Die Kino-Kritiker

«Ein Schotte macht noch keinen Sommer»

von

Rosamund Pike gibt in der schottischen Tragikomödie ihre mittlerweile vierte Topleistung des Jahres zum Besten und beweist darin nicht nur ihre Wandlungsfähigkeit, sondern auch ihr Fingerspitzengefühl dafür, die große Bühne einmal ihren jüngeren Kollegen zu überlassen.

Filmcheck: «Ein Schotte macht noch keinen Sommer»

  • Kinostart: 20. November 2014
  • Genre: Tragikomödie
  • FSK: 6
  • Laufzeit: 95 Min.
  • Kamera: Martin Hawkins
  • Musik: Alex Heffes
  • Buch und Regie: Andy Hamilton, Guy Jenkin
  • Darsteller: Rosamund Pike, David Tennant, Billy Connolly, Celia Imrie, Ben Miller, Amelia Bullmore, Annette Crosbie
  • OT: What We Did on Our Holiday (UK 2014)
Die britische Aktrice Rosamund Pike gehört in diesem Jahr wohl zu den meistbeschäftigten Schönheiten der Welt, deren Engagements in ganzen vier Filmen noch einmal die Hollywood-Tauglichkeit des ehemaligen Bond-Girls unterstreichen. Nach ihrem Kurzauftritt in der international nur mäßig erfolgreichen Tragikomödie «A Long Way Down» und ihrem Stelldichein an der Seite von Simon Pegg in «Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück» begeisterte sie insbesondere durch ihre oscarwürdige Hauptrolle im David-Fincher-Thriller «Gone Girl – Das perfekte Opfer» und erspielte sich gar Chancen auf einen der begehrten Goldjungen, den die Academy Ende Februar zum 87. Mal verleiht. Noch vor dieser aufsehenerregenden Gänsehautperformance stand die 35-jährige Tochter zweier Opern-Musiker vor der Kulisse der schottischen Highlands vor der Kamera. In der hierzulande wenig rhythmisch klingenden Familienerzählung «Ein Schotte macht noch keinen Sommer», deren Originaltitel «What We Did on Our Holiday» nicht nur griffiger daherkommt, sondern auch den Grundton der Geschichte wesentlich treffender einfängt, schlüpft Pike in die Haut einer gestressten Mutter, für die der anstehende Geburtstag des eigenen Vaters zur Gedulds- und familiären Zerreißprobe wird. Dass sie sich die Show von ihren drei heranwachsenden Schauspielkollegen stehlen lässt, liegt dabei nicht etwa an einer übernatürlichen Begabung selbiger, sondern an einem ebenso feinfühligen wie abwechslungsreichen Skript, das den Figuren viel Raum für Improvisation und die daraus resultierende Entfaltung lässt, wodurch die menschlichen Zwischentöne nach und nach immer lauter erklingen.

Zusammen mit ihren drei quirligen Kids fahren Doug (David Tennant) und Abi (Rosamund Pike) in die schottischen Highlands, um den 75. Geburtstag von Dougs Vater Gordie (Billy Connolly) zu feiern. Nur ist dem eigensinnigen Schotten alles andere als zum Feiern zumute. Statt sich mit seinen ungleichen Söhnen und deren Eheproblemen in die turbulenten Geburtstagsvorbereitungen zu stürzen, verbringt Gordie den Tag lieber gemeinsam mit den Enkeln an seinem Lieblingsstrand. Und so glänzt ausgerechnet der Jubilar durch Abwesenheit, während nach und nach die schräge Verwandtschaft eintrifft. Was noch keiner der Gäste ahnt: Es wird ein wahrhaft denkwürdiger Tag - und einer der Besten im Leben von Gordie McLeod!

Das Besondere am Drehbuch von «Ein Schotte macht noch keinen Sommer» ist das Spiel mit der Erwartungshaltung. Wenngleich die in ihrer Heimat Großbritannien sonst eher für TV-Comedy zuständigen Drehbuchautoren Andy Hamilton und Guy Jenkin ein äußerst simples, gar durchschnittskomödienkonformes Szenario einer Familienfehde entwerfen, bewegt sich ihr Streifen nie so vorhersagbar voran, wie es herkömmliche Hollywood-Durchschnittsware tut. Angefangen bei der Figurenzeichnung, bei der das vermeintliche Protagonistenpärchen alsbald in den Hintergrund der drei Jungdarsteller rückt, über das Setzen eines überraschend andersartigen Schwerpunktes bis hin zum konsequenten Weigern vor Stereotypen und Klischee-Handlungssträngen eröffnet «Ein Schotte macht noch keinen Sommer» ein wahres Auf und Ab an emotionsgeladenen Dialogen, gepaart mit einer ordentlichen Portion Lebensweisheit, klassisch britischem Humor und wohldosiertem Slapstick. Doch auch die Klassifizierung „Tragikomödie“ täte der britisch-schottischen Co-Produktion Unrecht. Wie Filmemacher Hamilton in einem Interview zu Protokoll gibt, liege der Schlüssel zum Erfolg seines Projekts darin, „Anarchie nur in kleinen Portionen zuzulassen“. Und das sieht man: Im intuitiven Zusammenspiel sämtlicher Darsteller, insbesondere der Kinder, bleibt zwar nichts dem Zufall überlassen; Gleichzeitig erhalten die Akteure innerhalb des feststehenden Storygerüsts ebenjenen Raum zur zwanglosen Interaktion, die es braucht, um beim Zuschauer wahres Mitgefühl hervorzurufen. Der Spagat zwischen grobmotorischem, unbedarftem Witz und dem Gespür für zwischenmenschliche Feinheiten macht «Ein Schotte macht noch keinen Sommer» in seiner Art einzigartig – und eben das ist es, was auch auf die Geschichte an sich zutrifft.

