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Kontroversen? Welche Kontroversen?! Oder: Hallo, Netflix, die Oscars mögen dich nun

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Die Oscar-Nominierungen stehen fest, und wieder einmal ist das filmaffine Internet ein Schlachtfeld. Ob wir mit unseren Academy-Award-Beobachtungen für etwas Ruhe sorgen können?

Soviel zum Anti-Netflix-Bias


Die vergangenen paar Jahre hallte es immer wieder durch die Debatten rund um die Academy Awards: "Der Film hat keine Chance, er ist von Netflix." Während der Video-on-Demand-Dienst solide im Dokumentarbereich mitspielte, galt es noch bis vor kurzem als unumstößliche Weisheit, dass Netflix im fiktionalen Sektor so schnell keinen Fuß bei den Academy Awards fassen wird. Und da sind wir nun: Alfonso Cuaróns «Roma» teilt sich mit «The Favourite» den ersten Platz in der Liste der am häufigsten nominierten Filme – in zehn Kategorien kann das Schwarz-Weiß-Drama einen Preis abräumen, darunter in der Sparte "Bester fremdsprachiger Film", "Beste Regie", "Beste Hauptdarstellerin" und "Bester Film". Drei weitere Nennungen gingen an «The Ballad of Buster Scruggs», zwei an Netflix-Kurzdokumentationen. Mit 15 Nominierungen liegt Netflix im Studio-Vergleich zwar hinter Fox (20 Nennungen), aber noch vor Warner, Sony und Annapurna.

Wie man's macht, macht man's falsch


Nachdem bei den 83. Academy Awards unter anderem «Inception» und «Toy Story 3» in der Hauptkategorie nominiert wurden, änderte sich vorerst das Oscar-Feld. Und so klagten Jahr für Jahr nicht wenige Filmfans, dass die Academy of Motion Picture Arts & Sciences einen Nischengeschmack hegen und erfolgreichere Filme konsequent ignorieren würde. Dieses Jahr ist das durchschnittliche Einspiel der Bester-Film-Anwärter so hoch wie schon lange nicht mehr, nicht zuletzt dank Marvels «Black Panther» (1,34 Milliarden Dollar weltweit). Auch «Bohemian Rhapsody» (bis dato 802 Millionen Dollar weltweit) und «A Star Is Born» (409 Millionen Dollar) lassen diverse frühere nominierte Filme Staub schlucken. Und was jammert es dieses Mal durch die filmaffinen sozialen Medien? Die Academy blamiere sich, wenn sie solche Massenfilme nominieren würde …

Es darf gelacht werden


Das ewige Klischee, die Academy würde ausschließlich staubige, steife Dramen mögen, werden die Oscars wohl nie abschütteln können. Aber niemand kann ernsthaft behaupten, dieser Oscar-Jahrgang wäre frei von Humor. Mit «The Favourite» holte sich eine launige Historienkomödie zehn Nominierungen, darunter eine in der Kategorie "Bester Film". Mit «Vice» ist darüber hinaus eine Politsatire in der Hauptsparte nominiert, genauso wie die Rassismusdramödie «Green Book» und das Freddie-Mercury-Biopic «Bohemian Rhapsody», zu dessen denkwürdigsten Momenten die gewitzten Nacherzählungen dessen gehören, wie einige Queen-Songs entstanden sind. Und Spike Lees zorniger «BlacKkKlansman» mischt Drama, Suspense und Komik zu einer explosiven Mischung.

Für Frauen geht es langsam aufwärts


Obwohl dieses Jahr, anders als noch bei den 90. Academy Awards, keine Frau in der Regiesparte nominiert ist, ist dieser Oscar-Jahrgang einer der besseren für die Frauen in Hollywood: In den nicht-gegenderten Kategorien (also abseits der Schauspielsparten) wurden 2018 23,73 Prozent aller Nominierungen an Frauen vergeben. Dieses Jahr wurden dagegen exakt 25 Prozent aller Nominierungen für Frauen ausgesprochen. Nicht geschafft haben sie den Sprung in die Kategorien Regie, Originalmusik, Effekte, Kamera und Schnitt.

Rottentomatoes ist (relativ) wertlos


Dass Filme, deren bei Rottentomatoes abgebildeter Konsenswert mies ist, zu riesigen Hits werden können, ist längst kein Geheimnis mehr – man schaue nur auf die Divergenz zwischen dem stark besprochenen «Bumblebee» und den Michael-Bay-«Transformers»-Teilen. Doch auch der Academy of Motion Picture Arts & Sciences schenkt dem Rottentomatoes-Wert wenig Beachtung: «Vice» und «Bohemian Rhapsody» gehören mit 64 und 62 Prozent zu den schwächsten Nominierten in der Hauptkategorie seit einigen Jahren.

