Die WM 2026 war für die deutsche Nationalmannschaft im Fernsehen deutlich erfolgreicher als das umstrittene Turnier in Katar.

Die Weltmeisterschaft 2026 hat bewiesen, dass Fußball in Deutschland nach wie vor ein Massenereignis ist. Nach den historisch schwachen Reichweiten der umstrittenen Winter-WM in Katar kehrten viele Zuschauer zurück. Dennoch offenbaren die Zahlen eine Entwicklung, die für den Deutschen Fußball-Bund mindestens ebenso besorgniserregend sein dürfte wie das erneute frühe Ausscheiden im Sechzehntelfinale: Die Nationalmannschaft hat einen Teil ihres über Jahre aufgebauten Vertrauensbonus verloren. Das Interesse am Fußball ist ungebrochen – doch immer weniger Menschen scheinen noch selbstverständlich davon auszugehen, dass Deutschland bei einer Weltmeisterschaft eine bedeutende Rolle spielen wird.
Die nackten Zahlen zeigen zunächst eine deutliche Erholung gegenüber Katar. Die drei deutschen Vorrundenspiele der WM 2026 erreichten durchschnittlich 20,05 Millionen Zuschauer im linearen Fernsehen. 2022 waren es lediglich 14,57 Millionen gewesen, das ist ein Plus von 5,48 Millionen Zuschauern beziehungsweise knapp 38 Prozent. Dieser Vergleich allein wäre allerdings zu einfach. Die Weltmeisterschaft in Katar war in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall. Die Diskussionen über die Vergabe des Turniers, Menschenrechte und Arbeitsbedingungen führten zu Boykottaufrufen und einer außergewöhnlich kritischen öffentlichen Debatte. Hinzu kam der ungewohnte Termin im November und Dezember, der sich deutlich vom gewohnten Sommergefühl einer Weltmeisterschaft unterschied. Außerdem waren Das Erste und das ZDF nicht in der Sommerpause, sondern schickten neue Inhalte auf Sendung. Die WM 2026 bot dagegen wieder die klassischen Rahmenbedingungen eines Sommerturniers. Deshalb lohnt sich vielmehr der Blick auf die Weltmeisterschaften vor Katar.
Hier wird das Bild deutlich kritischer. Zwischen 2010 und 2018 bewegten sich die Reichweiten der deutschen Vorrundenspiele auf einem erstaunlich konstanten Niveau. 2010 erreichten die drei Gruppenspiele durchschnittlich 26,37 Millionen Zuschauer, 2014 waren es 26,05 Millionen und 2018 sogar 26,29 Millionen. Über einen Zeitraum von acht Jahren lagen die Durchschnittswerte damit nahezu auf identischem Niveau, unabhängig davon, wie erfolgreich die Mannschaft letztlich spielte. 2026 beträgt dieser Durchschnitt dagegen nur noch 20,05 Millionen Zuschauer. Im Vergleich zu 2010 fehlen somit 6,32 Millionen Zuschauer oder 24 Prozent, gegenüber 2014 sind es 6,00 Millionen beziehungsweise 23 Prozent und im Vergleich zur WM 2018 fehlen sogar 6,24 Millionen Zuschauer oder knapp 24 Prozent. Fast jeder vierte Zuschauer, der noch vor wenigen Jahren selbstverständlich ein deutsches WM-Vorrundenspiel verfolgte, schaltete diesmal also nicht mehr ein. Es kann durchaus sein, dass diese Zuschauer zu Magenta TV wechselten oder gestreamt haben. Die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) kann dies aber nicht darlegen.

