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Warum der «Eurovision Song Contest» seine kulturelle Aufgabe verfehlt

von   |  1 Kommentar

Das Fernsehgroßereignis der öffentlich-rechtlichen EBU findet unter dem Banner der Völkerverständigung statt, tatsächlich vergrößern Konzept und Regeln die Gräben zwischen den Teilnehmerländern.

200 Millionen Zuschauer. 56 Länder, die zusammen ein friedliches Musikfest mit 26 Liedern feiern, die uns die nationale Kultur unserer europäischen Nachbarn etwas näherbringen. Es könnte so schön sein…

Was ist Eurovision?

Eurovision bezeichnet den Programmaustausch zwischen den Mitgliedern der European Broadcasting Union. Die Eurovision-Programme haben das Potenzial, bis zu 1,04 Milliarden Personen zu erreichen, senden in 122 verschiedenen Sprachen und betrieben zuletzt 820 TV- sowie 1156 Hörfunk-Angebote.
Der «Eurovision Song Contest» stellt zweifelsohne das Vorzeigeprogramm der European Broadcasting Union (EBU) dar, der Vereinigung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten innerhalb der von der International Telecommunications Union (ITU) festgelegten Europäischen Rundfunkzone, die 73 Mitgliedsanstalten in 56 Ländern umfasst. Als solche verschreibt sich die EBU der Unterstützung seiner Mitglieder in rechtlichen und technischen Belangen und ihrer Vertretung vor den europäischen Institutionen. Den höchsten Stellenwert innerhalb der Aufgaben der EBU nimmt jedoch der Programmaustausch Eurovision ein.


Vorzeigeprogramm zur Völkerverständigung?


Jährlich schalten 200 Millionen Zuschauer ein, um dem «Eurovision Song Contest» beizuwohnen, was den «ESC» zum mit Abstand wichtigstem Beitrag des Programmaustauschs macht, der sonst kaum Beachtung erfährt. Wie kaum ein anderes Fernsehformat bietet der «ESC» dabei ein hohes Potenzial zur Völkerverständigung durch die Präsentation von 26 musikalischen, kulturell individuellen Länderbeiträgen in der Endrunde des Wettbewerbs, was bestens zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks passt: Tatsächlich stellen die Stiftung nationaler Identität und ein kultureller Charakter des Programmangebots integrale Bestandteile des Programmauftrags dar. Dafür kommen nicht nur deutschland-, sondern auch europaweit die Einwohner der Mitgliedsstaaten durch die Zahlung von Rundfunkgebühren auf.

Bis kurz nach der Jahrtausendwende fand man diesen kulturellen Anspruch auch noch explizit im EBU-Regelwerk für den «ESC», in dem es hieß, jedes Teilnehmerland soll den Wettbewerb als kulturelles Ereignis begreifen und sich größte Mühe geben, dem gerecht zu werden. Mittlerweile sucht man diesen Hinweis in den Regeln vergeblich. Nimmt die EBU ihren Programmauftrag nicht mehr ernst? Und wie sieht es denn nun mit der Völkerverständigung aus, an der sicher allen Einwohnern der EBU-Länder gelegen ist?

Zum Nachschlagen:

"Kampf der Kulturen. Der Eurovision Song als Mittel national-kultureller Repräsentation" (2006) von Irving Wolther. Verlag Königshausen & Neumann.
Die Doktorarbeit des Musikwissenschaftlers Irving Wolther befasste sich im Jahr 2006 intensiv mit der kulturellen Dimension des «Eurovision Song Contest». Wolthers Studie bestätigte, dass es tatsächlich einigen Teilnehmerländern ein großes Anliegen ist, sich im Rahmen des Wettbewerbs national-kulturell zu repräsentieren. Vor allem bei kleineren, jüngeren Nationen war dies der Fall, die mit der Zurschaustellung lokaler, regionaler und nationaler Musikformen die kulturelle Ebenbürtigkeit gegenüber großen westlichen Nationen unter Beweis stellen wollen. Konzept, Regelwerk und Partikulareinflüsse lassen jedoch große Zweifel daran aufkommen, ob eine adäquate kulturelle Darbietung, die den Zuschauer einen authentischen Eindruck von der Kultur der jeweiligen Länder verschaffen würde, überhaupt möglich ist.

