Die Kino-Kritiker: «Die Wilden Kerle – Die Legende lebt!»

Buchautor Joachim Masannek holt die von ihm erschaffenen «Wilden Kerle» zum sechsten Mal ins Kino und lässt sie den Staffelstab an eine neue Generation übergeben.

Filmfacts «Die Wilden Kerle – Die Legende lebt»

  • Regie und Drehbuch: Joachim Masannek
  • Darsteller: Michael Sommerer, Aaron Kissiov, Stella Pepper, Bennet Meyer, Ron Antony Renzenbrink, Vico Mücke, Mikke Rasch, Daniel Zillmann, Jimi Blue Ochsenknecht, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Rufus Beck, Adnan Maral
  • Produktion: Ewa Karlström, Andreas Ulmke-Smeaton
  • Musik: Andrej Melita
  • Kamera: Benjamin Dernbecher
  • Schnitt: Tobias Haas
  • Laufzeit: 96 Minuten
  • FSK: ab 0 Jahren
Annähernd neun Millionen Kinotickets wurden hierzulande in den Jahren 2003 bis 2008 für Joachim Masanneks «Die Wilden Kerle»-Saga gelöst. Der vierte Teil der Kinderfilmreihe über ein ungezügeltes, junges Fußballteam holte sich 2007 sogar den Titel der zweiterfolgreichsten deutschen Kinoproduktion – nur Til Schweigers «Keinohrhasen» lockte mehr Menschen in die Lichtspielhäuser. Es lässt sich also nicht verleugnen, dass die Nachwuchskicker Leon, Marlon, Vanessa, Raban, Joschka, Maxi und Markus ihre Marke in der deutschen Filmlandschaft hinterlassen haben. Jetzt ist es so weit: Acht Jahre nachdem sich die Wilden Kerle hinter den Horizont verabschiedet haben, und 13 Jahre nach dem Anpfiff ihrer tonal variantenreichen Partie in Deutschlands Kinos, melden sie sich zurück. Die von den Ochsenknecht-Brüdern Jimi Blue und Wilson Gonzalez angeführten Sportler stehen dieses Mal allerdings nicht im Mittelpunkt des Geschehens. So, wie einst Käpt’n Kirk und in jüngerer Kinovergangenheit auch Rocky und die «Star Wars»-Veteranen, kommen die Wilden Kerle wieder, um einer neuen Heldengeneration ihren Segen zu geben.

Die Brüder Leo und Elias spielen mit ihren Freunden Finn, Oskar, Joshua, Müller und Matze liebend gern Fußball und stellen sich dabei vor, die legendären Wilden Kerle zu sein. Ob es die von einem Feuerseifer besessene Mannschaft je wirklich gegeben hat, ist für die Kinder eine unbeantwortete Frage – in ihrer Fantasie zumindest sind die Wilden Kerle echt. Eines Tages werden sie beim Nachspielen einer Wilden-Kerle-Geschichte von einem in schwarz gekleideten Fremden mit Augenklappe beobachtet, der ihnen eine mysteriöse Landkarte überreicht. Diese bildet das Wilde-Kerle-Land ab, inklusive Weg zum sagenumwobenen Teufelstopf. Die Freunde begeben sich zum Bolzplatz ihrer vermeintlich fiktiven Helden – und erkennen, dass es sie wirklich gegeben hat. Sogar dem Wilden-Kerle-Trainer Willi begegnen die Freunde, die nun die Gelegenheit erhalten, in die Fußstapfen ihrer Idole zu treten. Doch sie müssen sich beeilen, wenn sie sich deren Erbe als würdig erweisen wollen. Denn der Erzfeind der Wilden Kerle, der Dicke Michi, ist Abrissunternehmer geworden und bereitet sich vor, die letzten Überreste seiner Gegner zu zerstören. Obendrein muss die Jungstruppe noch einen weiteren Mitstreiter finden (oder eher eine Mitstreiterin?) …

Von diesem Punkt ausgehend entwickelt sich «Die Wilden Kerle – Die Legende lebt» zu gleichen Teilen zu einem Remake des Erstlings und zu einem Sequel. Während die neue Generation eine Neuauflage des ersten Trainings und des ersten großen Spiels der Originale durchlebt, sorgt die Präsenz der ursprünglichen Wilden Kerle für neue Elemente: Dadurch, dass die Jungprotagonisten nun angeblich erfundenen Vorbildern nacheifern und sich letztlich auf dem besten Weg befinden, ihren Platz einzunehmen, wird der sechste «Wilde Kerle»-Film zu einer Geschichte über kindlich-unschuldige Heldenverehrung. Die Botschaft „Mit einer Prise Selbstbewusstsein kannst du genauso wie deine Lieblingsfiguren sein!“ schwingt daher wiederholt zwischen den Zeilen dieses Kinderabenteuers mit. Da Kinder gerne Comic-, Roman-, TV- und/oder Film-Helden nacheifern, ist es eine erbauliche, kleine und dennoch feine Message, die den Nachwuchs abholen sollte.

