Marc Rasmus hat Sat.1 stärker nach Programmfarben sortiert. Doch ausgerechnet der Koch- und Backmittwoch zeigt, wie kompliziert diese Strategie wird.

Seit Marc Rasmus am 1. November 2023 die Verantwortung für Sat.1 übernommen hat, versucht der Sender sein Programm wieder leichter lesbar zu machen. Ein Kern dieser Strategie sind sogenannte Programmfarben: bestimmte Genres sollen an bestimmten Tagen wiedererkennbar laufen. Der Mittwoch ist dafür ein besonders gutes Beispiel, denn in der Primetime wurde er zunehmend mit Kochen und Backen belegt. Die Auswertung der vorliegenden Sat.1-Mittwochswerte zwischen Januar 2021 und Juni 2026 zeigt allerdings kein einfaches „Ja“ oder „Nein“. Die Strategie liefert Stabilität und einzelne starke Marken, aber sie löst nicht automatisch das Grundproblem: Sat.1 verliert im linearen Fernsehen Reichweite, vor allem bei den 14- bis 49-Jährigen.
Die Datenbasis umfasst 287 Mittwochsausstrahlungen. Von 2021 bis zum 31. Oktober 2023, also vor der Rasmus-Zeit, kam Sat.1 am Mittwoch in diesem Slot im Schnitt auf 1,32 Millionen Zuschauer, 5,25 Prozent Marktanteil beim Gesamtpublikum, 0,51 Millionen 14- bis 49-Jährige und 8,42 Prozent in der Zielgruppe. Seit dem 1. November 2023 liegen die Durchschnittswerte bei 1,16 Millionen Zuschauern, 5,35 Prozent insgesamt, 0,36 Millionen Jüngeren und 8,01 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Rechnet man das nüchtern aus, verliert Sat.1 0,15 Millionen Gesamtzuschauer pro Mittwochsslot, also rund 153.000 Menschen. Das entspricht minus 11,6 Prozent. In der jungen Zielgruppe ist der Rückgang mit ebenfalls rund 154.000 Personen sogar deutlich dramatischer, weil die Ausgangsbasis kleiner ist: Aus 0,51 Millionen wurden 0,36 Millionen, ein Minus von 30,1 Prozent.
Gleichzeitig zeigt sich schon an dieser ersten Rechnung, warum die Analyse kompliziert ist. Beim Gesamtpublikum sinkt zwar die Reichweite, aber der Marktanteil steigt leicht von 5,25 auf 5,35 Prozent. Das Plus beträgt 0,10 Prozentpunkte oder rechnerisch 1,9 Prozent. Das bedeutet: Sat.1 verliert Zuschauer, aber der Gesamtmarkt verliert ebenfalls. Der Mittwoch ist also nicht einfach abgestürzt, sondern bewegt sich in einem schrumpfenden linearen Umfeld. Bei den 14- bis 49-Jährigen hilft diese Erklärung nur teilweise. Dort sinkt nicht nur die Reichweite um 30,1 Prozent, sondern auch der Marktanteil von 8,42 auf 8,01 Prozent. Das Minus von 0,41 Prozentpunkten klingt klein, entspricht aber 4,9 Prozent. Für einen Privatsender ist genau dieser Wert empfindlich.

Noch deutlicher wird es, wenn man den Sommer herausrechnet. Das ist bei dieser Analyse zwingend, denn im Sommer wird weniger ferngesehen, Menschen sind länger draußen, Urlaubszeiten verzerren die Reichweiten, und auch Sender programmieren oft vorsichtiger. Ohne Juni, Juli und August lagen die Mittwochswerte vor Rasmus bei 1,42 Millionen Zuschauern, 5,53 Prozent insgesamt, 0,56 Millionen Jüngeren und 8,87 Prozent Zielgruppenmarktanteil. Seit November 2023 kommt Sat.1 außerhalb des Sommers auf 1,18 Millionen Zuschauer, 5,39 Prozent insgesamt, 0,38 Millionen Jüngere und 8,22 Prozent in der Zielgruppe. Damit schrumpft die Reichweite im bereinigten Restjahr sogar um 16,7 Prozent, die junge Reichweite um 32,9 Prozent. Auch die Marktanteile fallen: insgesamt um 2,6 Prozent, bei den 14- bis 49-Jährigen um 7,4 Prozent. Das ist die strengere Rechnung – und sie fällt weniger schmeichelhaft aus.
