Die Kino-Kritiker

«After Truth» - Der «Shades of Grey»-Emporkömmling geht in die zweite Runde

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Der zweite Teil der verfilmten «After»-Reihe kommt unter dem Titel «After Truth» in die deutschen Kinos und erzählt erneut von der schicksalhaften Beziehung zwischen Hardin Scott und Tessa Young.

Filmfacts: «After Truth»

  • Start: 3. September 2020
  • FSK: 12
  • Laufzeit: 105 Min.
  • Genre: Romanze
  • Kamera: Larry Reibman
  • Buch: Anna Todd, Mario Celaya
  • Regie: Roger Kumble
  • Darsteller: Josephine Langford, Hero Fiennes Tiffin, Louise Lombard, Dylan Sprouse, Candice King, Charlie Weber, Max Ragone
  • OT: After We Collided (USA 2020)
Die vier Teile umfassende «After»-Reihe der US-amerikanischen Schriftstellerin Anna Todd hat zwar eine gewaltige Fanbase, musste aber auch schon mächtig Häme einstecken; für ihre hanebüchen-kitschigen Dialoge, die heraufbeschworenen Emotionen einer Soap Opera und eindimensionale Charaktere, deren insbesondere körperliche Liebe in klischeehaften Erotikszenen ersäuft. Es ist also im Grunde alles so wie in der für ein etwas reiferes Publikum angelegten «Fifty Shades of Grey»-Reihe, was der Serie auch das frühe Urteil „«Fifty Shades» für Teenies“ einbrachte. Denn inhaltlich eint die Geschichten außerdem, dass sich hier eine junge, sexuell unerfahrene Frau in einen deutlich erfahreneren Mann – oder sagen wir besser: Bad Boy (oder eben Bad Man) – verliebt und von ihm erstmals in die hohe Kunst der Erotik eingeführt wird.

Der im vergangenen Jahr erschienene, erste Teil der – wenn alles gut geht – wohl insgesamt vier Filme umfassenden Leinwandadaption erhielt dann auch weitestgehend ein ähnliches Feedback wie das Erwachsenen-Pendant, wenngleich man «After Passion» zu Gute halten muss, dass er die Liebe zwischen Tessa und Hardin immerhin nicht derart toxisch darstellt, wie die zwischen Anastasia Steele und Christian Grey im ersten Teil der «Shades»-Reihe (dass die Filmreihe sich nach und nach gesteigert hat, dazu stehen wir weiterhin).



Junge Liebe rostet nicht


Hardin Scott (Hero Fiennes Tiffin) und Tessa Young (Josephine Langford) erleben die Folgen ihre Trennung, nachdem Hardin Tessa gegenüber nicht ehrlich in seinen Beziehungsabsichten war. Während Hardin in schlechte Gewohnheiten verfällt, landet Tessa, bewaffnet mit neuem Selbstvertrauen, beim Praktikum ihrer Träume und darf fortan bei der Vance Publishing Company arbeiten. Während sie bei Vance ist, erregt sie dort die Aufmerksamkeit von ihrem gutaussehenden, neuen Kollegen Trevor (Dylan Sprouse), der genau der Typ ist, den sie immer wollte. Er ist klug, lustig, charmant und verantwortungsbewusst; Doch Tessa kann Hardin nicht vergessen. Trotz all ihrer Missverständnisse und Nöte kann sie nicht leugnen, dass sie sich noch immer zu ihm hingezogen fühlt. Sie wünschte, sie könnte einfach verschwinden. Doch das ist nicht so einfach. Und so werden Hardin und Tessa sich erneut durch all die Höhen und Tiefen kämpfen, die das Leben für sie bereithält…

«After Passion» fiel bei uns aus verschiedenen Gründen jedoch nicht komplett durch. Die grobschlächtigen Dialoge, das schluderhafte Schauspiel von Hero Fiennes Tiffin («Cleaning Up») und die durch schummriges Licht, schnell wegblendende Kameras und jede Menge Weichzeichner heraufbeschworene Keuschheit, einhergehend mit einer enervierenden Tonspur aus austauschbaren Popsongs haben es Zuschauern außerhalb der Zielgruppe aus verliebten Mädels zwischen 12 und 16 sicherlich (zu Recht) arg schwer gemacht, irgendetwas Gutes an der Hochglanz-Schmonzette zu finden. Doch an all diesen Aspekten wird sich das Kernpublikum kaum stören; und dann war da ja auch noch die aufopferungsvolle Darstellung von Newcomerin Josephine Langford («Wish Upon»), eine angenehm selbstverständlich Berücksichtigung des Safer-Sex-Aspekts und ein aufrichtiger, leider zum Teil von den hölzernen Dialogen zunichte gemachter Umgang mit Teenagerproblemen rund um das Thema erste Liebe und erster Sex. Es ließ sich also genau ausmachen, worin in «After Passion» die Schwächen liegen – es wäre ein Leichtes gewesen, sie auszubügeln.

