Die Kritiker

Schweigers Action-«Tatort»: Rettung in Form von Helene Fischer

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Jetzt läuft er endlich: Til Schweigers Actionkrimi «Tatort: Der große Schmerz». Wer die ersten beiden Einsätze des Hamburger Ermittlers Nick Tschiller gesehen hat, kennt diesen Fall aber bereits. Nur Helene Fischer setzt neue Akzente.

Cast und Crew

  • Regie: Christian Alvart
  • Drehbuch: Christoph Darnstädt
  • Darsteller: Til Schweiger, Fahri Yardim, Luna Schweiger, Stefanie Stappenbeck, Erdal Yildiz, Helene Fischer, Britta Hammelstein, Tim Wilde, Edita Malocvic, Arnd Klawitter
  • Musik: Martin Todsharow
  • Szenenbild: Thomas Freudenthal
  • Schnitt: Dirk Grau, Philipp Stahl
  • Kamera: Jakub Bejnarowicz
Helene Fischer hat einiges drauf. Die Schlager-Queen, die mit ihren aufwändigen Shows für Wirbel sorgt, massenweise Awards gewinnt und mit „Atemlos“ die Charts aufwirbelte, darf nun eine weitere Tätigkeit in ihrer Vita notieren: Sie ist ein lebender Innovationsmotor. Zugegeben: Sie ist lediglich der Innovationsmotor in der Hamburger «Tatort»-Reihe rund um Til Schweigers Ermittlerfigur Nick Tschiller. Und bei allem postpubertären Machogehabe und den sich aufplusternden Versuchen, kerniges 80er-C-Actionkino ins öffentlich-rechtliche Fernsehen zu bringen, fällt es der unter 1,60m großen Sängerin schwer, diesen Krimi aus seiner Komfortzone herauszubewegen. Dennoch: Dank Fischer tut sich was in der maroden Vision von Hamburg, die Hauptdarsteller und Schirmherr Schweiger, Drehbuchautor Christoph Darnstädt und Regisseur Christian Alvart entwerfen. Und das will etwas heißen, denn dafür, dass sich Schweigers «Tatort»-Fortsetzungsreihe so sehr vom Fernsehkrimi-Alltag abhebt, hat sie sich rasant ein ganz eigenes Schema F aufgebaut.

Erneut dreht sich alles um den kriminellen Clan, den der Gangsterboss Firat Astan nunmehr sehr effizient vom Gefängnis aus führt. Um Hamburg sicherer zu machen, beschließt Senator Constantin Revenbrook, den Clanchef in ein bayerisches Gefängnis zu verlegen und so den Ärger in den Freistaat rüberzuschieben. Aber der stets enorm um seine Ex-Frau (Stefanie Stappenbeck) und seine Tochter (Luna Schweiger) besorgte Nick Tschiller fährt diesem Plan ungewollt in die Parade: Auftragskillerin Leyla (Helene Fischer) zwingt ihn, Astan während seiner Verlegung zu befreien. Anderweitig würde sie Tschillers Familie töten ...

Gangster bedrohen Tschillers Familie, dieser ballert wild um sich und schlägt, Draufgänger, der er ist, immer wieder die Teamworkvorschläge seines cleveren, zurückhaltenden Partners Yalcin Gümer (Fahri Yardim) aus. All dies verpackt in die Ästhetik und die Struktur, die Schweiger zuvor schon beim «Tatort» begleiteten. Kennt man. Da sind andere «Tatort»-Reihen, die einen ähnlich markanten, eigenen Stil haben, bislang abwechslungsreicher. In Münster wird ja auch immer geblödelt, aber doch von Ausgabe zu Ausgabe in anderen Facetten. Die Testosteron-Fälle aus Hamburg kennen in Runde drei dagegen nur genau die Abstufungen, die zuvor schon in der Hansestadt vorgekommen sind.

