Interview

Iris Mayerhofer zum Oktoberfest: ‚Leib und Leben haben absoluten Vorrang‘

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Hinter der scheinbar lockeren Wiesn-Eröffnung steckt eine aufwendig geplante Live-Produktion mit zahlreichen Kameras, redundanten Übertragungswegen und umfangreichen Sicherheitskonzepten. BR-Unterhaltungschefin Iris Mayerhofer spricht über technische Notfallszenarien, die jahrelange Vorbereitung von «O'zapft is!» und die überraschend junge Zuschauerschaft der Traditionssendung.

«O'zapft is!» wirkt für die Zuschauer wie eine lockere Live-Sendung vom Oktoberfest. Wie groß ist der technische Aufwand tatsächlich, um zweieinhalb Stunden live aus dem Schottenhamel-Festzelt und von der gesamten Theresienwiese zu senden?
Der technische Aufwand ist umfangreich und in jedem Detail genau geplant. Voraussetzung für eine Live-Sendung dieser Größenordnung ist erfahrenes, technisches Fachpersonal. Wir senden aus der Schottenhamel-Festhalle und vom Haupteingang Theresienwiese – von zwei ganz unterschiedlichen Locations, die zusammenspielen müssen. Da sind einerseits die hohen technischen Anforderungen – wir arbeiten mit zwei unabhängigen Bild-Regien und einem Glasfaser-Remote-System, das Kameras und Live-Signale vom Einzug der Festwirte steuert. Darüber hinaus spielt aber auch der Mensch eine sehr entscheidende Rolle. In dieser außergewöhnlichen Umgebung muss das gesamte Team funktionieren und sich aufeinander verlassen können.

Wie viele Kameras, Mitarbeiter und Übertragungswege sind am Eröffnungstag im Einsatz und wie lange vorher beginnt der technische Aufbau auf der Wiesn?
Die technische Vorbesichtigung und Besprechung auf der Theresienwiese ist in der Regel dreieinhalb Wochen vor Produktionsbeginn. Der technische Aufbau dauert zwei Tage inklusive Probenzeit am Tag vor dem Anstich.

Insgesamt sind sieben Live-Kameras in der Schottenhamel-Festhalle und vier Live-Kameras am Haupteingang beim Einzug der Brauereien und Festwirte im Einsatz. Dazu kommen noch zwei mobile Live-Kameras, die auf dem gesamten Festgelände und beim Einzug der Brauereien und Festwirte im Einsatz sind und jederzeit live geschaltet werden können. Am Anstich-Tag sind insgesamt zirka 55 Mitarbeitende im Einsatz.

Sie senden gleichzeitig aus einem vollen Festzelt, vom Einzug der Wiesnwirte und mit Reportern, die sich über das Gelände bewegen. Wie bekommen Sie all diese unterschiedlichen Live-Signale zuverlässig in eine Sendung, obwohl sich dort gleichzeitig Zehntausende Menschen bewegen und Mobilfunknetze entsprechend belastet sind?
Die Sendeleitung ist eine Glasfaserleitung, die unter der Festwiese verläuft und Daten mit Lichtgeschwindigkeit über große Distanzen transportiert. Sie ermöglicht hohe Geschwindigkeiten im Gigabit-Bereich, bietet eine hohe Stabilität und ist unempfindlich gegenüber elektromagnetischen Störungen. Sollte im unwahrscheinlichen Fall die Glasfaserleitung ausfallen, können wir jederzeit über ein parallel geschaltetes unabhängiges Backup-System im Ü-Wagen ohne Einschränkung weitersenden.

Der Fassanstich um Punkt 12.00 Uhr ist der Moment, den Sie auf keinen Fall verpassen dürfen. Welche technischen Redundanzen gibt es für den Fall, dass ausgerechnet dann eine Kamera, eine Funkstrecke oder ein anderer wichtiger Übertragungsweg ausfällt?
Siehe Antwort, Punkt 3. Rund um den eigentlichen Anstich senden wir mit vier Kameras innerhalb der Anstich-Box und einer Kamera von außerhalb der Anstich-Box. Den Ausfall einer Kamera kann die Regie jederzeit mit einer der anderen Kameras auffangen.

