Interview

Christoph Eder: ‚Freiheit bedeutet eben nicht, dass man nichts verliert‘

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«Go West! Die letzte Elf der DDR» erzählt den Umbruch von 1989 und 1990 durch die Augen ostdeutscher Fußballer. Filmemacher Christoph Eder spricht über Matthias Sammers widersprüchliche Erinnerungen, Reiner Calmunds frühe Transferoffensive und darüber, warum sich Chancen und Verluste der Wiedervereinigung nicht voneinander trennen lassen.

Herr Eder, «Go West! – Die letzte Elf der DDR» erzählt den Mauerfall aus einer ungewöhnlichen Perspektive: anhand einer Fußball-Nationalmannschaft. Wann haben Sie gemerkt, dass sich über diese Mannschaft auch die Geschichte einer ganzen Gesellschaft erzählen lässt?
Eigentlich ziemlich schnell. Denn wenn man sich anschaut, was zwischen November 1989 und der Wiedervereinigung im Oktober 1990 passiert, dann findet man im Fußball im Kleinen vieles wieder, was gleichzeitig im ganzen Land passiert: Aufbruch und Euphorie, Unsicherheit, massive Abwanderung, wirtschaftliche Interessen. Natürlich auch die Frage: Was wird eigentlich aus mir?

Das ist für mich eine der Kernfragen der Serie. Da sind junge Männer Anfang 20, die plötzlich Möglichkeiten haben, von denen sie wenige Wochen vorher nicht einmal träumen konnten. Gleichzeitig verschwindet gerade das Land, in dem sie aufgewachsen sind. Und genau deshalb ist «Go West!» für mich viel mehr als eine Fußballgeschichte. Sie zeigt, was dieser enorme Umbruch mit den Menschen gemacht hat und welche Möglichkeiten sich plötzlich eröffneten, aber auch, was dabei verloren ging. Und vieles davon wirkt bis heute nach.

Am 9. November 1989 bereitet sich die DDR-Auswahl auf das entscheidende WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich vor. Wie haben Matthias Sammer, Ulf Kirsten, Eduard Geyer und die anderen Beteiligten Ihnen heute beschrieben, was der Mauerfall in diesem Moment persönlich und sportlich für sie bedeutete?
Was mich beeindruckt hat, ist, wie präsent diese Erinnerungen bei vielen noch sind. Gerade Matthias Sammer hat sehr offen darüber gesprochen. Er beschreibt diese unglaubliche Euphorie eines jungen Fußballers, dem plötzlich alle Türen offenstehen. Aber gleichzeitig spricht er auch vom Verlust seines „Fundaments“, also des Landes, in dem er aufgewachsen ist.

Und dann kommt noch diese völlig absurde sportliche Situation dazu: Eduard Geyer soll seine Mannschaft auf das wichtigste Qualifikationsspiel seit Jahren vorbereiten, während draußen gerade die Welt aufgeht und der Traum von der Bundesliga für seine Spieler greifbar scheint. Wie soll man als Trainer darauf reagieren? Dafür gab es in keinem Trainerhandbuch eine Anleitung.

Diese Gleichzeitigkeit von Euphorie, Unsicherheit und Fußballalltag fanden Autor Markus Brauckmann und ich wahnsinnig spannend.

Nur wenige Tage später scheitert die DDR in Wien an der WM-Qualifikation. Wie sehr wurde dieses Spiel im Nachhinein vom Mauerfall überlagert – und haben Sie bei Ihrer Recherche den Eindruck gewonnen, dass die historischen Ereignisse auch sportlich Einfluss auf die Mannschaft hatten?
Ob die DDR ohne den Mauerfall gewonnen oder Unentschieden gespielt hätte, was für die Qualifikation für die WM ausgereicht hätte, kann natürlich niemand seriös beantworten. Aber es kam schon extrem viel zusammen. Sammer war durch einen Magen-Darm-Infekt geschwächt, die Spieler erlebten gerade den größten politischen Umbruch ihres Lebens und gleichzeitig liefen im Hintergrund bereits die ersten Transfergeschäfte an.

Während des Spiels wurde sogar Sammer auf der Auswechselbank von einem Mitarbeiter Reiner Calmunds von Bayer Leverkusen angesprochen. Das muss man sich heute mal vorstellen: Die Mannschaft spielt um die WM-Qualifikation und auf der Bank wird im Grunde schon über die Zukunft einzelner Spieler verhandelt. Heute unvorstellbar.

Mit Reiner Calmund kommt eine ausgesprochen schillernde Figur aus dem Westen hinzu, die sehr schnell erkennt, welche Möglichkeiten sich für Bayer Leverkusen ergeben. Erzählen Sie hier auch eine Geschichte darüber, wie unterschiedlich Ost und West auf die neue Freiheit blickten – die einen voller Unsicherheit, die anderen bereits mit wirtschaftlichen Interessen?
Absolut. Wobei ich aufpassen würde, das zu einfach in „der unsichere Osten“ und „der gierige Westen“ aufzuteilen. Genau das wollen wir in der Serie nicht. Aber Calmund ist natürlich eine fantastische Figur für diese Zeit. Während im Osten viele noch überlegen: „Was passiert hier eigentlich gerade mit meinem Leben?“, denkt er schon sehr konkret: Welche Spieler können wir holen und wie bekommen wir sie?

