Die Kino-Kritiker

«Findet Dorie»: Vergesslich, aber glücklich

von

Kritik des Monats:Einfach schwimmen, einfach schwimmen: Die Fischdame Dorie manövriert sich sehr optimistisch durch eine humorvolle, emotionale Fortsetzung, die nur kleine Schwächen aufweist.

Filmfacts «Findet Dorie»

  • Regie: Andrew Stanton
  • Produktion: Lindsey Collins
  • Drehbuch: Andrew Stanton, Victoria Strouse
  • Deutsche Synchronstimmen: Anke Engelke, Christian Tramitz, Axel Malzacher, Roland Hemmo, Vicco Clarén, Rubina Nath, Udo Wachtveitl, Franziska van Almsick
  • Musik: Thomas Newman
  • Kamera: Jeremy Lasky
  • Schnitt: Axel Geddes
  • Laufzeit: 96 Minuten
  • FSK: ab 0 Jahren
13 Jahre nach dem Original schwimmt mit «Findet Dorie» die Fortsetzung des Pixar-Megaerfolgs «Findet Nemo» in die deutschen Lichtspielhäuser – und dies auf einer Erfolgswelle: In den USA und Kanada gelang es dem Sequel, mit einem Einspielergebnis von mehr als 480 Millionen Dollar aus wirtschaftlicher Sicht sämtliche Filme zu überbieten, die jemals unter dem Disney-Markennamen ins Kino entlassen wurden. So erfolgreich die neuste Fischgeschichte der Pixar Animation Studios auch sein mag, stellte sie keinesfalls eine sichere Nummer dar. Die letzte Pixar-Fortsetzung, die Agentenkomödie «Cars 2», gehört schließlich nicht nur finanziell betrachtet zu den schwächsten Werken der Trickfilmschmiede – und nicht nur dies warf vorab kein vorteilhaftes Licht auf die Idee, auch «Findet Nemo» einen zweiten Teil zu spendieren.

Denn Regisseur Andrew Stanton sprach sich in der Presse jahrelang vehement gegen den Gedanken aus, die Geschichte von den Clownfischen Marlin und Nemo sowie der vergesslichen Doktorfischdame Dorie fortzuführen. Als Stanton nach dem wirtschaftlichen Misserfolg seines Realfilmdebüts «John Carter» plötzlich mitteilte, mit «Findet Dorie» letztlich sehr wohl seinen größten Kassenschlager weiterzuspinnen, waren die sarkastischen Kommentare nicht fern. Entgegen sämtlicher verständlicher Befürchtungen wirkt «Findet Dorie» allerdings nicht wie ein zynisch kalkulierter Comebackversuch – stattdessen ist das Sequel trotz gelegentlicher Déjà-vu-Augenblicke eine urkomische Komödie mit jeder Menge Herz.

Nach dem Ende geht es weiter …


Es ist etwas mehr als ein Jahr her, seit die unter Gedächtnisschwund leidende, gutherzige Fischdame Dorie dem übervorsichtigen Clownfisch Marlin dabei geholfen hat, seinen verschollen gegangenen Sohn Nemo wiederzufinden. Nun lebt das Gespann in unmittelbarer Nachbarschaft und scheint, zur Ruhe gefunden zu haben. Doch dann holen Dorie Erinnerungsfragmente daran ein, wonach sie vor ihrem Kennenlernen mit Marlin gesucht hat: Ihre Eltern, die sie als junges Fischlein verloren hat. Marlin versucht, seiner naiven Nachbarin auszureden, sich in ein neues Abenteuer zu stürzen – schließlich habe sie in seinem Korallenriff ja ein neues Zuhause gefunden. Dorie aber findet nicht mehr zur Ruhe und drängt darauf, ihren bruchstückhaften Erinnerungen hinterherzujagen.

Auf der Reise, die das Fischtrio von Australien nach Kalifornien verschlägt, zerstreiten sich die Optimistin, der Behutsame und sein abenteuerlustiger Nachwuchs allerdings und werden durch missliche Umstände getrennt. Dorie landet in einem Marineforschungsinstitut, wo sie zahlreiche neue Bekanntschaften schließt, etwa mit dem grantigen Septopus Hank, während Marlin und Nemo versuchen, zu ihrer Freundin zu gelangen. Wird Dorie ihre Eltern wiederfinden, und wird sie danach überhaupt Marlin und Nemo wiedersehen wollen?

