Khesrau Behroz: ‚Die Frage, wer die Maschine steuert, ist schon immer eine politische'

Im Podcast «Das Undenkbare» beschäftigen sich Khesrau Behroz und Ekrem Ergün mit sechs Zukunftsszenarien. Im Interview sprechen sie über KI, politische Ängste und die Finanzierung unabhängiger Podcasts.

Herr Behroz, Herr Ergün, bei «Das Undenkbare» stellen Sie sechs Szenarien vor, die von einem Asteroideneinschlag bis zu einer von KI gesteuerten Politik reichen. Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, was für diesen Podcast tatsächlich „undenkbar“ ist?
Khesrau Behroz:
Auch das Undenkbare muss gedacht werden. Das heißt: Für mich sind die Geschichten interessant, die uns fern erscheinen – die aber näher an uns dran sind, als wir glauben.

Ekrem Ergün: Es gibt natürlich sehr viele Möglichkeiten, wenn man sich einmal auf das “Was-Wäre-Wenn-Experiment” einlässt. Wir haben uns erstmal nur auf wenige, aber für uns, und hoffentlich auch für die Hörer, spannende Ausgangsfragen gestellt und machen uns mit ihnen auf eine gemeinsame Reise nach Antworten. Ausschlaggebend von unserer Seite als Filmproduktionsfirma war das Erzählerische und Unterhaltsame.

Herr Behroz, Sie sagen, wir seien eine „reaktive Gesellschaft“, die vieles eigentlich besser wisse, aber erst handele, wenn Entwicklungen uns einholen. Ist «Das Undenkbare» deshalb auch der Versuch, Journalismus stärker in die Zukunft zu richten, statt immer nur das zu erklären, was bereits passiert ist?
Khesrau Behroz:
Nein. Wer sich mit der Zukunft beschäftigt, beschäftigt sich immer auch mit der Vergangenheit. Das machen wir in unserem Podcast übrigens auch. Der Plot Twist ist ja: So undenkbar sind die Geschichten gar nicht – weil sie eben in dieser oder jener Form bereits passiert sind.

Eine Folge fragt, was passieren würde, wenn der „Traum der AfD“ Wirklichkeit würde und Deutschland keine Migration mehr hätte. Ist diese Formulierung nicht bereits eine politische Wertung – und wie stellen Sie sicher, dass aus einem Gedankenexperiment kein politischer Kommentar wird?
Khesrau Behroz:
Die politische Wertung nimmt in diesem Fall ja vielleicht die Partei vor, die es unvermeidlich macht, solche Fragen zu stellen.

Gerade bei dieser Episode dürfte es schnell Kritik aus unterschiedlichen politischen Lagern geben. Haben Sie bewusst Themen gewählt, bei denen Sie damit rechnen, dass sich Teile des Publikums provoziert fühlen?
Khesrau Behroz:
Provokation ist keine Dimension, in der ich denke. Ich will das Publikum ja nicht ärgern – sie sollen mir doch zuhören!

Bei der KI-Folge gehen Sie zurück ins Chile der 1970er-Jahre und zum Versuch, eine Volkswirtschaft mithilfe von Computern zu steuern. Was hat Sie daran gereizt, heutige Zukunftsängste mit historischen Experimenten zu verbinden?
Khesrau Behroz:
Weil das eine ohne das andere gar nicht geht. Die Angst, von Maschinen regiert zu werden, fühlt sich brandneu an – dabei ist sie mindestens fünfzig Jahre alt. Für mich nimmt dieser Rückgriff der Angst das Gespenstische. Denn die Frage, wer die Maschine steuert, ist noch nie eine technische gewesen – sondern schon immer eine politische.

Herr Behroz, Undone ist vor allem durch aufwendige investigative Produktionen wie «Cui Bono» und «Legion» bekannt geworden. «Das Undenkbare» arbeitet stärker mit hypothetischen Szenarien. Wie viel klassische Recherche braucht eine Geschichte über etwas, das noch gar nicht passiert ist?
Khesrau Behroz:
«Das Undenkbare» ist kein fiktionaler Podcast. Und in die Zukunft schauen, das können wir noch nicht. Wenn man also so einen Podcast journalistisch erzählen will, bleibt uns nichts anderes übrig, als gründliche Recherche – die ist immer der Rückgrat unserer Arbeit bei Undone.

Herr Ergün, Storming Donkey Productions ist eigentlich im Film- und Kinobereich zu Hause. Warum investieren Sie nun in einen sechsteiligen Podcast, anstatt aus einer dieser Ideen direkt einen Dokumentarfilm oder eine Serie zu entwickeln?
Ekrem Ergün:
Wir bei Storming Donkey interessieren uns grundsätzlich für Geschichten aller Art. Das Erleben von Geschichten mit allen Sinnen. Und wenn man bedenkt, dass das Hören zu den ersten Sinneseindrücken gehört, die wir als Menschen erleben, bevor wir geboren werden, rückt diese Art der Geschichtserzählung für uns in einen besonderen Fokus. In Khesrau und Undone haben wir, finde ich, auch den richtigen Partner gefunden, mit dem besonderen Gespür für Themen und Geschichten, die gesellschaftlich relevant und bewegend sind.

