Casting-Shows - eines der Deutschen liebsten Kinder. Staunen, Mitfiebern, Mitleiden und auch gerne Fremdschämen. Diverse Shows bedienen diese Bedürfnisse seit einer gefühlten Ewigkeit äußerst kompetent. Ich habe mal genauer hingeschaut.
Deutschland hat seit zwei Wochen endlich einen neuen Superstar! Wie? Noch gar nicht mitbekommen? Prince heißt der junge Mann – genau, wie der just verstorbene Weltstar, weswegen RTL ihn dann auch offiziell lieber als Prince Damien vermarktete. Er ist bereits der 13. in einer langen Reihe von «DSDS»-Superstars, die Castingkönig Dieter der I. für uns gefunden hat – und angesichts der Vielzahl an Formaten alleine im musikalischen Bereich wie «The Voice of Germany», «X-Factor», «Popstars» oder auch «Das Supertalent» natürlich bei weitem nicht der einzige. Kommt doch einfach mal mit auf eine Reise durch das Casting-Dickicht unseres wunderschön musikalischen Landes...
Mit 15 Ausgaben, die im Schnitt 1,70 Millionen Zuschauer fanden, einer relativ unbekannten Jury und einem dominanten Coach Detlef D! Soost, der schnell zum Formatgesicht aufstieg, stellte man einen der erfolgreichsten Casting-Acts zusammen, den Deutschland bis heute gesehen hat. Die No Angels existierten vierzehn Jahre, brachten vier Nummer-1-Hits heraus und konnten zudem mit drei Alben den begehrten Platz an der Sonne einstreichen. Über fünf Millionen verkaufte Tonträger sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache.
Da die RTL-Gruppe mit «DSDS» inzwischen andere Pläne verfolgte, wechselte die Show zur dritten Staffel zu ProSieben – und verblieb dort bis zur zehnten Staffel. Nach den Erfolgen mit den Bands der ersten beiden Jahre ein durchaus geschickter Schachzug der ProSieben-Macher – hätte man denken sollen.
2015 wurde dann jedoch noch eine elfte Staffel an den Start gebracht – man fand erneut seine Heimat bei RTL II. Detlef D! Soost war erstmals nicht mehr dabei, auch ansonsten setzte man auf frische Gesichter. Nur 530.000 Zuschauer waren allerdings im Schnitt dabei, was den bei Weitem schwächsten Wert aller Staffeln darstellte – auch wurden aufgrund der insgesamt schlechten Resonanz immer wieder Änderungen am Konzept und Sendeplatzwechsel vorgenommen. Pleiten, Pech und Pannen. Diese betrafen am Ende leider auch die Siegerband Leandah, die ihre erste Single nicht einmal in den deutschen Top100 unterbringen konnte und sich bereits nach vier Monaten auflöste.
Die Mutter aller deutschen Castingshows ist nämlich bis heute RTLs Dauerbrenner «Deutschland sucht den Superstar» – oder wie viele ketzerisch sagen würden: Dieter sucht den Senderstar. Schaut man sich die Einschaltquoten an, ist dieser Scherz zuminest aktuell nicht ganz von der Hand zu weisen. Mit nur 3,60 Millionen Fans generierte die Finalshow der just zu Ende gegangenen 13. Staffel das schlechteste Final-Ergebnis aller Zeiten. Doch das war eben nicht immer so.
In Sachen Sieger ist die Geschichte bei «DSDS» natürlich ebenfalls nicht weniger komplex. In der ersten Staffel siegte in einem hochspannenden Finale Alexander Klaws gegen Juliette Schoppmann und Daniel Küblböck. Für Klaws ein wahres Sprungbrett: Neben seinen erfolgreichen Alben und Singles und vielen Auszeichnungen wurde Klaws zum Musicaldarsteller und begeistert in dieser Rolle seitdem in unterschiedlichsten Rollen. Eine Bilderbuchkarriere. Zu den erfolgreichen Vertretern der Show-Historie gehören neben ihm ganz klar noch Nevio Passaro (4. Platz in Staffel 2), Mark Medlock (Sieger Staffel 4) und Beatrice Egli (Siegerin Staffel 10).
