Kino

Oscar-Prognose: «The Artist» gegen den Rest der Filmwelt

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Wird der zehnfach nominierte Stummfilm bei den Academy Awards durchmarschieren? Welche Filme haben gegen ihn eine Chance?

In wenigen Tagen findet zum 84. Mal die Oscar-Verleihung statt, und ein Film scheint dieses Jahr das Rennen um den begehrten Goldjungen zu dominieren: «The Artist» gewann bereits die wichtigen Gewerkschaftspreise der US-amerikanischen Regisseure und Filmproduzenten. Deutlicher ausgedrückt: Es müsste schon mit einem kleinen statistischen oder filmhistorischen Wunder zugehen, wenn das liebevolle Stummfilm-Revival nicht für die beste Regie und als bester Film prämiert wird (mehr dazu).

Allerdings besteht die lange Oscar-Nacht nicht bloß aus diesen zwei Kategorien. Insgesamt ist «The Artist» für zehn Academy Awards nominiert, und selbst wenn ihm zwei große Siege nahezu garantiert sind, so stehen noch immer acht weitere Kategorien offen. Wir werfen einen Blick auf den Stand der Dinge und wagen die große Prognose: Steht «The Artist» ein Durchmarsch bevor? Oder machen ihm Steven Spielbergs «Gefährten», Martin Scorseses «Hugo Cabret» und Co. einen Strich durch diese Rechnung?

Bestes Originaldrehbuch


Favorit: Woody Allen für «Midnight in Paris» 
Dicht auf den Fersen: Michael Hazanavicius für «The Artist» 

Während sich der Oscar-Sieg von «The Artist» in der Film- und Regie-Kategorie aufgrund der Gewerkschaftspreise bereits überdeutlich abzeichnet, eignen sich die Auszeichnungen der Autoren-Gewerkschaft nicht als Indikator. Neben «The Artist» sind auch die Drehbücher zu «Der große Cash» und «Nader und Simin - eine Trennung» nicht für den WGA Award nominiert, da sie nicht von Gewerkschaftsmitgliedern verfasst wurden. Bei den Oscars haben Drehbücher gewerkschaftlich organisierter Autoren allerdings ebenso große Siegeschancen, wie die Werke der „Außenseiter“. Die meisten Preise der bisherigen Award-Saison gewann Woody Allen für «Midnight in Paris», der bereits zwei Oscars in dieser Kategorie gewann. Und zwar für «Der Stadtneurotiker» und «Hannah und ihre Schwestern», die wie «Midnight in Paris» darüber hinaus als bester Film nominiert waren. In einem von filmischer Nostalgie beherrschten Oscar-Jahr wäre Woody Allens sowohl melancholische, als auch kritische Beschäftigung mit diesem Thema ein schlüssiger Gewinner.

Allerdings ging beim BAFTA, dem größten britischen Filmpreis, überraschend Michel Hazanavicius als Sieger dieser Kategorie hervor – und setzte sich somit gegen sein ebenfalls nominiertes Idol Woody Allen durch. Wenn bei den BAFTAs in den vergangenen zehn Jahren nicht der große Favorit gewann, dann geschah dies entweder zu Gunsten eines Briten (etwa Colin Firths Sieg für «A Single Man» gegen Oscar-Gewinner Jeff Bridges vor zwei Jahren) oder aber der nicht-britische Überraschungssieger wiederholte bald darauf sein Glück bei den Academy Awards.

Das ist nicht einmal solch die waghalsige Milchmädchenrechnung, nach der es anfangs klingt. Die Academy of Motion Picture Arts & Sciences hält sich mit Bekanntgabe ihrer Mitglieder ja stets zurück, Schätzungen gehen jedoch von einer Überschneidung von zirka 20 Prozent mit den BAFTA-Mitgliedern aus. Das macht den britischen Filmpreis nicht zum bedeutungsvollsten Oscar-Indikator, aber wenn dort ohne jeden Anflug von Lokalpatriotismus eine Leistung prämiert wird, die zuvor kaum jemand als Oscar-Hoffnung betrachtete, deutet das auf eine zuvor unterschätzte, brancheninterne Wertschätzung hin. Roman Polanski (Regie: «Der Pianist») Marion Cotillard (Hauptdarstellerin: «La Vie En Rose») und Alan Arkin (Nebendarsteller: «Little Miss Sunshine») gewannen vollkommen unerwartet bei den BAFTAs und wurden kurz darauf zu Oscar-Preisträgern.