Seine ganze Wirkung entfaltet das Family-Inferno allerdings erst dann, wenn man vorab möglichst wenig über den Handlungsverlauf in Erfahrung bringt. Daher sei an dieser Stelle nicht mehr als nötig zu den Auf und Abs der Story verraten – stattdessen möchte sich die Verfasserin dieser Zeilen auf das „Wie“ konzentrieren und darauf, weshalb «Ein Schotte macht noch keinen Sommer» kein Massenprodukt, sondern ein Werk mit dem gewissen Etwas geworden ist. Folgt jedes Genre normalerweise einer recht standardisierten Abfolge von Ereignissen, lässt «What we Did on Our Holiday» ebenjene Zugeständnisse an den Massengeschmack eines Durchschnittskinogängers vermissen. Was wie eine schottische Variante aktueller Familientragödien wie «Sieben verdammt lange Tage» oder auch «Im August in Osage County» erinnert, durchläuft in seiner schlanken Laufzeit von gut 95 Minuten einen Bruch im Storytelling, den man so in seiner Konsequenz und daraus resultierenden Originalität kaum glauben mag. Gleichzeitig überraschen die Regisseure mit ihrer Handhabe eines Tabuthemas und begeistern mit einem beachtlichen Fingerspitzengefühl. Auch wenn die Atmosphäre alsbald ebenfalls zu einem radikalen Umbruch einlädt, halten die Filmemacher an ihrem Konzept fest und konzentrieren sich noch stärker auf die Zugkraft ihrer Darsteller. Mit diesen hat die Komödie «Ein Schotte macht noch keinen Sommer» nämlich ihr wohl größtes Los gezogen.

Zwar führen die gleich zu Beginn eingeführten Mimen Rosamund Pike und David Tennant («Harry Potter und der Feuerkelch») das ansonsten eher unbekannte Ensemble an, den Großteil des Films bestreiten jedoch andere. Neben einem beeindruckend lebensecht aufspielendem Billy Connolly («Der blutige Pfad Gottes»), der in der Rolle des alternden Großvaters Gordie liebend gern über den Sinn und Unsinn unserer modernen Gesellschaft sinniert – ohne dabei irgendeinen moralischen Zeigefinger zu erheben, versteht sich – begeistern, wie eingangs erwähnt, allen voran die drei Jungakteure. Ob die fünfjährige Harriett Turnbull, die in «Ein Schotte macht noch keinen Sommer» debütiert, die insbesondere durch die Serie «Utopia» bekannt gewordene Emilia Jones oder Bobby Smalldridge, der bereits in TV-Formaten der BBC vor der Kamera stand: Diese drei ganz unterschiedlichen und mit individuellen Spleens ausgestatteten Heranwachsenden sind sowohl alleine als auch zusammen herrlich bodenständig und konfrontieren das Publikum mit einer ansteckenden, kindlichen Lebensfreude, deren Charme sich schon bald keiner mehr entziehen kann. Dabei sind die kleinen Eigenheiten der Kinder keine bloßen Gagvorlagen: Das Besserwissen von Bobby oder das penible Aufschreiben sämtlicher, innerfamiliärer Lügen sind sympathische und liebenswürdige Unterstreichungen des jeweiligen Lebensalters, in denen sich die einzelnen Figuren gerade befinden.

Die raue Kulisse der schottischen Highlands ist dabei wie gemacht für eine Komödie wie dieser, deren kantig britischer Humor das Geschehen dominiert. Für die Ereignisse innerhalb von «Ein Schotte macht noch keinen Sommer» würde die Hochglanzfassade einer Stadt wie New York bloß wie eine billige Kulisse daherkommen. In der unberührten, schottischen Natur findet sich das Ruheempfinden eines Großvaters ebenso wieder, wie das aufreibende Gemüt der streitenden Hitzköpfe – und für die Jugendlichen ist die Landschaft mit Sandstrand und Wäldern der ideale Ort, um sich zu entfalten. Kameramann Martin Hawkes, der auch schon beim Serienprojekt «Outnumbered» mit Andy Hamilton und Guy Jenkin zusammenarbeitete, verzichtete angemessen auf visuelle Spielereien und hält schlicht drauf – gern auch mal mehrere Minuten ohne einen sichtbaren Cut. Das verstärkt die Nähe zu den Figuren und erweist sich als äußerst ansehnliches Mittel, um dem Streifen einen weiteren Wiedererkennungswert zu verleihen. Musikalisch bleibt die Komödie hingegen unauffällig. Alex Heffes («Mandela – Der lange Weg zur Freiheit») konzentriert sich ganz auf zur Szenarie passende, schottische Klänge und weiß mit dieser Simplizität ebenfalls zu gefallen.

Fazit: Das Einzige, was in «Ein Schotte macht noch keinen Sommer» zum Stirnrunzeln einlädt, ist der Filmtitel. Mit ihrer originellen Tragikomödie ist den britischen Comedy-Regisseuren Andy Hamilton und Guy Jenkin eine abwechslungsreiche Geschichte über das Leben gelungen, die weder die Moralkeule schwingt, noch unangenehme Themen scheut. Tolle Darsteller, eine kurzweilige Inszenierung und realitätsnahe Figuren setzen ein großes Ausrufezeichen hinter die Vielfalt des europäischen Kinomarktes!

«Ein Schotte macht noch keinen Sommer» ist ab dem 20. November in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen.

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