InterviewTorben Liebrecht: ‚Wir bewegen uns ein paar Millimeter über dem Boden des Realistischen‘
von Fabian Riedner12. März 2026
In «Das dunkle Vermächtnis» trifft ein klassischer Mordfall auf historische Mythologie rund um die Himmelsscheibe von Nebra. Schauspieler Torben Liebrecht spricht im Interview über die besondere Balance zwischen Krimi und Mystery – und darüber, warum gerade Ambivalenz und Atmosphäre heute viele Zuschauer stärker fesseln als klare Antworten.
«Das dunkle Vermächtnis» verbindet Krimi, Mystery und Heimatfilm. Was hat Sie an dieser Mischung gereizt – und wo lag für Sie die größte Gefahr, dass das Gleichgewicht kippt?
Mich hat gereizt, dass der Film nicht versucht, Genres zu verschmelzen, sondern sie nebeneinander stehen lässt. Wir haben sehr darauf geachtet, das Rätselhafte nicht als Selbstzweck zu überreizen und das Heimelige nie gemütlich werden zu lassen. Insofern trifft die Schattierung „Heimatfilm“ wenn überhaupt nur sehr bedingt zu.
Kommissar Ritter ist kein lauter Ermittler, sondern ein stiller Beobachter. Wie viel Zurückhaltung braucht eine Figur, um spannend zu bleiben – gerade im Fernsehen zur Primetime?
Zurückhaltung funktioniert, wenn darunter ein Pulsschlag spürbar ist. Ritter ist kein passiver Mensch, sondern jemand, der viel registriert und wenig kommentiert. Stille kann als Kontrast innerhalb bestimmter Figurenkonstellation sehr wirksam sein, wenn man ihr vertraut und sie nicht sofort auflöst.
Der Film erzählt von Schuld, Verdrängung und alten Wunden. Ist Ritter für Sie eher Ermittler eines Mordfalls – oder jemand, der an einem kollektiven Schweigen kratzt?
Ritter geht den Fall zunächst mit einem klassischen Ermittlungsansatz an. Das Aufbrechen des kollektiven Schweigens ist keine Strategie, sondern eine Konsequenz seiner beharrlichen Arbeit, ein Nebeneffekt seiner Wahrheitssuche.
Die Himmelsscheibe von Nebra ist historischer Fakt, der „Fluch“ reine Fiktion. Wie wichtig war es Ihnen beim Spiel, diese Grenze nie ganz eindeutig zu ziehen?
Der Film braucht seine eigene Schwerkraft. Wir bewegen uns stets ein paar Millimeter über dem Boden des Realistischen, und genau das macht «Das dunkle Vermächtnis» spannend. Sobald man klar markiert, was real und was erfunden ist, verliert die Geschichte viel von ihrer Spannung.
Ritter arbeitet stark rational, trifft aber auf eine Figur wie Kim, die aus Intuition handelt. Sehen Sie darin einen klassischen Konflikt – oder eher zwei gleichwertige Wege zur Wahrheit?
Ritter strukturiert und prüft die Welt rational, er will verstehen, beweisen, ordnen. Kim nimmt wahr, was unter der Oberfläche liegt, folgt Intuition und Vermutungen. Der Reiz liegt für mich darin, wie beide Zugänge sich ergänzen - nicht im Konflikt, sondern in der Art, wie die Wahrheit Schicht für Schicht freigelegt wird.
Viele ARD-Krimis setzen auf Tempo und klare Auflösung. Dieser Film bleibt bewusst ruhig und ambivalent. Glauben Sie, das Publikum ist heute offener für solche Erzählformen als noch vor zehn Jahren?
Ich habe den Eindruck, dass das Publikum solche Geschichten heute bewusst sucht. Die Offenheit für Ambivalenz und Atmosphäre ist gewachsen, und das ist für mich eine sehr positive Entwicklung, weil sie differenziertere Figurenarbeit erlaubt und die Zuschauer stärker einbindet.
Ritter wirkt einsam, fast entrückt – als hätte auch er etwas hinter sich gelassen. Wie viel Biografie braucht eine Figur, auch wenn sie nie ausgesprochen wird?
David Fincher hat es einmal treffend formuliert: Eine Figur ist ihr Verhalten, betrachtet über die Zeit. Wie handelt sie, was unterlässt sie, bewusst oder unbewusst, und welche Kernerfahrungen und Wertvorstellungen haben das geprägt?
Ich arbeite in der Rollenvorbereitung sehr spezifisch am Unterbau der Figur. Gleichzeitig geht es darum, genau zu dosieren, wie viel davon im Film tatsächlich sichtbar werden kann, damit die eigentliche Geschichte nicht von einer Backstory überlagert wird. Dominique Chiout stand mir als Coach zur Seite. Die erneute Zusammenarbeit mit ihr nach «Gestern waren wir noch Kinder» war auch hier ein großer Erkenntnisgewinn für mich.
Der Film nutzt Landschaft, Wald und Dunkelheit sehr stark atmosphärisch. Wie sehr beeinflussen solche Räume Ihr Spiel – gerade im Vergleich zu klassischen Stadtkrimis?
Landschaft, Wald und Dunkelheit sind in «Das dunkle Vermächtnis» vollwertige Mitspieler. Sie prägen Rhythmus, Tempo und die innere Haltung der Figuren und stehen in klarem Kontrast zur urbanen Hektik klassischer Stadtkrimis. Das wirkt unmittelbar auf meine Gestaltung der Figur.
Sie spielen hier einen Ermittler, der nicht über allem steht, sondern selbst Resonanz zeigt. Hat sich Ihr Blick auf klassische TV-Kommissare über die Jahre verändert?
Ja, das hat er. Unangreifbare Heldenfiguren interessieren mich kaum noch. Der Polizeiberuf kostet die Menschen, die ihn ausüben, etwas. Und genau das möchte ich auch als Zuschauer spüren. Ich bin in diesem Zusammenhang mal auf das schöne Bild der „Lederseele“ gestoßen, das bringt es für mich auf den Punkt. Auch bei Ritter schwingt das den gesamten Film über mit.
Ist «Das dunkle Vermächtnis» für Sie eher ein Krimi mit Mystery-Elementen – oder ein Film über die zerstörerische Kraft ungeklärter Vergangenheit?
Beides. Das eine beschreibt die Form, den Krimi mit seinen erzählerischen Regeln, das andere den Kern des Films. Der Krimi gibt Struktur und Spannung vor, aber das eigentliche Thema ist, wie Verdrängung und Schuld Menschen und Gemeinschaften prägen und wie schwer es ist, ihnen zu entkommen.
Danke für das Gespräch!
Das Erste strahlt «Das dunkle Vermächtnis» am Samstag, den 14. März, um 20.15 Uhr aus.