Interview

‚Da sind wir wieder‘ – Wie «Ku’damm 77» die 70er spürbar macht

von

Mit «Ku’damm 77» führt Produzent Marc Lepetit die gefeierte ZDF-Saga in ein neues Jahrzehnt – und in eine Zeit voller Umbrüche, Widersprüche und offener Wunden.

Berlin verändert sich ständig – wie schwer war es diesmal, für «Ku’damm 77» authentische 70er-Jahre-Schauplätze zu finden?
Anders als bei «Ku’damm 56» oder «Ku’damm 59» mit dem noch durch den Zweiten Weltkrieg geprägten Stadtbild, war es dieses Mal etwas leichter. Die 70er Jahre finden sich zumindest in Gebäuden und Architektur immer noch in der Stadt und mit unserem Team rund um Susanne Abel konnten wir aus dieser Grundstruktur entsprechende Räume herrichten. Auf den Straßen selbst sieht das schon anders aus – gerade die Fahrradwege auf der Richard-Wagner-Straße, unserem „Ku‘Damm“, stellten eine wirkliche Herausforderung für DOP Michael Schreitel, Regisseur Maurice Hübner und Showrunnerin Annette Hess dar. Immer wieder hat man über Perspektiven und Bildausschnitten gesprochen, damit nicht in der Postproduktion alles retuschiert werden muss. Das ist ihnen perfekt gelungen und sieht jetzt wirklich toll aus.

Sie sprechen von komplexeren Drehrealitäten und steigenden Kosten: Wo lagen bei dieser Staffel die größten Produktionshürden?
Genau dort – es ist eben so, dass wir in inhaltlicher und visueller Konkurrenz zu großen internationalen Produktionen stehen und unser Anspruch immer stärker in diese Richtung geht. Das mit den guten, aber eben nicht internationalen Budgets in Deutschland herzustellen, wird komplizierter und fordert heraus. Filme machen ist ein Handwerk – und als solches folgt es bestimmten Vorgaben, die sich budgetär von Jahr zu Jahr weiterentwickeln. Die konzeptionellen Anforderungen an die Departments – Authentizität, Flexibilität – steigen, der Kostendruck steigt ebenso. Wir wollen alle zusammen eine perfekte Illusion, spürbare Emotionen in einem Film bannen, haben es aber auf Sender- und Produktionsseite mit Arbeits- und Kostenrealitäten zu tun, die nicht immer zueinander passen. Und dann beginnt der herausfordernde Teil, man muss sich in erzählerischen Mitteln begrenzen. Das merkt man den Filmen nicht an, aber der Prozess funktioniert nur, wenn man miteinander spricht und versucht, gemeinsam Lösungen zu finden.

Die 70er sollen „spürbar“ werden. Welche ästhetischen oder technischen Entscheidungen waren dafür entscheidend?
Am Anfang standen umfangreiche Recherchen. Ob Judith Holste mit ihrem Kostüm-Department, Jeannette Latzelsberger für ihr Maskenbild oder die schon genannten Susanne Abel und Michael Schreitel – sie alle beschäftigen sich sehr intensiv mit der Zeit und stellen Moodboards zusammen. Annette Hess als Showrunnerin gibt klare Parameter in den Drehbüchern vor, die man in dieser Recherche schwerpunktmäßig zu beachten hat. Ebenso spielten Zeitgeist und Musik eine wichtige Rolle. In der Kombination aus all diesen Parametern entstand ein Bild, dass «Ku’Damm 77» von den anderen Staffeln unterscheidet – bis hin zu Einspielern auf alten Fernsehgeräten oder Radiosendungen, die wir produziert hatten. Durch die neue, dokumentarische Ebene haben sich die Kreativen auch viele Gedanken darum gemacht, wie die Kameraführung, Look und Technik der damaligen Filme waren und haben diese nicht nur in die Ästhetik der fertigen «Ku’Damm»-Teile eingebaut, sondern auch in die Inszenierung der „im Film“ Produktion am jeweiligen Set. Dadurch bekommt der Film verschiedene Ebenen, und die Zuschauer:innen ein gutes Gefühl für unsere Figuren und deren Leben in den 70ern.