Der Sommer erzählt dagegen eine andere Geschichte. Vor Rasmus erreichte Sat.1 in den Sommermonaten am Mittwoch durchschnittlich 1,05 Millionen Zuschauer, 4,53 Prozent Marktanteil, 0,38 Millionen Jüngere und 7,24 Prozent in der Zielgruppe. Seit Rasmus sind es im Sommer 1,09 Millionen Zuschauer, 5,24 Prozent insgesamt, 0,29 Millionen Jüngere und 7,25 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Beim Gesamtpublikum steht also sogar ein Plus von 4,5 Prozent bei der Reichweite und 15,7 Prozent beim Marktanteil. Bei den Jüngeren bleibt die Reichweite aber um 24,5 Prozent niedriger. Übersetzt heißt das: Der Mittwoch ist im Sommer beim Gesamtpublikum robuster geworden, aber er verjüngt Sat.1 nicht.
Gerade deshalb lohnt der Blick auf die Programmfarbe. Alle Backformate kamen zusammen auf durchschnittlich 1,57 Millionen Zuschauer und 6,75 Prozent Marktanteil. Bei den 14- bis 49-Jährigen waren es 0,49 Millionen und 9,44 Prozent. Kochformate lagen bei 1,14 Millionen Zuschauern, 5,25 Prozent insgesamt, 0,49 Millionen Jüngeren und 9,89 Prozent in der Zielgruppe. Sonstige Programme kamen nur auf 1,11 Millionen Zuschauer, 4,55 Prozent insgesamt, 0,39 Millionen Jüngere und 6,87 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Daraus lässt sich eine klare Stärke ableiten: Essen funktioniert am Mittwoch grundsätzlich besser als beliebige Ersatzware. Backen bringt die höheren Gesamtzahlen, Kochen die stärkeren Zielgruppenanteile.
Seit November 2023 zeigt sich diese Tendenz weiterhin. Backformate erreichten in der Rasmus-Zeit durchschnittlich 1,44 Millionen Zuschauer, 6,68 Prozent insgesamt, 0,38 Millionen Jüngere und 8,82 Prozent Zielgruppenmarktanteil. Kochformate kamen auf 1,08 Millionen Zuschauer, 5,12 Prozent insgesamt, 0,42 Millionen Jüngere und 9,34 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Sonstige Programme lagen nur bei 0,96 Millionen Zuschauern, 4,30 Prozent insgesamt, 0,30 Millionen Jüngeren und 6,50 Prozent in der Zielgruppe. Der Abstand ist erheblich: Backen liegt beim Gesamtpublikum um rund 50 Prozent über den sonstigen Programmen der Rasmus-Zeit, Kochen in der Zielgruppe um fast 44 Prozent über den sonstigen Programmen. Das spricht für die Programmfarbe.
Die einzelnen Marken erklären den Befund noch genauer. «Das große Promibacken» ist mit 40 erfassten Ausgaben die verlässlichste Säule: im Schnitt 1,77 Millionen Zuschauer, 7,14 Prozent insgesamt, 0,58 Millionen 14- bis 49-Jährige und 9,67 Prozent Zielgruppenmarktanteil. «Das große Backen» kam mit 26 Ausgaben auf 1,41 Millionen Zuschauer, 6,52 Prozent insgesamt, 0,43 Millionen Jüngere und 9,68 Prozent. «The Taste» erreichte bei 52 Ausgaben 1,19 Millionen Zuschauer, 5,43 Prozent insgesamt, 0,53 Millionen Jüngere und starke 10,42 Prozent in der Zielgruppe. Damit ist die Arbeitsteilung klar: «Promibacken» zieht am breitesten, «The Taste» ist jünger und prozentual wertvoller.

Problematisch wird es, wenn Sat.1 die Farbe mit schwächeren oder austauschbareren Formaten füllt. «Kühlschrank öffne dich! – Das Duell der Kochprofis» lag bei elf Ausgaben nur bei 0,82 Millionen Zuschauern und 3,37 Prozent insgesamt, in der Zielgruppe bei 0,28 Millionen und 5,36 Prozent. «Wer kocht das Beste für die Gäste?» erreichte bei sechs Ausgaben nur 0,61 Millionen Zuschauer, 2,97 Prozent insgesamt, 0,18 Millionen Jüngere und 4,45 Prozent. «Die Geheimnisse unserer Lieblingsgerichte» kam bei drei Ausgaben auf 0,57 Millionen Zuschauer, 2,49 Prozent insgesamt, 0,21 Millionen Jüngere und 4,33 Prozent. Das ist weit von der Stärke der großen Marken entfernt. Die Programmfarbe allein ersetzt also keine Marke.
