Die Kino-Kritiker

«Destroyer» - Nicole Kidman macht sich hässlich

von   |  1 Kommentar

In Karyn Kusamas Thriller «Destroyer» gibt sich Schauspielikone Nicole Kidman einmal mehr von ihrer abgewrackten Seite und wird damit zur Hauptdarstellerin eines Films, der noch viel besser sein könnte, würden sich nicht die Macher einzig und allein darauf verlassen.

Filmfacts: «Destroyer»

  • Start: 14. März 2019
  • Genre: Drama/Thriller
  • Laufzeit: 122 Min.
  • FSK: 12
  • Kamera: Julie Kirkwood
  • Musik: Theodore Shapiro
  • Buch: Phil Hay, Matt Manfredi
  • Regie: Karyn Kusama
  • Darsteller: Nicole Kidman, Toby Kebbell, Tatiana Maslany, Sebastian Stan, Scoot McNairy, Bradley Whitford, Toby Huss
  • OT: Destroyer (USA 2018)
Als sich Charlize Theron 2003 für das Serienkillerporträt «Monster» „hässlich machte“, folgte daraufhin prompt der Oscar als beste Schauspielerin. Christian Bale und sein Körper unterwerfen sich spätestens seit «Der Maschinist» regelrechten Extremdiäten, um voll um sich so authentisch wie möglich in die von ihm verkörperten Figuren hineinzuversetzen. Und obwohl Fatih Akins «Der goldene Handschuh» erst vor kurzem von großen Teilen der Presse in der Luft zerrissen wurde, waren sich in einem Punkt trotzdem alle einig: Dem bis zur Unkenntlichkeit zum Hamburger Frauenmörder Fritz Honka umgeschminkten Jonas Dassler gebührte für seine leidenschaftlich-uneitle Darbietung jede Menge Respekt. Fassen wir also zusammen: Seit jeher sind Kritiker und Zuschauer fasziniert, wenn sich Menschen körperlich verändern. Deshalb hagelte es für Karyn Kusamas Thriller «Destroyer» entsprechende Vorschusslorbeeren, denn in der Hauptrolle gibt sich Hollywoodstar Nicole Kidman («Der verlorene Sohn») voll und ganz dem körperlichen Verfall hin, während sie sich ganz nebenbei auch noch als Ermittlerin einem Mordfall widmet.

Beide Teile funktionieren sowohl für sich als auch in Kombination. Doch Kidmans aufopferungsvolle Darbietung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Drehbuch von Phil Hay und Matt Manfredi (schrieben auch das Skript zu Kusamas «The Invitation») nie einen emotionalen Punch entwickelt, der seiner Protagonistin gerecht wird.

Der Schlüssel liegt in der Vergangenheit


Ein Mordfall wie jeder andere – so scheint es. Erin Bell (Nicole Kidman), Polizistin in Los Angeles wird schnell eines Besseren belehrt: Indizien am Tatort deuten darauf hin, dass eine verschollen geglaubte Person aus ihrer Vergangenheit wieder zurück ist. Silas ist der Grund, warum Erin heute ein Schatten ihrer selbst ist, eine gebrochene, innerlich wie äußerlich zerstörte Frau, die durch ihr Leben stolpert wie eine Untote. 17 Jahre sind vergangen, seit Erin als verdeckt arbeitende FBI-Agentin Silas zum ersten Mal auf der Spur war. Damals endete die Ermittlung in einer Katastrophe. Jetzt sieht Erin die Gelegenheit gekommen, ihre Sünden von einst wieder gut zu machen und Silas zur Strecke zu bringen. Koste es, was es wolle…

Schon im Falle von «Monster» stürzten sich damals alle auf die überragende Performance von Hauptdarstellerin Charlize Theron – einfach, weil sie den gesamten Film damit dominierte. Anders lässt es sich auch bei «Destroyer» kaum handhaben, denn wie stoisch, abgewrackt und emotional trotzdem wie eine Löwin kämpfend sich Kidman hier durch ein nicht minder heruntergekommenes Los Angeles kämpft, ist schon ganz großes Kino. Dabei wandelt Kidman stets auf dem schmalen Grat zwischen Mitleid, Skepsis und Sympathie; ihre Erin Bell lässt sich partout in keine Schublade stecken. Wenn sie sich sichtbar halbherzig mit ihrer entfremdeten, auf die schiefe Bahn zu geraten drohende Tochter Shelby (Jade Pettyhohn) auszusöhnen versucht, der sie nie ein gutes Vorbild war, mischt sich sogar ein wenig Verachtung in diesen kaum definierbaren Eindruck.

