Kino

Hollywoods Superhelden-Masterplan

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Hollywood plant bis 2020 mit mehr als zwei Dutzend Superheldenfilmen. Doch wieso planen die Studios so weit im Voraus? Und wie standfest sind diese Pläne?

US-Starts bereits angekündigter Superheldenfilme (Teil I)

  • 1. Mai 2015: «Avengers: Age of Ultron» (Marvel Studios)
  • 19. Juni 2015: «Fantastic Four» (Fox)
  • 17. Juli 2015: «Ant-Man» (Marvel Studios)
  • 25. März 2016: «Batman v Superman: Dawn of Justice» (Warner Bros.)
  • 5. Mai 2016: «Captain America 3» (Marvel Studios)
  • 17. Mai 2016: «X-Men – Age of Apocalypse» (Fox)
  • 8. Juli 2016: Unbetitelter Marvel-Studios-Film
  • 5. August 2016: Unbetitelter DC-Comics-Film (Warner Bros.)
  • 11. November 2016: «The Sinister Six» (Sony)
Seit 2008 veröffentlichten allein die Marvel Studios zehn auf Comics basierende Superheldenfilme. Im selben Zeitraum kamen jeweils zwei Batman-, Spider-Man- und «Kick-Ass»-Filme ins Kino sowie jeweils ein Big-Budget-Streifen über Superman, die Watchmen und Green Lantern. Und die «X-Men» stürmten sogleich vier Mal auf die große Leinwand. Bei aller Dominanz der Comichelden im Blockbusterkino zeichnen sich bislang keine Ermüdungserscheinungen ab: So verhalf das US-Publikum dem jüngsten Marvel-Film «Guardians of the Galaxy» zum erfolgreichsten Auguststart der Geschichte. Die Adaption einer obskuren Comicsaga spülte 94 Millionen Dollar in die Kassen, rund 25 Millionen mehr als der bisherige Rekordhalter «Das Bourne Ultimatum». Im April gelang «The Return of the First Avenger» wiederum mit 95 Millionen der stärkste März-Start der US-Kinohistorie.

Und nicht nur in den USA herrscht Begeisterung für Superhelden: Regelmäßig holen die Comicadaptionen gute bis hervorragende Kritiken und generieren weltweit enorme Summen, so dass vereinzelte Flops wie der DC-Comics-Film «Green Lantern» rasch vergessen sind. Da wundert es kaum, dass die großen Entertainmentkonzerne noch auf lange Sicht mit den Spandexträgern rechnen. Dass die zur Walt Disney Company gehörenden Marvel Studios aufgrund des großen Erfolgs ihres ausgeklügelten Kinouniversums einen Langzeitplan hegen, der laut Studiopräsident Kevin Feige in groben Zügen bis 2028 reicht, erscheint sogar beinahe verhältnismäßig. Erst kürzlich gaben aber auch 20th Century Fox, Sony Pictures und Warner Bros. Einsicht in ihre ausführlichen Zukunftspläne, so dass aktuell eine überwältigende Zahl von Superheldenfilmen angekündigt ist: Allein bis 2020 wollen die vier Studios 29 Produktionen ins Kino entlassen!

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst


Dass führende Filmstudios ihre aufwändigsten Produktionen lange im Voraus ankündigen, ist seit vielen Jahren gängige Praxis, doch dass bis ins Jahr 2020 hinein exakte Starttermine in Anspruch genommen werden, ist selbst für Hollywood außergewöhnlich. Jedoch spiegelt es die Marktlage wider: Die Marvel Studios arbeiteten sich innerhalb von nur sechs Jahren von einem Novizen zum Platzhirsch hoch. Spielte «Iron Man» 2008 noch 585 Millionen Dollar weltweit ein und lag somit klar hinter dem im selben Jahr veröffentlichten «The Dark Knight» (Gesamteinspiel: knapp über eine Milliarde Dollar), liegen die Marvel-Eigenproduktionen nunmehr weit vor den Filmen des ewigen Mitbewerbers DC Comics. Sowohl «Marvel's The Avengers» (Foto links) als auch «Iron Man 3» übertrafen den Abschluss von Nolans Batman-Trilogie und «Man of Steel», der Neustart der Superman-Saga, lag mit 668 Millionen Dollar derweil hinter dem zweiten Captain-America-Film.