Die Zusammenarbeit des Kernteams läuft seit zehn Jahren. Was macht diese Produktion für Sie inzwischen „familiär“?
In einer Produktion ist es nicht immer einfach auf verschiedenen Stühlen zu sitzen – Produktion und Kreation können da auch einmal komplett unterschiedlicher Meinung sein. Aber wir haben es in den zehn Jahren «Ku’Damm» immer gut hinbekommen, uns den Raum zu geben, uns zu verstehen, uns zu streiten, und uns auch zu vertragen und uns auf die Drehtage zu freuen. Viele der „Ku’damm“-Familie sind sich auch über die Produktion hinaus verbunden und stehen oft auch in freundschaftlichem Kontakt. Um es am einfachsten zu beschreiben: zu Beginn von neuen Produktionen „fremdelt“ man etwas – hier hat man ab dem ersten Drehtag das Gefühl: Da sind wir wieder! Und das macht die Großfamilie Schöllack so besonders!

Wie sehr hat die Zusammenarbeit mit Annette Hess und Regisseur Maurice Hübner die neue erzählerische Richtung geprägt?
Ich glaube, dass vor allem Annettes Hess‘ Arbeit die erzählerische und kreative Richtung geprägt und vorgegeben hat. Schon bevor Maurice Hübner für das Projekt angefragt wurde, hatte Annette eine Vision, wie sie die neue Staffel erzählen möchte. Im Gegensatz zu den vorherigen Staffeln hatten wir mehr Entwicklungszeit und Annette war sehr klar in ihrer Idee für die Schöllacks 1977. Ebenso gab es ihren klaren Wunsch, dass sie diese Vision wie auch beim «Deutschen Haus» am Set mitgestalten und als Showrunnerin prägen möchte. Dazu braucht es dann aber auch jemanden wie Maurice Hübner, der uns mit seinen Projekten gezeigt hat, wie wichtig Figuren, Haltungen und Storytelling auf der einen Seite und die ruhige und diplomatische Führung eines Sets auf der anderen Seite sind. Mit diesem Gespür und Annettes Vision haben sich die beiden Richtigen gefunden und haben Tag für Tag wunderbare Geschichten realisiert. Die Zusammenarbeit der Beiden war auf Augenhöhe, sich ergänzend und einfach schön zu beobachten. Auf Fragen seitens der Darsteller:innen oder auch Departments gab es immer eine Antwort. Den Kopf der ganzen Saga am Set zu haben, bedeutet auch, dass man das gebündelte Wissen zu den Figuren und den Geschichten immer vor Ort hat.

«Ku’damm 77» konfrontiert die Figuren mit Feminismus, Leistungsdruck, Sucht und NS-Vergangenheit. Was war Ihnen beim Tonfall dieser Staffel besonders wichtig?
Wie bei jeder Staffel bisher auch: Authentizität und Wahrhaftigkeit. Große Worte, aber man spürt Schmerz ja auch nur, wenn man die Zusammenhänge, die Emotionen versteht und nachempfinden kann. Man versteht Verhalten nur, wenn man den Kontext kennt. Man versteht eine Zeit nur, wenn man sie authentisch erzählt – in Sprache, Bild und Verhalten. Wie bei allen Staffeln, haben sich alle Darsteller:innen auf die Zeit vorbereitet und mit unseren Kreativen wurden die wichtigen Punkte immer und immer wieder gecheckt. Darüber hinaus gibt es Feedback von unserer Redaktion, die nicht nur inhaltlich dramaturgisch reagiert, sondern natürlich auch auf historischen Kontext schaut. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass dieser Grundton von «Ku’Damm», die Geschichte dieser vier Frauen in der jeweiligen Zeit, der Konfrontation mit der Gesellschaft und ihrem Verhalten den Schöllacks gegenüber – oder eben auch umgekehrt – die Faszination von unserer Saga ausmacht. Wenn Zuschauer:innen uns gegenüber anmerken, dass es in ihrer Familie eine „Monika“ oder „Caterina“ gibt, dann kann man sagen, dass die Kreativen und Darsteller:innen viel richtig gemacht und den richtigen Ton getroffen haben.

