Die Kino-Kritiker

«BlacKkKlansman»: Spike Lee ist wütend, und das aus gutem Grund

von

Kultregisseur Spike Lee erzählt die unglaubliche, aber wahre Geschichte eines Schwarzen und eines Juden, die den Ku Klux Klan unterwandert haben.

Filmfacts: «The Domestics»

  • Start: 23. August 2018
  • Genre: Thriller/Horror
  • Laufzeit: 95 Min.
  • FSK: 16
  • Kamera: Maxime Alexandre
  • Musik: Nathan Barr
  • Buch & Regie: Mike P. Nelson
  • Darsteller: Tyler Hoechlin, Kate Bosworth, Sonoya Mizuno, David Dastmalchian, Lance Reddick
  • OT: The Domestics (USA 2018)
Spike Lee findet zurück zu alter Form – und steigert sich in eine von ihm lange nicht mehr so intensiv geäußerte, mitreißende Wut: Der Preisträger eines Ehren-Oscars gehörte in den späten 1980ern und in den 1990ern mit Filmen wie «Do the Right Thing», «Malcolm X» und «Summer of Sam» zu den am meisten respektierten Stimmen des US-Kinos, im neuen Jahrtausend sorgte er mit dem 9/11 verarbeitenden New-York-Drama «25 Stunden» sowie mit dem Diebstahlthriller «Inside Man» für Furore. Doch nach letztgenanntem Kassenschlager aus dem Jahr 2006 wurde es ein gutes Stück leiser um Spike Lee. Der Kriegsfilm «Buffalo Soldiers ’44 – Das Wunder von St. Anna» ging unter, aufgrund von Einmischungen seitens der Produzenten distanzierte er sich selber von seinem «Oldboy»-Remake und sein Musical «Chi-Raq» fand kaum Beachtung.

Aber es scheint, als hätte Lee einfach nur zwölf Jahre lang Anlauf genommen, um nun mit voller Wucht seinen raffinierten Witz, sein Auge für kunstvolle Bildkompositionen, den stets in ihm brodelnden Zorn über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und sein Händchen für packendes, antreibendes Storytelling in ein neues Meisterwerk kulminieren zu lassen. Spike Lee erzählt mit «BlacKkKlansman» eine ebenso wahre wie unglaubliche Geschichte, die zwar fast 40 Jahre alt ist und trotzdem erschreckend tagesaktuell ist.

Spike Lee und die neben dem Regisseur ebenfalls für das Drehbuch verantwortlichen Charlie Wachtel, David Rabinowitz und Kevin Willmott entführen zurück in das Jahr 1979, als Ron Stallworth (John David Washington) als erster Schwarzer dem Polizeidepartement in Colorado Springs beitritt. Zunächst wird er ins Aktenlager beordert, wo ihn die Neckereien einiger Kollegen rasch an die Decke bringen, woraufhin er darum bittet, versetzt zu werden. Nach einem Undercovereinsatz entdeckt Ron in der Zeitung eine Werbeanzeige für den Ku Klux Klan, woraufhin er kurz entschlossen bei der rassistischen Organisation eine Mitgliedschaft beantragt – mit dem Vorhaben, den KKK zu unterwandern und Informationen darüber zu sammeln, wie bedrohlich er für die Bürgerinnen und Bürger Colorados ist.

Da Ron unmöglich in Person zu den KKK-Treffen erscheinen könnte, rekrutiert er seinen freundlichen, diesen Plan dennoch stutzig betrachtenden Kollegen Flip Zimmerman – einen Juden. Sie teilen sich fortan eine Identität. Ron ist Flips Telefonstimme, Flip ist Rons Körper bei Begegnungen von Angesicht zu Angesicht …

Die argumentative Macht des Kinos


Rassismuskritische Filme wie «BlacKkKlansman» werden zuweilen mit der Frage bedacht, wen sie denn erreichen sollen. Schließlich würden sie primär von Leuten angeschaut, die keine Belehrung nötig haben – welcher Neo-Nazi, welches Ku-Klux-Klan-Mitglied würde schon eine Eintrittskarte für «BlacKkKlansman» lösen? Diese Frage nach dem Zielpublikum ist jedoch erschreckend kurzsichtig gedacht. Gewiss ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass ein gewalttätiger, vorbestrafter Rassist in seiner Freizeit ins Kino spaziert, um einen haltungsstarken Spike-Lee-Film zu sehen. Allerdings gibt es mehr als nur für Gerechtigkeit kämpfende Menschen einerseits und hasserfüllte, rassistische Übeltäter andererseits. Und in eben diesen Zwischenräumen können Filme große Wirkung zeigen.