Zu den Fehlschlägen muss man jedoch die weitestgehend kommerziell abgesoffenen Gewinner Elli Erl (Staffel 2), Tobias Regner (Staffel 3), Thomas Godoj (Staffel 5), Daniel Schuhmacher (Staffel 6), Mehrzad Marashi (Staffel 7), Luca Hänni (Staffel 9), Aneta Sablik (Staffel 11) und Severino Seeger (Staffel 12) zählen. Was aus dem aktuellen Superstar Prince Damien wird, ist noch nicht abzusehen. Dass seine Single Glücksmoment auf Platz 1 kletterte, hatte leider auch bei vielen Vorgängern nichts zu sagen.
Andere wiederum konnten kommerziell-musikalisch zwar wenig reißen, benutzten ihren Sieg oder ihre Teilnahme aber immerhin als Sprungbrett ins andere Bereiche. Anna-Maria Zimmermann (Staffel 3), Annemarie Eilfeld (Staffel 6), Thomas Karaoglan (Staffel 7) und Norman Langen (Staffel 11) gingen zum Beispiel in Richtung Stimmungssänger und konnten sich somit ein neues Betätigungsfeld erschließen. Marco Angelini (Staffel 8) zog sich ins Privatleben zurück und wurde Arzt - sicher keine schlechte Entscheidung. Pietro Lombardi und Sarah Engels (Platz 1 und 2 in Staffel 8) heirateten, wurden Eltern und tingeln seitdem durch diverse TV-Formate und der allseits beliebte aber gesanglich wenig begeisternde Joey Heindle (Staffel 9) wurde Dschungelkönig.
Die Quoten waren für VOX durchaus ein Erfolg. Mit zumeist um die 2 Millionen Zuschauern und einem Finale vor sogar 2,91 Millionen qualifizierte sich das Format für eine weitere Runde. Siegerin wurde Edita Abdieski , die leider weder mit ihrem Debütalbum noch danach wirklich von sich reden machen konnte. Auch andere Kandidaten der Staffel (Big Soul, Pino Severino) war trotz vorhandenem Talent kein kommerzieller Erfolg vergönnt.
Zum dritten Jahr gab es einige Änderungen: Till Brönner und das Bo verließen die Jury, H.P. Baxxter, Moses Pelham und Sandra Nasic kamen hinzu – allesamt gute Griffe an der Seite der verlässlichen Sarah Connor, die in ihr drittes Jahr ging. Das Interesse war leider deutlich abgeflaut – keine der ausgestrahlten Folgen kam über die 2-Millionen-Grenze, das Finale fand vor 1,66 Millionen Fans statt. Die komplette zweite Hälfte der Staffel lief unter Senderschnitt. Es gewann die Band Mrs. Greenbird, die mit ihrem ersten Album trotz dieser Quotenprobleme Goldstatus und Platz 1 erreichte und auch danach zumindest auf dem Radar blieb. Aberwitzig, dass somit die quotenschwächste Staffel mit einem Sieger-Act jenseits des Mainstreams den größten kommerziellen Erfolg brachte.
Für die markanten roten Drehsessel der Jury heuerte man in der ersten und zweiten Staffel durchweg Fachleute an: Nena, Xavier Naidoo, Rea Garvey (von Reamonn) sowie Alec Völkel und Sascha Vollmer (BossHoss) stellten die gewünschten Umgangsformen sicher und boten zudem starken Unterhaltungswert. In der dritten Staffel ersetzen Samu Haber (Sunrise Avenue) und Max Herre Naidoo und Garvey. Zur vierten Staffel nahm das Stühlerücken zu: Stefanie Kloß (Silbermond) ersetzte Nena, Samu Haber kam für Max Herre und Michi Beck und Smudo (Fanta4) sollten die beiden BossHossler vergessen machen. Zur fünften Staffel übernahm Andreas Bourani den Platz von Samu Haber, in der nächsten Staffel wird Haber jedoch erneut zurückkehren und seinerseits Garvey ersetzen – ein Ersatz für die ebenfalls scheidende Stefanie Kloß wurde bisher noch nicht bekanntgegeben. Interessant an all diesen Wechseln ist jedoch, dass der Tenor stets derselbe blieb: Fairness, Humor, Begeisterung. Das gilt im Übrigen auch für das Ablegerformat «The Voice Kids», das auch schon seit vier Staffeln mit viel Charme und wunderbar liebenswerten Coaches (Lena, Sasha und andere) punkten kann.
