Interview

Mathias Lösel: ‚Wir sind in Europa inzwischen abgehängt und wirtschaftlich unattraktiv‘

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Mit «Tiroler Blut» starten ARD und ORF eine neue Krimireihe rund um drei Generationen einer Innsbrucker Polizistenfamilie. Die Produzenten Mathias Lösel und Constanze Schumann sprechen über gesellschaftlich relevante Kriminalfälle, die Zukunft des 90-Minüters – und üben deutliche Kritik an den Produktionsbedingungen in Deutschland.

Mit «Tiroler Blut» entsteht eine neue Krimireihe für den ARD-DonnerstagsKrimi. Was war die Grundidee hinter dem Projekt und wodurch soll sich die Reihe von anderen Regionalkrimis unterscheiden?
Mathias Lösel: Bei der Vielzahl an erfolgreichen Krimireihen im deutschsprachigen Fernsehen ist es eine besondere Herausforderung, neue erzählerische Ansätze zu finden. Mir kam bei der Konzeption von «Tiroler Blut» die Idee, drei Generationen einer Innsbrucker Polizistenfamilie unter einem Dach zu beleuchten; ihre tägliche Polizeiarbeit und ihre Fälle setzen sich am Küchentisch fort, sie beschäftigen sie privat weiter, auf ganz unterschiedliche und manchmal auch ganz gegensätzliche Art. Die CBS-Serie «Blue Bloods» hat seinerzeit in Teilen einen ähnlichen Ansatz gewählt. Ich konnte zunächst Andrea Bogad-Radatz vom ORF und anschließend Katja Kirchen von der ARD Degeto davon erzählen, die meine Begeisterung dafür sehr schnell teilten.

Innsbruck ist nicht nur eine beeindruckende Kulisse, sondern spielt fast selbst eine Hauptrolle. Warum fiel die Wahl auf die Tiroler Landeshauptstadt?
Mathias Lösel: Ich kannte die alpinen Regionen Tirols schon immer sehr gut von diversen Bergtouren und hatte zudem vor vielen Jahren bereits in Innsbruck gedreht. Seitdem habe ich eine enge Verbindung zu Cine Tirol, die in jeglicher Hinsicht hervorragende und vorbildliche Filmförderungs- und Standort-Arbeit leisten. Durch sie konnte ich die hochmoderne und dennoch traditionsbewusste Welt Innsbrucks in ihrer einzigartigen Lage in der Tiroler Karwendel-Arena kennenlernen. Es erschien uns sowohl visuell als auch produktionstechnisch hochattraktiv, unsere Reihe in dieser jungen, lebendigen und zugleich geschichtsträchtigen Metropole anzusiedeln.

Constanze Schumann: Dazu kam ein ganz praktischer, aber entscheidender Faktor: Wir haben in Tirol durch die Cine Tirol sehr gute Förderbedingungen und auch Unterstützung bei Motivsuchen und der Produktionslogistik. Diese Kombination aus einer Region, die filmisch enorm viel hergibt, und oben genannten Punkten war letztlich ausschlaggebend dafür, dass «Tiroler Blut» in Tirol und nicht nur über Tirol erzählt wird.

Im Mittelpunkt steht eine Familie, in der gleich drei Generationen mit Polizeiarbeit verbunden sind. Warum eignet sich dieses Familienkonzept besonders gut für eine langlebige Krimireihe?
Constanze Schumann: Unser Erzählansatz erlaubt eine ganz besondere Perspektive auf die sich wandelnden moralischen und ethischen Herausforderungen des Polizeiberufs. So wie auch in unserer Gesellschaft viele Themen je nach Generation oder persönlicher Sozialisation unterschiedlich aufgenommen und diskutiert werden, so hat auch unsere Filmfamilie einen oftmals sehr gegensätzlichen Blick auf die Fälle, mit denen sie sich konfrontiert sehen und die sie auch zu Hause weiter beschäftigen.

Mathias Lösel: Unsere Hauptkommissarin Fanny blickt anders auf Opfer und Täter als es ihr Sohn Tobi tut, der noch ganz am Anfang seiner Polizeiausbildung steht; und Fannys pensionierter Vater Hannes, ein ehemaliger Polizist, schaut mit der Erfahrung des Alters noch einmal anders darauf. Diese drei Generationen spiegeln sicher auch die Generationen unseres Publikums wider, und wir sind uns sicher, dass uns die gesellschaftlichen Themen, die wir in unserer Reihe über unsere Hauptfiguren diskutieren wollen, nicht ausgehen werden.