Einfluss der Musikindustrie & Amerikanisierung der Beiträge


So läuft das 1. Halbfinale des «ESC» 2017 heute ab

Ende Januar hat die EBU im Rathaus von Kiew per Losverfahren die Teilnehmerländer auf das erste und zweite Halbfinale aufgeteilt. Zudem wurde festgelegt, für welche Semifinale die sogenannten Big-Five-Länder Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien sowie das Gastgeberland stimmberechtigt sind. Das erste Halbfinale findet am Dienstag, den 9. Mai 2017, statt und wird im Fernsehen bei ONE sowie online bei eurovision.de übertragen. Neben den teilnehmenden Ländern sind für das erste Halbfinale Großbritannien, Italien und Spanien stimmberechtigt. Zehn Länder qualifizieren sich für das Finale am 13. Mai 2017. Das zweite Halbfinale findet am Donnerstag, den 11. Mai, statt.
Zum einen unterstehen die EBU und ihr Vorzeigeprodukt mittlerweile zu sehr dem Einfluss der Musikindustrie, schließlich gilt Musik dieser Tage nicht mehr nur als kulturelle Äußerung, sondern zu einem wesentlichen Teil auch als Wirtschaftsgut, das die Plattenfirmen an den Mann bringen wollen. Der «ESC» stellt für die Musikindustrie eine potenzielle Goldgrube dar, insbesondere weil er Absatzmärkte über die Landesgrenzen hinaus eröffnet. Lange Zeit standen sich dabei die Fernsehanstalten mit dem Ziel der Musikförderung und die auf Produktvermarktung bedachte Schallplattenindustrie unvereinbar gegenüber. Bis die EBU nachgab.

Als die Plattenfirmen es zwischenzeitlich vermieden, erfolgsversprechende Titel und erfolgreiche Interpreten zum «ESC» zu senden, weil das auf kulturelle Förderung bedachte Regelwerk ein zu hohes Misserfolgsrisiko barg, kamen die Veranstalter, die das Fernbleiben bekannter Künstler beklagten, der Musikwirtschaft entgegen und änderten das Regelwerk: Platten der «ESC»-Künstler durften schließlich bis zu einem halben Jahr vor dem eigentlichen Wettbewerb veröffentlicht werden, Live-Performances wurden durch Halb-Playbacks ersetzt und die Pflicht zum Vortrag in Landessprache wurde ab 1999 dauerhaft abgeschafft. Die neuen Regeln begünstigten eine europaweite Vermarktung, die Förderung kultureller Eigenheiten litt jedoch massiv darunter.

Die Folge: Immer mehr Künstler, auf die die Plattenfirmen wiederum Einfluss nahmen, sangen nun auf Englisch. So stiegen nicht nur die Abverkäufe der Tonträger, sondern auch die Erfolgsaussichten beim «ESC» selbst, schließlich verstehen mehr Zuschauer die „Weltsprache“ Englisch als etwa albanisch, polnisch oder auch deutsch. Ein Musikbeitrag, der aus dem Televoting von aktuell 56 verschiedenen Ländern siegreich hervorgehen will, muss ein möglichst breites Publikumsspektrum ansprechen. Diese Maßgabe für einen erfolgversprechenden «ESC»-Titel bezieht sich längst nicht nur auf die Vortragssprache, sondern auf den gesamten Stil der Kompositionen.

Die internationale Popmusik wird längst von anglo-amerikanischen Einflüssen dominiert, die in etlichen europäischen Ländern mit Ausnahme einiger lokaler Produktionen die Hitlisten anführen. Dies führte dazu, dass viele Europäer mittlerweile eine von amerikanischer Popmusik vermittelte Musikästhetik teilen. Will ein Song also möglichst viele Zuschauer beim «ESC» abholen, sollte er nach den Schablonen der weltweit populären anglo-amerikanischen Machart produziert sein. So bildete sich insbesondere im «Eurovision Song Contest» über die Zeit hinweg ein formelhafter Europop, der international erfolgreiche Popmusik imitiert, wobei kulturspezifische Charakteristika kaum noch identifiziert werden können.