Noch interessanter als die Reichweiten sind allerdings die Marktanteile. Sie berücksichtigen nämlich, dass insgesamt weniger Menschen lineares Fernsehen nutzen als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Während 2006 die drei deutschen Vorrundenspiele durchschnittlich auf 76,8 Prozent Marktanteil kamen, stieg dieser Wert 2010 auf 79,6 Prozent und 2014 sogar auf 80,8 Prozent. 2018 erreichte Deutschland mit durchschnittlich 83,9 Prozent den höchsten Vorrundenwert der vergangenen zwei Jahrzehnte. Selbst die Auftaktniederlage gegen Mexiko hielt die Zuschauer nicht davon ab einzuschalten. Die WM 2022 fiel mit durchschnittlich lediglich 54,2 Prozent Marktanteil erwartungsgemäß deutlich ab. Die WM 2026 erreichte nun wieder 71,4 Prozent. Das ist zwar eine deutliche Verbesserung gegenüber Katar, bleibt aber immer noch mehr als zwölf Prozentpunkte unter dem Niveau der WM 2018 und rund neun Prozentpunkte unter der Weltmeisterschaft 2014. Anders gesagt: Es gab vermehrt Menschen, die statt der Nationalmannschaft anderes lineares Fernsehen sahen – und das ist zuletzt stark gewachsen.
Gerade Marktanteile gelten in der Fernsehanalyse als besonders aussagekräftig. Sie zeigen nicht die absolute Zuschauerzahl, sondern welchen Anteil aller Menschen, die zu diesem Zeitpunkt überhaupt fernsehen, ein Programm erreicht. Dass die Marktanteile heute niedriger ausfallen als vor acht oder zwölf Jahren, bedeutet deshalb nicht nur, dass insgesamt weniger ferngesehen wird. Vielmehr entscheidet sich auch innerhalb des verbliebenen Fernsehpublikums ein kleinerer Anteil für die deutsche Nationalmannschaft als früher.
Noch deutlicher wird dieser Trend bei den jungen Erwachsenen zwischen 14 und 49 Jahren. 2010 erreichten die drei Gruppenspiele durchschnittlich 11,99 Millionen Zuschauer aus dieser Zielgruppe, 2014 waren es 10,63 Millionen und 2018 immerhin noch 10,20 Millionen. 2022 brach dieser Wert auf lediglich 4,70 Millionen ein, ehe er sich 2026 wieder auf 6,89 Millionen Zuschauer erholte. Verglichen mit Russland fehlen damit jedoch immer noch 3,31 Millionen junge Zuschauer, was einem Rückgang von rund 32 Prozent entspricht. Gerade bei den jüngeren Zielgruppen ist der Vertrauensverlust also sogar noch stärker ausgeprägt als beim Gesamtpublikum.
Natürlich lässt sich ein Teil dieser Entwicklung mit der veränderten Mediennutzung erklären. Streamingdienste, soziale Netzwerke und Mediatheken spielen heute eine deutlich größere Rolle als noch 2018. Dennoch greift diese Erklärung zu kurz. Gerade Live-Sport gehört zu den wenigen Programmen, die Zuschauer möglichst zeitgleich verfolgen möchten. Wer ein WM-Spiel erst Stunden später ansieht, kennt in der Regel bereits das Ergebnis. Deshalb bleibt Fußball auch im Streaming-Zeitalter eines der wenigen echten Live-Ereignisse des Fernsehens.

Auch die Anstoßzeiten liefern keine überzeugende Erklärung für die niedrigeren Reichweiten. Im Gegenteil: Die WM 2026 profitierte sogar von vergleichsweise attraktiven Sendezeiten. Das Auftaktspiel gegen Curaçao begann um 19 Uhr, die beiden weiteren Gruppenspiele gegen die Elfenbeinküste und Ecuador jeweils um 22 Uhr. Natürlich erreichten die späteren Begegnungen mit 18,26 beziehungsweise 18,47 Millionen Zuschauern geringere Reichweiten als das erste Spiel mit 23,43 Millionen Zuschauern. Das überrascht nicht, schließlich schlafen um 22 Uhr bereits viele Menschen oder müssen am nächsten Morgen früh aufstehen.