Wie ging das Team an die heikelste Ebene heran – die Rückforderung der Tanzschule durch eine jüdische Stiftung?
Das ist eine Ebene, die schon in den anderen Staffeln präsent war. Und wie auch dort, hat Annette Hess nach Recherchen und Gesprächen den Weg gewählt, der sich authentisch und ehrlich aus unseren Figurenkonstellationen ergibt. Das ist, wie bei Caterina öfter, nicht immer politisch korrekt, aber es entsprach der Zeit und den Gedanken. Bei einer solchen Geschichte gibt es verschiedene Aufgaben, die erfüllt werden müssen: Die Zuschauer:innen müssen diesen Vorgängen der Vergangenheit folgen und sie klar bewerten können. Ebenso müssen sie aber den Figuren entsprechen. Und sie sollten den Wertekompass der Zeit widerspiegeln und plausibel machen. Das war in allen Staffeln immer wieder die Herausforderung, bspw. auch in der Figur von Freddy. «Ku’damm» möchte hier keinen erhobenen Zeigefinger ansetzen, sondern nimmt den Zuschauer:in mit in die Zeit und lässt sie erleben, wie die Dynamiken waren. Wo wurde weggeschaut, wo entstanden Generationskonflikte. Das ist eine erzählerische Verantwortung, der sich das Team hinter «Ku’Damm» immer wieder stellt.

Welche Figur macht für Sie in «Ku’damm 77» die stärkste Wandlung durch – und warum?
Eine ganz schwierige Frage. Die Figuren werden durch ihre ganz persönliche, kleine Hölle geschickt und müssen sich befreien. Und auch in «Ku’Damm 77» ist es wieder faszinierend, allen Figuren dabei zuzuschauen. Schmerzhaft. Lustig. Traurig. Dramatisch. Wahnsinnig. Sinnlich. Ich werde mich jetzt nicht auf eine Geschichte festlegen, aber darauf, dass es weh und gleichzeitig gut tut, dieser Familie dabei zuzuschauen, wie sie sich weiterentwickelt. Fast fünf Stunden der Familie Schöllack zu folgen, macht den eigenen Wahnsinn manchmal erträglicher!

Mit 6×45 Minuten im Stream und 3×90 im TV verfolgt das ZDF erneut eine Doppelauswertung. Wie verändert das die Dramaturgie?
Das ist für uns nicht neu. Schon in der Vergangenheit wurde «Ku’damm» als Serie ins Ausland geliefert. Das haben wir aber nicht immer so bewusst ausgesteuert – damals hatten wir Glück, dass der Midpoint der Episoden sehr oft zwischen 43 und 47 Minuten lag und man einfach schneiden konnte. Jetzt, da es System wurde, konnte Annette Hess schon bei der Drehbuchentwicklung und später auch Ronny Mattas im Schnitt auf die Episodenlänge und den präzisen Ausstiegspunkt hin entwickeln und schneiden. Aber dramaturgisch haben Regie und Showrunnerin bewusst auf Versionen hingearbeitet, die keine „zwei Fassungen“ brauchten – man sieht in den 90ern nichts anderes als in den 45er Episoden.

Die Reihe ist ein Markenzeichen der UFA Fiction. Wie wollen Sie «Ku’damm» für kommende Projekte frisch halten – ohne die DNA der Serie zu verlieren?
Diese Frage müssen Sie vor allem Annette Hess stellen – sie lebt und liebt die Figuren, hat sie erfunden und ist mit ihnen verbunden und entwickelt sie stetig weiter. Als sie, Nico Hofmann und ich vor über zehn Jahren bei Heike Hempel vom ZDF saßen, haben wir uns alle in die Geschichte, die Figuren verliebt und ich freue mich, dass ich seitdem mit ihr, unserem Team und dem Sender zusammen versuche, das Beste für das Format zu geben. Bei jeder Staffel haben wir immer das Gefühl gehabt, dass wir uns bald wieder sehen wollen, um Familie Schöllack weiter am Leben zu erhalten. Und auch jetzt sind wir genau so auseinandergegangen – mit dem Gefühl, dass es bei Familie Schöllack noch sehr viel zu erleben gibt.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Ku’damm 77» ist seit 27. Dezember 2025 in der ZDFabrufbar. Die drei Teile kommen am Montag (05.01.), Dienstag (06.01.) und Mittwoch (07.01.) um 20.15 Uhr.

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