Die Kino-Kritiker

«Happy Deathday 2U»: Täglich sticht der Mörder hier. Schon wieder.

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Eineinhalb Jahre nach «Happy Deathday» wird wieder gekillt. Doch dieses Mal ist alles anders, während es sich wiederholt. Oder so in der Art.

Filmfacts «Happy Deathday 2U»

  • Regie und Drehbuch: Christopher Landon
  • Basierend auf Figuren von Scott Lobdell
  • Produktion: Jason Blum
  • Darsteller: Jessica Rothe, Israel Broussard, Phi Vu, Suraj Sharma, Sarah Yarkin, Ruby Modine
  • Musik: Bear McCreary
  • Kamera: Toby Oliver
  • Schnitt: Ben Baudhuin
  • Laufzeit: 100 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Selbst wenn Harold Ramis' legendäres, philosophisch-komödiantisches Bill-Murray-Vehikel «… und täglich grüßt das Murmeltier» das Konzept nicht erfunden hat, dass eine Person in einer Zeitschleife festsitzt, so hat die Produktion aus dem Jahr 1993 es zweifelsohne populär gemacht. Und nachhaltig geprägt. Nach mehr als einem Jahrzehnt zumeist uninspirierter, kalkuliert wirkender «Murmeltier»-Kopien sind wir mittlerweile in einer filmischen Ära angekommen, in der Filmschaffende aktiv sind, die mit Ramis' Film groß geworden sind. Oder die zumindest über einen langen Zeitraum von ihm begleitet wurden. Neue «Murmeltier»-Filme kommen von Leuten, die das "Original" verinnerlicht haben und verehren. Es kann also kein Zufall sein, dass in den vergangenen Jahren die Schlagzahl sehenswerter «Murmeltier»-Filme zugenommen hat.

Neben "«Murmeltier» als Sci-Fi-Kriegsfilm" («Edge of Tomorrow») gab es unter anderem bereits "«Murmeltier» als Jugend-Drama über Reue" («Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie») sowie "«Murmeltier» als jugendtauglicher College-Slasher". Hinter letztgenanntem Film verbirgt sich die Blumhouse-Produktion «Happy Deathday», die im Herbst 2017 bei einem Budget von weniger als fünf Millionen Dollar weltweit 125,5 Millionen Dollar einnahm. Begleitet von positiven Kritiken und guter Mundpropaganda baute der komödiantische "Junge Frau wird an ihrem Geburtstag ermordet, wacht am selben Morgen wieder auf, wird wieder ermordet, wacht wieder auf, und so weiter, und so weiter, weshalb sie versucht, ihren Killer zu enttarnen"-Film seine Fangemeinde im Heimkino sogar weiter aus. Natürlich geht man bei Blumhouse da den Weg, den nahezu alle Horrorfilme gehen, die Profit gemacht haben: Eine Fortsetzung wurde angekündigt.

«Happy Deathday 2U» gelangt weniger als eineinhalb Jahre nach seinem Vorläufer in die Kinos. Ein Eiltempo, das zumeist Sorgen weckt, wenn der zweite Teil nicht von Anfang an mit eingeplant war. Zu viele zügig niedergeschriebene, passionslose Fortsetzungen musste die Filmwelt bereits über sich ergehen lassen, als dass man da noch blind vertraut. Doch «Happy Deathday 2U» ist keines dieser Sequels, das einfach zwei, drei kleinere Elemente des Vorgängers umkrempelt, sich sonst auf schlichte Wiederholung verlässt und hofft, dass das Publikum damit schon gesättigt ist. «Happy Deathday 2U» ist nicht "«Murmeltier» als jugendtaugliche College-Slasher-Fortsetzung vom Fließband". «Happy Deathday 2U» ist stattdessen "«Murmeltier» als jugendtauglicher College-Slasher, der zu anderen Filmen mutiert …"

Der ebenso smarte wie schusselige Student Ryan (Phi Vu) ist genervt: Er musste in seinem nach Käsefüßen stinkendem Auto schlafen, weil sein Mitbewohner Carter (Israel Broussard) ungestört mit Biologiestudentin Tree (Jessica Rothe) rummachen möchte. Von der Nacht im Auto völlig zerknittert und unausgeruht, widmet Ryan sich pflichtbewusst, wenngleich nicht ganz wach im Kopf, seinem aufwändigen Wissenschaftsprojekt, das dem College jedoch massiv Strom raubt, weshalb Ryan und seine Studienkollegen den Befehl von ganz oben bekommen, das Projekt aufzugeben. Genervt, sogar erschüttert, will Ryan das Projekt irgendwie doch noch vollenden, aber dazu kommt es nicht. Er wird ermordet. Oder doch nicht? Auf einmal wacht er in seinem nach Käsefüßen stinkendem Auto auf, in dem er die Nacht vollbracht hat, weil sein Mitbewohner Carter ungestört mit Biologiestudentin Tree (Jessica Rothe) rummachen wollte. Halt! Steckt jetzt Ryan in einer Zeitschleife fest und nicht mehr unsere «Happy Deathday»-Heldin Tree? Was geht denn hier ab?!

