«Servus Hockey Night»: Der gescheiterte Versuch, Eishockey ein Gesicht zu geben

Alles deutet daraufhin, dass ServusTV schon kommende Saison auf die Übertragungen der DEL verzichtet. Wie der Sender die Eishockey-Übertragungen zuletzt bestritt und warum der Aufwand nichts nutzte.

«Servus Hockey Night»-Facts

  • Übertragung von 26 Hauptrunden-Spielen & 24-Playoff-Spielen inklusive der kompletten Finalserie
  • Sendungslänge: 2 Stunden, 45 Minuten
  • Vorberichte und Nachberichte je 15 Minuten
  • Rechteinhaber: The Sportman Group
  • bis zu 17 Kameras in den Hallen, noch mehr in den Play-Offs
  • Moderatoren: Gerhard Leinauer und Holger Speckhahn
  • Kommentatoren: Patrick Bernecker, Basti Schwele und Jan Lüdeke
  • Experten: Andreas Renz (neu), Rick Goldmann, Florian Keller, Sven Felski und Hans Zach
Die Voraussetzungen für eine packende Sport-Übertragung waren gegeben, als es am Sonntagvorabend hieß: Der ERC Ingolstadt gegen die Düsseldorfer EG. Eines von 26 Spielen in der Hauptrunde der Deutschen Eishockey Liga, begleitet von bis zu 17 Kameras. Gleichzeitig die Neuauflage des Halbfinals der Vorsaison, das Ingolstadt in der Best-Of-Seven-Serie 4:1 für sich entschied sowie das Aufeinandertreffen des aktuellen Tabellendritten gegen den fünften Platz. Letztlich widmeten sich jedoch nur 130.000 Zuschauer der ServusTV-Übertragung am Wochenende. Seit 2012 überträgt ServusTV die Deutsche Eishockey Liga, das es sich damals bereits zur Aufgabe machte, den vorherigen Rechteinhaber Sky qualitativ zu übertreffen. Auch in Bezug auf die Reichweiten gaben sich der zu Red Bull gehörende Sender und die Liga von Beginn an ehrgeizig. Vor Beginn der zweiten Saison erklärte der DEL-Aufsichtsratsvorsitzender Jürgen Arnold, man wolle Eishockey zur Mannschaftssportart Nummer zwei hinter Fußball machen.

Teil des Plans waren von Beginn an technische Spielereien, wie die im Profisport einzigartigen Cable Guys: Pro Spiel werden zwei Protagonisten ausgewählt, denen die Zuschauer über Funk-Mikrofone an den Trikots ab und an lauschen können. Auch Analyse-Tools wie ‚Piero‘, das beispielsweise auch in der «Telekom Spieltagsanalyse» bei Sport1 zum Einsatz kommt, liefern spieltaktische Analysen im 3D-Modus mit optionalen Perspektivwechseln und Berechnungen von Distanzen und Schussgeschwindigkeiten. Nachdem die «Servus Hockey Night» zu Beginn der Saison 2012/2013 durchschnittlich lediglich 20.000 bis 30.000 Zuschauer unterhielt und damit nicht viel mehr als Sky hinter der Bezahlschranke, stiegen die Zuschauerzahlen über die Spielzeiten hinweg deutlich an. Diese Gewinne kamen zuletzt aber zum Erliegen, zu einer Zeit in der der Eishockey bei ServusTV noch weit von den Zielen entfernt ist, die einst von Sender und Liga formuliert wurden.

Während es in der Fußball-Bundesliga derzeit beim Thema TV-Gelder nur um die Gerechtigkeit der Verteilung geht, ist das Thema bei der DEL ganz und gar existenzieller Natur. Im Frühjahr 2016 laufen nämlich die Eishockey-Rechte aus. The Sportsman Group, die aktuell die Rechte hält, die DEL freitags abgespeckt über Laola1TV und sonntags über ServusTV vertreibt, besitzt die einseitige Option auf Verlängerung, die bislang jedoch nicht gezogen wurde. Die „Bild am Sonntag“ will seit Kurzem bereits wissen, dass man den Vertrag auslaufen lassen wolle. Glaubt man den Einschätzungen von Experten, wonach die Eishockey-Rechte knapp sieben Millionen Euro kosten, kann man die aktuellen Bedenken der Rechteinhaber angesichts der zu niedrigen Reichweiten verstehen. Fehlt der TV-Partner, stünden der Liga aber gehörige finanzielle Probleme ins Haus.