Das größte Problem des Formats war jedoch durchgängig die kommerzielle Verwertbarkeit der Teilnehmer und insbesondere der Sieger. Ivy Quainoo, Nick Howard, Andreas Kümmert, Charley Ann Schmutzler und Jamie-Lee Kriewitz – so die Abfolge der leider eher unbekannten Gewinner der bisherigen Staffeln. Quainoos erstes Album und Single waren noch dezent erfolgreich – danach passierte wenig. Howard kann abgesehen von einem 5. Platz für seine Siegersingle Unbreakable ebenfalls kaum etwas vorweisen. Andreas Kümmert ist noch am ehesten von konstantem Erfolg begleitet – zumindest als Livemusiker. Leider reißt er sich diesen aber auch gerne selber wieder ein, zum Beispiel als er beim ESC-Vorentscheid gewann und danach direkt die Wahl ablehnte. Charley Ann Schmutzler hatte mit Album und Single veritablen Erfolg, danach konzentrierte sie sich jedoch mehr auf eine Schauspielkarriere. Und Jamie-Lee Kriewitz durfte sich zwar über ihren moderaten Hit Ghost freuen, musste aber beim ESC just einen letzten Platz einstecken und steht vor einer ungewissen musikalischen Zukunft. Eindeutig: «The Voice of Germany» hat viele starke Stimmen gefunden – eine Stimme Deutschlands jedoch leider nicht. Abwarten, was der sechste Anlauf dieses Jahr bringt.
Diese Zusammenstellung beleuchtet jedoch nur einen Ausriss dessen, was an der Castingfront – selbst nur auf den musikalischen Bereich konzentriert – in den vergangenen Jahren passiert ist. Ob «Star Search» (das immerhin einen Bill Kaulitz hervorbrachte) oder das zuletzt krachend gescheiterten «Rising Star», die diversen Inkanationen von «Unser Lied für…» oder Stefan Raabs humorvolle aber absolut ernstzunehmende Persiflagen «SSDSGPS» (2005) oder «SSDSDSSWEMUGABRTLAD» (2007) – es ist seit jeher ein weites Feld mit großer Streuung zwischen hit and miss. Achja – von den diversen Tanzformaten sowie der Model- oder Illusionistensuche und weiteren Auswüchsen sei an dieser Stelle gar nicht gesprochen.
Das wundert jedoch kaum – ist «Das Supertalent» doch von allen großen Casting-Formaten am ehesten das, was auf reinen, schnell vergänglichen Unterhaltungshype setzt. Das beginnt bei der oft überzogenen Inszenierung, der mit der Brechstange gecasteten Jury (Bohlen, Darnell, Gottschalk, Bause, Mabuse und andere), der eher comedylastigen Moderation (seit Staffel 2: Dauerwaffe Daniel Hartwich) und den vielen schicksalhaften Einspielern, die wenig Zweifel daran lassen, dass man es hier mit einem von A bis Z durchgestylten RTL-Produkt zu tun hat, das Fiction letztlich immer Fact vorzieht. Unterhaltsam durchaus, wirklich ernst zu nehmen selten. Dafür kann man dort zumindest in Sachen Quoten kaum meckern: Mit glatt 5,00 Millionen gestartet, schwang man sich zwischenzeitlich zwar sogar zu 7,93 Millionen im Schnitt auf (4. Staffel), danach sanken die Werte aber wieder. Stand heute befindet man sich jedoch mit zuletzt 4,49 Millionen (9. Staffel) auf einem gleichbleibenden Level.
