Mit Rosalie Thomass als neuer Ermittlerin Emilia Rathgeber beginnt für den Franken-«Tatort» ein neues Kapitel. BR-Redakteurin Claudia Luzius spricht über die Neubesetzung, das Zusammenspiel mit Fabian Hinrichs und den neuen Fall "Gottesgarten", in dem Recht und Gerechtigkeit aufeinanderprallen.
Frau Luzius, mit Emmy Rathgeber bekommt Felix Voss eine neue Partnerin. Sie sagen, die Figur sei erst im Casting mit Rosalie Thomass wirklich entstanden. Wie ungewöhnlich ist es für eine Redaktion, eine zentrale «Tatort»-Figur zunächst bewusst so offen zu entwickeln?
Selbstverständlich war die Figur Emilia Rathgeber dank eines kreativen Prozesses mit Drehbuchautor Constantin Lieb bereits skizziert. Offen war, wie diese Figur ausgestaltet, mit Leben erfüllt werden würde. Und das ist in einem solchen Prozess nichts Ungewöhnliches: Jede Schauspielerin und jeder Schauspieler bringt ein ganz eigenes Talent und Spielvermögen mit und insofern kann eine Rolle äußerst vielfältig interpretiert werden. Die Besetzung definiert schlussendlich, wie eine Figur in allen Facetten ausgestaltet wird. Beim Casting hat das Zusammenspiel von Rosalie Thomass und Fabian Hinrichs dann so umwerfend funktioniert, dass uns klar war: Es ist diese besondere Emilia Rathgeber, die jetzt in das feine Format „Tatort Franken“ hineinkommt. Gemeinsam mit Rosalie haben wir die Emmy danach voller Freude vertieft und weiter ausgefüllt. Diese Vertiefung hat wiederum natürlich das gesamte Drehbuch beeinflusst. In diesem kreativen, äußerst wertvollen Prozess der Findung hatte ich übrigens Casting-Direktorin Daniela Tolkien an meiner Seite. Eine sehr inspirierende Zusammenarbeit – denn das ist das Spannende bei der Vorbereitung für einen Film: Wie das geschriebene Wort in der Vorstellung mit dem Cast in unterschiedlichen Farben lebendig wird und sich das ganze Potenzial entfaltet!
Als Rosalie Thomass und Fabian Hinrichs gemeinsam vorspielten, war für Sie sofort eine besondere Energie spürbar. Was haben Sie in diesem Moment gesehen, das sich weder im Drehbuch festschreiben noch durch klassische Figurenentwicklung herstellen lässt?
Vor allem die Neugier aufeinander war sehr deutlich. Also neben dem profanen Kennenlernen von Emilia Rathgeber und Felix Voss war da schlicht die Frage: „Wer ist das denn jetzt da vor mir?“ Und gleichzeitig eine ganz große Selbstverständlichkeit, den anderen so zu nehmen, wie er ist. Aber natürlich hat die Emmy den Felix auf ihre Art herausgefordert, nämlich mal schön rauszukommen, aber in ihre Richtung. Also nicht verkopft, wie der Felix auch gern mal sein kann und weiterhin sein darf, aber eben nicht immer ... Genau das hatte ich mir erhofft! Und mit mir die Programmbereichsleiterin Spiel-Film-Serie des BR, Bettina Ricklefs. Die Unterschiedlichkeit der beiden Darstellenden war ein Aufeinandertreffen mit großer Spannung – aber ohne jedes Konkurrenzgehabe und der zwanghaften Suche nach Konflikt. Sondern, wie schon gesagt, ein neugieriges Miteinander. Klingt vielleicht unspektakulär – aber mein Fokus ist und bleibt auf den Fällen, da bleibe ich dem Konzept der «Tatorte» aus Franken treu.
Emmy soll Felix Voss herausfordern, ergänzen und auch irritieren. Wie wichtig war Ihnen, nach dem bisherigen Franken-«Tatort» nicht einfach eine neue Kollegin in eine vorhandene Position zu setzen, sondern die Dynamik des gesamten Ensembles zu verändern?
Selbstverständlich war das Ensemble von Anfang an im Blick bei der Findung des Neuzugangs in der Mordkommission Nürnberg. Antrieb war übrigens nicht ein Veränderungswille per se. Im Hinblick auf Wanda Goldwasser, gespielt von Eli Wasserscheid, war beispielsweise der Wunsch sehr groß, eine neue Hauptkommissarin zu finden, mit der sich Wanda gut austauschen kann. Bei der es keine Konkurrenz gibt, sondern ein sehr selbstverständliches solidarisches Miteinander unter Frauen. Was die Gesamt-Dynamik betrifft, wollten wir mit der Neubesetzung gleichermaßen eine schöne Emotionalität zwischen den Figuren möglich machen. Und – last but not least – die den speziellen Humor auch bedienen kann, der bei diesem Format im einzigartigen und liebenswerten Franken zu Hause ist. All das vereint Rosalie zu hundert Prozent.
Emmy wird als klar, direkt und zugleich warm und offen beschrieben. Welche Konflikte kann gerade diese Persönlichkeit künftig mit einem eigenwilligen Ermittler wie Felix Voss erzeugen?
Auch mit Menschen, die von überaus guten Eigenschaften geprägt sind, kann man ja bekanntlich aneinandergeraten. Vielleicht gerade mit diesen. Emmys Klarheit und Direktheit können insofern mit Voss kollidieren, als dass er einfach ein völlig anderer Typ ist. Da, wo er auf unsicherem Terrain steht, weiß sie genau, worauf es ankommt. Und da, wo er voranprescht, ist sie eventuell vorsichtiger – aus Empathie und Lebenserfahrung. Das wird uns ganz sicher begegnen. Nämlich schon im nächsten Fall.
Für Emmys ersten Fall haben Sie mit „Gottesgarten“ eine Geschichte gewählt, in der Recht und das persönliche Empfinden von Gerechtigkeit auseinanderfallen. Warum eignet sich gerade dieses moralische Dilemma besonders gut, um eine neue Ermittlerin vorzustellen?
Alle Figuren in diesem Film werden mit diesem Umstand konfrontiert. Dieser innere wie äußere Konflikt gibt wunderbaren Raum für Diskurs, zu hinterfragen, wie wir miteinander leben, nach welchen Regeln wir leben und wie wir das bewerten. Ein hochemotionaler Konflikt, gerade in unserer demokratischen Gesellschaft heute, in der wir aushalten müssen, dass Recht und Gerechtigkeitsempfinden vielleicht manchmal nicht zusammenkommen.
Der Grundsatz, dass niemand wegen derselben Tat zweimal strafrechtlich verfolgt werden darf, bildet einen wesentlichen Ausgangspunkt der Geschichte. Wie anspruchsvoll war es, eine juristisch komplexe Frage so zu erzählen, dass daraus kein Rechtsseminar, sondern ein emotionaler Kriminalfall entsteht?
Für Constantin Lieb war das gar kein Problem. Und so auch für uns nicht, die wir den kreativen Prozess begleitet haben. Der strafrechtliche Grundsatz „ne bis in idem“ bildet die Basis des Falls, ist aber nie „on the nose“, also trocken und theoretisch. Er ist umgekehrt der starke Motor der Geschichte, der alles in Gang bringt und am Laufen hält.
Mit dem Mord an dem Travestiekünstler Elias Schaller beginnt der Film zunächst scheinbar als Fall aus dem Rotlichtmilieu, bevor sich eine wesentlich komplexere Geschichte entfaltet. Wie wichtig war Ihnen, dabei mit den ersten Erwartungen des Publikums zu spielen, ohne das Opfer auf sein Umfeld zu reduzieren?
Ein Opfer hat immer eine Geschichte. Und der Anfang ist Teil der Geschichte von Elias. Das war auch Regisseur Dustin Loose wichtig, Elias am Anfang und auch im weiteren Verlauf diese Momente zu geben. Hier ging es nicht um falsche Fährten, sondern es ging Constantin und uns darum, ihn als Mensch zu erzählen und auch darum, zu erzählen, wo er sein Geld verdiente. Und das führt uns in eine Welt, in der vieles passieren kann. Das fanden wir aus Spannungsgründen durchaus auch gut, und diese Etablierung ergibt im Nachhinein sehr viel Sinn.
Der Fall führt aus einem Nürnberger Stundenhotel in die oberfränkische Region Gottesgarten und zu Elias’ Familie. Welche Rolle spielt dieser Kontrast zwischen vermeintlich idyllischer Landschaft und einer sehr schmerzhaften Familiengeschichte für den Film?