Ursula Strauß gehört seit Jahren zu den prägenden Gesichtern des deutschsprachigen Fernsehens. Was machte sie für Sie zur Idealbesetzung der Chefinspektorin Fanny Gruber?
Constanze Schumann: Die Figur der Fanny Gruber muss auf den ersten Blick glaubwürdig sein als knallharte Ermittlerin – und im nächsten Moment als Mutter, als Tochter, als Frau, die zwischen drei Polizist-Generationen unter einem Dach ihren eigenen Platz behaupten muss. Genau diese Bandbreite ist es, die Ursula Strauß seit Jahren auszeichnet. Sie kann in einer Szene messerscharf und autoritär sein und in der nächsten eine Verletzlichkeit zeigen, die man ihr sofort abnimmt, ohne dass es je theatralisch wirkt. Bei Fanny Gruber ging es uns um etwas sehr Persönliches: eine Frau, die beruflich an der Spitze steht, aber privat mit ihrer Familie ringt – mit dem Vater im Ruhestand, dem Sohn, der in ihre Fußstapfen tritt, der Tochter, die eigene Wege geht. Diese Mehrdimensionalität kann nicht jede Schauspielerin tragen, ohne dass eine Ebene zu kurz kommt.

Mathias Lösel: Ursula Strauß bringt Bodenständigkeit und eine große Wärme mit, Sie wirkt nie abgehoben, sondern immer nahbar und natürlich. Genau dieses Zusammenspiel aus Autorität, Verletzlichkeit und Nahbarkeit hat uns gemeinsam mit unseren Redakteurinnen und unserem sehr geschätzten Regisseur Matthias Tiefenbacher überzeugt, dass es keine bessere Besetzung für Fanny Gruber geben konnte.

Der Markt für Krimireihen ist so groß wie nie. Welche Zutaten braucht ein neues Format heute noch, um sich langfristig behaupten zu können?
Mathias Lösel: Wir waren uns von Beginn an sowohl mit unseren Redaktionen als auch mit unserem wunderbaren Autoren Christian Jeltsch einig, dass es heute nicht mehr reicht, klassische Kriminalfälle vor attraktiver Kulisse zu erzählen, um beim Publikum zu reüssieren. Bei allem gewünschten Unterhaltungswert war es uns wichtig, die Reihe in einer gesellschaftlichen Realität anzusiedeln und dabei keine Kunstfiguren, sondern echte Menschen zu erzählen, mit denen man gerne Zeit verbringt.

Constanze Schumann: Deshalb war es uns auch wichtig, dass die Fälle Themen berühren, die die Menschen tatsächlich beschäftigen: Generationenkonflikte, aber auch größere Fragen wie soziale Ungleichheit, häusliche Gewalt, Umweltzerstörung oder die Frage, wie viel eine Familie oder eine Gesellschaft aushält, bevor sie zerbricht. Und das ist unserem Autor Christian Jeltsch hervorragend gelungen. Wenn ein Zuschauer nach einer Folge das Gefühl hat, dass darin auch etwas von seiner eigenen Realität steckt, dann funktioniert ein Krimi nicht nur als Whodunit, sondern als echtes Gesellschaftsbild. Genau das braucht es unserer Meinung nach heute, um langfristig zu bestehen: Figuren und Konflikte, die über den eigentlichen Fall hinaus relevant sind

Die ersten beiden Filme erzählen eigenständige Kriminalfälle und legen gleichzeitig den Grundstein für die Figuren. Wie schwierig war es, diese Balance zwischen abgeschlossenem Fall und Serienerzählung zu finden?
Constanze Schumann: Das war tatsächlich eine der größten Herausforderungen in der Entwicklung. Jeder Film muss für sich funktionieren – mit einem Fall, der einen klaren Anfang und ein klares Ende hat, damit auch Zuschauer, die zum ersten Mal einschalten, sofort mitgenommen werden. Gleichzeitig wollten wir aber von der ersten Minute an ein Figurenuniversum aufbauen, das über den einzelnen Fall hinausträgt: die Spannungen zwischen den drei Generationen der Familie Gruber, die unterschiedlichen Zugänge zu Recht und Gerechtigkeit, die privaten Baustellen von Fanny.

Mathias Lösel: Die Lösung von Christian Jeltsch war, die Fälle so zu wählen, dass sie die familiären Themen spiegeln. Es war ein Austarieren zwischen "Was braucht der Fall" und "Was braucht die Figur" – aber genau in diesem Spannungsfeld liegt für uns auch der Reiz einer guten Krimireihe.

Gedreht wurde in Tirol, unterstützt von mehreren Filmförderungen. Welche Möglichkeiten eröffnet die Region produktionstechnisch – und welche Herausforderungen bringt sie mit sich?
Mathias Lösel: Als deutscher Produzent kann man nur mit Begeisterung auf das blicken, was filmförderungstechnisch in den letzten Jahren in Tirol und in ganz Österreich auf die Beine gestellt wurde. Das Konzept von FISAplus ist ein absolutes Erfolgsmodell in Kombination mit dem RTR Fernsehfonds und den seit vielen Jahren erfolgreich etablierten Regionalförderungen aus den Bundesländern. Nationale Tax rebate- bzw. Tax incentive-Modelle haben überall zu einem Wachstum der lokalen Filmwirtschaft geführt – nur Deutschland schafft es nicht, solch ein Modell auf den Weg zu bringen, weil der politische Wille fehlt und man sich mit Taschenspielertricks um angebliche Investitionsverpflichtungen und Filmförderungsaufstockungen aufhält, die dann nicht kommen. Wir sind in Europa deshalb inzwischen abgehängt und wirtschaftlich unattraktiv, weshalb seit Jahren immer mehr deutsche Produktionen im Ausland produziert werden (müssen).

