First Look«The Last House»: Seattle säuft ab

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Draußen regnet es und eine Familie kann ihr Haus nicht mehr verlassen: jahrelang. Noch dazu tummeln sich seltsame Wesen in der Nachbarschaft. Das kann ja heiter werden im neuen Netflix-Horror-Film.

Das Haus ist eigentlich der interessanteste Charakter in «The Last House». Es steht da, bieder, amerikanisch, zunächst ein ganz gewöhnliches Einfamilienhaus – und dann wird es zum Gefängnis. Eine mysteriöse Kraft versiegelt Türen und Fenster, draußen fällt ein seltsamer Regen, die Kommunikation mit der Außenwelt bricht zusammen, und eine vierköpfige Familie muss plötzlich herausfinden, wie man in den eigenen vier Wänden überlebt: Greta Lee und Wagner Moura spielen Ann und Jason, die Eltern zweier Kinder, deren Alltag innerhalb kürzester Zeit in einen Ausnahmezustand kippt. Netflix selbst bewirbt den Film als Survival-Thriller über schwindende Ressourcen und eine ominöse Kraft, die die Familie gefangen hält. Und zunächst funktioniert das erstaunlich gut.

Die stärksten Momente von «The Last House» sind nicht jene, in denen der Film seine monströsen Geheimnisse enthüllt, sondern jene, in denen er sich für die banalsten Konsequenzen seiner Prämisse interessiert. Was isst eine Familie, wenn der Supermarkt nicht mehr erreichbar ist? Wie hält man ein Haus über Monate oder Jahre funktionsfähig? Was passiert mit Beziehungen, wenn jeder Tag gleich aussieht und gleichzeitig jeder Tag eine Überlebensentscheidung verlangt? Wie verändert sich ein Mensch, wenn die vertraute Außenwelt nicht mehr existiert?

Das sind Fragen, aus denen ein großer Film hätte entstehen können. Leider hat «The Last House» irgendwann das Bedürfnis, sie durch Monster zu ersetzen.



Die erste Hälfte deutet noch auf ein interessantes Kammerspiel hin. Die Familie muss improvisieren, Ressourcen rationieren und sich an eine neue Realität gewöhnen. Der Film entwickelt daraus sogar eine gewisse postpandemische Beklemmung: Die Vorstellung, dass das eigene Zuhause gleichzeitig Schutzraum und Gefängnis sein kann, besitzt nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre eine unmittelbare emotionale Resonanz. Nur leider interessiert sich das Drehbuch von Matthew Robinson irgendwann weniger für diese psychologische Situation als für die Frage, welches Wesen denn nun eigentlich vor der Tür steht.

«The Last House» macht damit einen Fehler, den gerade Science-Fiction-Filme immer wieder begehen: Er hält das Rätsel für interessanter als seine Konsequenzen. Solange unklar bleibt, was draußen passiert, entsteht Spannung. Sobald der Film beginnt, seine Bedrohung konkreter zu erklären, schrumpft die Fantasie. Aus einer beunruhigenden Ungewissheit wird eine ziemlich gewöhnliche Monsterhandlung.

Dabei ist die Grundidee durchaus clever. Die Wesen, die die Familie bedrohen, sind keine simplen Bestien. Der Film entwickelt vielmehr eine Beziehung zwischen Menschen und Kreaturen, die schließlich sogar Empathie und gegenseitiges Verständnis ermöglicht. Die zentrale Auflösung läuft darauf hinaus, dass nicht Gewalt, sondern Vergebung die Familie aus ihrer Gefangenschaft befreit. Das ist als moralische Idee durchaus sympathisch. Als Dramaturgie ist es jedoch erstaunlich unerquicklich. Denn der Film hat zuvor fast zwei Stunden lang darauf hingearbeitet, dass man sich vor dem Unbekannten fürchtet – nur um anschließend festzustellen, dass das Unbekannte im Grunde missverstanden wurde. Das wäre nicht einmal problematisch, wenn der Film seine Figuren konsequent genug auf diesen Perspektivwechsel vorbereitet hätte. Stattdessen wirkt die Wendung zunehmend wie eine pädagogische Abkürzung: Seid verständnisvoll, tötet das Monster nicht, und vielleicht ist das Monster gar nicht böse. Man kann diese Botschaft mögen. Man muss deshalb noch lange nicht die Geschichte mögen, mit der sie transportiert wird.

Der Film «The Last House» ist im Streaming-Portfolio von Netflix enthalten.