Interview‚Komplexität und Mut zur Eigenwilligkeit müssen nicht im Widerspruch zum Wohlfühlfilm stehen‘
von Fabian Riedner11. September 2026
Mit «Bloß nicht Liebe» lässt Produzentin Anja Föhringer eine Frau ins Zentrum rücken, die von der Romantik eigentlich genug hat. Im Interview spricht sie über moderne Frauenfiguren im „Herzkino“, das Spiel mit klassischen RomCom-Mustern und die Herausforderung, sich gegen internationale Streamingproduktionen zu behaupten.
Frau Föringer, «Bloß nicht Liebe» erzählt von einer Frau, die der Liebe bewusst den Rücken kehrt und gerade deshalb ständig mit ihr konfrontiert wird. Was hat Sie an dieser Ausgangsidee sofort begeistert?
Violas Dilemma, dass sie gerade dann mit Liebesangeboten überhäuft wird, als sie entschieden hat, der Liebe den Rücken zu kehren, enthüllt eine schöne Wahrheit: Wir können unsere Sehnsüchte zwar versuchen zu verdrängen oder zu kontrollieren, aber das Leben findet oft seinen ganz eigenen Weg, uns an unsere Gefühle zu erinnern. Gerade das Spiel zwischen dem zeitgemäßen Wunsch nach Unabhängigkeit und dem archaischen Bedürfnis nach Nähe und Verbindung hat mich sehr gereizt.
“Herzkino“ steht für romantische Geschichten, doch dieser Film spielt gleichzeitig mit Schicksal, Zufällen und der Frage, ob sich das Leben überhaupt planen lässt. Was macht diese Mischung aus Ihrer Sicht besonders?
Romantik kommt hier nicht einfach als naives Zielbild daher, sondern wird mit einem Augenzwinkern hinterfragt. Die entscheidende kreative Idee war, das Universum selbst als handelnde Instanz einzuführen. Es wurde zu unserem „Bigger than Life“-Prinzip – einer schelmischen, magischen Kraft, die dem Film eine neue Dimension verleiht und uns daran erinnert: Das Leben ist nie ein durchgetakteter Plan, sondern ein Abenteuer, das uns am meisten überrascht, wenn wir loslassen. So gesehen ist der Film eine Art Plädoyer dafür, sich auf Überraschungen und Umwege einzulassen und nicht an allzu festgezurrten Lebensplänen festzuhalten.
Im Mittelpunkt steht mit Viola eine Frau, die nach mehreren Enttäuschungen lieber allein bleiben möchte. Wie wichtig war es Ihnen, eine Hauptfigur zu zeigen, die Liebe zunächst nicht sucht?
Viola steht mit ihrer Vorsicht und Verletzlichkeit für viele Menschen, die das Thema Liebe nicht mehr nur rosarot sehen. Sie hat ihre Erfahrungen gemacht und möchte sich schützen. Für das Publikum eröffnet sich aber durch unsere Erzählung die Möglichkeit zu erkennen, dass Selbstschutz nicht gleich Glück bedeutet.
Dominique Lorenz hat das Drehbuch geschrieben. Was hat Sie an ihrer Herangehensweise überzeugt und wie eng war der Austausch während der Entwicklung des Stoffes?
Dominique meistert die Balance zwischen gesellschaftlicher Relevanz und erzählerischer Leichtigkeit wie kaum jemand anderes. Sie verleiht ihren Figuren nicht zuletzt dank ihrer großen Empathie und Lebensklugheit eine große Authentizität. Unser Austausch war von Beginn an sehr lebendig und konstruktiv, mit dem Ziel, bei aller Leichtigkeit, die das Genre der RomCom mit sich bringt, die Menschen mit der Geschichte dennoch tief zu berühren.
Mit Christina Große, Heino Ferch und Tim Bergmann treffen drei sehr unterschiedliche Schauspielpersönlichkeiten aufeinander. Worauf haben Sie bei der Besetzung besonders geachtet?
Bei der Besetzung ging es uns vor allem darum, echte, glaubwürdige Menschen zu zeigen hinter die der „Star“ zurücktritt. Christina Große bringt eine wunderbare Mischung aus Entschlossenheit und Verletzlichkeit mit, sie trägt Viola nahezu mit jeder Geste und scheut sich auch nie, sich ungeschützt zu zeigen. Bei Heino Ferch und Tim Bergmann war es der Mix aus Charisma, Humor und kleinen Brüchen. Es war uns wichtig, dass die Figuren auch eigenwillig und mitunter kantig sein dürfen. Gerade Widersprüche, Frustrationen und der Eigensinn unserer Charaktere sollten spürbar und nachvollziehbar werden.
