In dem auf wahren Ereignissen basierenden Drama «Der verlorene Sohn» muss sich ein schwuler Junge einer Reparativtherapie unterziehen, um seine Neigungen loszuwerden. Regisseur Joel Edgerton inszeniert das mit viel Gefühl für Zwischentöne.
Man muss sich das einmal vorstellen: In sogenannten Reparativtherapien sollen selbsternannte Heiler jungen homosexuellen Menschen dabei „helfen“, ihre vermeintlich aus einer Sünde heraus entstandenen Neigungen in den Griff zu bekommen, um sie anschließend als „Geheilter“ (also heterosexuell) zu verlassen. Das ist keine krude Buch- oder Filmidee, sondern passiert so tagtäglich in den USA, wo unter dem Deckmantel von Religion unzählige dieser Therapiezentren ihre obskuren Theorien verbreiten und regelmäßig von besorgten Eltern aufgesucht werden. Eltern wie Nancy und Marshall, die sich einst selbst zu dem Schritt entschlossen, ihren Sohn Garrard dorthin zu geben. Anschließend verbrachte er mehrere Tage in der Einrichtung, eh er diese dank seiner eigentlich von Anfang an kritischen Mutter wieder verlassen konnte. Und weil er sich, anders als ein Gros der Patienten, nicht brechen ließ. Über seine Zeit dort schrieb er erst einen Artikel für die New York Times und später das Buch „Boy Erased“, worin er genau diese wenigen Tage seines Aufenthalts beschreibt und was diese mit ihm gemacht haben.
Es entsteht also erstmal der Eindruck, dass all das hier Gezeigte ja gar nicht so schlimm ist, wie vermutet. Doch dieser Eindruck ist trügerisch und entwickelt seine ganze schockierende Wirkung dann, wenn man ihn selbst als Trugschluss entlarvt. Joel Edgerton verzichtet zwar ganz bewusst auf Extreme, trotzdem bekommt man aus Jareds Perspektive immer auch die besonders radikalen Ausprägungen der fanatistischen ideologie mit. Wenn zum Beispiel einer seiner Mitinsassen zu Therapiezwecken seiner eigenen Beerdigung beiwohnen muss, fühlt man sich gemeinsam mit dem eigentlich so klar denkenden aber zum Stillhalten verdammten Jared umso hilfloser. Immer wieder hinterfragt Jared die Methoden, äußert sich auch gegenüber seiner Eltern kritisch zu den Therapien und stößt dabei sogar auf das offene Ohr seiner Mutter. Andere haben nicht so viel Glück und unterziehen sich ohne ihr Mitbekommen einer ganz langsamen Gehirnwäsche. Darin, zu sehen, wie diese Methoden auf der einen Seite funktioniere, die Homosexuellen ihre Neigungen dadurch immer abstoßender finden, während der ursprünglich selbst zum Opfer auserkorene Jared dem Ganzen einfach nur fassungslos zusehen kann, steckt die wahre Brutalität des Films.
So richtig explizit wird es auf der Leinwand trotzdem einmal. Wenn Jared in der ersten Hälfte des Films brutal vergewaltigt wird – der Anstoß für sein später ebenso gewaltsam stattfindendes Outing – geht das ordentlich an die Nieren. Es ist der einzige Moment, in dem Joel Edgerton mit einer gewissen Drastik arbeitet; ganz so, als wolle er aufrütteln, in einem Moment, in dem es jedoch noch gar nichts aufzurütteln gibt. Die Szene wirkt innerhalb dieses sonst so zurückhaltend inszenierten, zu keinem Zeitpunkt auf Überzeichnung setzenden Films fast ein wenig deplatziert. In «Der verlorene Sohn» wirken noch nicht einmal die Betreuer vor Ort, zu denen auch Joel Edgerton als Leiter Victor Sykes gehört, wie typische Schurken. Das von ihnen vorgetragene Anliegen besitzt (zumindest aus ihrer Perspektive) Ernsthaftigkeit, was sie für ihre jungen Schützlinge erst recht gefährlich macht. Ihre Ausstrahlung gleicht denen von Sektenführern; man erkennt sofort, weshalb ihren Methoden Jahr für Jahr so viele US-Amerikaner auf den Leim gehen. Dadurch wirkt «Der verlorene Sohn» fast dokumentarisch, was die über alle Maße authentischen Performances sämtlicher Schauspielerinnen und Schauspieler unterstreichen. 

• Bohemian Rhapsody • The Gift • Der verlorene Sohn • Ben is Back • The Nice Guys • Aquaman
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