Schon ihr Großvater Elia Kazan versuchte sich 1955 an einer Verfilmung von John Steinbecks weltberühmtem Roman. Enkelin Zoe Kazan hat den Stoff für Netflix neu adaptiert.

Manche Romane widersetzen sich einer Verfilmung geradezu, weil ihre eigentliche Quintessenz unterhalb der Handlung liegt. John Steinbecks 1952 erschienener Roman „East of Eden“ ist Familiengeschichte, amerikanischer Gesellschaftsroman, biblische Parabel und eine Art literarische Selbstbefragung zugleich: Was wird von einer Generation an die nächste weitergegeben – und was davon muss ein Mensch nicht annehmen? Zoe Kazans sieben Folgen umfassende Netflix-Adaption versteht diese Schwierigkeit erfreulich gut. Das Ergebnis ist nicht makellos, manchmal sogar zu demonstrativ bedeutungsvoll. Aber es nimmt Steinbeck ernst.
«East of Eden» führt uns nun zurück in das Kalifornien der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und damit in jene Landschaft, die Steinbeck nicht einfach als Kulisse, sondern als moralisches Koordinatensystem begriff. Im Zentrum stehen Adam und Charles Trask, deren brüderliche Rivalität schließlich auch in die nächste Generation der Familiensippe weiterreicht. Die Serie hat sich damit vorgenommen, tatsächlich den großen Bogen des Romans zu erzählen – und nicht, wie Elia Kazans berühmte Verfilmung von 1955, vor allem dessen letztes Drittel. Eine kluge Entscheidung: Denn Steinbecks Roman handelt eben primär von der Wiederkehr menschlicher Muster über Generationen hinweg.
Gerade deshalb ist es klug, dass die neue Adaption ihre Schlüsselfigur Cathy Ames, Adam Trasks Ehefrau, nicht einfach als das literarische Monster übernimmt, als das sie oft rezipiert wurde. Florence Pugh spielt sie mit einer beunruhigenden Mischung aus Verletzlichkeit, Berechnung und Hunger nach Selbstbestimmung. Steinbeck hatte Cathy vermeintlich als Verkörperung des Bösen angelegt – eine Figur, an der sich die humanistische Grundidee des Romans geradezu provozierend abarbeitet. Das Problem dabei ist offensichtlich: East of Eden predigt am Ende, dass der Mensch wählen kann, wer er sein will, während Cathy lange so beschrieben wird, als sei ihr Wesen bereits vor jeder Entscheidung festgelegt.

Zoe Kazan verschiebt diesen Widerspruch nun deutlich eklatanter als ihr Großvater in seiner berühmten Verfilmung. Cathy bekommt eine Geschichte, eine soziale Bedingtheit, eine Perspektive. Das macht sie psychologisch plausibler, nimmt ihr aber auch etwas von der verstörenden metaphysischen Konsequenz, die Steinbeck seiner Figur gegeben hatte. Man kann das als Modernisierung begrüßen – und sollte zugleich bemerken, dass die Serie damit einen Dialog mit ihrem Autor beginnt, der gelegentlich beinahe in eine Korrektur umschlägt.
Interessanterweise bleibt der entscheidende Begriff, auf den Steinbeck in seinem Roman setzt, davon unberührt: timshel, das „Du darfst“ beziehungsweise „Du kannst“. In dieser unscheinbaren semantischen Verschiebung steckt das moralische Zentrum des Romans. Nicht Schicksal, nicht Erbsünde, nicht biologische Veranlagung entscheidet endgültig über den Menschen, sondern die Möglichkeit der Entscheidung. Dass die Serie diesen Gedanken nicht zur bloßen Motivationsbotschaft degradiert, gehört zu ihren größten Stärken.

Überhaupt liegt die größte Parallele zwischen Film und Roman in dieser Miniserie darin, dass sie Steinbecks Ambivalenzen nicht vollständig glättet. Denn Steinbeck war nie der makellose Humanist, als den man ihn rückblickend gelegentlich etikettiert. Seine Figuren können erschreckend typisiert sein, seine Symbolik ist mitunter dick aufgetragen, und seine moralischen Einsichten werden gelegentlich so deutlich ausgesprochen, als traue er dem Leser nicht ganz zu, sie selbst zu entdecken. Auch Kazans Serie hat diese Neigung zur Überdeutlichkeit.
Doch zugleich besitzt dieses Format etwas, das vielen modernen Literaturadaptionen fehlt: Geduld. Die Serie lässt Beziehungen entstehen, bevor sie sie erklärt, und versteht, dass Steinbecks eigentliches Thema nicht das Böse ist, sondern die Möglichkeit, sich von der eigenen Herkunft zu lösen. Christopher Abbott und Mike Faist verleihen Adam und Charles dabei eine Brüderlichkeit, die nicht bloß dramaturgischer Vorwand für Konflikt ist, während Florence Pugh ihre berühmte Cathy zu einer Figur macht, die man verstehen möchte, ohne sie deshalb entschuldigen zu müssen. Das ist vielleicht die angemessenste Form, um Steinbeck heute zu begegnen.
Die Miniserie «East of Eden» ist im Streaming-Portfolio von Netflix enthalten.