Dass das Medium Film ein mächtiges, ideologisches Rekrutierungsmittel ist, zeigte schon «Die Geburt einer Nation», D. W. Griffiths über drei Stunden langes Stummfilmepos von 1915. Vor über 100 Jahren wurde der Historienfilm, nicht zuletzt aufgrund zahlreicher wegweisender technischer Kunstgriffe, zum ersten Überblockbuster der US-Filmgeschichte – und zum Saatkorn einer neuen Welle des Rassismus. Noch immer nutzt der Ku Klux Klan, der in «Die Geburt einer Nation» zweifelsfrei heroisiert wird, diesen Film als Propagandamittel. Und es ist naiv, zu denken, dass die Geschichte über den von boshaften Schwarzen terrorisierten Süden der USA im Zuge ihrer immens erfolgreichen Kinoauswertung keine Gräben in der Bevölkerung gezogen hat.

Regisseur Spike Lee stößt in «BlacKkKlansman» sein Publikum mit der Nase auf die Macht, die das Medium Film hat. So eröffnet er diese Antirassismusattacke mit einer Szene aus einem anderen cineastischen Meilenstein und Überblockbuster – «Vom Winde verweht», einem wesentlich harmloseren Film, der trotzdem den rassistischen Süden romantisiert. Später stellt er in einer Gänsehaut erregenden Parallelmontage eine KKK-Vorführung von «Die Geburt einer Nation» einem Treffen schwarzer Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler gegenüber, die gebannt einem Überlebenden rassistischer Gewaltakte lauschen. Während solche Parallelmontagen oft aufzeigen, wie gleich sich zwei vermeintlich unterschiedliche Gruppierungen sind, könnte Lee in diesem Fall kaum deutlicher die Differenzen aufzeigen:

Während sich die Klanmitglieder in ihrer Abscheu und ihrer Gewaltbereitschaft hochschaukeln, erschüttert der von Harry Belafonte gespielte Zeitzeuge seine Zuhörerschaft, die sich versammelt hat, um Leid zu teilen, die Vergangenheit zu verstehen und darüber nachzudenken, wie man sich schützen und verteidigen kann. In einem die filmische Realität brechenden Zwischenschnitt blicken Belafonte und sein Publikum mit starrem, anklagendem Blick von der Leinwand herab. Als wollten sie sagen "Komm uns nie wieder mit 'Auf beiden Seiten gibt es gute Menschen' …"

Mal subtil, mal zornig anklagend, mal besorgt an Empathie appellierend führt Spike Lee in «BlacKkKlansman» wiederholt vor, wieso es diesen Film gibt. Es geht nicht allein darum, prügelnde und mordende Rassisten zu bekehren und Bürgerrechtsaktivisten in ihrem Tun zu bestätigen. Es geht darum, "die Mitte" zu erreichen. Jene, die niemals einen Menschen wegen ihrer Hautfarbe angreifen würden, aber nicht verstehen "warum die sich dauernd so laut beklagen". Jene, die sagen: "Also, ich finde Rassisten auch doof, aber wir leben in einer Demokratie, ihre Sorgen müssen auch gehört werden!" Jene, die meinen, mit politischer Enthaltsamkeit wäre man neutral, und nicht etwa ein unfreiwilliges Zünglein an der Waage, von dem der Hass profitiert. Und diese, jene und alle anderen, die noch Aufklärungsbedarf haben.

Lee gibt seinem Publikum sogar eine Identifikationsfigur, die erst wachgerüttelt werden muss: Flip Zimmerman, von Adam Driver anfangs mit einer nachvollziehbaren Ratlosigkeit gespielt, ist Jude, unterstützt seinen Kollegen Ron ohne zu jammern … und versteht nicht, wieso er es dermaßen ernst nimmt. Aber je tiefer er den Bau des kapuzentragenden Kaninchens hinabsteigt, desto mehr ändert sich Flip: Driver zeigt im Wandel von Flips Gestus filigran, wie sich der Polizist sukzessive Fragen über seine Identität stellt und erkennt, dass er gerne die Wahl hat, ob ihm seine Religion gleichgültig ist oder nicht. Der KKK will ihm diese Wahl nehmen – und so sieht Flip, sobald es ihn direkt betrifft, endlich, was Ron in seinem Feldzug gegen die Rassisten antreibt.

Dabei spielt Lee mit offenen Karten: Er manipuliert das Publikum nicht unvorbereitet mit Sympathieträgern, denen er seine Weltsicht verleiht, sowie mit dramatischen Montagen. Lee gibt seinem Publikum das Werkzeug an die Hand, zu erkennen, was aufwühlende, beeinflussende Stilmittel sind. Er will sein Publikum nicht blenden, sondern warnen und nachhaltig überzeugen: Er gesteht ein, Mittel der Agitprop zu verwenden, füllt seine Erzählung aber mit ehrlicher Emotion und einer vernünftigen Argumentation. Er hätte auch einfach ein verdrehtes «Die Geburt einer Nation» abliefern und schlicht gegen Rassisten wettern können. Das wäre ihm nicht zu verübeln – aber das will er sich wohl trotzdem nicht vorwerfen lassen.

