denken mehrmals laut und besorgt über das Thema nach, G bis Z plappern alles nach und verinnerlichen es.

Doch die Wahrnehmung täuscht. Denn es gibt so viel mehr Filme als nur «Justice League» und «Solo: A Star Wars Story», die in voller Fahrt den Regieposten umbesetzt haben]. Und nicht wenige dieser Filme sind richtig gut geraten. Darüber spricht und schreibt halt nur kaum eine Seele, wenn sich wieder ein neues Regiewechseldebakel abzeichnet.

Wusstet ihr etwa, dass Larry Charles (entgegen der Nennung im Abspann) nicht der einzige Regisseur von «Borat» ist? Die Produktion von Sacha Baron Cohens irrer derber Komödie, die reale Momente mit geplanten Sketchen verschränkt, begann noch mit «Hangover»-Macher Todd Phillips auf dem Regiestuhl. Dieser zog sich allerdings nach einigen Drehwochen vom Projekt zurück. Genauer gesagt, nachdem der berühmt-berüchtigte Rodeo-Auftritt Borats darin resultierte, dass mehrere Crewmitglieder des Films Morddrohungen erhalten haben. Phillips erklärte, nicht daran interessiert zu sein, einen Film zu verantworten, der überall, wo er hingeht, eine hitzige Kontroverse auslöst. Dennoch ist er Fan des fertigen Ergebnisses.



Der gefeierte Sandalenfilm «Spartacus» fuhr nicht besser: Nachdem der zunächst vorgesehene Regisseur David Lean gepasst hat, übernahm Westernkino-Legende Anthony Mann die Aufgabe. Doch nach nur einer einzigen Drehwoche sorgte Hauptdarsteller Kirk Douglas dafür, dass er entlassen wird, angeblich, weil der Regisseur vom Bombast des Projekts überwältigt war. Als Plan B wurde Stanley Kubrick heran gekarrt, noch bevor er seinen ikonischen Status als über jeden Zweifel erhabenes Genie inne hatte. Auch Kubrick und Mann lagen sich in den Haaren, bissen sich allerdings durch – und lieferten einen Klassiker ab.

Beim 80er-Kultfilm «WarGames – Kriegsspiele» indes hielt es den ursprünglichen Regisseur, Martin Brest, zwölf Tage auf dem Stuhl, ehe ihn die Produzenten feuerten. Mutmaßlich, weil die Figuren in seinem Material so aussehen würden, als hätten sie keinerlei Spaß. Als Ersatz wurde John Badham herbeigeholt. Die beliebte Familienkomödie «Ein Hund namens Beethoven» machte ebenfalls einen Regiewechsel durch, allerdings sind kaum Informationen bekannt. Steve Rash («Road Trip») stieg nach Drehbeginn aus, Brian Levant sprang für ihn ein – Ende der öffentlich bekannten Geschichte.

Besser dokumentiert ist der Trubel, der die Produktionsgeschichte von Pixars mehrfach preisgekröntem Klassiker «Ratatouille» durchzogen hat: Jan Pinkava, dem im Jahr 2000 die ursprüngliche Idee zum Film kam, das Design maßgeblich geprägt hat und sowohl die Figuren als auch den Handlungsablauf in groben Teilen entwarf, wurde 2005 vom Projekt abgezogen. In den darauffolgenden zwei Jahren bis zum Kinostart warf der zum neuen Regisseur und Autor ernannte Brad Bird («Die Unglaublichen») den Film in entscheidenden Elementen um und erschuf mit seinem Team innerhalb langer Tage und schlafloser Nächte das Animationsfilm-Meisterwerk, das wir heute kennen.

Und das ist noch ein Witz in Sachen Produktionstrubel, stellt man «Der Zauberer von Oz» daneben: Zu Drehbeginn hatte Norman Taurog das Sagen, jedoch wurde er sehr früh gegen Richard Thorpe ausgetauscht, der mehrere Wochen an dem Musicalklassiker arbeitete. George Cukor wurde zum Interimsregisseur ernannt bis Victor Fleming ans Steuerrad gelang, der Mann, der den Großteil des fertigen Films inszenierte und auch die alleinige Regienennung zugesprochen bekam. Noch vor Drehschluss wanderte Fleming allerdings zu «Vom Winde verweht» ab, so dass sein Freund King Vidor in seine Fußstapfen getreten ist. Mehrere Filmhistoriker behaupten zudem, dass Produzent Mervyn LeRoy gelegentlich Regie führte.

Nicht, dass am Set von «Vom Winde verweht» mehr Ruhe vorherrschte: Produzent David O. Selznick stritt sich während der ersten drei Drehwochen wiederholt mit dem zunächst angeheuerten George Cukor, weshalb er durch Victor Fleming ersetzt wurde. Dieser kollabierte drei Monate später aufgrund von Überarbeitung, so dass Sam Wood mit dem Abschluss der Produktion betreut wurde. Damit hätten wir einige, aber noch längst nicht alle Beispiele für Filme, die nach Drehbeginn den Regisseur gewechselt haben, abgearbeitet. Und dann wären da Fälle wie «Fear and Loathing in Las Vegas», bei dem Regisseur Alex Cox den Großteil der Vorproduktion stemmte und wenige Tage vor Drehbeginn aufgrund von Unstimmigkeiten hinter den Kulissen gefeuert wurde, woraufhin Terry Gilliam das Ruder übernahm.

Wir sehen: Nur, weil etwas nicht reibungslos abläuft, muss es nicht zum Scheitern verdammt sein. Und bloß, weil die Presse bevorzugt über negative Ausreißer berichtet, heißt das noch lange nicht, dass wir unsere Wahrnehmung völlig davon beeinflussen lassen und in einen Grundpessimismus verfallen müssen, der alles verteufelt, was vom gewohnten Ablauf abweicht. Wenn wir lernen, das größere Bild ins Auge zu nehmen und es schaffen, nicht immer wegen jeder rumpelnden Film-Schlagzeile in cineastische Panik zu verfallen, ist schon viel für unser Seelenwohl getan. Und als nächstes lernen wir, unsere Wahrnehmung auch in dringenderen Themen selbstkritisch zu hinterfragen …

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