Hingeschaut

«Das Supertalent» oder: Wenn RTL die Oberhand verliert

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Wie verlief die erste Liveshow des Castingformats? Wir haben einmal hingeschaut.

Dieter Bohlen schien es am Anfang der ersten Liveshow schon geahnt zu haben: „Ich bin gespannt, ob alles so klappt wie wir uns das vorstellen, weil die Proben waren ziemlich chaotisch, da hat überhaupt nichts geklappt.“ Tatsächlich sollte auch in der groß inszenierten Liveshow an diesem Abend so einiges schiefgehen. Nach dem Auftritt der Kandidaten Christian und Leo brennt zum Beispiel plötzlich das Auto, auf dem die beiden noch zuvor herumgehämmert hatten – RTL muss löschen. Kandidatin Laura Pinski verschluckt sich glatt am Gold-Regen, der während ihres Auftritts von der Studiodecke fällt. Daraufhin beweist Gottschalk seine Spontanität und verhilft dem Mädchen mit einem Glas Wasser. Und die Performance des Sängers Simone Ciccarese vernebelte RTL derart, dass seine Stimmbänder beeinträchtig werden und ihm ein zweiter Anlauf gewährt wird – ohne Nebel. Vor allem Patzer wie den letzteren ist man von den RTL-Machern, die Meister der Selbstinszenierung sind, eigentlich nicht gewohnt.

Überhaupt hätte RTL besser daran getan weniger in einer derart inflationären Weise auf Effekte und Feuerwerke zu setzten. Selbst Gottschalk bemerkte beim ersten Kandidaten, dass seine interessante Persönlichkeit durch die zahlreichen Lichtspielchen und Bühnenfeuerwerke in den Hintergrund rückte. Denn was hier und da für Hingucker sorgt, stört beim übertrieben Gebrauch der Kölner. Während die Technik nicht immer so wie RTL wollte, funktionierte das Bühnenbild dafür umso besser. Schnell ist hier zu erkennen, dass in Köln absolute Profis am Werk sind. Ob eine Choreographie mit zahlreichen Tänzern, ein halbes Orchester oder mehrere Pferde: Die sehr große Bühne bietet Platz zum Spielen, was die Produzenten wirkungsvoll ausnutzen.

Am Showablauf hat sich unterdessen nichts geändert: Vor jedem Kandidaten zeigt RTL den obligatorische Einspielfilm, der kurz die Person vorstellt. Hierbei wird zunächst noch einmal kurz an den Castingauftritt erinnert, was ohne Frage gerechtfertigt ist. Unnötig ist hingegen der zweite Teil des Films, der oftmals nicht ohne tragisches Schicksal auskommt und für die Quote auf die Tränendrüsen drücken soll. Ein Negativpunkt, den Moderator Daniel Hartwich allerdings oftmals ausbügelt. Er nimmt das, was RTL oft bis über alle Maße dramatisiert, nicht so ernst, erlaubt sich ein Mal einen kleinen Hieb gegen Dieter Bohlen und seine vielmals kritisierte Musik und lockert mit lässigen Sprüchen die Atmosphäre auf. Einen Marco Schreyl braucht er nicht, der großen Bühne ist die neue RTL-Allzweckwaffe längst gewachsen. Überhaupt macht das Zusammenspiel zwischen ihm und der Jury Spaß (Hartwich: „Zwei Männer mit denen ich groß geworden bin, eine Frau mit der ich alt werden möchte.“)

Aber auch die Jury macht einen recht guten Job, wenngleich Gottschalks Anteil vor allem in der ersten Showhälfte (zu) knapp ausfällt. Häufig machen Dieter Bohlen, Michelle Hunziker und Daniel Hartwich die Sache unter sich aus. Der Mann, um den sich einst alles drehte, scheint im ersten Teil der Show nur ein nebensächlicher Juror zu sein. Erst als sich der steife Showablauf aus Einspielfilm – Auftritt – Jurybewertung zum Ende hin ein wenig lockert, läuft sich schließlich auch Gottschalk ein wenig wärmer, sorgt mit seinem bekannten Humor für ein paar lustige Sprüche – viel mehr aber auch nicht. Besser macht das schon Michelle Hunziker, sie ergreift beispielsweise spontan die Möglichkeit auf ein Auto mit einem Hammer einzuschlagen und damit einmal das zu machen, was die Männer sonst immer verbieten würden. Zudem ist die gesamte Jury bei dem Auftritt des Zauberers Dan Sperry, der sicherlich ein Highlight der Show bildet, aktiv, was dem Unterhaltungswert der Show ebenfalls nicht schadet. Das lang ersehnte Wortgefecht zwischen den beiden „Titanen“ in der Jury bekam das Publikum aber auch diesmal nicht serviert.

Statt Gottschalk greift Bohlen lieber die Castingkonkurrenz an, von der sich die aus Quotensicht im freien Fall befindenden RTL-Formate langsam Angst bekommen sollten. So behauptet der Pop-Titan, dass im «Supertalent»–Publikum bessere Leute säßen als bei anderen Castingshows im Finale antreten würden. Da es sich anbietet nimmt Bohlen zugleich die Chance war, die Zuschauer zum Bewerben für die nächste Staffel zu motivieren. Nicht zuletzt Hartwich scheint das dann doch ein wenig zu abgehoben zu finden, bezeichnet Bohlen leicht ironisch als „Motivator einer ganzen Nation.“

Völlig unnötig ist die Entscheidungsshow, die erst nach Mitternacht auf Sendung geht und rund 50 Minuten dauert. Während RTL für die ersten Minuten mit Leo Rojas, dem Supertalent 2011, eine passable Überbrückung der Zeit durchführte, ist der Rest nur störend. Gleich drei Mal bekommt der Zuschauer einen Schnelldurchlauf dargeboten – das stört und langweilt. Die eigentliche Verkündung der Ergebnisse ist hingegen in unter zehn Minuten abgeschlossen und somit deutlich schneller als oftmals bei Marco Schreyl. Dass RTL bei jedem Anruf mit 0,50 Euro wie immer mächtig mitkassierte, blieb wie so häufig mit keinem Wort erwähnt.

Das Fazit nach einem fast fünfstündigen RTL-Abend: Gegenüber der Castingphase hat sich das «Supertalent» gesteigert. Am wichtigsten ist hierbei: Dadurch, dass die Show live übertagen wurde, wirkt sich nicht mehr wie eine wild zusammengeschnittenes Format, sondern vermittelt Showatmosphäre, die auch den Fernsehzuschauer mehr ins Geschehen hineinzieht. Natürlich ereigneten sich am Samstagabend keine Sternstunden des deutschen Fernsehens, da aber wirklich nur begabte Menschen auftraten und man auf ein Best-of oder ähnliches der schlechtesten Castingkandidaten verzichtete, tat das Anschauen der Show niemandem weh. An den groben Fehlern, wie vor allem der völligen Verneblung des dritten Auftritts, sollten die Macher der Show hingegen schleunigst arbeiten. Nochmals wird sich die Castingshow, die beim Thema Bühnenbild und Inszenierung schon seit Jahren Maßstäben im Deutschen Fernsehen setzt, so etwas nicht erlauben dürfen.

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