Eine solche Live-Sendung ist kaum vollständig planbar: Der Wirteeinzug kann sich verzögern, Gesprächspartner können nicht rechtzeitig erscheinen und auf dem Gelände kann jederzeit etwas Unvorhergesehenes passieren. Wie detailliert lässt sich «O'zapft is!» überhaupt vorbereiten und wie viel der Sendung entsteht tatsächlich spontan?
Eine gute Vorbereitung ist das A und O. Je besser die ist, desto besser ist die Sendung und desto weniger merkt man ihr im Idealfall die Vorbereitung an. Die Redaktion beginnt schon während der aktuellen Wiesn mit der Vorbereitung der «O'zapft is!»-Sendung des nächsten Jahres. Denn die meisten Zuspiel-Filme der Sendung müssen natürlich mit einem Jahr Vorlauf gedreht werden. Am Anstich-Tag selbst geht sich das natürlich nicht aus.

Generell ist es das Ziel von «O'zapft is!», alle Wiesn-Themen des Tages aufzugreifen, die am kommenden Tag Gesprächsthema beim Bäcker sind. Um Jahr für Jahr immer interessante Geschichten zu haben, braucht es eine umfassende Kenntnis der Wiesn, seiner Protagonisten und der Geschichten rundherum. Und man braucht Kontakte, damit man das eine oder andere Thema schon ein Jahr im Voraus erfährt, bevor es an der großen Glocke hängt.

Spontaneität ist natürlich trotzdem gefragt und immer dabei. Live ist live, das bedeutet, dass wir versuchen, auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren und diese in die Sendung integrieren. So sind wir etwa mit dem Festring, der den Einzug der Brauereien und Festwirte veranstaltet, am Anstich-Tag ständig im Kontakt. Wir wissen immer, wo sich der Zug befindet, und können so auch auf kurzfristige Verzögerungen reagieren.

Ein weiteres Beispiel: Pilot Sascha Odermann, der sogenannte "Herzerl-Flieger", der jedes Jahr pünktlich zum Anstich um 12 Uhr ein Herz in den Himmel "zeichnet". Wir kennen ihn natürlich und wissen, ob er grundsätzlich fliegen will oder nicht. Letztlich entscheidet der Wetterbericht, ob er fliegt und ob es das legendäre Herz am Himmel gibt – und ob wir das mitdrehen und in der Sendung zeigen können.

Beim Oktoberfest gelten besonders hohe Sicherheitsvorkehrungen. Wie eng ist die Redaktion und Produktion am Eröffnungstag mit Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten und den Verantwortlichen der Stadt München verbunden, damit Sie bei einem sicherheitsrelevanten Ereignis schnell reagieren können?
Was Sicherheitsfragen angeht, stehen wir bereits einige Wochen vor der Wiesn-Eröffnung in engem Austausch mit dem Veranstalter und der Polizei, in den Tagen unmittelbar vor dem Oktoberfest wird das noch intensiver. Somit erhalten wir jederzeit alle wichtigen Informationen und eine aktuelle Gefährdungseinschätzung.

Zur letzten Teambesprechung mit allen BR-Mitarbeitenden am Morgen der Oktoberfest-Eröffnung sind immer zwei Polizeibeamte der Einsatzleitung und Wiesn-Wache dabei, um aus polizeilicher Sicht den aktuellen Stand der Lage auf der Wiesn und rund um die Wiesn zu erläutern. Während der Livesendung besteht ein enger Kontakt zur Einsatzleitung.

Man muss leider auch das schlimmste Szenario mitdenken: Was passiert mit der laufenden Übertragung, wenn es eine konkrete Terrorwarnung, eine Panik wie im vergangenen Jahr (aber außerhalb der Übertragung) oder einen anderen schweren Zwischenfall auf der Theresienwiese gibt? Gibt es dafür vorab festgelegte redaktionelle und technische Notfallpläne?
Seit vielen Jahren gibt es verschiedene, sowohl technische als auch redaktionelle Havarie-Szenarien, die Jahr für Jahr überprüft und auf den neuesten Stand gebracht werden. Pauschal lässt sich nicht sagen, was im Fall X passiert.