Björn Sülter ist bei Quotenmeter seit 2015 zuständig für Rezensionen, Interviews & Schwerpunkte. Zudem lieferte er die Kolumne Sülters Sendepause und schrieb für Die Experten und Der Sportcheck.
Die Kolumne «Sülters Sendepause» erscheint in der Regel alle 14 Tage Samstags bei Quotenmeter.de und behandelt einen bunten Themenmix aus TV, Film & Medienlandschaft. 

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Es gibt 6 Kommentare zum Artikel
21.05.2016 18:39 Uhr 4
Das was du mit Klaws schreibst bestreitet doch auch keiner.
Was die Beleidigungen gegen Beatrice Egli angeht, sagt das mehr über dich aus als über sie.
22.05.2016 09:09 Uhr 5
22.05.2016 14:58 Uhr 6
Im Gegensatz zum Beitrag könnte man über DSDS doch wiederum sagen, was eigentlich für RTL und das Format spricht - es machen fast alle Gewinner noch Musik - zumindest die aus den ersten Jahren.
Es geht ja zum Glück nicht immer um Schlager und ewig strahlende Gesichter - das war immer mal so - und dann schnell wieder vorbei.
Alex ist bekanntlich in vielen Bereichen unterwegs!
Elli hat weiterhin ihre GIGs - arbeitet aber zudem als Musiklehrerin, Tobias hat auch weiterhin Auftritte mit seiner Band, ein paar Euronen verdient er wohl nebenbei durch Unterricht im Musikbereich.
Mark war sicher derjenige der durch die Zusammenarbeit mit Dieter Bohlen die meisten Euronen verdient hat, aber leider ist er nicht mehr dabei.
Thomas weiterhin durch tolle Ergebnisse im Crowndfounding erfolgreich unterwegs - auch im deutschen Rock/Pop-Bereich.
Daniel Schuhmacher - nunmal eine der besten bei DSDS gefundenen Stimmen - ist musikalisch auf dem von ihm gewählten Weg. Natürlich hatte auch er Angebote von Musical bis Anrufe von THE VOICE - aber sein Anspruch war ein eigenes Album - und das hat gepasst. Auch nach 7 Jahren hat er weiterhin Auftritte und kann gut von den verdienten Euronen leben. Er arbeitet mit Stuttgarter DJ Damon Paul zusammen, "Lose Control" war auf 7 Longplayern zu finden. Ausserdem in Hamburg mit einem tollen Musiker und Produzenten, der mit Klavierkonzerten in Messmers Momentum in der Hafen-City monatlich auftritt. Daniel war bereits 2mal dabei und sie arbeiten an einem gemeinsamen Album. 2015 bis Anfang 2016 hatte Daniel zusätzlich Konzertauftritte in Österreich.
Mehrzad hat eine Tanzschule und ein Studio angemietet und arbeitet dort.
Pietro wird mit Familie gerne bei RTL 2 gerne genommen.
Beatrice und Luca kommen aus der Schweiz wo DSDS einen ganz anderen Stellenwert hat und sie werden von dort promoted.
Ob Schlager dauerhaft funktioniert wage ich zu bezweifeln, das dauerhafte Fröhlichkeit kann tolle Musik nicht ersetzten.
Die letzten beiden GewinnerIn haben unter den immer geringer werdenden Einschaltquoten und mangelnden "Live-Shows" gelitten, aber auch wohl falscher medialer Begleitung.
Auch Prince kann es gelingen von den Euronen länger Musik zu machen, auf geringerem Lavel - wahrscheinlich. Aber immerhin bietet RTL mit 500.000,-- Euro ein gutes Startkapital, dass übrigens auch die ersten Gewinner, wenn es bei Ihnen gut lief im Laufe der ersten 2 Jahre verdient haben. Abzlg. Steuern bleibt ein gutes Sümmchen, da hat Daniel dem Dieter Bohlen recht gegeben als er dies angemerkt hat.