Hinzu kommt, dass die Marvel Studios von Filmfans und Kritikern viel Respekt für das Erstellen einer lückenlosen Filmkontinuität ernten. DC Comics und Warner Bros. stehen daher im Zugzwang und versuchen, ihre Stärke dadurch zu markieren, dass sie es Marvel in Sachen Voraussicht gleich tun. Das frühe Abstecken eines Starttermins ist in Hollywood schlussendlich ein aggressiver Schritt: Da Filme mit ähnlichen Zielgruppen sich gegenseitig kannibalisieren, wenn sie zeitgleich oder kurz hintereinander starten, müssen sich Nachzöglinge für die Startwochenenden entscheiden, die noch nicht reserviert sind. Gleichzeitig gilt es, die immer früher geschlossenen Deals mit Werbepartnern zu achten und dem typischen Hollywood-Aberglauben gerecht zu werden – jedes Studio, jedes Genre, jeder Produzent hat so seine favorisierten Starttermine.

US-Starts bereits angekündigter Superheldenfilme (Teil II)

  • 2017: Unbetitelter, frauenzentrischer Film aus dem Spider-Man-Universum (Sony)
  • 3. März 2017: «The Wolverine 2» (Fox)
  • 5. Mai 2017: Unbetitelter Marvel-Studios-Film
  • 23. Juni 2017: Unbetitelter DC-Comics-Film (Warner Bros.)
  • 14. Juli 2017: «Fantastic Four 2» (Fox)
  • 28. Juli 2017: «Guardians of the Galaxy 2» (Marvel Studios)
  • 3. November 2017: Unbetitelter Marvel-Studios-Film
  • 17. November 2017: Unbetitelter DC-Comics-Film (Warner Bros.)
Welch Minenfeld die Starttagpolitik bereits 2007 war, also vor der Revolutionierung der Superhelden-Franchises, erklärt «Pirates of the Caribbean»-Co-Autor Terry Rossio in einer seiner Kolumnen über den Produktionsprozess von «Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt»: „Wir wissen seit einigen Monaten, dass wir unseren geliebten Glücksstarttag am 7. Juli aufgeben mussten und auf den Memorial Day vorgerückt sind. Wieso nur? Es ist ein mieser Starttag, weil er uns wertvoller Monate vor die Postproduktion beraubt.“ Rossio führt fort: „Und wir landen direkt im Fahrwasser von «Spider-Man 3» und «Shrek der Dritte», zwei Filmen mit der gleichen Zielgruppe. Und dann ist Memorial Day nicht einmal ein kinoaffiner Feiertag. Nun: Mir wurde zugetragen, dass Disney im Juli nicht gegen «Transformers» und «Harry Potter 5» antreten wollte. Also versuchte man, durch unsere Terminverlegung «Shrek der Dritte» von seinem Starttag zu verjagen. Angeblich hat es sogar beinahe geklappt und [DreamWorks-Animation-Chef] Katzenberg setzte alles für eine Umplanung in Bewegung.“

Damit ist Rossios Anekdote allerdings noch nicht zu Ende: „Aber, so behauptet der Flurfunk: DreamWorks' Marketingplan stand bereits fest und das Studio ging schon vorab einen Werbevertrag mit McDonald's ein. Und McDonald's stimmte dagegen, dass der Termin geändert wird.“ Das Ende vom Lied war: Innerhalb von drei Wochen starteten in den USA die dritten Teile der «Spider-Man», «Shrek»- und «Pirates of the Caribbean»-Saga und die US-Einnahmen sanken von Film zu Film. Seither kündigt Disney, das Studio das in diesem Dreikampf das Nachsehen hatte, seine aufwändigsten Filme mit besonders großer Weitsicht an, um in einer ähnlichen Situation die Oberhand zu haben. Und seit Marvel zum Mäusekonzern gehört, folgt auch das Comic-Studio diesem Beispiel.