Interessant ist jedoch der Blick auf die Marktanteile. Während das erste Spiel um 19 Uhr auf 70,2 Prozent Marktanteil kam, erreichte das zweite Spiel um 22 Uhr bereits 72,1 Prozent und die dritte Begegnung 71,9 Prozent. Obwohl also weniger Menschen zusahen, stieg der Marktanteil sogar leicht an. Genau dieses Muster kennen Fernsehmacher seit vielen Jahren. Späte Live-Sportübertragungen erzielen regelmäßig besonders hohe Marktanteile, weil die Konkurrenzprogramme um diese Uhrzeit deutlich schwächer werden. Viele Zuschauer, die Serien oder Filme streamen möchten, beginnen damit bereits am frühen Abend und nicht erst um 22 Uhr. Wer um diese Uhrzeit noch lineares Fernsehen einschaltet, entscheidet sich überdurchschnittlich häufig für ein Live-Ereignis wie eine Fußball-Weltmeisterschaft. Auch internationale Sportgroßereignisse zeigen seit Jahren dieses Bild: Die absolute Zuschauerzahl sinkt wegen der späten Uhrzeit, der Marktanteil steigt dagegen häufig an. Die Anstoßzeiten der WM 2026 sprechen deshalb eher gegen die These, dass die niedrigeren Reichweiten auf ungünstige Sendeplätze zurückzuführen sind.
Viel spannender ist deshalb die Frage nach dem Vertrauen in die Mannschaft selbst. Zwischen 2006 und 2016 gehörte Deutschland praktisch automatisch zu den Favoriten jedes großen Turniers. Auf Platz drei bei der Heim-WM folgte das EM-Finale 2008, erneut Platz drei bei der WM 2010, das EM-Halbfinale 2012, schließlich der Weltmeistertitel 2014 und das EM-Halbfinale 2016. Sechs große Turniere in Folge erreichte Deutschland mindestens das Halbfinale oder gewann sogar den Titel. Für viele Zuschauer entstand dadurch eine Selbstverständlichkeit: Wer das erste Gruppenspiel einschaltete, konnte fest davon ausgehen, die Nationalmannschaft noch vier oder fünf weitere Male während des Turniers zu sehen.
Dieses Vertrauen wurde seit 2018 nachhaltig erschüttert. Das historische Vorrundenaus in Russland galt zunächst als einmaliger Ausrutscher. Es folgten jedoch das enttäuschende Achtelfinale bei der Europameisterschaft 2021, das erneute Vorrundenaus in Katar und nun das frühe Scheitern im Sechzehntelfinale der WM 2026. Aus einem einmaligen Misserfolg wurde eine Serie. Offenbar hat sich dieses Bild inzwischen auch im Zuschauerverhalten verfestigt.
Besonders deutlich wird dies innerhalb der Vorrunde. Das Auftaktspiel gegen Curaçao erreichte noch 23,43 Millionen Zuschauer. Bereits das zweite Gruppenspiel verlor über fünf Millionen Zuschauer und kam nur noch auf 18,26 Millionen. Gegen Ecuador schalteten 18,47 Millionen Menschen ein. Damit verlor die Nationalmannschaft innerhalb weniger Tage fast ein Viertel ihres Publikums. 2018 zeigte sich ein völlig anderes Bild. Obwohl Deutschland bereits das Auftaktspiel gegen Mexiko verlor und die Kritik an Joachim Löw enorm war, verfolgten noch immer 27,48 Millionen Zuschauer das zweite Gruppenspiel gegen Schweden. Selbst die entscheidende Begegnung gegen Südkorea erreichte mit 25,43 Millionen Zuschauern nahezu das Niveau des Auftaktspiels. Damals hielten viele Zuschauer offenbar bis zuletzt an der Hoffnung fest, dass der Weltmeister von 2014 die Wende noch schaffen würde.
Die größte Herausforderung des DFB besteht deshalb nicht darin, Menschen wieder für Fußball zu begeistern. Diese Begeisterung ist weiterhin vorhanden. Vielmehr muss die Nationalmannschaft das zurückgewinnen, was sie über mehr als ein Jahrzehnt ausgezeichnet hat: die Überzeugung der Zuschauer, dass sich jedes einzelne Spiel lohnt, weil Deutschland bis zum Ende eines Turniers um den Titel mitspielen kann. Erst wenn dieses Vertrauen durch konstant starke Leistungen und erfolgreiche K.-o.-Runden wieder entsteht, dürften auch die Fernsehzahlen dauerhaft in jene Regionen zurückkehren, die zwischen 2006 und 2018 fast schon selbstverständlich erschienen.