Ben Affleck auf Oscar-Kurs: Der Thriller «Argo» erzählt auf spannende und unterhaltsame Weise von einem sonderbaren, jedoch wahren CIA-Einsatz.
Für viele Jahre war Ben Affleck die Witzfigur Hollywoods. Zwar erntete er zu Beginn seiner Karriere mit (Semi-)Independentfilmen wie «Chasing Amy» und «Good Will Hunting» Wohlwollen bei den Kritikern, doch ein schlechtes Händchen bei der Rollenwahl und der in der Öffentlichkeit abgehaltene Beziehungskrach mit Jennifer Lopez machten es ihm bald darauf immer schwerer, Boden unter den Füßen zu gewinnen. Mittlerweile genießt Affleck jedoch wieder Ansehen im Filmgeschäft und ist aktuell ein heiß gehandelter Oscar-Favorit.
Diese unglaublich klingende Geschichte ist tatsächlich wahr, auch wenn ihre Details erst Jahre später bekannt wurden – erst 1997 gab der damalige US-Präsident Bill Clinton die Akten zu der Geheimoperation frei. Wie es bei Adaptionen wahrer Begebenheiten die Norm ist, gönnt sich «Argo» bei der filmischen Umsetzung dieser eigenwilligen CIA-Aktion kreative Freiheiten. Allerdings beschränken sie sich weitestgehend darauf, dass Regisseur Ben Affleck im hochdramatischen finalen Drittel den Filmfiguren einige Hürden in den Weg stellt, die nicht Teil der wahren Geschichte sind. Solche historische Ungenauigkeiten dürfen aber niemanden stören, sorgen sie doch für zusätzlichen Nervenkitzel, ohne reißerisch zu sein oder den Kern der eigentlichen Begebenheiten zu verfälschen.
Allerdings ist der bis ins kleinste Detail perfekt ausgestattete und den Geist der 70er atmende Thriller nicht nur einer der packendsten Filme der vergangenen Jahre, sondern auch für einige herzliche Lacher gut. Schließlich ist Tony Mendez' Plan dermaßen absurd, dass es eine verschenkte Gelegenheit wäre, diesen nicht mit Humor zu kommentieren. Und so schwenkt «Argo», ohne das Spannungselement zu schädigen, während der Vorbereitung des wahnwitzigen Vorhabens in eine Hollywood-Satire ab. John Goodman und Alan Arkin (als launige Produzentenkarikatur) machen sich mit süffisantem Witz über die Filmindustrie lustig und dienen für Ben Afflecks stets angespannten, in Gedanken verlorenen Protagonisten zwischenzeitlich als lockeres Gegenüber. Damit machen sie Mendez greifbar und sorgen mit ihren Seitenhieben auf großmäulige Produzenten, unfähige Regisseure und dämliche Drehbücher zudem für eine erfrischende Dosis Humor, bevor die aufregende Befreiungsaktion beginnt.
Neben dem furios aufspielenden, launigen Duo Goodman & Arkin bleibt auf darstellerischer Seite insbesondere Ben Affleck in Erinnerung. Den Ruf, ein mieser Schauspieler zu sein, hat der zweifache Gewinner der Goldenen Himbeere, beim breiten Kinopublikum zwar noch immer nicht verlieren können, aber durch «Argo» erhalten alle Zweifler einen weiteren Gegenbeweis. Affleck ist ein langsam agierender Schauspieler, der am besten in Rollen aufgehoben ist, deren Gefühle sehr bedächtig zum Vorschein kommen – weshalb er in seinen Actionrollen häufig so fehlbesetzt in die Kamera blickte. Richtig besetzt, und in den Händen des richtigen Regisseurs, kann Affleck dagegen runde Persönlichkeiten spielen. Neben seinem Kumpel Kevin Smith zählt Affleck selbst zu den Regisseuren, die ihn richtig in Szene zu setzen wissen, was sich in «Argo» noch besser bezahlt macht als zuvor in «The Town». Mit nuanciertem Spiel offenbart Affleck ohne große Ausschweifungen das zweifelnde Innenleben des nach außen hin so stoischen, ambitionierten CIA-Agenten.
Dass Ben Affleck «Argo» mit dem ausgedienten Time-Warner-Logo eröffnet, ist mehr als ein kleiner Gag für Kinonostalgiker. Der Regisseur transportiert mit «Argo» sein Publikum tatsächlich um mehrere Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit, nicht bloß inhaltlich, sondern auch stilistisch. Die kongeniale Mischung aus Agentendrama, Historienthriller und Hollywoodsatire tritt selbstbewusst und ohne überflüssige Schnörkeleien als ein durchdachter, inhaltlich durchaus anspruchsvoller, vor allem aber aufs Sehvergnügen ausgerichteter Unterhaltungsfilm der 70er-Jahre auf. «Argo» schlägt somit in exakt die Kerbe, in die einst Filme wie «Die Unbestechlichen» oder «Network» schlugen – Klassiker, die entstanden, als die Kluft zwischen Blockbuster-Thrillern oder -Dramen und gehobenem Spannungskino noch überschaubar ausfiel. • Argo • Ben Affleck
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