Constanze Schumann: Auch wenn es momentan in Österreich durch Kürzungen schwieriger geworden ist Fördermittel zu akquirieren als noch vor zwei Jahren, muss ich trotzdem sagen, dass ohne diese Förderungen unser Projekt nicht zustande gekommen wäre. In einer Zeit, wo überall die finanziellen Mittel knapper werden und Co-Produktionen unumgänglich, braucht es den politischen Willen, Filme als Kulturgut zu verstehen, aber auch die unleugbare Wertschöpfung, die Produktionen in unser Land bringen, zu sehen. Das Bundesland Tirol hat durch die sehr engagierte Cine Tirol hier Vieles richtig gemacht. Neben Wien hat Tirol sicher die am besten aufgebaute Infrastruktur für Filmaufnahmen in Österreich.

Mit filmpool fiction und Rundfilm arbeiten zwei Produktionsfirmen eng zusammen. Wie hat sich diese Zusammenarbeit in der Entwicklung und Umsetzung der Reihe gestaltet?
Constanze Schumann: Wie bereits erwähnt hatte Mathias die Idee zu «Tiroler Blut» und ist damit an den ORF und die Degeto herangetreten. Da die Dreharbeiten in Österreich stattfinden sollten, war er ursprünglich auf der Suche nach einer Serviceproduktion vor Ort. Durch die Art der Finanzierung wurde daraus allerdings eine sehr schöne Ko-Produktion, die schließlich in einer gemeinsamen Arbeit an den Büchern und in der Umsetzung mündete. Ich fand von Anfang an die Grundprämisse der Reihe besonders und habe die klare Vision von Mathias geschätzt, die von Christian Jeltsch fantastisch umgesetzt wurde. Auch wenn Rundfilm hauptverantwortlich für die Dreharbeiten war, war der ganze Prozess von der Entwicklung, über das Casting bis zur Fertigstellung stets sehr gemeinschaftlich, da Mathias‘ und meine Art Filme zu machen sehr ähnlich ist. Insofern hoffe ich natürlich sehr, dass diese schöne Zusammenarbeit in weiteren Folgen weitergeht.

Mathias Lösel: Das hätte Constanze nicht besser ausdrücken und zusammenfassen können. Unsere Zusammenarbeit war und ist wirklich in jeder Hinsicht eine Freude und eine Partnerschaft im allerbesten Sinne.

Der DonnerstagsKrimi steht für hochwertige 90-Minüter. Hat sich der Anspruch an diese Sendeplätze in den vergangenen Jahren verändert – auch mit Blick auf die Konkurrenz durch Streamingdienste?
Mathias Lösel: Tatsächlich kann man von einer positiven Konkurrenz zwischen den DonnerstagsKrimi-Reihen der ARD sprechen, sie sind alle hochwertig produziert und beim Publikum sehr erfolgreich; die Streamingdienste stellen hierbei meiner Ansicht nach keine Konkurrenz dar. Der DonnerstagsKrimi ist mit den Jahren zu einer der stärksten Säulen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geworden, regelmäßig werden Marktanteile von über 20 Prozent in der Primetime erzielt, teilweise auch 25 Prozent und mehr; auch unserer seit vielen Jahren laufenden Reihe «Kommissar Dupin» gelingt dies regelmäßig. Diese beeindruckenden Zahlen beweisen einmal mehr, wie relevant, breitenwirksam und wichtig das fiktionale Programm der Öffentlich-Rechtlichen ist.

Die Filme erscheinen zunächst in der ARD Mediathek und anschließend im Ersten. Welche Bedeutung hat diese Auswertungsstrategie heute für die Entwicklung einer neuen Marke?
Mathias Lösel: Soweit ich das beurteilen kann, ist diese Auswertungsstrategie der ARD sehr erfolgreich und beim Publikum inzwischen gelernt. Meine Wahrnehmung ist, dass lineare und digitale Auswertung nicht mehr als Gegensätze verstanden werden, sondern sich komplementär ergänzen. Als Macher kann ich eine neue Reihe in dem Bewusstsein entwickeln, dass das Publikum einen neuen Film sowohl als singuläres Ereignis – sprich lineare TV-Premiere – als auch als jederzeit verfügbare vollständige Reihe mit Serien-Charakter erleben und konsumieren kann.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Das Erste strahlt «Tiroler Blut» am Donnerstag, 8. Oktober, um 20.15 Uhr aus. Seit 5. Oktober steht der Film in der ARD Mediathek zur Ansicht bereit.

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