Es beginnt so lustig …


All das direkt auf's Publikum einprasseln zu lassen, wäre zweifelsohne überwältigend – und das nicht gerade im positiven Wortsinne. Doch «BlacKkKlansman» geht erst einmal leicht verdaulich los, als skurrile, satirisch angehauchte Historien-Dramödie. Mit Galgenhumor-Lächeln und bemüht-besonnenem Blick versehen, lässt John David Washington als Ron Stallworth den Alltagsrassismus der späten 1970er über sich ergehen, um mit all dieser Ruhe und Gelassenheit seinen Vorgesetzten zu beweisen, dass er das Rückgrat eines idealen Polizisten hat.

Spike Lee und Cutter Barry Alexander Brown reihen diese frühen Szenen von «BlacKkKlansman» so an, dass sie spritzig und gewitzt daherkommen, als dezent überspitztes Spiegelbild der Wirklichkeit, über das man mit einer "Das ist witzig, weil es wahr ist"-Haltung schmunzeln kann. Auch das verschmitzte Grinsen, wenn Ron sich seine KKK-Idee in den Kopf setzt und lässig zurückgelehnt am Telefon übelste, rassistische Parolen von sich gibt, um den Klan von sich zu überzeugen, lassen «BlacKkKlansman» zunächst eher lustig, denn dramatisch erscheinen. Die frühen Begegnungen mit dem KKK scheinen diesen Eindruck zu unterstreichen: Paul Walter Hauser wiederholt seine Dorftrottel-Performance aus «I, Tonya», nun bloß mit zusätzlichem Rassismus. Und selbst dann, wenn Hauser nicht durch die KKK-Szenen stolpert, liegt der Fokus dieser Passagen darauf, wie verrückt Flips und Rons Plan ist und mit welcher Chuzpe sie die Rassisten an der Nase herumführen.

Aber die anfangs eingestreuten Suspensemomente, in denen Lee die Bildsprache seines Films verschärft und Flip und/oder Ron der Enttarnung nur knapp entkommen, nehmen zu. Und ähnlich, wie sein Kollege Flip erkennen muss, wie viel an diesem Fall hängt, muss auch Ron neue Erkenntnisse hinnehmen: Sich mit dem Ku Klux Klan anzulegen, bedeutet nicht, eine Gruppe degenerierter Rassisten in die Ecke zu treiben. Neben Dorftrotteln hat der Klan auch ausgefuchste Waffennarren in seiner Mitgliedschaft. Und auch Leute wie David Duke, einen von Topher Grace mit Biss gespielten, zutiefst hasserfüllten Rassisten im Gewand eines gemäßigten, konservativen Politikers, der sein ruhiges Auftreten nutzt, um seine Botschaften der Intoleranz massentauglich zu verpacken. Diese explosive Kombination innerhalb des Klans macht ihn zu einem wesentlich hartnäckigeren, gefährlicheren Gegner, als ihn sich selbst Ron anfangs hat vorstellen können.

Die Unterstützung, die Ron im Kampf gegen den Klan bräuchte, erhält er allerdings nicht: Der hehre, viele institutionalisierte Ungerechtigkeiten über sich ergehen lassende Polizist muss im Laufe von «BlacKkKlansman» hinnehmen, dass sein Vertrauen ins System immer und immer wieder enttäuscht wird und das sein Flirt, die Aktivistin Patrice Dumas (gewitzt und keck gespielt von Laura Harrier), vielleicht gar keine Pessimistin, sondern leider eine Realistin ist. So nimmt Lee nach und nach den Witz aus «BlacKkKlansman» raus, Komponist Terence Blanchard stimmt immer dunklere Klänge an und letztlich befinden wir uns in einem packenden Cop-Thriller, in dem sämtliche Karten gegen unsere Helden gezinkt sind.

Intensiviert wird dies durch zahlreiche Parallelen aufs Heute: So fallen bei einer KKK-Versammlung Slogans, wie sie heute ein gewisser Dummbeutel aus dem Weißen Haus hinaus brüllt. Was Lee macht, mag nicht subtil sein, aber es hat die berechtigte Wut eines Aktivisten und ist in seiner Beobachtungsgabe und Konsequenz sehr wohl kunstvoll – und das Ende des Films gleicht einem Tritt geradewegs in die Magengrube.

Fazit


Gewitzt, wütend, spannend und hochdramatisch: «BlacKkKlansman» lässt Spike Lee wieder zu Hochform auflaufen.

«BlacKkKlansman» ist ab dem 23. August 2018 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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