Vom Musikfest zum Nationenwettkampf


Der «ESC» als Wettbewerb

Der «ESC» fand nicht immer als Länderwettkampf statt. Einst wurde die Veranstaltung als Komponistenwettbewerb ins Leben gerufen und auf den Punktetafeln erschienenen lediglich Titel und Urheber der vorgetragenen Lieder. Erst im Laufe der Zeit ersetzten Ländernamen und später auch Landesflaggen die Kompositionen.
Diese Entwicklung ist natürlich auch dem Wettbewerbscharakter des «Eurovision Song Contest» geschuldet, der sich im Laufe der «ESC»-Geschichte immer weiter zuspitzte. Die Bekanntgabe der Ländervotings nimmt mittlerweile etwa ein Drittel der Gesamtsendezeit des ESC ein und stellt damit eines der zentralen Elemente der Veranstaltung dar. Zugegeben, die kompetitive Komponente des «ESC» wird einen der zentralen Gründe darstellen, warum das Programm überhaupt eine so hohe Popularität auf Seiten des Fernsehpublikums erfährt. Der «ESC» basiert auf „Wettkampf, Eroberung und Krönung“, was die Medienwissenschaftler Dayan und Katz bereits 1992 als wichtige Eigenschaft von Mediengroßereignissen identifizierten. Spannung und Dramatik werden dadurch garantiert, die Völkerverständigung rückt so in den Hintergrund und nationale Interessen werden zugespitzt.

So wird die Veranstaltung längst als Nationenwettkampf verstanden, der teilweise auf Kosten des Verständnisses vom «ESC» als friedliches Musikfest der Nationen geht, in der kulturelle Eigenständigkeit und zuweilen auch Gemeinsamkeiten zelebriert werden. Daraus resultierten bereits häufiger Missgunst und Kontroversen um die vermeintliche Subjektivität der Punktevergabe. Statt europäische Integration zu begünstigen, zieht der «ESC» durch seinen kompetitiven Charakter also eher metaphorische Mauern zwischen den verschiedenen Kulturen hoch.



Der «ESC» als PR-Event?


Mehrere Beobachter kritisierten zudem, dass der kulturelle Anspruch des «ESC» bei der European Broadcasting Union einem PR-Gedanken gewichen sei. Der Musikwissenschaftler Alf Björnberg befand schon 1989, dass das Programm nur noch dem Ziel gelte, die Schaffenskraft seiner Veranstalter zu verdeutlichen. Demnach dienten die Zurschaustellung einer hohen Produktionsqualität und modernster Technologien dieser Tage auch der qualitativen Abgrenzung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vom konkurrierenden privaten Rundfunk.

Die Germanistin Eva-Maria Klapheck warf der EBU in ihrer Magisterarbeit 2004 sogar eine Instrumentalisierung des kulturellen Auftrags im Rahmen des «ESC» vor - der «ESC» fungiere als Rechtfertigung für die Gebührenfinanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Als Vorzeigeprogramm zur Ausübung des Programmauftrags, das zudem ungemein hohe Einschaltquoten erzielt und jährlich zu einer weitreichenden Medienberichterstattung führt, sehen kritische Beobachter im «ESC» also eine kalkulierte Methode der Imagebildung und -festigung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die sich in der EBU organisieren, während die Veranstalter der kulturellen Komponente hinter den Kulissen kaum noch Bedeutung beimessen.

Nichtsdestotrotz hat der «Eurovision Song Contest» nun schon seit über 60 Jahren Bestand. Am Konzept der Veranstaltung als Wettbewerb wird sich selbst in Zeiten, in denen die europäische Gemeinschaft immer größere Risse bekommt, nichts mehr ändern, zumal der Wettkampf der Nationen überhaupt erst die nötige Spannung erzeugt, die Fernsehzuschauer in aller Welt zum Einschalten bewegt. Will sich die EBU allerdings auf das große kulturelle Potenzial der Veranstaltung zurückbesinnen, das sie im Laufe der Zeit durch den Fokus auf Eigeninteressen etwas aus dem Blick verloren zu haben scheint, muss sie den «ESC» von Partikularinteressen, insbesondere wirtschaftlichen, lösen. Nur so fördert die Rundfunkunion wieder mehr das Miteinander statt das Gegeneinander der Kulturen.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Kingsdale
09.05.2017 12:49 Uhr 1
Wer glaubt, das es dabei nur noch um die Musik geht, glaubt auch an den Osterhasen. Ist nur noch eine politische Sendung.

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