Der Jahresvergleich unterstreicht diese Schwankungen. 2021 erreichte Sat.1 am Mittwoch im Schnitt 1,40 Millionen Zuschauer und 8,70 Prozent in der Zielgruppe. 2022 waren es 1,29 Millionen und 8,15 Prozent. 2023 stieg der Zielgruppenwert auf 8,97 Prozent, während die Gesamtreichweite mit 1,28 Millionen stabil blieb. 2024 folgte der Tiefpunkt mit nur 1,04 Millionen Zuschauern und 7,27 Prozent in der Zielgruppe. 2025 erholte sich der Mittwoch auf 1,30 Millionen Zuschauer, 6,12 Prozent insgesamt und 8,54 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. 2026 liegt bis Anfang Juni wieder nur bei 1,02 Millionen Zuschauern und 6,92 Prozent in der Zielgruppe. Die Strategie hat also 2025 sichtbare Entlastung gebracht, aber 2026 noch keine dauerhafte Sicherheit bewiesen.
Besonders fair ist der Vergleich Januar bis Anfang Juni. 2024 kam Sat.1 in diesem Zeitraum auf 1,04 Millionen Zuschauer, 4,35 Prozent insgesamt, 0,35 Millionen Jüngere und 6,63 Prozent. 2025 stieg der Sender auf 1,23 Millionen Zuschauer, 5,28 Prozent insgesamt, 0,34 Millionen Jüngere und 6,93 Prozent. Das war beim Gesamtpublikum ein Plus von 18,2 Prozent und beim Marktanteil sogar 21,2 Prozent. 2026 fällt der Wert wieder auf 1,02 Millionen Zuschauer und 5,04 Prozent, die junge Reichweite sinkt auf 0,27 Millionen. Gegenüber 2025 bedeutet das minus 16,7 Prozent beim Gesamtpublikum und minus 20,3 Prozent bei den Jüngeren. Gegenüber 2024 liegt 2026 beim Gesamtpublikum praktisch gleichauf, beim Gesamtmarktanteil aber 15,8 Prozent höher. Auch das zeigt: Der Sender verliert weniger relativ zum Fernsehmarkt als absolut an Personen.
Die Pandemie-Frage darf man nicht unterschlagen. Bis Mitte 2023 lag der Mittwoch im Schnitt bei 1,34 Millionen Zuschauern und 0,53 Millionen 14- bis 49-Jährigen. Danach sind es nur noch 1,17 Millionen und 0,36 Millionen. Ein Teil des Rückgangs ist also strukturell: Nach Corona hat sich Mediennutzung weiter in Streaming, Mediatheken und Plattformen verlagert. Wer die Rasmus-Zeit nur gegen 2021 oder 2022 rechnet, misst teilweise gegen eine andere Fernsehwelt. Trotzdem bleibt der Befund hart: Gerade junge Zuschauer kehren nicht automatisch zurück, nur weil der Mittwoch klarer sortiert ist.

Das Fazit fällt deshalb zweigeteilt aus. Ja, die Programmfarbe Kochen und Backen ist für Sat.1 langfristig sinnvoller als ein beliebiges Wechselspiel aus Shows, Rankings, Filmen und Tests. Die Zahlen beweisen, dass «Das große Promibacken», «Das große Backen» und «The Taste» überdurchschnittlich liefern. Gegenüber sonstigen Programmen ist die Farbe klar stärker. Nein, sie ist aber kein Selbstläufer. Sobald Sat.1 schwächere Küchenformate in die Fläche schiebt, fallen die Werte schnell unter Senderschnitt. Die Zuschauer gehen also nicht wegen der Programmfarbe flöten, sondern dann, wenn die Farbe mit zu schwacher Ware gefüllt wird. Langfristig kann der Mittwoch Erfolg haben, wenn Sat.1 ihn als Markenabend versteht: wenige starke Titel, klare Staffelrhythmen, keine beliebigen Lückenfüller. Aus den 287 erfassten Werten ergibt sich die eigentliche Lehre: Farbe schafft Orientierung, aber nur Marke schafft Quote.