Die AGF Next Gen Videostudie 2026 kommt zu einem Ergebnis, das in den Meldungen meist untergegangen ist. 85,3 Prozent der 1- bis 17-Jährigen nutzen täglich Bewegtbild, und während Streaming und Social Media die selbstbestimmte Nutzung prägen, bleibt der Fernseher ausgerechnet dort zentral, wo es um gemeinsame Momente in der Familie geht.
Der Befund ist interessanter, als er klingt. Er sagt nämlich, dass das Gerät seine technische Funktion längst verloren hat und eine soziale behalten durfte. Niemand braucht 2026 einen Fernseher, um eine Serie zu sehen. Man braucht ihn, um sie mit jemandem zu sehen.
Die Quote misst Geräte, keine Gesellschaft
Hier liegt das eigentliche Problem der Bewegtbildforschung, und es ist kein neues. Panels zählen Nutzungsvorgänge. Sie zählen nicht, wie viele Menschen währenddessen im Raum sitzen, und noch viel weniger, wie viele währenddessen über eine Leitung zugeschaltet sind.
Beim linearen Fernsehen war das verschmerzbar. Die Gleichzeitigkeit war eingebaut: Alle sahen das Gleiche zur gleichen Zeit, der Tatort lief am Sonntag um 20:15 Uhr, und am Montag redete das halbe Büro darüber. Das Ereignis erzeugte die Gemeinschaft, ohne dass jemand nachhelfen musste.
Streaming hat genau diese Eigenschaft abgeschafft. Ein Titel erscheint komplett, wird über drei Wochen verteilt konsumiert, und zwei Personen im selben Freundeskreis befinden sich praktisch nie an derselben Stelle der Staffel. Der Vorteil liegt auf der Hand. Der Preis ist eine Zersplitterung, die niemand bestellt hat und die die Anbieter inzwischen selbst als Problem erkennen.
Was das Publikum sich selbst gebaut hat
Bemerkenswert ist, wie das Publikum reagiert hat: nicht durch Rückkehr zum linearen Programm, sondern durch Rekonstruktion der Gleichzeitigkeit auf eigene Faust.
Verabredungen zur Minute. Countdowns in Gruppenchats. Und daneben, seit einigen Jahren deutlich häufiger, ein offener videochat neben dem Stream, in dem zwei oder drei Leute sitzen, die dieselbe Folge sehen und dabei reagieren dürfen. Wer das für eine Jugenderscheinung hält, sollte sich anschauen, wie viele Menschen über vierzig internationale Sportereignisse mittlerweile so verfolgen.
Der Effekt ist derselbe, den das Lagerfeuerfernsehen hatte. Nur ist das Feuer jetzt über mehrere Wohnzimmer verteilt.
Der Einwand: Ist das nicht einfach Second Screen?
Der naheliegende Widerspruch lautet, dass es dafür längst einen Begriff gibt und die Branche ihn seit zehn Jahren vermisst. Das stimmt nur halb.
Second Screen meinte fast immer Text: Twitter-Kommentare, Live-Ticker, ein Hashtag, der neben der Sendung mitläuft. Diese Form hat eine eingebaute Schwäche. Sie richtet sich an ein Publikum. Man schreibt nicht für die drei Leute, mit denen man schaut, sondern für alle anderen – und das verändert, was gesagt wird. Pointen statt Reaktionen.
Eine Leitung mit Bild und Ton funktioniert anders herum. Sie hat kein Publikum, nur ein Gegenüber. Es gibt nichts zu performen, nichts bleibt stehen, und niemand kann es am nächsten Tag zitieren. Ein video chat während einer Sendung erzeugt deshalb den Tonfall des gemeinsamen Sofas, während ein Hashtag den Tonfall der Bühne erzeugt. Beides hat seine Berechtigung, aber es ist nicht dasselbe Produkt.
Warum ausgerechnet Bild und Ton
Es gäbe ja eine einfachere Lösung, nämlich Telefonieren. Dass sich trotzdem die Kamera durchsetzt, hat einen konkreten Grund: Bei gemeinsamer Rezeption wird wenig gesprochen und viel reagiert.
Das Entscheidende an einer Wendung in Minute 38 ist nicht der Kommentar danach, sondern das Gesicht währenddessen. Tonspur allein transportiert das nicht. Wer schon einmal versucht hat, ein Fußballspiel per Telefon mit jemandem zu schauen, kennt die eigenartigen Pausen, in denen man nicht weiß, ob der andere gerade dasselbe gesehen hat.
Praktisch bleiben zwei Dinge zu klären, an denen solche Runden regelmäßig scheitern. Erstens der Versatz: Zwei Streams laufen fast nie synchron, und zwei Sekunden Vorsprung reichen, um eine Pointe zu ruinieren – erfahrene Gruppen legen fest, wer in der letzten Minute einer Szene stummgeschaltet wird. Zweitens die Plattformfrage, die technischer ist, als sie aussieht. Ob ein Anbieter die Verbindung über eigene Server leitet oder die Teilnehmer direkt verbindet, entscheidet darüber, ob das Gegenüber die IP-Adresse sieht. Ein live video chat mit serverseitiger Vermittlung, aktiver Moderation und dokumentierter Speicherfrist ist in dieser Hinsicht etwas völlig anderes als die anonymen Seiten, die dem Format vor fünfzehn Jahren seinen zweifelhaften Ruf eingebracht haben.
Was daraus für Sender und Plattformen folgt
Die Watch-Party-Funktionen der großen Anbieter haben sich bislang als zäh erwiesen, und der Grund dürfte weniger in der Technik liegen als im Zuschnitt: Sie funktionieren nur innerhalb einer Plattform und nur zwischen Abonnenten desselben Dienstes. Das Publikum bewegt sich aber quer durch alle Kataloge.
Was daraus folgt, ist eine unbequeme Einsicht für die Quotenforschung. Die soziale Nutzung wandert in Kanäle, die kein Panel der Welt erfasst, und sie wächst dort seit Jahren. Der Fernseher als Treffpunkt, den die AGF beschreibt, existiert weiterhin – er steht nur nicht mehr zwingend im selben Raum wie die Leute, die sich dort treffen.





Ralf Schmitz erleidet nächste RTL-Pleite - Oktagon gelingt Höhenflug
Sat.1 gibt Ralf Dümmels «Millionenidee» den erfolgreichen Leischik-Sendeplatz

Produktionsassistenz (w/m/d)
TV Producer Live Shopping (m/w/d)




Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel