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‘Der Weg ins Chaos: Wie Republikaner und Demokraten Trumps Aufstieg möglich machten: Der Bericht eines Insiders zwischen Wall Street und Weißem Haus‘

von

Anthony Scaramucci kennt die amerikanische Politik aus einer Perspektive, die nur wenige Autoren bieten können.

Zehn Tage können ausreichen, um politische Geschichte zu schreiben. Anthony Scaramucci war im Sommer 2017 gerade einmal zehn Tage lang Kommunikationsdirektor im Weißen Haus, bevor seine Karriere unter Donald Trump ein abruptes Ende fand. Seither gehört der ehemalige Hedgefondsmanager zu den prominentesten Kritikern des amerikanischen Präsidenten. Dass ausgerechnet ein Mann, der einst an Trumps Aufstieg mitwirkte, nun dessen politische Karriere analysiert, macht „Der Weg ins Chaos“ zu einer besonders interessanten Veröffentlichung. Allerdings wirft diese Ausgangslage auch eine entscheidende Frage auf: Wie glaubwürdig ist jemand, der das System zunächst unterstützte und erst später zu seinem entschiedenen Gegner wurde?

Scaramucci macht es sich zumindest in seiner grundlegenden Argumentation nicht so einfach, sämtliche Probleme der Vereinigten Staaten auf Donald Trump zu reduzieren. Vielmehr beschreibt er dessen Aufstieg als Ergebnis einer Entwicklung, die lange vor der Präsidentschaft des Immobilienunternehmers begann. Wirtschaftliche Fehlentscheidungen, gesellschaftliche Ungleichheiten und eine politische Klasse, die zunehmend den Kontakt zu Teilen der Bevölkerung verlor, hätten den Boden für den Populismus bereitet. Dabei richtet sich der Blick ausdrücklich auf beide großen amerikanischen Parteien. Gerade dieser Ansatz unterscheidet das Buch von zahlreichen Veröffentlichungen, die sich ausschließlich mit Trumps Persönlichkeit beschäftigen.

Die Biografie des Autors liefert dafür eine ungewöhnliche Grundlage. Scaramucci bewegte sich über Jahrzehnte in den Kreisen der amerikanischen Finanzwelt, sammelte Spenden für Barack Obama und fand später den Weg in das republikanische Machtzentrum. Er kennt damit unterschiedliche politische Milieus, die sich in der öffentlichen Debatte häufig unversöhnlich gegenüberstehen. Sein Blick auf Washington ist deshalb nicht allein der eines politischen Kommentators, sondern auch der eines Mannes, der selbst Teil jener wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Elite war, deren Versäumnisse er heute beschreibt.

Besonders interessant ist die Frage, warum sich so viele Amerikaner von den etablierten Parteien abwandten. Trumps Erfolg lässt sich schließlich nicht allein mit seiner medialen Präsenz, seinen Provokationen oder seinem Talent für politische Inszenierungen erklären. Seine Botschaften trafen auf eine Bevölkerung, in der wirtschaftliche Unsicherheit und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen längst verbreitet waren. Scaramuccis zentrale These, dass die politischen Entscheidungsträger beider Lager an dieser Entwicklung beteiligt waren, eröffnet eine deutlich umfassendere Perspektive auf die gegenwärtige Krise der amerikanischen Demokratie.

Allerdings liegt in dieser Argumentation auch eine mögliche Schwäche. Wer die Verantwortung auf Republikaner und Demokraten verteilt, läuft Gefahr, unterschiedliche politische Entscheidungen und Verantwortlichkeiten zu stark miteinander gleichzusetzen. Nicht jede wirtschaftspolitische Fehlentscheidung besitzt dieselbe Tragweite, und nicht jede Form politischer Enttäuschung erklärt automatisch die Bereitschaft, demokratische Institutionen infrage zu stellen. Eine überzeugende Analyse muss deshalb zwischen den langfristigen Ursachen des Populismus und den konkreten Entscheidungen seiner politischen Akteure unterscheiden.

Hinzu kommt Scaramuccis eigene Vergangenheit. Seine kurze Zeit im Weißen Haus mag heute wie eine kuriose Episode der ersten Trump-Präsidentschaft erscheinen, doch sie steht stellvertretend für ein größeres Problem: Viele einflussreiche Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik glaubten zunächst, Trump kontrollieren oder für ihre eigenen Ziele nutzen zu können. Erst später distanzierten sich einige von ihnen öffentlich. Gerade deshalb ist Scaramuccis Perspektive wertvoll, aber keineswegs neutral. Seine Kritik an Trump ist immer auch die politische Bilanz eines Mannes, der seine eigene frühere Entscheidung erklären muss.

Das Buch erscheint zudem in einer Phase, in der die Vereinigten Staaten längst über die erste Trump-Präsidentschaft hinausgegangen sind. Seine Rückkehr ins Weiße Haus hat die Frage nach der Widerstandsfähigkeit demokratischer Institutionen noch dringlicher gemacht. Scaramucci beschäftigt sich deshalb nicht nur mit den Ursachen der politischen Krise, sondern auch mit der Zukunft des Landes. Kann eine Demokratie dauerhaft funktionieren, wenn ein erheblicher Teil ihrer Bevölkerung das Vertrauen in die politischen Institutionen verloren hat? Und wie können Parteien dieses Vertrauen zurückgewinnen, wenn sie selbst zu seiner Erosion beigetragen haben?

Die Stärke des Buchkonzepts liegt in der Verbindung von persönlicher Erfahrung und politischer Analyse. Scaramucci kann Zusammenhänge zwischen Finanzwelt, Parteipolitik und öffentlicher Stimmung herstellen, die in der täglichen Nachrichtenberichterstattung häufig getrennt betrachtet werden. Gleichzeitig sollte man von einem solchen Insiderbericht keine vollkommen unabhängige Geschichtsschreibung erwarten. Persönliche Erfahrungen ermöglichen ungewöhnliche Einblicke, führen aber zwangsläufig auch zu einer subjektiven Auswahl und Gewichtung der Ereignisse. Gerade bei einem politisch so engagierten Autor ist diese Unterscheidung wichtig.

Mit rund 450 Seiten verlangt „Der Weg ins Chaos“ seinen Lesern einiges an Interesse für amerikanische Politik ab. Die thematische Bandbreite macht das Buch vor allem für Menschen interessant, die nicht nur verstehen wollen, was Donald Trump getan hat, sondern weshalb seine politische Bewegung überhaupt entstehen und dauerhaft erfolgreich sein konnte. Wer dagegen eine distanzierte wissenschaftliche Untersuchung erwartet, sollte berücksichtigen, dass Scaramucci selbst eine politische Position vertritt und seine Darstellung aus einer persönlichen Perspektive entwickelt.

Am Ende ist „Der Weg ins Chaos“ vor allem wegen seines Autors bemerkenswert. Anthony Scaramucci verkörpert einen Teil jener amerikanischen Elite, die Donald Trump zunächst den Weg ebnete und später vor den Folgen seiner Politik warnte. Darin liegt zugleich der größte Reiz und der wichtigste Vorbehalt gegenüber diesem Buch. Es ist nicht nur eine Abrechnung mit einem Präsidenten, sondern auch ein Zeugnis darüber, wie politische Fehleinschätzungen entstehen können. Die entscheidende Erkenntnis reicht dabei über Trump hinaus: Eine Demokratie gerät selten durch einen einzelnen Politiker in Schwierigkeiten. Gefährlich wird es, wenn ihre Institutionen, Parteien und gesellschaftlichen Eliten über Jahre hinweg die Voraussetzungen für ihren eigenen Vertrauensverlust schaffen.

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