Popcorn & Rollenwechsel

Popcorn, Rollenwechsel und Kritikerklischees: Der wütende Bro

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Unsere Reihe innerhalb der Reihe geht weiter – erneut stellen wir einen wandelnden Kritiker-Stereotypen vor. Dieses Mal wird es haarig, laut und männlich!

Filmkritiken zu schreiben, ist auch nur ein Job. Und das bedeutet, dass sich unter jenen, die ihn ausüben, auch allgemeine Archetypen befinden. Hinter der Supermarktkasse sitzen quirlige, emsige, stinkfaule und kratzbürstige Menschen. In Pressevorführungen ist es nicht anders. Und da es nahezu überall wütende, laute Männer gibt, die allen ununterbrochen vorführen, wie männlich sie sind, ist es nicht verwunderlich, dass manche von ihnen als Filmkritiker arbeiten. So wie Tox Testosteron. Ein wahres Prachtexemplar seines Geschlechts.

Tox hat einen vollen, kratzigen Bart – natürlich ungestylt, denn "das machen nur die tuckigen Hipster-Affen". Er trägt außerdem eine noble Kellerblässe spazieren. Und er hat mindestens zehn, wenn nicht gar 15 Kilogramm zu viel auf den Rippen. Wenn er spricht, legt er all sein Gewicht mit Nachdruck in die Stimme, so dass Unbeteiligte, die zehn Meter von der Kritikerversammlung ihrem Tagwerk nachgehen, zwangsweise alle gerade besprochenen Blockbuster-Schlusstwists ins Trommelfeld geprügelt bekommen. Und Tox Testosteron hat allerlei extreme Meinungen, die er dringend mitzuteilen hat. Egal, wie beschämt sein Kollegium gegen Boden guckt, hoffend, ihn durchs Ignorieren zum Schweigen bringen zu können. Denkste! Wird er halt lauter, so dass auch der schwerhörigste Passant mitbekommt, dass Tox "diesem verschissenen Wichsregisseur ins Gesicht kotzen wird", wenn er ihn je interviewen sollte. Was erdreistet sich der "Oberloser" auch, die Titelmelodie des Franchises neu und softer einspielen zu lassen?!

Der gute Tox ist die Verkörperung dessen, was passiert, wenn ein Haufen untervögelter Kellerbuben Kommentarsektionen an sich reißen – nur, dass Tox Testosteron keine grammatikalisch fragwürdige Kommentare verfasst, sondern für sprachlich ausgefeilte Artikel mit der gleichen Geisteshaltung Geld bekommt. Die Bruderschaft zu motzenden Pöbelusern erkennt man an seiner Haltung zu sämtlichen Versuchen der Filmindustrie, an der übertriebenen Dominanz des heterosexuellen, weißen Mannes zu sägen. Das nimmt Tox Testosteron alles persönlich. Das «Ghostbusters»-Remake hat "ein heiliges Franchise vergewaltigt" und "den Frauen noch einen Job gegeben, bei dem sie verkacken". Bei «Star Wars – Das Erwachen der Macht» nahm er noch hin, dass eine Frau die Hauptrolle spielt, einfach, weil er zu euphorisch war, dass «Star Wars» zurück ist. Dass aber auch «Rogue One: A Star Wars Story» eine Frau im Mittelpunkt hat? "Absolute Fickscheiße von diesen Waschlappen bei Disney! Was zielen die Motherfucker dauernd auf Tussis ab, die können sich doch das nächste Märchenmusical angucken, müssen die uns Männern «Star Wars» wegnehmen? Was bleibt uns heutzutage denn noch?!"

Ja, Tox Testosteron brüllt alle, die nach der Pressevorführung eines Genderrollen herausfordernden Films nicht fluchtartig zu ihrem Zug, Auto, Fahrrad oder Skateboard abdampfen, so lange nieder, bis sie "endlich fucking kapiert haben, dass die alten Rollen ja wohl schon einen Sinn hatten!" Ab und zu überrascht Tox Testosteron die sich fremdschämende Kritikerbrigade aber. So findet er, dass «Wonder Woman» die beste DC-Adaption aller Zeiten ist, weil "Gal Gadot sieht ja schon geil aus und im Finale wird ja auch schon ordentlich Krachbumm geboten. Und die ganzen Fesselspielchen im Film erst, höhö, die erinnern mich an Dinge, die ich getrieben habe, Junge …"