Und aus seiner Perspektive ist das sogar logisch. Er ist Manager von Bayer Leverkusen und will das Beste für seinen Verein. Nur trifft dieser hochprofessionelle westdeutsche Fußballbetrieb auf ein System, dessen Regeln sich gerade innerhalb weniger Wochen komplett verändern. Spieler aus dieser Zeit erzählten uns, dass sie Blanko-Verträge unterschrieben und den Unterschied zwischen Brutto und Netto nicht kannten und später überrascht waren, dass nur ein Teil der verhandelten Summe auf ihrem Konto landete. Sowas wie Spielerberater oder Spieler-Transfers im heutigen Sinne, gab es in der DDR nicht. Da prallen unterschiedliche Welten aufeinander. Und genau deshalb ist Calmund für die Serie so interessant.

Die Doku-Serie stellt ausdrücklich die Frage, wie weit Calmund bei seiner Jagd auf die DDR-Stars gehen durfte. Sind Sie bei Ihren Recherchen auf Situationen gestoßen, die Sie mit heutigen Maßstäben als problematisch bezeichnen würden?
Es gibt Situationen, die heute schlicht unvorstellbar wären. Allein die Geschichte, dass während dieses entscheidenden Länderspiels ein Spieler auf der Auswechselbank von einem Vereinsvertreter angesprochen wird.

Aber wir wollten uns im Film nicht hinstellen und 35 Jahre später das Urteil sprechen. Viel spannender finde ich, wie unterschiedlich die Beteiligten das selbst bewerten. Calmund wurde im Westen damals als cleverer Manager gefeiert, der schneller war als die Konkurrenz. Eduard Geyer, damals Nationaltrainer der DDR, nennt ihn, durchaus mit einem Augenzwinkern, den „Obergangster“ und verurteilt das Vorgehen beim wichtigen Qualifikationsspiel scharf. Und Matthias Sammer sagt einerseits, Leverkusen sei hochprofessionell gewesen, stellt andererseits aber selbst die Frage, ob dieses Vorgehen eigentlich kriminell gewesen sei.

Diese Widersprüche und Fragen finde ich interessant, die Zuschauerinnen und Zuschauer können selbst beurteilen, wie sie es einschätzen.

Spieler wie Sammer, Kirsten und Thom machten anschließend große Karrieren im gesamtdeutschen Fußball. Besteht rückblickend die Gefahr, dass diese Erfolgsgeschichten verdecken, wie viele DDR-Fußballer und Vereine zu den Verlierern der Wiedervereinigung gehörten?
Die Gefahr besteht aus meiner Sicht nicht, weil wir gleichzeitig auch klar machen, welche Herausforderungen und Schwierigkeiten diese Zeit mit sich brachte, auch wenn unsere Protagonisten fast alle eine Karriere in der Bundesliga hingelegt haben. Ich glaube, es ist wichtig auch Erfolgsgeschichten von Menschen aus der ehemaligen DDR zu erzählen. Und wenn wir heute auf Matthias Sammer schauen, Europameister, Champions-League-Sieger, Deutscher Meister, Europas Fußballer des Jahres, dann hat er natürlich unglaublich viel erreicht. Ehrlich gesagt glaube ich aber auch, dass heute viele gar nicht wissen, dass Sammer aus der DDR stammt.

Was man natürlich nicht vergessen darf: In den Folgejahren des Mauerfalls geht quasi eine komplette Generation guter und talentierter Fußballer in den Westen. Und damit sind den Vereinen im Osten nicht nur Spieler verloren gegangen, sondern Qualität, Identifikationsfiguren und letztlich auch wirtschaftlicher Wert. Und diese Abwanderung erfolgte ja auch in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen im Osten. Davon hat man sich jahrelang nicht erholen können und es wirkt sicherlich auch bis heute nach.

Sie erzählen die Monate zwischen Mauerfall und dem letzten Länderspiel der DDR im September 1990 in nur drei halbstündigen Folgen. Wie haben Sie entschieden, wann Sie bei den prominenten Spielern bleiben und wann Sie den Blick auf die größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen richten?
Die Protagonisten waren für uns immer der Ausgangspunkt und das Zentrum der Erzählung. «Go West!» ist keine mit Fußballbildern illustrierte Geschichtsstunde. Die Serie bleibt ganz nah bei den Figuren und erzählt über ihre persönlichen Geschichten ganz nebenbei von einem gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch.

Wenn Matthias Sammer 1990 nach dem letzten Länderspiel der DDR zu seinem neuen Stuttgarter Trainer sagt, dass er nicht mittrainieren kann, weil er körperlich und psychisch zu fertig ist und ergänzt: „Trainer, mein Land und meine Nationalmannschaft gibt es nicht mehr“, dann steckt in diesem einen Satz eigentlich schon unglaublich viel von dem, was 1990 passiert ist und gleichzeitig merkt man ihm seine ambivalenten Gefühle und die Emotionalität an, die ihn in dieser Zeit begleitet hat.