Die Academy wird eklektischer


Seit fünf Jahren befindet sich die Academy of Motion Picture Arts & Sciences auf einer Mission: Sie will die Zusammensetzung ihrer Mitgliedschaft so verschieben, dass sie die Filmbranche besser repräsentiert. Und dieses Jahr scheinen wir vorgeführt zu bekommen, was das bedeutet: So hat in der Regiesparte der legendäre afro-amerikanische Spike Lee endlich seine erste Regienominierung erhalten, und neben ihm sind der Mexikaner Alfonso Cuarón, der Pole Paweł Pawlikowski, der US-Amerikaner Adam McKay und der Grieche Giorgos Lanthimos nominiert. Mit «Black Panther» ist erstmals ein Superheldenfilm in der Hauptkategorie nominiert, gleichzeitig ist mit «Bohemian Rhapsody» ein sehr konventionell erzähltes Musiker-Biopic im Rennen.

Und während auf der einen Seite Spike Lees «BlacKkKlansman» auf mehrere Oscars hoffen kann, ein zorniger, besorgter Film über den ewigen Rassismus in den USA, gesellt sich mit «Green Book» ein sehr gefälliger Film zu diesem Thema dazu. Dessen fünf Nominierungen und die fünf Nennungen für «Bohemian Rhapsody» zeigen auch, dass online viele Branchenbeobachter und Filmfans die Wirkkraft von Kontroversen überschätzen. Weder verlor Viggo Mortensen durch seine öffentliche Verwendung des N-Worts seine Nominierung, noch Nick Vallelonga durch seinen antimuslimischen Tweet – und «Bohemian Rhapsody» singt und tanzt, als sei sein Regisseur Bryan Singer keine Persona non grata. Auch der Mini-Backlash gegen «Vice», den manche Kritiker und Branchenmitglieder als scheinheilig und arrogant betrachten, weil er gegen eskapistische Filme schießt, obwohl er von Ex-Blödelkomödienregisseur Adam McKay stammt, verpuffte völlig.

Die Academy ist keine homogene Gruppe Filmschaffender, und das Oscar-Feld wird künftig wahrscheinlich noch eklektischer. Das ist doch auch was.

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Nr27
23.01.2019 13:16 Uhr 1
Die spannendste Frage ist IMHO, ob die auffällige Neigung zu Mainstream-Filmen zu Lasten der Indies in diesem Jahr einfach nur Zufall ist oder vielleicht doch die Folge der Umstrukturierungen der Academy in den letzten Jahren (mehr jüngere Mitglieder, mehr weibliche Mitglieder, größere kulturelle Diversifikation). Ich hoffe auf Ersteres, denn auch wenn den übertragenden TV-Sendern möglichst viele Blockbuster im Rennen natürlich lieber sind, würde ich einen Schwerpunkt auf inhaltlich anspruchsvollere Filme begrüßen - immerhin ist es für die die beste PR-Möglichkeit überhaupt, während die Blockbuster die zusätzliche Werbung meist gar nicht nötig haben.

Wenn man bedenkt, wie viele bemerkenswerte "kleine Filme" dieses Jahr fast ("Beale Street", "First Reformed") oder ganz ("A Beautiful Day", "Eighth Grade", "Leave No Trace", "Colette", "The Hate U Give") leer ausgingen, finde ich das jedenfalls sehr bedauerlich ...
HalbTV
23.01.2019 17:05 Uhr 2
Da dürfte mehrere Gründe zusammenspielen. Wenn die Nominierungskriterien nicht geändert wurden, so müssen die Studios bzw. Produktionsfirmen ihre Filme bei der Akademie als Vorschlag einreichen. Da muss dann auch bei den Mitgliedern Promotionsarbeit geleistet werden, was wiederum Kosten verursacht. Da dürfte dann für viele Produzenten die Frage sein, ob sich dieser zusätzliche Aufwand lohnt, um dann diese Kosten in der nachgelagerten Verwertung wieder rein zu holen. Bei den kurzen Auswertungsfenstern heute zwischen Kinostart und Verfügbarkeit als Blu-Ray / DVD und Stream, müsste man verdammt nah an den Meldeschluss mit dem Kinostart.

Und ein Kinostart im späten Herbst bzw. Jahresende garantiert mittlerweile für Ensemble- oder Autorenfilme auch keine große Aufmerksamkeit mehr. Die "klassische" Aufteilung im Sommer Blockbuster fürs Konto und im Herbst / Winter die Kunst wurde doch in den letzten Jahren immer mehr aufgeweicht. Mittlerweile Fluten die Studios doch fast das ganze Jahr die Kinos mit einem 200 Mio. Werk nach dem anderen.

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