Tatsache ist, wir sind vorbereitet: Dank Satelliten-Übertragungswagen, mobiler Schnittplätze, mit einem Havarie-Team vor Ort und in der Sendezentrale in Freimann können wir auf eine Vielzahl von Szenarien mit der adäquaten Infrastruktur reagieren. So hoffen wir auch im Fall X, BR24, die BR-«Abendschau», die BR-Hörfunkwellen, die ARD-«Tagesschau», die ARD-«Tagesthemen» u. a. in der bekannten Qualität und Quantität crossmedial bespielen zu können.

Im Falle einer außergewöhnlichen Lage und Gefährdung gibt es einen sofortigen Austausch der Polizei mit Produktionsleitung, Redaktionsleitung, Sendeleitung und Programmdirektion, wo über Fortsetzung oder Abbruch der Sendung entschieden wird, im Anschluss wird das Team informiert. Sollte die Übertragung tatsächlich unter- oder abgebrochen werden, steht Ersatzprogramm in verschiedenen Längen zur Verfügung.

Auch extremes Wetter kann eine Live-Produktion beeinflussen. Was passiert beispielsweise bei einem schweren Gewitter, Starkregen oder Sturm? Gibt es einen Punkt, an dem Reporter oder Kamerateams ihre Positionen aus Sicherheitsgründen verlassen müssen – selbst wenn Sie gerade live im Ersten senden?
Verschiedenste Szenarien werden im Vorfeld mit allen Mitarbeitenden besprochen. Leib und Leben haben absoluten Vorrang. Im Fall X müssen sich natürlich alle in Sicherheit begeben. Das gilt bei den genannten Szenarien vor allem für die KollegInnen draußen auf der Festwiese, zum Beispiel bei der Übertragung des Einzugs der Brauereien und Festwirte.

In der Schottenhamel-Festhalle ist so ein Szenario nur schwer vorstellbar. Aber auch hier gilt: Sicherheit geht vor.

«O'zapft is!» soll vor allem die Freude über den Wiesn-Auftakt transportieren. Gleichzeitig sind Sie eine journalistische Redaktion. Wie würden Sie reagieren, wenn die Stimmung am Eröffnungstag aus irgendeinem Grund deutlich schlechter wäre als erwartet? Zeigen Sie dann bewusst auch diese Seite oder steht bei diesem Format der unterhaltende Charakter im Vordergrund?
Was heißt, die "Stimmung ist schlechter"? Schlechtes Wetter? Das lässt sich nur schlecht verbergen, also transportieren wir natürlich auch schlechtes Wetter und einen eventuell tropfend nassen Oberbürgermeister in seiner Kutsche.

Oder: Die Bierfahrer haben gestreikt und deshalb gibt's kein Bier auf der Wiesn? Auch das würden wir natürlich dokumentieren, zumal es für die Gäste ärgerlich und für die Wirte eine Katastrophe wäre. Aber auch das zu erzählen, wäre dann Aufgabe unserer Sendung – unterhaltsam oder nicht.

Die Sendung läuft nicht nur im BR Fernsehen, sondern bundesweit im Ersten. Verändert das die inhaltliche Gestaltung? Müssen Sie beispielsweise stärker erklären, was bestimmte Wiesn-Traditionen bedeuten, als Sie es für ein rein bayerisches Publikum tun würden?
Wir sind stolz darauf, seit Jahrzehnten einen Sendeplatz im Ersten zu haben, seit 2024 sogar bis 13.45 Uhr, 20 Minuten mehr als zuvor, auf ausdrücklichen Wunsch der ARD.

Wir haben das natürlich in der redaktionellen Planung und Gestaltung der Sendung immer im Blick. Bei der Auswahl der prominenten Talk-Gäste zum Beispiel achten wir darauf, dass auch bundesweit bekannte Persönlichkeiten dabei sind. Und auch bei den verschiedenen Gesprächen und beim Kommentar des Einzugs der Brauereien und Festwirte versuchen unsere Moderatorinnen und Moderatoren immer, Zusatzinformation zu liefern, die Nicht-Bayern nicht geläufig sind.