Obwohl «Findet Nemo» seine zentrale Vater-Sohn-Geschichte harmonisch auserzählt hat, und sich eine friedliche Fischfamilie nicht dermaßen für eine mehrteilige Filmreihe anbietet wie kämpferische Superhelden oder eine Mission nach der nächsten annehmende Agenten, wirkt «Findet Dorie» keineswegs aufgesetzt: Stanton und Victoria Strouse nehmen sich in ihrer gemeinsam entwickelten Geschichte eines in «Findet Nemo» gern übersehenen Aspekts an, um auch diesem zu einem stimmigen Ende zu verhelfen. Dorie wusste zu Beginn des Megaerfolgs nicht, wo ihre Familie ist, und kam mit ihrer Vergesslichkeit so schlecht zurecht, dass sie ohne Marlins Hilfe stets drohte, sich zu verirren. Am Ende des Films änderte sich nichts daran, da sich Dorie allerdings Marlin und Nemo anschloss, fiel dies nicht weiter auf. Nun Dories Lage genauer zu hinterfragen, gibt den Drehbuchverantwortlichen die Chance, organisch an den Pixar-Renner von 2003 anzuschließen und zudem einfühlsamer von der Last der Fischdame zu erzählen.

Sensibler, und dennoch lustiger


Die erfolgreichsten Pixar-Filme in Deutschland

  1. «Findet Nemo» (2003; 8,8 Mio. Besucher)
  2. «Ratatouille» (2007; 6,1 Mio. Besucher)
  3. «Das große Krabbeln» (1999; 3,6 Mio. Besucher)
  4. «Die Unglaublichen» (2004; 3,5 Mio. Besucher)
  5. «Alles steht Kopf» (2015; 3,5 Mio. Besucher)
Weiterhin werden Dories irren Namensverwechslungen und ihre sich widersprechenden Aussagen pointiert eingesetzt und sorgen genauso wie in «Findet Nemo» für ausgelassene Lacher. Gleichwohl wird der Umgang von Dories Umfeld mit ihren Problemen komplexer gezeichnet als im Erstling: Waren Figuren dort von ihrer Vergesslichkeit entweder amüsiert oder dezent genervt, zeigen sich in «Findet Dorie» die Abgründe, wie sich ihre psychische Benachteiligung auswirkt. In ergreifenden Rückblenden ist zu sehen, wie ihre liebevollen Eltern in Fürsorge und Furcht um das Wohl Dories förmlich ertrinken. Der Streit zwischen Marlin und Dorie wiederum, der angesichts der glaubwürdigen, engen Bindung zwischen den Figuren aufreibend geraten ist, zeigt, wie sich Betroffene fühlen, wenn sie wegen ihrer Behinderungen stigmatisiert werden.

Verstärkt durch die minutiöse, ausdrucksstarke Animation der Figuren und die in der deutschen wie in der englischen Sprachfassung formidablen Sprecherleistung bei den tragenden Rollen ist Pixar somit eine sehr einfühlsame, dank des enormen Humorfaktors unaufdringliche Geschichte über Inklusion gelungen. Die sehr exzentrischen Randfiguren, wie die kurzsichtige Waldame Destiny und der neurotische Beluga Bailey (göttlich in der deutschen Fassung: Axel Malzacher) oder zwei streitsüchtige Seelöwen (die in der deutschen Fassung dickstes bayerisches Kauderwelsch sprechen) vergrößern die Gagquote weiter. Heimlicher Star des Films ist der grummelige Kraken Hank, der entgegen der Natur nur ein Ziel hat: Dafür zu sorgen, für immer in Gefangenschaft zu leben und somit seine Ruhe zu haben.

Wie auch der Erstling prescht die Fortsetzung im Road-Movie-Stil von Station zu Station, so dass diese überzeichneten Randfiguren nie zu lange um Aufmerksamkeit buhlen, sondern ihre schrillen Auftritte erfrischend bleiben. Dramaturgisch gibt es in den ersten zwei Dritteln daher allerdings auch gelegentliche „So ähnlich ist das doch schonmal passiert“-Augenblicke.

Ein großer Unterschied zum Original ist derweil das Finale. Diente es im Erstling als dramatischer Höhepunkt, steigert Stanton in «Findet Dorie» Dories turbulente Reise zu einem hysterischen Gagfeuerwerk, das als übertriebene, äußerst selbstironische Verfolgungsjagd ein unerwartetes Gegengewicht zu den sensiblen Zwischentönen des restlichen Films darstellt. Egal ob wild oder einfühlsam: Die Musikuntermalung durch den mehrfach Oscar-nominierten Komponisten begleitet das im Mittelteil etwas lange auf der Stelle herumirrende Geschehen mit eingängigen (wenngleich nicht ganz so einfallsreichen), streicherlastigen Melodien. Diese erinnern an den ersten Teil, ohne ihn direkt zu kopieren. Somit steht er sinnbildlich für den gesamten Film: Die bildhübsch umgesetzte Fortsetzung ist nicht ganz so überraschend und unverbraucht wie das Original, aber zugleich lustiger und emotionaler – hat aber auch ein paar kleine Längen, die «Findet Nemo» nicht aufweist.

Fazit: Eine würdevolle Fortsetzung mit Herz und Humor: «Findet Dorie» spinnt den Pixar-Hit «Findet Nemo» 13 Jahre später auf hohem Niveau, wenngleich nicht äußerst originell, weiter.

«Findet Dorie» ist ab dem 29. September 2016 in vielen deutschen Kinos zu sehen – in 2D und 3D.

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