Und tatsächlich geht es in «After Truth», der anders als der Vorgänger keine Altersfreigabe ab 0 hat, sondern eine ab 12, längst nicht mehr so keusch zu wie Teil eins. Das verliebte Pärchen vögelt sich vom Sofa über die Dusche bis hin ins Büro der fortan in einem Verlag arbeitenden Tessa. Besonders viel Explizität bekommt man dabei zwar immer noch nicht zu Gesicht, aber im Zusammenspiel mit einer etwas derberen Sprache kommt «After Truth» dem Vorschussurteil „«Fifty Shades» für Teenies“ doch nun um Einiges näher.

Was ist nur mit Hardin passiert?


Was sich im Vergleich zu Teil eins dagegen so gar nicht verbessert hat, ist das lustlose Schauspiel des Hauptdarstellers – und da der den Film zusammen mit Josephine Langford ja nahezu allein tragen muss, schmälert das den Gesamteindruck ordentlich. Hinzu kommt ein arg unglücklicher Umgang mit seiner Figur. Vom unzähmbaren Bad Boy (Er hat sogar Tattoos!) wird Hardin Scott hier zu einem regelrechten Arschloch; Und das hat nicht einzig und allein damit zu tun, dass er – wie es die Zusammenfassung so schön beschreibt – in alte Gewohnheiten zurückfällt. Stattdessen fährt Hardin direkt in der aller ersten Szene mürrisch einen Obdachlosen an und befielt ihm, „sich zu verpissen“. Als sich er und Tessa dann das erste Mal wiedersehen, schläft er mit ihr, obwohl sie sturzbetrunken ist und kaum mehr etwas von der Situation mitbekommt. Und auch im weiteren Verlauf kommt es immer wieder zu Situationen, in denen der Gedanke vom weichen Kern hinter der harten Schale völlig weit entfernt ist.

Dass Josephine Langford dagegen ihre darstellerischen Stärken in das gestiegene Selbstbewusstsein ihrer Figur legen kann und es daher absolut authentisch wirkt, dass es plötzlich sie ist, die die Fäden ihrer Beziehung in der Hand hält, kann den zweifelhaften Eindruck von Hardins Charakterwandel immerhin zum Teil ausgleichen. Trotzdem bleibt die Darstellung einer derartigen Beziehung – anders als im Vorgänger – definitiv diskutabel. Wenngleich das Skript von Anna Todd und Mario Celaya schon deutlich macht, dass Tessa ihrem Hardin nicht hörig ist, sondern sich längst aus ihrer durch den Faktor „erste Liebe“ entstandenen Abhängigkeit freigeschwommen hat.

Erneut ist es also Josephine Langford, die hier darstellerisch die Eisen aus dem Feuer holen muss. Neben ihr überzeugt Disney-Star Dylan Sprouse («Zack & Cody an Bord») als sympathischer Neuzugang. Seine klischeehafte Figur eines plötzlichen Nebenbuhlers – genau wie im zweiten Teil von «Shades of Grey» arbeitet die weibliche Hauptfigur fortan erfolgreich in einem Millionenunternehmen und lernt dort einen charmanten Kollegen kennen – ist in «After Truth» gar nicht so klischeehaft. Dieser Trevor ist kein Schönling und ganz einfach ein netter Typ, der zwar zaghaftes Interesse an Tessa zeigt, sich jedoch ehrlich zurückhält, da sie bereits vergeben ist und sich stattdessen uneigennützig als Freund anbietet. Genauso wie Sprouse gefällt auch der Umstand, dass der Film sich in ein wenig mehr Augenzwinkern versucht als noch sein pseudodeeper Vorgänger. Das beginnt schon damit, dass die philosophischen Phrasen über die Liebe und das Leben zu Beginn des Films vom Off-Sprecher Hardin sofort als kitschig entlarvt werden – und er im nächsten Moment zugibt, dass es eine Lovestory wie die zwischen ihm und Tessa schon hundertmal gegeben hat.

Das relativiert natürlich nicht die Tatsache, dass es auch wirklich so ist; Man kann sich früh denken, wohin die Reise geht. Selbst mit dem Wissen, dass ja noch ein paar Filme folgen werden. Aber es kann nicht schaden, den Figuren und Dialogen ein kleines Augenzwinkern zuzugestehen, wenn man weiß, dass all das hier ziemlich ausgelutscht ist.

Fazit


«After Truth» bleibt der Linie des Vorgängers «After Passion» treu und ist erneut eine genau auf die Teenie-Zielgruppe zugeschnittene Romanze mit etwas mehr Sex als in Teil eins. Während das Fünkchen mehr Selbstironie dem Film gut tut und auch Josephine Langford erneut überzeugt, ist der Umgang mit der Figur des Hardin Scott mindestens diskutierbar.

«After Truth» ist ab dem 3. September in den deutschen Kinos zu sehen.

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