Das ältere Publikum wiederum gewinnt durch das Aufeinandertreffen der Generationen einige respektable Meta-Spielereien: So darf Daniel Zillmann im Finale sein herrlich ironisches Timbre nutzen, um die dramaturgischen Wiederholungen innerhalb der Filmreihe zu kommentieren. Und die leisen Anklänge von narrativer Selbstreflexion, wenn die innere Logik der Geschichte auf die realen Hintergründe der Produktion treffen, sind ebenfalls amüsant zu verfolgen. Immerhin lassen sich sowohl Story als auch Produktionshintergrund mit „Kinder spielen trotz eines Mangels an neuen Abenteuern die Wilden Kerle nach, und um ihre Passion anzufeuern, kehren die Originale zurück“ zusammenfassen. Regisseur und Autor Masannek schröpft aus diesem Spiel mit Fiktion und Realität zwar nicht das Maximum (dafür nehmen die Slapstickspäße der neuen Wilden Kerle zu großen Raum ein), jedoch ist es ein ansprechender Bonus in einem Film, der auch ein reines Remake hätte darstellen können.

Das Auftauchen sogleich zweier Wilde-Kerle-Generationen ermöglicht es «Die Wilden Kerle – Die Legende lebt!» zudem, den potentiellen Neustart der Reihe zwischen den beiden stilistischen Eckpunkten der ersten fünf Filme einzuordnen: Die neuen Kinder sind mit ihrer Verspieltheit und ihren aus Erwachsenensicht simplen Sorgen (‚Sind Mädchen uncool?‘, ‚Kann man Verwandten von Feinden trauen?‘, ‚Was, wenn jemand unseren Lieblingsplatz zerstören will?‘) so geraten wie die Kids im allerersten Film. Die Original-Kerle dagegen sind mit ihrer stylischen, schwarzen Kluft und ihren inszenatorisch überhöhten Auftritten aus demselben Holz geschnitzt, aus dem Part vier und fünf der «Die Wilden Kerle»-Reihe gemacht wurden. Der Film selbst spielt stilistisch gesehen konsequenterweise irgendwo in der Mitte – er ist exzentrisch, aber auf kindliche Weise. Stellenweise ist der daraus resultierende Humor leider arg naiv-grell geraten, beispielsweise wenn der Dicke Michi selbst während einer Schimpftirade weiterfuttert und sich mit Senf beschmiert oder wenn Trainer Willi unentwegt über etwas stolpert oder sich an etwas stößt. Und die hölzern vorgetragenen, extralangen Flüche der neuen Kerle wirken eher bemüht als gewitzt. Das alles sind Momente, die zu Gunsten einer zügigeren Dramaturgie der Schere zum Opfer hätten fallen dürfen. Selbiges gilt für die teils unnatürlichen Atempausen der Kinderdarsteller, wann immer sie längere Dialogpassagen zu bewältigen haben. Hier hätte ein strengerer Schnitt mehr aus den insgesamt soliden Performances rausholen können.

Masanneks Herangehensweise macht sich dafür auf der inszenatorischen Ebene bezahlt: Die neue Generation findet die Erfüllung ihrer Träume nicht in einer glatten, klinisch sauberen Kicker-Welt, sondern in den staubigen, rostigen Überresten dessen, was ihre Vorgänger hinterlassen haben. Mit verwittertem Holz und jeder Menge Dreck hat der Teufelstopf, wie sich der Bolzplatz der Wilden Kerle nennt, eine starke, abenteuerliche Atmosphäre zu bieten, die Masannek und Kameramann Benjamin Dernbecher in Western-Manier einzufangen wissen: Sie setzen intensiv auf Totale und Halbtotale, die Kinder reihen sich in den Leinwandbildern nebeneinander auf und reden dann oftmals miteinander, ohne sich anzuschauen. Wie die Protagonisten diverser Westernklassiker halt … Auf ein hohes Maß an direkten Filmreferenzen verzichtet Masannek, der auch die Buchvorlagen sowie alle bisherigen Filme verantwortete, dieses Mal hingegen. Vielleicht bleibt das ja, wie bei den ersten Kerlen, den späteren Abenteuern der Kickergruppe überlassen.

Fazit: «Die Wilden Kerle – Die Legende lebt!» ist eine gut aussehende, stellenweise in ihrer Komik grell geratene Kinder-Sportkomödie mit dem extra Schuss an Exzentrik und Fanservice.

«Die Wilden Kerle – Die Legende lebt!» ist ab sofort in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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