Tatsächlich muss man attestieren, dass ServusTV im Verhältnis zum Zuschauerinteresse schon von Beginn an einen unverhältnismäßig großen Aufwand betreibt. Das Sendekonzept änderte sich seit Start der Übertragungen im September 2012 jedoch nur minimal. Nach wie vor sind pro Spiel zwei Cable Guys im Einsatz. Weiterhin werden in der Hauptrunde bis zu 17 Kameras verwendet, die das Bild später in Full-HD an die Zuschauer liefern. Die Zahl der Kameras steigt in den mittlerweile 24 gezeigten Playoff-Spielen, zwischenzeitlich versuchte man sich sogar an Schlittschuh-Cams. Das Moderatoren-Team um Gerhard Leinauer und Holger Speckhahn führt nach wie vor durch die Sendungen, kommentiert wird von Patrick Bernecker, Basti Schwele oder Jan Lüdeke und zur Seite stehen ihnen die Experten Rick Goldmann, Florian Keller, Sven Felski, Hans Zach - lediglich Andreas Renz ist neu dabei.

Nur an einer Stellschraube scheint ServusTV im Rahmen der neuen Saison weiter gedreht zu haben, um die Bindung zwischen Programm und Zuschauer zu stärken. Von Beginn an versucht der Sender, nicht zuletzt durch die Cable Guys, die Spieler hinter das Visier der Spieler blicken zu lassen, die Authentizität zu erhöhen und dadurch eine größere Nähe zwischen Zuschauer und dem Spielgeschehen aufzubauen. Passend dazu installierte ServusTV in der neuen Saison die Beitragsreihe „My Name, my Game“, eine Art Portraitserie, in der die DEL-Spieler vorgestellt werden. Man gibt sich also weiter große Mühe, dem Sport ein Gesicht zu geben und die Action auf dem Eis für den Zuschauer auf diese Weise interessant zu machen.

In so etwas wie einem Spitzenspiel, das am Nikolaustag 2015 zwischen Ingolstadt und Düsseldorf über die Bühne ging, offenbarten sich gleichermaßen die Stärken und Schwächen des DEL-Programmkonzepts. Holger Speckhahn begrüßte Flo Keller als Experten auf den oberen Rängen der Ingolstädter Halle. Von Anfang an überzeugten Speckhahn und Keller als dynamisches Duo mit klarer Rollenverteilung: Speckhahn führt durch die Sendung und spielt Keller die Bälle zu, wenn Einschätzungen und Hintergründe von Nöten sind. Experte Keller legt dabei trotz seiner Sportvergangenheit eine hohe Telegenität an den Tag. Schon früh fiel jedoch auf, dass der Zeitplan eng ist. Die beiden hetzten geradezu durch die 15 Minuten Vorlauf, die ihnen bis Spielbeginn bleiben und obendrein noch mehrere Interviews enthalten. Im Hintergrund sorgten die aufwändige Light-Show in der Halle und die laute Motivations-Musik für zuweilen suboptimale Licht- und Ton-Verhältnisse.

Der Einsatz der Cable Guys funktionierte trotz der raffinierten Grundidee ebenfalls nicht wie gewünscht. Vor Spielbeginn und den Dritteln werden kurze Ausschnitte gezeigt, die möglichst amüsant daherkommen sollen. Am Sonntag nahmen die Co-Trainer Tobias Abstreiter und Joseph Heiß diese Rollen ein, die allerdings nur selten mit kaum unterhaltsamen Sprüchen in breitem Dialekt zu Wort kamen. (Ex-)Sportler sind eben nicht automatisch gleich Entertainer. Kommentator Basti Schwele und Experten-Kollege Sven Felski machten ihren Job hingegen souverän. Der ehemalige Stürmer der Eisbären Berlin legte dabei großes Expertenwissen an den Tag, kündigt den Ausgleich der Ingolstädter in der insgesamt torarmen Partie sogar kurz vor dem Treffer an.

Bemerkenswert gestalten sich für Vielseher anderer Sportarten weiter die bereits angesprochenen Bestrebungen zur höheren Personalisierung und die Bereitschaft der Protagonisten diese voranzutreiben. Häufig zeigen Kameras das Geschehen um die Mannschaftsbänke, wo die Anweisungen des Trainers klar zu hören sind, während sich die Teamchefs und Spieler beim Fußball dieser Tage schon den Mund mit ihren Händen verdecken, damit ihre Aussagen ja nicht von Lippenlesern entziffert werden können. In den sogenannten „Power Breaks“, etwa 90-sekündigen Unterbrechungen, die ein Mal pro Drittel genommen werden und von ServusTV teilweise mit Werbung gefüllt werden, stellen sich Spieler zudem bereitwillig den Interviews von ServusTV, obwohl das Spiel wenige Sekunden später wieder angepfiffen wird. Auch in den Drittelpausen stehen die Spieler den Reportern bereits Rede und Antwort – in anderen Sportarten undenkbar.

