Die Kino-Kritiker

Der schönste deutsche Jugendfilm des Jahres

von

Film des Monats: In «Das schönste Mädchen der Welt» verpflanzt Regisseur Aron Lehmann die Geschichte des französischen Kadetten Cyrano de Bergerac an eine moderne Schule – und trifft damit voll ins Schwarze!

«Das schönste Mädchen der Welt»

  • Start: 6. September 2018
  • Genre: Komödie/Musikfilm
  • Laufzeit: 103 Min.
  • FSK: 12
  • Kamera: Andreas Berger
  • Musik: Boris Bojadzhiev
  • Buch: Lars Kraume, Aron Lehmann, Judy Horney
  • Regie: Aron Lehmann
  • Darsteller: Aaron Hilmer, Luna Wedler, Anke Engelke, Heike Makatsch, Johannes Allmayer
  • OT: Das schönste Mädchen der Welt (DE 2018)
Da ist die Geschichte vom französischen Dichter Cyrano de Bergerac: Ende des 19. Jahrhunderts schildert der französische Schriftsteller Edmond Rostand in seinem mittlerweile vielfach adaptierten Versdrama das Leben, Lieben und Leiden dieses traurigen Mannes mit viel zu großer Nase, der seine Tugend der poetischen Wortfinderei dem dummen Taugenichts Christian von Neuvilette „leiht“, als dieser ein Auge auf Cyranos schöne Cousine Roxeanne geworfen hat. Die Gefühle, die Christian fortwährend als seine eigenen ausgibt, entstammen eigentlich der dichterischen Ader des durch seine vermeintliche Missbildung im Dunkeln bleibenden Cyrano. Am Ende stirbt er tragisch in den Armen seiner Angebeteten, die immerhin noch kurz vor dessen Tod die wahre Herkunft der Gedichte in Erfahrung bringen konnte. Welch‘ Tragödie! Da ist aber auch noch die Geschichte vom deutschen Jugendkino. Und die hatte in den vergangenen Jahren nichts mit großer Dichtkunst am Hut, sondern eher mit den Asi-Slang-krakeelenden Halbstarken aus «Fack ju Göhte» und Co. Doch was tun, wenn die Botschaft eines Stoffes aktueller nicht sein könnte, es nur ein wenig an der Form mangelt, die der Jugend von heute die vermeintlich angestaubte Vorlage schmackhaft machen könnte?

Aron Lehmann («Highway To Hellas») hatte da genau die richtige Idee und inszeniert mit «Das schönste Mädchen der Welt» eine durch und durch moderne Form der Cyrano-de-Bergerac-Saga; aus der Dichtkunst wird (nicht minder poetischer) Rap, aus der passiven Maid Roxeanne die toughe Roxy und Cyril, der hat immer noch eine große Nase. Aber verliebt ist er nicht weniger als sein großes literarisches Vorbild.

Hoffnungslos verliebt


Roxy (Luna Wedler) ist neu in der Klasse und verdreht gleich allen Jungs den Kopf. Die schlagfertige 17-Jährige ist gerade von ihrer alten Schule geflogen und hat null Bock auf die anstehende Klassenfahrt nach Berlin. Im Bus freundet sie sich mit dem sensiblen Außenseiter Cyril (Aaron Hilmer) an, der sie mit seinem Wortwitz überrascht. Cyril ist sofort Feuer und Flamme, rechnet sich aber keine Chancen aus, denn er wird von allen wegen seiner großen Nase verspottet. Roxy interessiert sich außerdem mehr für den attraktiven Rick (Damian Hardung). Blöderweise ist der ein geistiger Tiefflieger und bringt keine drei Worte am Stück raus. Als auch noch Aufreißer Benno (Jonas Ems) ein Auge auf Roxy wirft, startet Cyril eine waghalsige Verkupplungsaktion, um Roxy vor Bennos falschem Spiel zu schützen: Er schreibt für Rick coole Songs und romantische SMS, damit dieser bei Roxy ganz groß auftrumpft. Wer wird am Ende das Herz des „schönsten Mädchen der Welt“ erobern?

Im dritten und letzten Teil der «Fack ju Göhte»-Reihe nahm das Thema Mobbing einen wichtigen erzählerischen Teil ein. Vor allem eine Szene, in der der von Elyas M’Barek verkörperte Kultlehrer über seine eigenen Erfahrungen als Ausgestoßener erzählt, überzeugte; und dann war da ja noch der riesige Presseaufriss eines großen deutschen Boulevardblattes, dass den Kontext der «FJG»-PR dazu nutzte, sich selbst auch ein wenig dafür einzusetzen, dass Ausgrenzung und Hänseleien ganz schön scheiße sind. Subtil war das alles natürlich nicht – und das ist im Anbetracht einer solch wichtigen Thematik auch voll okay. Trotzdem geht Drehbuchautor Lars Kraume (nach dem bärenstarken Drama «Das schweigende Klassenzimmer» seine zweite positiv hervorstechende Arbeit in diesem Jahr) mit seinem Skript zu «Das schönste Mädchen der Welt» um Einiges eleganter vor, wenn es darum geht, der heranwachsenden Generation ein tolerantes und sich nicht auf Äußerlichkeiten beschränkendes Miteinander schmackhaft zu machen.