Sie bezeichnen den Podcast ausdrücklich als Experimentierfeld und sagen, dass einzelne Geschichten später möglicherweise verfilmt werden könnten. Ist «Das Undenkbare» damit auch eine Art Stofflabor, bei dem Sie testen können, welche Themen beim Publikum besonders stark funktionieren?
Ekrem Ergün:
Ja.

Wenn Podcasts auf diese Weise zur Entwicklungsstufe für Filme werden, verändert das auch die Stoffentwicklung? Kann ein Podcast heute gewissermaßen das übernehmen, was früher ein Treatment, eine Recherchephase oder sogar ein Pilotfilm geleistet hat?
Ekrem Ergün:
Das wäre schön, aber: Nein. Unser Wunsch ist es, mit dem Publikum in einen Austausch zu gehen, um sie besser zu verstehen und tiefer in Themen einzutauchen. Ein Podcast kann ein Baustein in der Filmentwicklung sein, wird den Entwicklern von Filmideen aber nicht die Arbeit abnehmen, die in der Auseinandersetzung mit einem Drehbuch nötig sind.

Storming Donkey Productions verantwortet die Finanzierung, Undone Inhalt und Produktion. Podcasts mit aufwendiger Recherche und internationaler Arbeit sind teuer, gleichzeitig ist der deutsche Podcastmarkt wirtschaftlich schwieriger geworden. Wie finanziert sich ein Projekt wie «Das Undenkbare» überhaupt, wenn weder ein klassischer Sender noch eine große Streamingplattform dahintersteht?
Ekrem Ergün:
Als Filmemacher versuchen wir Ideen und Geschichten, die uns bewegen, voranzutreiben. Es ist nicht einfach, aber besonders bei diesem Podcast war es uns wichtig, unabhängig und schnell eine Finanzierung zu stemmen. Das hat zum Glück geklappt.

Viele hochwertige Doku-Podcasts entstehen inzwischen im Auftrag von ARD, ZDF oder großen Plattformen. Wollen Sie mit Ihrer Zusammenarbeit auch zeigen, dass ambitionierter dokumentarischer Audiojournalismus unabhängig von diesen Auftraggebern möglich ist?
Ekrem Ergün:
Es geht ja nicht darum, Recht zu haben oder es jemandem zeigen zu wollen. Ich glaube, in schwierigen Zeiten wie diesen brauchen wir keine Konkurrenz, sondern eine Gemeinschaft. Ohne die großen Plattformen wäre unsere Medienlandschaft um einiges ärmer.

Khesrau Behroz: Als Produzent, der sehr viel mit öffentlich-rechtlichen Anstalten zusammenarbeitet, aber auch mit privaten Plattformen, kann ich Ekrem nur zustimmen. Wir wollen hier ja niemandem etwas beweisen. Wir sind auf eine vielfältige Medienlandschaft angewiesen – und mit diesem Podcast und mit dieser Zusammenarbeit tragen wir dazu bei.

Herr Behroz, Sie sprechen im Podcast über Ängste, möchten aber zugleich Menschen vorstellen, die sich diesen möglichen Entwicklungen bereits heute stellen. Wie verhindert man bei Themen wie Asteroideneinschlag, KI-Herrschaft oder gesellschaftlichen Zusammenbruch, lediglich die nächste Untergangserzählung zu produzieren?
Khesrau Behroz:
Ich glaube, es ist wichtig, hierbei nicht nur den Untergang zu prophezeien und schlechte Stimmung zu verbreiten. Es geht in unserer Geschichte oft um Menschen, die aus ihrer eigenen Kraft heraus an Veränderung arbeiten, an kreativen Lösung. Da steckt für mich wahnsinnig viel Hoffnung drin.

Wenn Sie von den sechs Szenarien eines auswählen müssten: Welches erschien Ihnen zu Beginn völlig hypothetisch, bei dem Sie nach Abschluss der Recherche aber gedacht haben, dass es möglicherweise sehr viel realistischer ist, als Ihnen lieb ist?
Khesrau Behroz:
Sicherlich das KI-Szenario. Das ist so ein Bereich, das sich so wahnsinnig schnell entwickelt, dass wir alle fast schon nicht mehr hinterherkommen.

Und andersherum gefragt: Welche der sechs Geschichten besitzt aus Ihrer Sicht bereits so viel erzählerische Kraft, dass Sie heute sagen würden: Daraus könnte tatsächlich der erste Film oder die erste Serie entstehen, die aus «Das Undenkbare» hervorgeht?
Ekrem Ergün:
Es gab ja schon diverse Filme über Asteroideneinschläge. KI ist natürlich ein sehr aktuelles Thema und kurz vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt waren und sind rechtsextreme Parteien sehr präsent in den Medien. Ich muss ehrlich sagen, dass ich selbst sehr gespannt bin, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Vielleicht werden wir uns dann zurückerinnern und sagen: Weißt du noch, der Podcast über die KI? Damals war das undenkbar. Das Schöne ist, dass alles möglich ist.

Danke für das Gespräch!

29.10.2026 12:52 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176749
Fabian Riedner

super
schade


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• Das Undenkbare • Cui Bono • Legion


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