Das Narrativ gefährliche Stadt versus idyllisches Landleben ist ja ein Stereotyp... Es ist wichtig, sich diese Wahrheit immer mal vorzuholen, also, dass vermeintlich geschützte Räume nicht immer Sicherheit bedeuten. Unsere Geschichte spielt fiktiv in der Nähe von Bad Staffelstein, in der Region „Gottesgarten“. Dieser Name gibt zunächst das Versprechen ab, dass hier die Welt noch in Ordnung ist. Constantin Lieb hat uns mit dem Titel für diese Geschichte sofort überzeugt: Ein Garten, der Gott gehört, oder von Gott geprägt ist, ein Garten Gottes also, das ist ja eigentlich das Paradies. Selbstverständlich kann dieser real existierende Ort stellvertretend für alle mutmaßlich friedlichen Orte stehen.
Sie sprechen von „gefühlter Gerechtigkeit“. Gerade Krimis verführen das Publikum häufig dazu, sehr schnell ein moralisches Urteil zu fällen. Wollten Sie mit „Gottesgarten“ bewusst einen Fall erzählen, bei dem man sich am Ende fragen muss, ob das eigene Gerechtigkeitsempfinden überhaupt ein verlässlicher Maßstab ist?
Ein guter Krimi erzählt immer differenziert und hat möglichst auch Relevanz. Und im allerbesten Fall löst eine filmische Erzählung Fragen aus, die über den Film hinausgehen. Das zu erreichen, würde ich immer als erstrebenswert erachten und diesen Anspruch haben die Produzentinnen Uli Putz und Veronika Ackermann von Claussen & Putz, die „Gottesgarten“ im Auftrag des Bayerischen Rundfunks produziert haben, mit mir geteilt. Und was Ihre konkrete Frage betrifft: Ich glaube, dass das der Fall sein könnte. Aber vielleicht auch nicht bei allen Zuschauerinnen und Zuschauern. Wir sind gespannt, wie die Reaktionen sein werden!
Der Franken-«Tatort» bekommt mit Rosalie Thomass eine wichtige neue Figur, soll aber als gewachsenes Ensemble erkennbar bleiben. Wie viel Erneuerung wollten Sie mit Emmy Rathgeber wagen, ohne die Identität der bisherigen Reihe aufzugeben?
Treu bleiben wollte ich der Linie, die Fälle im Vordergrund zu halten, auch mit der neu ankommenden Emmy Rathgeber. Und außerdem ist alles Neue immer eine Chance! Hier steht und fällt doch vieles mit guter Absprache, in alle Gewerke hinein. Besonders beglückt hat mich Dustin Loose in der Regie: Für Redaktion, Cast und Crew war er ein großartiger Partner, um die bisherige Farbe der Reihe fortzuführen und zugleich mit Rosalie Thomass als Emmy Rathgeber, Raum für Neues zu schaffen.
Emmy Rathgeber ist ausdrücklich nicht nur für diesen einen Film konzipiert. Welche Seiten der Figur möchten Sie in den kommenden Fällen noch entdecken und wie langfristig denken Sie redaktionell bereits über die neue Konstellation Rathgeber und Voss nach?
Mein Herzenswunsch: diese Konstellation noch viele Jahre weitererzählen zu können. Welche Facetten Emmy künftig entfalten wird, lässt sich heute nicht absehen – und genau darin liegt der Reiz: die Figur weiter auszuloten, was in ihr und insbesondere im Zusammenspiel mit Felix Voss, steckt. Dieser Prozess ist für mich grundsätzlich Teamarbeit. Im besten Fall stehen mir die besten Autorinnen und Autoren sowie Regie und Produktion als kreative Partner zur Seite, sodass wir die Figuren und ihre Geschichten gemeinsam weiterdenken können. Wichtig bleibt für mich der Austausch mit Rosalie Thomass, auch weil sie Emmy mit ihrem Spiel immer wieder neue Facetten verleiht. Ich kann mir diese Besetzung und diese Konstellation also sehr langfristig vorstellen – für mich ist sie derzeit ideal.
Danke für Ihre Zeit!
Das Erste strahlt „Gottesgarten“ am Sonntag, 25. Oktober, um 20.15 Uhr aus. Der «Tatort» ist bereits am Freitag in der ARD Mediathek abrufbar.
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