Was soll man von Erin halten? Ist sie nun eine Rabenmutter, aber wenigstens aufopferungsbereit in ihrem Job? Hat dieses „sich gehen lassen“ möglicherweise ebenfalls mit Letzterem zu tun, genauso wie das permanente Übertreten legaler Ermittlermethoden? In «Destroyer» hängen Beruf und Privatleben der unattraktiven Hauptfigur zu jedem Zeitpunkt miteinander zusammen und ergeben das Bild eines hochkomplexen Charakters. Den muss man bis zum Schluss nicht mögen; Kidman buhlt in ihrer Performance nie um die Sympathien des Publikums. Aber es ist schon faszinierend, ihrer Erin zuzusehen.

Starke Kidman, mäßiges Skript


In ihrer Kreativität stecken bleibt hingegen die Geschichte, die die Autoren Hay und Manfredi immerhin mit größtmöglicher Ambition aufziehen. Damit ihr von Anfang an anvisierter Twist, der im Großen und Ganzen an einen Film von Denis Villeneuve erinnert, auch zündet, bringen sie uns ihre Hauptfigur vorwiegend über Rückblenden näher, doch so richtig aussagekräftig sind die nicht. Vor allem Erins Vergangenheit als Undercover-Ermittlungerin bestehen hauptsächlich aus Allgemeinplätzen: ein Bankraub, das Abdriften ins illegale Milieu und die Liebesgeschichte zwischen den Ermittlern – anstatt dass diese Ereignisse die Hauptfigur formen, ist es vorwiegend Nicole Kidman selbst, die den wenig inspirierten Stationen in ihrem Thriller Bedeutung verleiht.

Die zugegebenermaßen sehr ansehnlich bebilderten Szenen (Kamera: Julie Kirkwood, «Die Tochter des Teufels») sind für einen Thriller letztlich Business as usual und nehmen jenen Szenen, in denen sich das Charakterporträt erzählerisch vorantreiben ließe, den Raum zur Entfaltung. Nur einmal hat man das Gefühl, dass hier gerade das volle Potenzial von Setting und Plot ausgeschöpft wird: In all ihrer Verzweiflung gibt Erin einem potenziellen Informanten einen Handjob. Eine von Kidman mit größtmöglicher Anwiderung performte, ihren Charakter perfekt auf den Punkt bringende und zugleich auch den Stand der Ermitlungen perfekt zusammenfassende Szene.

In Look and Feel passen sich die Macher vollständig ihrer Figur an. Die entsättigten Farben und der fast schon träge Score von Theodore Shapiro («Nur ein kleiner Gefallen») legen sich wie ein Mantel aus hemmendem Nebel über die sonst vorwiegend von ihren besten Seiten abgefilmte Metropole Los Angeles. Dieses bremsende Gefühl wirkt sich auch auf Tempo und Rhythmus generell aus: Die 121 Minuten von «Destroyer» fühlen sich deutlich länger an, was nicht zuletzt daran liegt, wie Karyn Kusama zwischen Zeitebenen und Settings hin- und herspringt. Vieles an Füllmaterial ließe sich ersatzlos streichen. Ganze Dialoge wiederholen bisweilen nur, was andere Szenen bereits viel deutlicher und effektiver ausformuliert haben. Trotzdem kann das Skript den Zuschauer auch gerade dadurch ziemlich smart an der Nase herumführen. Das gilt nicht nur für den Twist, der – ganz gleich ob schon einmal da gewesen oder nicht – definitiv überraschend kommt, sondern auch für Erins unkonventionelle Ermittlermethoden.

Zumindest vorhersehbar ist «Destroyer» also nicht. Dafür bemerkenswert brutal. Karyn Kusama forciert hier nicht nur detailliert die Gewalt in ihrer Ausführung, sondern stützt sich ganz besonders auf ihre Nachwirkungen. Vor allem in den letzten zehn Minuten tut das, was Kidmans Figur hier erlebt, schon beim Zuschauen weh. Und spätestens dann macht es auch wieder Sinn, dass hier so viel Wert darauf gelegt wurde, sie körperlich möglichst abgewrackt zu zeigen.

Fazit


«Destroyer» lebt durch und durch von einer herausragenden Nicole Kidman. Die Geschichte und ihre Inszenierung können trotz sichtbarer Ambitionen leider nicht mit dem mithalten, was die Schauspielerin allein durch ihr Spiel beim Zuschauer auslöst.

«Destroyer» ist ab dem 14. März in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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Sentinel2003
13.03.2019 13:07 Uhr 1
Laut einiger Internet - Film - Seiten soll es mit Ihre Beste Leistung von Nicole Kidman sein.

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