Da verwundert es nicht, dass im Vorfeld der Ausstrahlung von «Tatort: Der große Schmerz» sowohl der NDR als auch Schweiger hauptsächlich über das Engagement Fischers gesprochen haben. Inhaltlich ist der Neunzigminüter nichts weiteres als eine vage Abwandlung von «Tatort: Kopfgeld» (die Filme gleichen sich so sehr, dass der neue Schweiger-«Tatort» unter dem Titel seines Vorgängers laufen könnte, und es würde mindestens genauso gut zusammenpassen). Und dieser glich bereits in vielen Aspekten seinem Vorläufer, Schweigers «Tatort»-Premiere namens «Willkommen in Hamburg». Von Helene Fischer abgesehen ist die einzige nennenswerte Neuerung, dass der Fall nicht auf einer semi-abgeschlossenen Note endet (die dennoch die Tür für einen zweiten Teil offen lässt), sondern auf einem klaren Cliffhanger. Denn Teil vier kommt bereits wenige Tage später, und am 4. Februar 2016 folgt im Kino letztlich das große Finale.

Kinoreif von Jakub Bejnarowicz ausgeleuchtet, erstrahlt diese erzählerische, bleigeschwängerte Erzählung immerhin in einem Look, der den spürbaren Ambitionen der Macher gerecht wird. Aber der Teufel steckt, wie so oft, im Detail. Ein Beispiel: Die Perücken, die einige der Nebendarstellerinnen spazieren Tragen (darunter eine hier im satten Schwarz durch die Welt stolzierende Helene Fischer), könnten kaum künstlicher aussehen. Dies ist symptomatisch für «Tatort: Der große Schmerz»: Das Gesamtbild stimmt. Nimmt man Abstand von dieser Produktion, betrachtet den Plot nur in groben Zügen, so ist dem Team ein fernsehfilmgewordener Retro-Actionthriller gelungen. Mit den kleinen Feinheiten hat der Film es dagegen nicht so. Die Bipolarität Nick Tschillers (er kennt nur die Stimmungen ultra-aggressiv und ober-deprimiert) etwa ist so schwerfällig gezeichnet und die Actionszenen werden so forciert eingeleitet, dass das für dieses Action--Subgenre so wichtige „Abschalten und mitreißen lassen“-Feeling fehlt. Schweigers dritter «Tatort» läuft vor sich hin, statt dem Publikum einen gemeinsamen, wilden Ritt zu bieten.

Gerade daher ist Fischers Rolle so eine erfrischende Dreingabe: Die hier giftgrüne Kontaktlinsen tragende Sängerin gibt (erst recht für jemanden, der nicht vom Fach ist) eine lobenswerte Leistung ab. Sie mimt die eiskalte Killerprinzessin mit tödlicher Eleganz – so, als sei sie frisch aus Frank Millers Noir-Albtraum «Sin City» geflohen. Als wandelnder, makaberer Männertraum mag Fischers Figur zwar den Chauvinismus dieser stylisch-explosiven Hamburg-Krimis unterstreichen, dies aber immerhin auf einer amüsierten, kecken Art. Bei der angestrengten Dringlichkeit, die dieser «Tatort» sonst an den Tag legt, ist das durchaus willkommen – und lässt es Fischer fast verzeihen, dass ihre letzte Szene dann doch etwas dick aufgetragen ist. Fahri Yardim ist ja auch noch da und sorgt mit authentisch rübergebrachter Lockerheit für weitere helle Momente. Daher ist es auch Yardim, und nicht der vorhersehbare und unspektakuläre Cliffhanger, der am meisten Lust macht, auch Teil vier der Tschiller-Krawumm-Saga einzuschalten.

Fazit: Anders, als die anderen «Tatort»-Reihen, aber von einer positiv überraschenden Killer-Fischer abgesehen zu nah an den ersten beiden Schweiger-Fällen: Der Action-«Tatort» aus Hamburg ist annehmbarer Zeitvertreib für Actionfans. Schade, denn die technische Seite verspricht größeres Potential.

«Tatort: Der große Schmerz» ist am 1. Januar 2016 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. «Tatort: Fegefeuer» folgt im Ersten am 3. Januar 2016, ebenfalls zur Hauptsendezeit.

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