Gleichzeitig braucht man natürlich den größeren Kontext, um zu verstehen, warum bestimmte Dinge passieren. Warum plötzlich Spieler abwandern, warum Vereine wirtschaftlich unter Druck geraten, warum westdeutsche Manager solche Möglichkeiten sehen. Unser Ziel war also immer: so viel Kontext wie nötig, aber so nah wie möglich bei den Protagonisten bleiben.

Über die Wiedervereinigung im Fußball wird häufig aus westdeutscher Perspektive erzählt. Wie wichtig war Ihnen, dass die ehemaligen DDR-Spieler nicht nur Zeitzeugen Ihrer Dokumentation sind, sondern ihre damaligen Hoffnungen, Ängste und möglicherweise auch Enttäuschungen den Blick auf diese Geschichte bestimmen?
Das war zentral. Wir haben uns mit unseren Protagonisten viele Stunden hingesetzt und über diese Zeit gesprochen.

Uns ging es aber genauso wenig darum, eine reine ostdeutsche Gegenerzählung zu setzen. «Go West!» ist eine deutsch-deutsche Geschichte. Wir erzählen nicht „den Osten“ und nicht „den Westen“. Wir erzählen Menschen, die dieselbe Zeit sehr unterschiedlich erlebt haben. Je mehr Perspektiven man zulässt, desto schwieriger wird der Anspruch auf die eine Wahrheit und desto interessanter wird die Geschichte.

35 Jahre später wird intensiv darüber diskutiert, warum ostdeutsche Vereine im Spitzenfußball lange kaum eine Rolle spielten. Haben Ihre Recherchen zu den Jahren 1989 und 1990 auch Antworten darauf geliefert, warum der Fußball im Osten nach der Wiedervereinigung so stark an Bedeutung verlor?
Zumindest einen Teil der Antwort. Man muss sich einfach klarmachen, was damals in sehr kurzer Zeit passiert ist: Fast eine komplette Generation guter Spieler ging in den Westen. Und der wirtschaftliche Zusammenbruch der DDR machte natürlich auch vor den Fußballvereinen nicht halt. Die Menschen mussten ihr Leben komplett neu ordnen, sich auf ein neues System einstellen, schauen, dass sie Arbeit bekommen, da stand Fußball sicherlich nicht im Vordergrund des Interesses.

Und wenn man heute sieht, wie identitätsstiftend etwa Hansa Rostock oder Dynamo Dresden selbst in der dritten und zweiten Liga sind, merkt man ja auch: Die Bedeutung dieser Vereine ist nicht verschwunden, im Gegenteil. Der sportliche Erfolg war nur lange ein anderer und mit den wirtschaftlichen Bedingungen wird es vermutlich auch schwierig, einen dieser Traditionsvereine langfristig in der 1. Bundesliga zu etablieren.

Am Ende verschwand nicht nur die DDR-Nationalmannschaft, sondern ein komplettes Fußballsystem. Wenn Sie nach der Arbeit an «Go West!» auf diese Zeit schauen: War die Wiedervereinigung für den DDR-Fußball letztlich vor allem eine Befreiung und Chance – oder auch eine Geschichte von Verlust und verpassten Möglichkeiten?
Ich glaube, genau dieses „Entweder - oder“ funktioniert nicht. Es war beides. Für Spieler wie Sammer, Kirsten oder Thom eröffneten sich unglaubliche Möglichkeiten. Sie konnten plötzlich international Karriere machen, sehr viel Geld verdienen und sportliche Erfolge erreichen, die vorher kaum vorstellbar waren. Das war eine enorme Chance und natürlich auch Freiheit.

Aber Freiheit bedeutet eben nicht, dass man nichts verliert. Nicht nur im Fußball verschwand gleichzeitig ein komplettes System mit Vereinen, Strukturen und Identitäten. Vielleicht ist das auch das, was ich aus der Arbeit an der Serie am stärksten mitgenommen habe: Man kann sich über die gewonnene Freiheit freuen und trotzdem Verlust spüren. Das widerspricht sich nicht.

Und deshalb finde ich diese Geschichte heute noch so relevant. Viele Entscheidungen dieser wenigen Monate wirken bis heute nach. Wenn wir verstehen wollen, warum Ost und West an manchen Stellen noch immer unterschiedlich auf dieses Land schauen, dann lohnt es sich, sehr genau hinzusehen, was damals passiert ist. Der Fußball ist dafür ein erstaunlich gutes Brennglas.

Danke für das Gespräch!

«Go West! Die letzte Elf der DDR» ist seit 18. September beim ZDF zu sehen. In der Nacht zum Sonntag, 27. September, läuft um 00.00 Uhr die TV-Ausstrahlung im ZDF.

Kurz-URL: qmde.de/175579
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