Bestes Szenenbild


Favorit: Dante Ferretti & Francesca Lo Schiavofür «Hugo Cabret» 
Geheimtipp: Stuart Craig für «Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2» 
Sicherer Tipp: Laurence Bennett für «The Artist» 

Der große Favorit in dieser Kategorie ist «Hugo Cabret», hinter dem der zweifache Oscar-Preisträger Dante Ferretti («Aviator», «Sweeney Todd») steckt und zusammen mit Francesca Lo Schiavo eine sehr detaillierte, teils historisch akkurate, teils fantasiereiche Welt kreierte. Oscarhistorisch haben sich mit Filmen wie «Titanic», «Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs», «Avatar» und «Alice im Wunderland» hat sich auch bewiesen, dass kostspielige Szenenbilder bei den Academy-Mitgliedern häufig sehr gut ankommen, und was dies anbelangt, ist Scorseses Mammutwerk mit einem geschätzten Budget von 150 bis 170 Millionen ganz vorne dabei. Obendrein zeichnet sich in den letzten Jahren eine Vorliebe für Filme ab, die digitale und handwerkliche Künste vereinen ab. Alternativ dürfte deshalb auch das «Harry Potter»-Finale gewisse Chancen haben. Diese zwei Oscar-Nominierten sind es auch, die beim Gewerkschaftspreis der Szenenbildner gewannen, jeweils als bester historischer und als bester fantastischer Film.

Beste Kamera


Favorit: Emmanuel Lubezki für «The Tree of Life» 
Dicht auf den Fersen: Robert Richardson für «Hugo Cabret» 
Nicht auszuschließen: Jeff Cronenweth für «Verblendung», Janusz Kaminski für «Gefährten»

Die Kamera-Kategorie zählt, sofern man als Zuschauer der Oscar-Verleihung genügend Interesse mitbringt, zu den spannenderen, denn selten ist ein klarer Favorit auszumachen. Der Gewinner des Gewerkschaftspreises der American Society of Cinematographers erhält zum Beispiel nur in rund 50 Prozent der Fälle auch einen Academy Award. Festzuhalten ist aber, dass in dieser Sparte Innovation durchaus gewürdigt wird, wie etwa durch die Auszeichnungen für «Avatar», «Inception» oder seinerzeit «Der Soldat James Ryan» bewiesen. Reine Ästhetik bringt nicht automatisch einen Oscar-Sieg, weshalb der virtuose Roger Deakins auch nach neun Nominierungen weiter auf einen Academy Award warten muss. Bewusste stilistische Rückgriffe auf frühere Zeiten werden eher beim Gewerkschaftspreis berücksichtigt, so gewannen dort die Schwarzweißfilme «The Man Who Wasn't There» und «Das weiße Band». «The Artist» ging dieses Jahr hingegen leer aus.

Robert Richardsons Arbeit in «Hugo Cabret» vereint durch ihre 3D-Technik den Innovationsgedanken mit einer sehr zeitlos-klassischen Ästhetik, was den visuell spektakulären Scorsese-Film in dieser Kategorie zu einem ernstzunehmenden Kandidaten macht. Jedoch räumte Lubezki die letzten Monate für «Tree of Life» nahezu jeden Preis ab, für den er nominiert wurde. Seine poetischen Bilder sind schließlich auch das bestechende Element dieses Films – und es ist Lubezkis nunmehr fünfte Oscar-Nominierung. Böse Zungen behaupten ja, dass die Oscar-Stimmberechtigten irgendwann einknicken, weshalb es gut möglich ist, dass Lubezki dieses Jahr nicht allein für «Tree of Life», sondern indirekt auch für seine vorherigen Leistungen entlohnt wird.

Bester Hauptdarsteller


Favorit: Jean Dujardin für «The Artist»
Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich: George Clooney für «The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten»

In dieser Kategorie lässt sich mit Blick auf die SAG Awards, die Auszeichnung der Schauspielgewerkschaft, eine ähnlich sichere Vorhersage tätigen, wie in den Kategorien für den besten Film und die beste Regie. Seit Einführung dieses Preises im Jahr 1995 haben 14 der SAG-Gewinner auch den Oscar als bester Hauptdarsteller erhalten. Benicio del Toro erhielt nach dem SAG-Gewinn kurioserweise den Oscar als bester Nebendarsteller in «Traffic» und drei weitere Darsteller gingen beim Academy Award leer aus. Jean Dujardin erhielt bereits den SAG-Award sowie den BAFTA, womit er Russell Crowe die Hand schütteln könnte, sollte er keinen Oscar gewinnen. Denn so erging es Crowe für seine Hauptrolle in «A Beautiful Mind», den stattdessen Denzel Washington für «Training Day» erhielt. Dujardins ärgste Konkurrenz dürfte George Clooney sein, der für «The Descendants» bereits einen Golden Globe erhielt und dieses melancholisch-komödiantische Drama ebenso sehr auf seinen Schultern trägt, wie der joviale Franzose «The Artist» möglich machte.