Die Nachteile der offenen Langzeitplanung


Erst kürzlich kam es zu einem vergleichbaren Kräftemessen, dieses Mal mussten allerdings Warner Bros. und DC Comics eine Niederlage hinnehmen: Im Frühjahr dieses Jahres kündigte Warner an, dass «Batman v Superman: Dawn of Justice» am 6. Mai 2016 anlaufen wird. Für dieses Datum hatte Marvel zuvor einen bis dahin titellosen Film geplant, der sich kurz darauf als «Captain America 3» herausstellte. Wochenlang waren Branchenblätter voll mit Statements beider Studios über dieses Duell, beide Seiten beteuerten, nicht zurückzuschrecken und auf diesen Termin bestehen zu wollen. Gegenüber 'Empire' zeigte zum Beispiel Feige vehement seinen Unwillen, vor Warners Film die Flucht zu ergreifen: „Wir haben große Pläne, an denen wir für «Captain America 3» arbeiten, und nur weil sich ein anderer Film auf einen unserer Termine stürzt, heißt das nicht, dass wir was ändern werden.“

Anfang August verlegte Warner schließlich den Start seines Films auf den 25. März 2016, begleitet von unzähligen filmjournalistischen Essays darüber, wie viel es über Marvels Publikumsresonanz aussagt, dass die zwei legendäresten Comichelden nicht mehr ausreichen, um gegen einen Marvel-Film anzukommen. Dan Fellman, Vertriebsleiter bei Warner Bros., versuchte daraufhin die Wogen zu glätten: Filme des «Batman v Superman»-Regisseurs Zack Snyder starten eh traditionell im März und generell „gibt es keine schlechte Woche, um einen Film zu starten.“ Dies sei auch im Kinosommer 2014 klar geworden: Die bislang erfolgreichste Produktion des Jahres auf dem US-Markt ist der im April veröffentlichte «The Return of the First Avenger» (Foto links), der erste große Blockbuster 2014. In zwei Jahren werde Warner Captain America aber zuvorkommen – und, so suggeriert es Fellman, auch mehr einnehmen.

Bis dahin sieht es für Kinogänger aber so aus, als fürchte sich das Studio vor Marvel. Die Häme, die DC in Blogs und Foren nun hinnehmen musste, soll nun jedoch durch das selbstsichere Planen bis ins Jahr 2020 in Vergessenheit gedrängt werden. Die Langzeitplanung von Warner und DC kam, taktisch klug, daher auch nur Stunden nach dem neuen «Batman v Superman»-Starrttag ans Licht der Öffentlichkeit. Rund um die ewigen Kontrahenten wollen wohlgemerkt auch Fox und Sony aufzeigen, langfristig auf ihre Marvellizenzen zu vertrauen. Und während Fox mit seinen «X-Men» aktuell auch solide fährt, musste Sony bereits eine Kurskorrektur vornehmen: Vor Kinostart von «The Amazing Spider-Man 2» (Foto rechts) sprach das Studio vollmundig von einer Vielzahl an schurkenzentrischen Ablegerfilmen und zwei direkten Sequels derr Spinnensaga. Doch nachdem die Big-Budget-Produktion unter den Erwartungen abschnitt, wurde dieser Plan komplett umgeschmissen. Nunmehr ist nur noch von zwei Ablegern und einem Sequel die Rede.

Mit öffentlich gemachten Langzeitplänen gehen also nicht nur Vorteile einher. Gewiss: Wenn die Konkurrenz einem ausweicht und Fans bei den frühen Ankündigungen vorfreudig reagieren, stärkt diese Taktik den Wert der Marke. Doch wenn das Publikum kritisch reagiert oder die vollmundig geäußerten Vorhaben geändert werden müssen, dann wird den Mitbewerbern wie auch dem zahlenden Publikum medienwirksam vorgeführt, dass sich ein Studio selbst überschätzt hat. Sei es hinsichtlich der Menge an Filmen, die es tragen kann (siehe Sonys Spider-Man-Franchise) oder bezüglich der Standfestigkeit im direkten Duell mit einem Konkurrenzfilm (siehe «Batman v Superman»).

Wie viele Superhelden sind zu viele?