Der Film lebt davon, dass gleich mehrere Männer um Viola kreisen, ohne dass daraus eine klassische Dreiecksgeschichte entsteht. War genau dieser ungewöhnliche Ansatz ein bewusster Reiz des Projekts?
Der Reiz lag darin, den klassischen Konkurrenzdruck aus der Erzählung zu nehmen und Viola und ihre Suche nach sich selbst ins Zentrum zu rücken. Die Männer sind weniger Rivalen als Spiegel für verschiedene Möglichkeiten eines Lebens mit – oder ohne – Beziehung. Das fühlt sich für mich zeitgemäß und auch befreiend an, weil es den Druck aus der Erzählung nimmt und Viola selbst ins Zentrum rückt.
Neben der Liebesgeschichte erzählt «Bloß nicht Liebe» auch von Mutter-Tochter-Konflikten und unterschiedlichen Vorstellungen vom Glück. War Ihnen wichtig, dass der Film über eine reine Romantikkomödie hinausgeht?
Natürlich ist uns immer daran gelegen, unsere Erzählungen so reich wie möglich zu gestalten. Allein schon in puncto Liebesglück gibt es verschiedene Vorstellungen und Formen. Eigene Erfahrungen und Wünsche müssen nicht auf alle passen, und es geht daher auch um Zulassen und Loslassen. Man kann Kindern zwar erklären, dass es gefährlich ist, aufs Eis zu gehen, da es glatt ist. Doch die Erfahrung, was glatt wirklich bedeutet, muss man selbst machen.
Das Herzkino hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert und erzählt heute modernere Frauenfiguren und komplexere Beziehungen. Wie erleben Sie diese Entwicklung aus Produzentensicht?
Ich empfinde diese Entwicklung wie auch die Zusammenarbeit mit unseren Redakteurinnen, Verena Heeremann und Sophie Günther, als große Bereicherung. Frauenfiguren wie Viola sind für mich ein Beweis dafür, dass Komplexität und Mut zur Eigenwilligkeit nicht im Widerspruch zum Wohlfühlfilm stehen müssen. Im Gegenteil: Es werden heute Themen und Biografien gezeigt, die abseits des klassischen Liebesideals funktionieren – etwa Selbstfindung, zweite oder späte Chancen, Familienmodelle im Wandel. Das eröffnet Raum für mehr emotionale Ehrlichkeit und aktuelle Lebensrealität – etwas, das mir als Produzentin wirklich wichtig ist.
Mit Sebastian Stern führte ein Regisseur Regie, der sowohl emotionale Stoffe als auch humorvolle Momente beherrscht. Was hat ihn für dieses Projekt besonders geeignet gemacht?
Eigentlich haben Sie sich mit der Frage bereits selbst die Antwort gegeben. Sebastian Stern hat ein besonders feines Gespür für Zwischentöne und für Figuren, die in ihrer Gebrochenheit berühren, ohne sie je zu verurteilen. Seine Haltung, die sich bis in die kleinsten Nebenrollen fortsetzt, ermöglicht es dem Publikum, echtes Verständnis für die Figuren zu entwickeln.
Das Publikum erwartet beim Herzkino Verlässlichkeit, gleichzeitig sollen die Filme immer wieder überraschen. Wie findet man die richtige Balance zwischen Bewährtem und neuen Ideen?
Die Balance liegt für mich darin, den Sehnsuchtsraum, den das Herzkino bietet, zu respektieren – also das Gefühl von Wärme und Geborgenheit, das viele mit der Reihe verbinden –, aber die Geschichten und Figuren innerhalb dieses Rahmens dennoch mutig und überraschend zu erzählen und auch mal Grenzen austestet und weg vom Erwartbaren kommt, wie in unserem Fall zum Beispiel mit der Einführung der heimlichen Hauptfigur, dem Universum.
Romantische Fernsehfilme konkurrieren heute mit internationalen Streaming-Produktionen und Serien. Was muss ein moderner Herzkino-Film mitbringen, damit sich das Publikum am Sonntagabend bewusst dafür entscheidet?
Ein moderner Herzkino-Film sollte Figuren anbieten, die Ecken und Kanten haben, echt und lebendig sind. Es geht darum, auch mutige Geschichten zu erzählen, die emotional ehrlich sind, Humor und Tiefgang zulassen und berühren – ohne anbiedernd oder kitschig zu wirken. Wenn die ZuschauerInnen sich, ihre Beziehungen und auch ihr Ringen um Glück wiederfinden, hat man bereits viel erreicht.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das ZDF strahlt «Bloß nicht Liebe» am Sonntag, den 13. September, um 20.15 Uhr aus. Der Film ist seit 21. August in der ZDFmediathek.