Beste Filmmusik


Favorit: Ludovic Bource für «The Artist»
Geheimtipp: John Williams für «Gefährten»

Der große Favorit unter den Brancheninsidern ist der für «The Artist» bereits mit einem Golden Globe prämierte Ludvic Bource. Seine Kompositionen sind eingängig, stimmungsvoll und fangen den Geist klassischer Stummfilmmelodien ein, verfügen aber auch über eine zeitgemäße Komponente, die sie nicht altbacken wirken lassen. Zudem trägt die Musik sehr viel zum Erzählvorgang bei, ersetzt sie doch gewissermaßen die Dialoge von «The Artist». Zu einem gewissen Grad gilt dies jedoch auch für John Williams' Arbeit in «Gefährten». Generell lässt sich dieses Jahr jedem der Nominierten eine gewisse Chance einräumen, doch ein Oscar für «The Artist» wäre am wenigsten überraschend.

Beste Nebendarstellerin


Favoritin: Octavia Spencer für «The Help»
Geheimtipp für Mutige: Jessica Chastain für «The Help»

In dieser Kategorie gibt es eine nahezu garantierte Gewinnerin: Octavia Spencer, die für ihre Rolle in «The Help» sowohl den Preis der Schauspieler-Gewerkschaft erhielt, als auch bei den BAFTAs gewann. McCarthy fällt zudem aufgrund ihrer sehr komödiantischen Rolle als mögliche Oscar-Preisträgerin heraus, während Bejo in «The Artist» viel weniger gefordert wird, als Spencer, Chastain oder McTeer. Und üblicherweise gewinnen die schwierigeren, sozusagen anstrengenden Rollen bei den Academy Awards. Sollte Spencer vollkommen unerwartet ohne Oscar-Statuette nach Hause gehen, so dürfte sie noch am ehesten gegen ihre «The Help»-Kollegin verlieren, die ebenfalls eine sehr facettenreiche Rolle mit intensiven, emotionalen Momenten hat.

Beste Kostüme


Favorit: Mark Bridges für «The Artist»
Dicht auf den Fersen: Lisy Christl für «Anonymous» und Michael O’Connor für «Jane Eyre»

Auch in dieser Kategorie ist «The Artist» kein garantierter Gewinner. Filme, die in der Zeit Queen Elizabeths spielen und auf besonders aufwändige, auffällige Kostüme setzen, haben fast schon Tradition bei den Oscars, weshalb «Anonymous» große Chancen hat. Auch «Jane Eyre» vereint hohe Quantität mit Qualität. Es wird sich also höchst wahrscheinlich zwischen diesen drei Filmen entscheiden, wobei der BAFTA-Gewinn von «The Artist» ihn ein wenig in die Favoritenrolle drängt. Sehr lange entschieden beide Filmakademien unterschiedlich, aber seit 2006 herrschte in vier Fällen Einigkeit.

Bester Schnitt


Favorit: Ann-Sophie Bion und Michel Hazanavicius für «The Artist»
Dicht auf den Fersen: Thelma Schoonmaker für «Hugo Cabret»

Der Oscar für den besten Schnitt ging seit 2001 sieben Mal an den Film, der auch in der Hauptkategorie gewann. Drei weitere Male ging er an eine actionreichere Produktion («Black Hawk Down», «Aviator» mit seiner zentralen wie ausdrucksstark geschnittenen Absturzsequenz und «Das Bourne Ultimatum»). Vergangenes Jahr setzte sich «The Social Network» durch, bei dem die Cutter mit David Finchers Perfektionismus und seinen unzähligen Takes jeder einzelnen Szene zu kämpfen hatten. Dieses Jahr nennen zahlreiche Branchenkenner «The Artist» als Favoriten, jedoch offenbaren Hintergrundreportagen zu «Hugo Cabret» die immense Arbeit, die auf Thelma Schoonmaker und Martin Scorsese zukam, um den 3D-Effekt ihres Films zu perfektionieren. Wenn also ein Film «The Artist» in dieser Kategorie überflügeln kann, dann dieser. Es wäre aber eher eine Anerkennung des Handwerks, und weniger eine Lobigung für das Gesamtwerk, denn «Hugo Cabret» ist dramaturgisch weniger abgerundet, als «The Artist».

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