Will man Tox Testosteron auf jeden Fall glücklich erleben, muss man ihn nach irgendeinem Standard-Actionfilm ansprechen. Da ist er glückselig. Erst recht, wenn in dem Film auch Blut spritzt. Alle toll, diese Fließband-Actionfilme über einen trainierten, einsamen Helden, der Schurken niederschlägt, kaputtschießt und in die Luft jagt. Da macht auch die handwerkliche Leidenschaft keinen Unterschied – "Hauptsache endlich wieder Männerkino!" Die Differenz zwischen einem "Jason Statham braucht mal wieder Geld"-Film wie «The Mechanic: Resurrection» oder einem deutlich keckeren «Collide» erkennt er nicht.

Obwohl Tox praktisch alle Actionfilme gleichermaßen geil findet (Bonuspunkte gibt es aber, wenn die weibliche Hauptrolle einen großen Vorbau hat und ihn unbekleidet in die Kamera hält), kann man ihn mit Michael Bay jagen. Der Kerl "ist ein verschissener Vollspacken, der in die Behindi-Schule gehört, nicht an ein Filmset". Komisch. Bays Weltbild sollte mit dem von Tox Testosteron auf einer Wellenlänge liegen, und seine Filme sind genau das, was Tox verlangt. Nur mit einer intensiven inszenatorischen Handschrift versehen. Will man Tox Testosteron fragen, was Bay denn falsch macht, kommt eine Nicht-Antwort: "Boah, Alter, da musst du auch noch fragen?! Ey, hör mir auf mit dem Stümper, da muss man nicht diskutieren, ist doch klar, warum der nur Scheiße abliefert." Wahrscheinlich plappert Tox Testosteron einfach nur den Hass der US-Amerikaner seiner Generation nach, laut denen Bay deren Kindheitsheiligtum «Transformers» misshandelt. Tox Testosteron kam zwar vor Bays erstem «Transformers»-Film nie mit der Marke in Berührung, doch was ist schon ein Alphamännchen wie Tox Testosteron, wenn er seinem Rudel in den Rücken fällt? Mitjaulen ist viel männlicher, ah-hu-a!

Zumindest muss sich das regelmäßige PV-Publikum nicht jedes Mal das Gebrüll von Tox Testosteron antun. Er kommt nur zu Horrorfilmen (je blutiger, desto geiler), Actionfilmen, Blockbustern und ausgewählten Politthrillern (wo er dann mit seinen unerwartet einsichtigen Analysen erstaunt und sich einen Hauch von Respekt erarbeitet). Und natürlich zu Dramen von "den großen Männern Hollywoods" wie Woody Allen, Clint Eastwood oder Martin Scorsese. Zu Dramen von Niemanden oder Regisseurinnen rafft er sich nur sehr selten auf. Geschweige denn zu allem "was irgendwie eine verweichte Schnulze sein könnte", denn da hat er Angst dass ihm "vor Langeweile die Eier abfaulen".

Weitere Kritikerklischees

Ja, Tox Testosteron. Mitte 30, alleinstehend (wieso das denn nur?) und mit der emotionalen Reife eines wütenden Kindergartenjungen versehen, der von seiner Sandkastenfreundin versetzt wurde und nun im Nieselregen allein mit seinen Matchbox-Autos spielen muss, bis Mutti ihn endlich abholt. Neulich wurde er aber ganz sanft und säuselig. Da kam Maria Muster bei 35 Grad Celsius im Sommerkleidchen zur Pressevorführung. Kaum war sie im Saal, fragte er leise deren flüchtigen Bekannten Ben Beispiel, ob er sie nicht an ihn vermitteln könnte. Ben, das muss man ihm zugutehalten, tat so, als hätte er Tox nicht gehört.

Wäre auch völlig ungerecht, wenn Tox Testosteron nun auch noch ein Date mit Maria Muster bekommen und so das große Los ziehen würde (während sie dreizehn Ligen unterhalb ihrer spielt). Immerhin erhält er schon viel mehr Artikelaufträge als sie – und das, obwohl er zu deutlich weniger PVs erscheint. Seine Auftraggeber gestatten ihm dann halt Features, Interviews, Specials und Retrokritiken. Sie schätzen seine "einmalige, unverblümte, herrlich unverfälschte und ehrliche Sicht der Dinge". Na dann, Mahlzeit.

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