Dass man den Zuschauer unbedingt mit den Persönlichkeiten des Sports vertraut machen will, äußerte sich jedoch vielleicht am deutlichsten in der ersten Drittelpause, in der sich Patrick Köppchen, Spieler des ERC Ingolstadt, zu Speckhahn und Keller gesellte. Der verletzte Akteur wurde zunächst in einem Videobeitrag vorgestellt, in dem nicht nur das Sportliche, sondern auch seine Liebe zur Mode, sein Nebenjob als Designer sowie seine zahlreichen Tattoos thematisiert wurden, die er in oberkörperfreien Aufnahmen zur Schau stellte. Der Eishockey selbst stand mit Köppchen erst in der zweiten Drittelpause im Fokus, worin auch der rote Faden weitergesponnen wurde, der sich durch die ganze Sendung zog.

Schon von Beginn an konzentrierte man sich nämlich auf Ingolstadts neuen Trainer Kurt Kleinendorst, der elfte Trainer des Clubs seit 2007. Köppchen gibt in den Pausen seine Eindrücke zum neuen Chef Preis, der Spielverlauf wird vor allem von Flo Keller informativ und meinungsfreudig aufgearbeitet, wobei die Analysetools nur selten zum Einsatz kommen. Dennoch werden immer wieder Interviews eingepflegt, nach dem Spiel letztlich mit dem ‚Man of the Day‘, der jede Woche von ServusTV gekürt wird. EG-Spieler Stephan Daschner wurde diesmal ausgezeichnet. Das Moderatorenteam war sich einig, dass er maßgeblich für die souveräne Verteidigung der Düsseldorfer Führung sowie für die stabile Defensive verantwortlich ist. Viel Zeit blieb Speckhahn und Keller jedoch erneut nicht, sodass die Nachbesprechung wieder etwas hektisch geriet.

Insbesondere die Nähe zu den Protagonisten hat das Eishockey dem Fußball in Deutschland voraus, auch der Übertragung selbst ist handwerklich nicht allzu viel vorzuwerfen. Warum schafft es der Eissport dann nicht, sich dem Ballsport reichweitentechnisch zu nähern? Dafür gibt es wohl viele Gründe. Zwar wartete ServusTV gleich seit Beginn der «Servus Hockey Nights» 2012 mit einem ansprechenden Sendekonzept auf, dies hat sich seitdem jedoch nicht großartig weiterentwickelt, bis das Potenzial dieser Neuerungen schlussendlich ausgeschöpft war. Selbst die technischen Raffinessen mit denen am Anfang noch geworben wurde, wie die Cable Guys und die Analyse-Tools, werden nur sporadisch eingesetzt und bringen nicht immer das gewünschte Ergebnis. Zudem beherbergt die DEL, insbesondere in Konkurrenz zu anderen Sportübertragungen, einen recht harten Sendeplatz. Zeitgleich laufen häufig Fußball und Basketball, am Vorabend hat man es ohnehin schwerer als beispielsweise am früheren Nachmittag.

Zuguterletzt liegen die Ursachen aber auch bei ServusTV selbst. Mit dem Eishockey gab man sich zwar von Anfang an größte Mühe, zuletzt blieben andere programmliche Neuheiten jedoch fast komplett aus, sodass der Sender noch immer ein absolutes Spartendasein pflegt. Es wirkt, als habe Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz zuletzt das Interesse am Sender verloren, etwa zu der Zeit, als Klaus Bassiner Ende 2014 als Programmdirektor seinen Hut nahm. Seitdem hält sich ServusTV bezüglich eines neuen Programmdirektors relativ bedeckt - höchst ungewöhnlich für einen mittlerweile doch recht namhaften deutschen Sender. Eishockey-Fans sollten sich derzeit keine Illusionen machen, dass man mit den Laola1TV-Streams am Freitag sowie mit der aufwändigen ServusTV-Berichterstattung sonntags auch nächste Saison ein Paket geliefert bekommt, dass nahezu allen Wünschen gerecht wird. DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke betonte bereits das Interesse anderer Bewegtbild-Partner. Nach dem gescheiterten Projekt ServusTV deutet alles darauf hin, dass der Eishockey in der kommenden Saison von einem anderen Anbieter mit wesentlich niedrigerem Aufwand übertragen wird. Sicherlich ein Rückschritt für den Sport und die Liga in Deutschland, viele Eishockey-Puristen könnten einfacher gehaltene Übertragungen jedoch auch freuen. Laola1TV macht es am Freitag seit einiger Zeit vor.

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