US-Starts bereits angekündigter Superheldenfilme (Teil III)

  • 2018: «The Amazing Spider-Man 3» (Sony)
  • 23. März 2018: Unbetitelter DC-Comics-Film (Warner Bros.)
  • 4. Mai 2018: Unbetitelter Marvel-Studios-Film
  • 6. Juli 2018: Unbetitelter Marvel-Studios-Film
  • 13. Juli 2018: Unbetitelter Fox-Superheldenfilm
  • 27. Juli 2018: Unbetitelter DC-Comics-Film (Warner Bros.)
  • 2. November 2018: Unbetitelter Marvel-Studios-Film
  • 5. April 2019: Unbetitelter DC-Comics-Film (Warner Bros.)
  • 3. Mai 2019: Unbetitelter Marvel-Studios-Film
  • 14. Juni 2019: Unbetitelter DC-Comics-Film (Warner Bros.)
  • 3. April 2020: Unbetitelter DC-Comics-Film (Warner Bros.)
  • 19. Juni 2010: Unbetitelter DC-Comics-Film (Warner Bros.)
Dass Hollywood bei der Bekanntgabe von Starttagen ungeheuerlich weit in die Zukunft blickt, ist die eine Sache. Eine mindestens genauso beachtenswerte Frage, ist wohlgemerkt: Kann der Kinomarkt diese Quantität an Superheldenstreifen noch tragen? Oder bricht das Superheldengenre an seinem eigenen Gewicht zusammen, ungeachtet dessen, dass es derzeit blüht und gedeiht? Erinnerungen an den Western werden wach, der in den 50ern die US-Filmlandschaft ebenso dominierte wie heutzutage das Superheldengenre. In den späten 50ern und frühen 60ern verlor der Kinowestern in den Staaten dann an Kommerzialität – unter anderem, weil eine Flut an quotenstarken Western-Fernsehserien dem Publikum eine kostengünstigere Alternative bot. Was damals «Bonanza», «Maverick» und Co. waren, könnten in naher Zukunft die zahlreichen geplanten Marvel- und DC-Fernsehserien sein.

Im Kino versuchten härtere und nachdenklichere Westernfilme diesen Trend abzuwenden, doch auch wenn Filme wie «Spiel mir das Lied vom Tod» zu Klassikern wurden, konnten sie das Westerngenre nicht zu seiner wirtschaftlichen Blütezeit zurückführen. Allerdings lässt sich die cineastische Geschichte des Western nicht 1:1 auf den Superheldenfilm übertragen. So fehlt den Superhelden-Fernsehserien bislang der bahnbrechende Erfolg, den ihrerzeit die Westernserien hatten. Und andererseits bemüht sich zumindest Marvel, seine Serien und seine Kinofilme miteinander zu verknüpfen, so dass jeder, der die TV-Serien verfolgt, auch dazu bewegt wird, eine Karte fürs Lichtspielhaus zu lösen.

Darüber hinaus wurde der Western harsch vom TV-Boom getroffen, als die Kinowirtschaft rapide zusammenbrach. Superheldenfilme hingegen profitieren, allen Klagen über Filmpiraterie zum Trotz, von einem stetig wachsenden internationalen Markt. Russland, China, Hongkong und diverse südamerikanische Staaten bauen ihre Kinoinfrastruktur Jahr für Jahr aus, weshalb Blockbusterreihen im Regelfall mit jeder neuen Fortsetzung außerhalb der USA mehr und mehr einnehmen. Selbst wenn die USA und Teile Westeuropas die Superhelden bald satt haben sollten, so würden andere Märkte sie gerade erst in voller Breite für sich entdecken.

Und vielleicht, aber nur vielleicht, ist es am Ende allein die Qualität, die entscheidet. 1989 begann ebenfalls eine, im Vergleich zu heute nahezu bescheidene, Hochphase an Comicadaptionen. Was mit Tim Burtons einträglichen und bis heute geachteten «Batman» anfing, wurde rasch durch Schund wie «Batman & Robin» in Grund und Boden gerammt. Bezeichnenderweise sind die einzig nennenswerten Misserfolge der vergangenen Jahre im Superheldengenre der ebenfalls wenig respektierte «Green Lantern» (Foto links) und der viel belächelte «X-Men Origins: Wolverine». Wenn Marvel, Warner und Co. also ihr Publikum sowie die Comicvorlagen respektieren und nicht nur komfortable Unterhaltung mit den geliebten sowie gewohnten Stilmitteln abliefern, sondern regelmäßig auch ihre Formel auffrischen … ja, dann könnte der Superheldenfilm-Masterplan bis 2020 tatsächlich aufgehen.

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