Als Beispiel: Das "Schafkopfen" muss man hierzulande niemandem erklären. Aber dem Zuschauenden in Schleswig-Holstein oder NRW hilft der Zusatz, dass es sich hierbei um ein Kartenspiel handelt. Oder wenn es um den "Hirschen" geht, dann ist das eben ein 200-Liter-Fass Bier.

In diesem Jahr verteilen Sie die Moderation und Live-Berichterstattung auf mehrere Personen im Festzelt, am Haupteingang, beim Wirteeinzug und später auf dem Gelände. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wann Sie wohin schalten und wie verhindert die Regie, dass aus der Vielzahl an Schauplätzen eine etwas beliebige Aneinanderreihung von Wiesn-Bildern wird?
Eine beliebige Aneinanderreihung von Bildern wird allein schon durch die akribische redaktionelle Planung verhindert. Eine gute Sendungsplanung ermöglicht es den Zuschauern, möglichst viel "Wiesn-Atmosphäre" zu schnuppern. Dazu bespielen unsere Moderatorinnen und Moderatoren unterschiedliche Orte in und um die Schottenhamel-Festhalle.
Unsere Reporterinnen und Reporter entdecken bei ihrer Entdeckungsreise über das Festgelände verschiedene Ecken, bekannte und unbekannte. Diese Reise ist getrieben von Neugier und der Hoffnung, etwas Neues zu entdecken. Die Besuche bei Standlern, Schaustellern oder Wirten wirken oft spontan, sind aber nie beliebig, sondern immer Resultat einer guten Vorbereitung.

Natürlich folgt «O'zapft is!» dabei auch den Gesetzen des Anstich-Tages. Der Einzug der Brauereien und Festwirte ist ein unumstößliches Element, genau wie der Anstich durch den Oberbürgermeister – beides transportiert «O'zapft is!» mit starken Bildern.

Die linearen Quoten von «O'zapft is!» schwankten zuletzt erheblich: 2024 erreichte die Sendung bei den 14- bis 49-Jährigen noch starke 12,9 Prozent, 2025 waren es nur 5,9 Prozent (vorläufig). Welche Bedeutung haben solche Zahlen für den BR bei einem Großereignis, das zugleich Teil der regionalen Identität und ein bundesweites Schaufenster Bayerns ist?
Einerseits stimmt das, aber: Anders als im Ersten haben wir 2025 im BR Fernsehen («O'zapft is!» wird dort parallel ausgestrahlt) ein deutlich jüngeres Publikum erreicht als in den Vorjahren. Fast jeder dritte BR-Zuschauer war jünger als 40, das Durchschnittsalter lag bei 53 Jahren, verglichen zu 65, 58, 66 Jahren in den Jahren zuvor. Und wenn man die Zahlen aus dem Ersten und dem BR Fernsehen kumuliert betrachtet, lag die Quote 2025 bei den 14- bis 49-Jährigen bei erfreulichen 12,9 Prozent, während sie bis 2019 stets bei unter zehn Prozent lag. Heißt: Unser Publikum wird jünger! Sicher auch ein Verdienst der Redaktion, die mit einem jungen Team und (auch) jungen Gästen gezielt junge Themen rund um das größte Volksfest der Welt setzt.

Und: Die linearen Werte geben nur einen Teil der Wahrheit wieder – die ARD Mediathek wird immer beliebter, immer mehr Menschen schauen den Anstich bzw. die Sendung im Livestream, vor allem die Jüngeren: Hier war «O'zapft is!» 2025 das am meisten abgerufene BR-Video aus dem Wiesn-Kontext.

Und das ist natürlich unser Anspruch: Programm für alle zu machen, auf allen Ausspielwegen, gerade bei einem so jungen, internationalen Thema wie der Wiesn. Und zu zeigen, dass die Welt in München und auf dem Oktoberfest zusammenkommt, um gemeinsam zu feiern, das ist in diesen Zeiten nach wie vor ein starkes Signal an die Zuschauerinnen und Zuschauer.

Ich freue mich auf die Eröffnung. Danke für Ihre Zeit!

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