Sein größter Erfolg, seine größte Niederlage: Die Staatsaffäre hat Jan Böhmermann ins Rampenlicht gespült, viel stärker, als es Harald Schmidt je gelungen ist. Bald läuft Böhmermanns Vertrag beim ZDF aus. Wie sieht die Zukunft des interessantesten Entertainers in Deutschland aus?
"Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht. Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai WeiWei aus mir gemacht." Ein Interview, das in diesen Tagen in der „ZEIT“ erscheint, schlägt ein neues Kapitel der Causa Böhmermann auf. Wieder einmal. Jetzt spricht er selbst, der Angeklagte. Der Satiriker, der einem grandios inszenierten Streich eine ganze Staatsaffäre heraufbeschwörte. Das hat selbst Harald Schmidt nicht geschafft, Böhmermanns Ziehvater und ehemaliger Zyniker der Nation. Dessen Wort hatte Gewicht. Jetzt steht Böhmermann vielleicht schon einer Stufe mit Schmidt. Kein anderer entblößt die medialen (Falsch-)Spielregeln besser als er.
Das Beste, was Böhmermann beim letzten Vertrag 2014 rausschlagen konnte, war: Freitagnacht gegen 0.00 Uhr, «NeoMagazin Royale» als Wiederholung. Er drängte damals schon zu guten Sendeplätzen im Hauptprogramm, doch nach wie vor fehlt die richtige Lücke im vollgepackten Schema. 2016 ist die Situation nicht anders als vor zwei Jahren. Fakt ist aber, dass Böhmermann seinen Marktwert zuletzt ungemein gesteigert hat. Die direkte Quote mag dies vielleicht nicht widerspiegeln, wohl aber Mediathek-Aufrufe, YouTube-Zahlen, Podcast-Abos, Schlagzeilen in der Presse, Artikel im Feuilleton. Und nach der Staatsaffäre ist Böhmermann jeder gesellschaftlichen Gruppe zumindest ein Begriff: den Hipstern sowieso, aber auch den BILD-Lesern, den Helene-Fischer-Fans, den Fußballfans im Stadion. Böhmermann ist allgemeines Gesprächsthema geworden. Ergo: Sein Bekanntheitsgrad ist höher als je zuvor, seine Relevanz ohnehin. Es ist der beste Zeitpunkt, um in Vertragsverhandlungen zu gehen. Eigentlich.
Aber gibt es einen Fernsehsender, der es sich leisten will, dieses Experiment einzugehen? Die nahe liegende Antwort heißt ProSieben. Mit «TV Total» war der Sender bis zuletzt zufrieden, die Quoten waren ordentlich, das Format eine Art Aushängeschild. Es zeigte, dass Late-Night – zumindest als Verschnitt – auch heute noch funktionieren kann. Böhmermann spricht die ProSieben-Zielgruppe an, und anders als Raab beherrscht er die Spielregeln der digitalen Selbstvermarktung. Mit ihm würde man sich einen Entertainer einkaufen, der Millionen Klickzahlen bei YouTube und entsprechend hohe Relevanz in der jungen Zielgruppe garantiert. Dass ProSieben das Genre in irgendeiner Form weiter bespielen will, zeigt auch der neueste Versuch «Studio Amani». Und würde Böhmermann 2017 auf Sendung gehen – vielleicht dienstags bis donnerstags –, würde ihn auch niemand mehr als Nachfolger von Raab filetieren. Die Wogen haben sich bis dahin soweit geglättet, dass ProSieben das Risiko eingehen und einen «Anke Late Night»-Fehler vermeiden würde. 

• Anke Late Night • Aspekte • LateLine • NeoMagazin Royale • Sanft & Sorgfältig • Studio Amani • TV Total
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05.05.2016 14:00 Uhr 1