360 Grad

I'm With COCO

von
Julian Miller über den immer noch nicht völlig abgeklungenen Late-Night-Krieg in den Vereinigten Staaten. Er ist auf Conans Seite.

Der amerikanische Late-Night-Krieg will trotz einer langsamen Rückkehr zu leiseren Tönen immer noch kein Ende nehmen. Immerhin sind die Entscheidungen nun klar: Jay Leno ist schon Anfang März zur «Tonight Show» zurückgekehrt, wo seine Quoten laut «Variety» auf den niedrigsten Stand seit Lenos Angangszeit in den frühen 1990ern angekommen sind. Conan O'Brien wird ab dem 1. November auf dem Kabelsender TBS zu sehen sein und hat sich somit vom kriegerischen Network-Establishment verabschiedet. Die Verträge sind unterzeichnet und jeder geht seines Weges. Das Problem an der Sache ist dabei aber wohl, dass wirklich niemand mit dem Ausgang zufrieden sein kann.

NBC trägt sicherlich die größte Schuld an der Misere und hat aus der „Late Shift“-Katastrophe von vor zwanzig Jahren wohl nur wenig gelernt. Nachdem David Letterman damals in direkte Konkurrenz zu Jay Lenos neuer «Tonight Show» getreten war, unterlag Leno dem Quotenkampf nahezu zwei Jahre lang. Die nahezu unumschränkte Late-Night-Dominanz des Pfauensenders war zerstört und es dauerte lange, bis man den Thron der amerikanischen Late-Night-Landschaft wieder erklommen hatte. Selten hat man im Fernsehen das Problem, zu viele gute Leute für einen Job zu haben (damals Letterman und Leno, heute Leno und O'Brien) und NBC scheiterte an dieser Herausforderung beide Male, die sie in der Geschichte des Senders auftrat.

In beiden Late-Night-Kriegen war es Leno, der mit den härteren Bandagen kämpfte. 1992 hatte er seine Agentin Helen Kushnik zur Seite, der kein Trick zu mies und keine Intrige zu schäbig war, um Leno zu Johnny Carsons Erben zu machen. Letterman, der schon immer der deutlich intelligentere der beiden Spaßmacher war, wurde von NBC mit seinem ursprünglichen Sendeplatz nach der «Tonight Show» abgespeist und verließ daraufhin den Sender, der ihn so übel behandelte und offenbar nicht wusste, was er an ihm hatte. Dieses Mal war es wohl größtenteils Leno allein, der es mit cleveren Verhandlungen schaffte, sich alle möglichen Hintertürchen sperrangelweit offen stehen zu lassen, als er 2004 bekanntgab, seine Show einige Jahre später an Conan O'Brien abzugeben. Das endgültige Urteil hierüber wird wohl aber erst Bill Carter sprechen, der bereits ankündigte, Ende des Jahres ein Buch über das Gekabbel zu veröffentlichen.

Schließlich war das Desaster vorprogrammiert: Es war absehbar, dass es lange dauern würde, bis O'Brien auf ähnliche Reichweiten kommen würde wie sein Vorhänger, der zu seiner Anfangszeit ebenfalls lange brauchte, um aus dem Quotensumpf zu kommen. O'Brien hat dabei zu sehr auf das Wohlwollen der NBC Executives gehofft, die sehr schnell sehr unrealistische Ergebnisse forderten. Rasch wurde er dann wohl auch von dem italoamerikanischen Damoklesschwert mit dem markanten Kinn informiert. Überstürzte Entscheidungen führten dann zu dem Ergebnis, das wir heute kennen. Bye-bye, Conan; welcome back, Jay!

Lenos Image ist seitdem, freundlich formuliert, angeschlagen; unfreundlich formuliert, zerrüttet. Bis auf wenige Ausnahmen wie Oprah Winfrey, eine Vertraute Lenos, und Jerry Seinfeld erhielt Leno von seinen Branchen-Kollegen überwiegend, nun ja, negative Resonanz. Und auch die aktuellen Quoten seiner Show sprechen Bände. Fans von O'Brien inszenierten sich dabei in den Tagen und Wochen des Skandals medienwirksam mit „I'm with Coco“-Rallies und protestieren vor NBC-Gebäuden. Letztendlich half alles nichts und «The Conan O'Brien Show» landet nun im Kabelfernsehen. Die Prämisse klingt vielversprechend und auch die Einschaltquoten der ersten Wochen werden den Sender mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu neuen Höhen katapultieren. Wenn es einen Gewinner des Streits gibt, dann ist es TBS. Ain't no Business like showbusiness.

360 Grad erscheint immer freitags nur bei Quotenmeter.de

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