Der bereits in «Einsamkeit und Sex und Mitleid» schon so starke Newcomer Aaron Hilmer wird in seiner Rolle des mit einer riesigen Nase bestückten Cyril immer wieder wie selbstverständlich ausgegrenzt, schildert rückwirkend Momente schwerer psychischer Misshandlung und macht es so ganz reell greifbar, wie es sich anfühlt, ein Mobbingopfer zu sein. Dass er trotzdem sofort Kontakt zur schönen Roxy knüpft und auch sowohl äußerlich, als auch vom Verhalten her nicht unbedingt dem Klischee des Mauerblümchens entspricht, zeigt gleichzeitig die mannigfaltigen Auswüchse von Mobbing. Im Klartext: Es kann jeden treffen. Und es gibt gleichzeitig vielfältige Methoden, sich damit auseinanderzusetzen.

Modern, eingängig, bedeutungsvoll, hinreißend


Der schlagfertige Cyril hat sich dafür das maskierte Rapper-Ego „Maskenmann“ ausgesucht und battlet seine mal mehr, mal weniger musikalischen Gegner regelmäßig in Grund und Boden. Autor Lars Kraume gelingt es in «Das schönste Mädchen der Welt» hervorragend, den Eindruck aufrecht zu erhalten, dass die mitunter äußerst derben Raptexte jederzeit authentisch und so gar nicht filmisch wirken. Die Texte und Rhymes ließen sich allesamt auch völlig unabhängig vom Film genießen und entsprechen so gar nicht dem, was sich deutsche Filmemacher sonst so unter Rap und Jugendsprache vorstellen. Damit ist auch direkt ein weiterer der vielen Vorzüge des Films getroffen: «Das schönste Mädchen der Welt» ist zu jedem Zeitpunkt authentisch und profitiert auf dieser Ebene vor allem von einem sensationell aufgelegten Cast. Bei den Darstellerinnen und Darstellern der jüngeren Generation (vor allem «Flitzer»-Star Luna Wedler ist eine echte Entdeckung) verzichtet man fast vollständig auf allzu bekannte Gesichter. Lediglich unter den Erwachsenen gibt es Wiedersehen mit etwa Heike Makatsch («Das Pubertier») als herrlich überspannte Lehrerin („Früher hattest du drei Idioten in der Klasse, jetzt hast du drei, die es nicht sind!“), Johannes Allmayer («Colonia Dignidad») als ihr naives Pendant und Anke Engelke in der Rolle von Cyrils ein wenig zu fürsorglicher Mutter.



Weshalb man sie ein wenig zu offensichtlich mit einer riesigen Nase ausstattet, anstatt lieber direkt auf eine Schauspielerin mit einem derartigen Riechorgan zurückzugreifen, erschließt sich einem, wenn man sieht, mit welchem Geschick Engelke in ihrer kleinen Rolle mit dem Klischee der sich betont hip gebenden Mutter spielt und sich gleichzeitig als sensible Zuhörerin beweist. Das hätte vermutlich kaum eine andere Darstellerin so hinbekommen.

Zwischen der Sensibilisierung auf das Thema Mobbing, exzellenten musikalischen Einlagen («Das schönste Mädchen der Welt» nimmt in einigen Momenten sogar Züge eines klassischen Musicals an, Stichwort: Museum) und tollem Schauspiel besticht aber vor allem die zarte Liebesgeschichte zwischen Roxy und Cyril. In ihrer indirekten Annäherung – lange Zeit denkt die junge Frau schließlich, mit dem in Wirklichkeit strunzdummen Rick anzubandeln – ergeben die beiden das neue Traumpaar im deutschen Jugendfilm und reißen mit ihrer natürlichen Interaktion jede noch so beiläufige Szene an sich. Das liegt auch an den Dialogen, die auch abseits der Rap-Texte Pfiff haben, authentisch wirken und einfach zu jedem Zeitpunkt den Eindruck erwecken, dass Lars Kraume – mehr noch als der eher nachdichtende Bora Dagtekin – verstanden hat, wie die Jugend von heute eben spricht. Das macht es auch vollkommen verschmerzbar, dass «Das schönste Mädchen der Welt» im Laufe seiner kurzweiligen 102 Minuten den einen oder anderen erzählerischen Haken schlägt, den es nicht unbedingt benötigt hätte.

Darüber hinaus bietet die Figur des Idioten Rick zwar einige Filmzitate für die Ewigkeit, doch leider entfernt sich das Drehbuch bei der Zeichnung seiner Figur ein klein wenig von der ansonsten so angenehmen Bodenständigkeit und gerät hier schon fast in den parodierenden Bereich. Das reißt einen hier und da aus der Szenerie heraus, ist allerdings nur ein winziger Schönheitsfehler in einem Film, von dem man sich erhofft, das ihm jener Erfolg zuteilwird, den in den letzten Jahren «Fack ju Göhte» erleben durfte.

Fazit


Aron Lehmanns Versuch, eine klassische Literaturvorlage in einem modernen Setting zu erzählen, geht voll auf! Dank einem hervorragenden Drehbuch, toller Musik und leidenschaftlichen Schauspielern wird «Das schönste Mädchen der Welt» zu einem der besten Jugendfilme seit langer, langer Zeit.

«Das schönste Mädchen der Welt» ist ab dem 6. September bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.


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