«Happy Deathday»-Regisseur Chrisopher Landon, der zudem Scott Lobdells Drehbuch überarbeitete, kehrt für «Happy Deathday 2U» auf den Regieposten zurück und macht sich diese Filmreihe nun völlig zu Eigen. Landon war es, der etwa das romantische Element in die Handlung eingebaut hat. Nun ist es Landon, der das Drehbuch von Grund auf verfasst hat, und er intensiviert die emotionale Komponente der Geschichte weiter. Außerdem erhöht Landon in «Happy Deathday 2U» die Zeitreisekomponente: «Happy Deathday» ist noch ein komödiantischer Slasher mit «Murmeltier»-Gimmick, dessen Schocks und Kills genreeinsteigerfreundlich gehalten sind, «Happy Deathday 2U» dagegen drosselt den Slasheranteil deutlich, um aus dem Gimmick einen größeren filmischen Bestandteil zu formen.

Das vollführt der Regisseur und Autor eingangs ohne klare Ansage. Landon, der dieses mal mit einem Budget von neun Millionen Dollar arbeitet, macht sich eine diebische Freude daraus, sein Publikum auf der Genre- und Konzeptebene im Unklaren zu lassen. Mehrfach suggeriert er inszenatorisch und tonal, dass wir uns in dieser oder jener Art von Geschichte befinden, nur um uns den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. «Happy Deathday 2U» ist daher besonders im ersten Akt voller Irreführungen, die je nach Blickwinkel genauso gut wie unsauberes Erzählen wirken können, da Storyelemente und vermeintliche Running Gags aufgebaut werden, die letztlich verpuffen.

Landon geht beim Aufbau irritierender Elemente allerdings kohärent vor – welche Filmaspekte verschwinden und weshalb, ist inhaltlich schlüssig und es lässt sich auch ein ganz eigenes, verschrobenes Vergnügen daraus ziehen, wie Landon den Film mehrmals verformt, um zwar das «Murmeltier»-Gimmick beizubehalten und dennoch Wiederholungen der Marke "Sequel-Einfallslosigkeit" zu vermeiden. Diese sehr konzeptuelle Unterhaltungsqualitäten von «Happy Deathday 2U» geraten nach und nach in den Hintergrund, während Landon schrittweise Jessica Rothe als Tree Gelbman wieder in den Fokus rückt – und somit ihr enormes komödiantisches Talent.

Rothe hat eine großartige Mimik, was sie schon im Erstling zeigen konnte, und was Landon in Teil zwei noch intensiver ausnutzt: Mehrere Strecken des Films stützen sich gezielt darauf, Rothe als Tree Gelbman entweder angepisst, völlig zornig, extrem verwirrt oder in tiefem Galgenhumor versinkend sowie sarkastisch aus der Wäsche gucken zu lassen. Und diese Szenen sind allesamt herrlich komisch – Rothe findet genau die richtige Zone zwischen "so übertrieben, dass es lustig ist" und "genügend Zurückhaltung, dass es noch nachvollziehbar bleibt und nicht zur Gummigrimassen-Cartoonnummer wird". Landon und Cutter Ben Baudhuin fügen darüber hinaus Rothes Ausraster stets zu schmissigen Szenenfolgen zusammen, teils auch zu makaber-humorigen Montagen.

Zusammengehalten wird all dies von der obig angerissenen, emotionalen Komponente: «Happy Deathday» versuchte sich bereits ein Stückchen (wenngleich etwas hölzern) darin, die Frage "Was, wenn du denselben Tag immer und immer wieder wiederholen könntest?" zwischendurch auf charakterzentrischer Ebene auszuloten, statt nur für Gags, Kills und Action. «Happy Deathday 2U» macht daraus eines der dramaturgischen und tonalen Standbeine des Films – und das gelingt Landon sehr gut: Wenn die flotten Dialogscherze und die Situationskomik für verletzlichere Dialoge der Figuren pausieren, ist es stets inhaltlich gerechtfertigt und glaubwürdig.

Dass dies gelingt, liegt zu großen Teilen daran, dass Landon das Vokabular und die Persönlichkeit seiner Figuren im Auge behält, statt ihnen wahllos moralinsaure Ansprachen in den Mund zu legen. Darüber hinaus bürstet Landon clever die Sehgewohnheiten gegen den Strich und fasst die Moral seines Films nicht, wie so viele andere Filme der vergangenen Jahre, kurz vor Schluss behäbig zusammen, also genau dann, wo sie doch eh schon klar zu erkennen ist. Nein, er nutzt Wendepunkte, damit seine Figuren sich in einem "Was sollen wir jetzt tun?"-Gedankenaustausch bewusst machen, welche Lektion sie aus ihrer Situation ziehen könnten.

Mit einem funktionierenden emotionalem Rückgrat ausgestattet, begibt sich «Happy Deathday 2U» dann in einen turbulenten Schlussakt voller Gags und Überraschungen. Und selbst wenn Komponist Bear McCreary manche Sequenzen musikalisch überbetont, bleibt so ein sehr vergnügliches, unberechenbares Sequel über, das die Gesetze seines Vorgängers zu gleichen Teilen einhält und keck uminterpretiert.

Fazit: «Happy Deathday 2U» verlässt sich darauf, dass man «Happy Deathday» gesehen hat und offen dafür ist, in der Fortsetzung unerwartete Pfade einzuschlagen. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, ist «Happy Deathday 2U» ein sehr erfrischender, kurioser «Murmeltier»-Spaß.

«Happy Deathday 2U» ist ab dem 14. Februar 2019 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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