Stab
Darsteller: Marleen Lohse, Sara Hjort Ditlevsen, Serkan Kaya, Stephan Kampwirth, Antonia Breidenbach, Vibeke HastrupMusik: Meredi
Kamera: Fee Strothmann
Buch: Anne-M. Keßel
Regie: Lynn Oona Baur
Die Anlage von «Frau ohne Namen» gerät somit in ihrer Prämisse durchaus reizvoll. Ein Kriminalfall, dessen Bilder scheinbar alles zeigen und doch nicht alles erklären, trifft auf eine Expertin, die gerade im Flüchtigen ihre besondere Erkenntnisquelle sieht. Was verrät ein Gesicht, wenn sein Besitzer schweigt? Und wann wird die Fähigkeit, feinste Regungen wahrzunehmen, zur Versuchung, in ihnen mehr zu erkennen, als tatsächlich vorhanden ist? Der Film von Regisseurin Lynn Oona Baur und Autorin Anne-M. Keßel berührt damit Fragen, die weit über den üblichen Verdächtigenreigen hinausreichen. Leider entwickelt er aus seinem vielversprechenden Ausgangspunkt jedoch nicht durchgehend die Konsequenz, die dieses Thema verdient hätte.
Das beginnt bei Marlene Nielsen selbst. Marleen Lohse spielt die Psychologin mit einer kontrollierten Intensität, die gut zu einer Frau passt, deren berufliche Identität auf genauer Beobachtung beruht. Nielsen registriert, sortiert, interpretiert. Doch je stärker sie sich auf ihre Wahrnehmung verlässt, desto weniger scheint sie deren Grenzen zu reflektieren. Das hätte ein faszinierender innerer Konflikt werden können: eine Wissenschaftlerin, deren besondere Kompetenz zugleich ihre größte Schwäche darstellt. Der Film deutet diesen Widerspruch an, macht ihn aber nicht immer zum eigentlichen Gegenstand seiner Dramaturgie. Stattdessen dient Nielsens zunehmende Gewissheit vor allem dazu, die Handlung voranzutreiben – und bleibt somit psychologisch unterbelichtet.
Dabei wäre gerade die Methode der Mikroexpressionen ein guter Anlass für produktive Skepsis. Denn aus einer kaum wahrnehmbaren Regung lässt sich nicht ohne Weiteres auf eine konkrete Absicht schließen. Mimik ist kein Untertitel des Bewusstseins, und selbst eine präzise Beobachtung bleibt interpretationsbedürftig. «Frau ohne Namen» gewinnt Spannung aus der Möglichkeit, dass Nielsen etwas erkennt, das anderen entgeht. Weniger überzeugend ist, dass der Film den Unterschied zwischen einer begründeten Hypothese und einer belastbaren Erkenntnis nicht konsequent genug ausleuchtet. So droht ausgerechnet jene psychologische Expertise, die den Fall interessant macht, zu einer Art dramaturgischem Orakel zu werden.
Dass Nielsen schließlich auf eigene Faust ermittelt, ist für einen Fernsehthriller beinahe unvermeidlich. Dieses Moment verschiebt den Film aus dem institutionellen Verfahren in das vertraute Terrain der persönlichen Grenzüberschreitung. Allerdings verliert die Geschichte dabei etwas von ihrer anfänglichen intellektuellen Spannung. Die Frage, ob eine Frau anhand ihres Gesichtsausdrucks tatsächlich als Täterin oder Opfer verstanden werden kann, wäre ergiebiger gewesen als die immer neue Bestätigung, dass hinter dem scheinbar eindeutigen Fall noch etwas verborgen liegt. Nicht jedes Geheimnis wird interessanter, nur weil man es länger zurückhält.
Die Inszenierung von Lynn Oona Baur und die Kameraarbeit von Fee Strothmann unterstützen derweil gekonnt, aber unspektakulär die kühle, beobachtende Grundstimmung. Der Film besitzt unbestreitbar ein Gespür für die verstörende Distanz zwischen dem, was auf einer Aufnahme sichtbar ist, und dem, was sich daraus tatsächlich ableiten lässt, und spiegelt dies auch in seiner eigenen Inszenierung. Doch «Frau ohne Namen» vertraut seiner Thrillermechanik stärker als seiner erkenntnistheoretischen Neugier. Am Ende bleibt die interessante Frage, wie viel Wahrheit ein Gesicht preisgibt – und die etwas weniger interessante Gewissheit, dass man nur lange genug hinsehen muss, um die richtige Geschichte darin zu finden. Dabei wäre es womöglich gerade die Einsicht in die Grenzen des eigenen Blicks gewesen, die diesen Film wirklich sehenswert gemacht hätte.Der Film «Frau ohne Namen» wird am Mittwoch, den 14. Oktober um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.







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