Hierzulande nie im Kino gewesen, stattdessen einer der meistgeachteten Geheimtipps der vergangenen Jahre: «Der Chaos-Cop», der im Original als «Thunder Road» Publikum wie Kritiker begeisterte, ist ein Dramajuwel und so ganz anders, als es der deutsche Titel ankündigt.
An dieser Stelle also nochmal in aller Deutlichkeit: «Der Chaos-Cop» ist nicht das, wonach er klingt. Der Originaltitel «Thunder Road», basierend auf dem gleichnamigen Bruce-Springsteen-Song über einen Aussteiger, der seine Heimat zurücklässt, um in der Ferne ein neues Leben anzufangen, ist das genaue Gegenteil. Im Zentrum: Jim Cummings als Regisseur, Autor, Hauptdarsteller, Komponist und Cutter in Personalunion. Der hierzulande noch weitestgehend unbekannte Regisseur von Kurzfilmen und Serienepisoden (unter anderem für «Still Life») hat sich «Der Chaos-Cop» durch und durch auf den Leib geschrieben. Sein tragischer (Anti-?)Held Jimmy Arnaud ist in den 92 Filmminuten zu jedem Zeitpunkt das erzählerische Zentrum. Es gibt kaum eine Einstellung, in der der kurz vor der Scheidung befindliche Vater einer Tochter nicht zu sehen ist. Wir folgen seinem Weg vom emotional aufgewühlten Versager (oftmals weiß man nicht, ob er sein Gesicht gerade zu einem Lachen oder einem Weinen verzieht) hin zum halbwegs stabilen Zeitgenossen in Einstellungen von unmittelbarer Intimität.
Das kann bei einer derart ambivalenten Figur wie der des Jimmy Arnaud auch befremdlich sein. Schließlich kann man sich den ausufernden, zum Teil höchst widersprüchlichen Gefühlsausbrüchen einfach nicht entziehen, muss hinschauen, auch wenn es wehtut. Das bekommt man vor allem in zwei Szenen zu sehen, die gleichzeitig Jim Cummings‘ absolut herausragendes Schauspieltalent unter Beweis stellen. Zwei Schlüsselmomente der Geschichte inszeniert Cummings als im One-Shot gedrehte Monologe (der erste dauert zwölf, der andere knapp vier Minuten), in denen das kaputte Innere des Protagonisten besonders deutlich wird. Eine improvisierte Trauerrede auf seine kürzlich verstorbene Mutter wird zum ungewollten Seelenstriptease und treibt den eigentlich nur von seiner Mum Abschied nehmen wollenden Mann an die Grenzen der Belastbarkeit. Zwischen aufopferungsvoller Trauer, völliger Selbstaufgabe und dem hilflosen Versuch, das letzte Bisschen Würde zu behalten, präsentiert uns Cummings hier die komplette Bandbreite menschlicher Emotionen – und so sehr das in vielen Filmkritiken mittlerweile wie eine Floskel klingt, so sehr trifft es hier doch auch wirklich zu.
Der zweite One-Shot wiederholt auf den ersten Blick die bereits zu Beginn hervorgestellte Unberechenbarkeit in Jimmys Auftreten, fühlt sich aufgrund der seither verstrichenen Zeit und Ereignisse jedoch ganz anders an. Auf der einen Seite ist eine etwaige Wandlung Jimmys bis zum Schluss kaum auszumachen und ist zum Großteil eher auf äußere Umstände denn ein inneres Auseinandersetzen mit seinen Problemen zurückzuführen. Auf der anderen Seite findet Jim Cummings ungeahnte Nuancen in seiner Darbietung von Verzweiflung, die ihn mal wie ein Pulverfass, dann wiederum wie ein ziemlich armes Würstchen erscheinen lassen. Das führt auch dazu, dass «Der Chaos-Cop» aller Tragik zum Trotz immer wieder auch auf morbide Art lustig ist; etwa bei Jimmys ungelenken Versuchen, mit einer befreundeten Familie ein ganz normales Tischgespräch zu führen. Oder sein Ausraster bei einem Eltern-Lehrer-Gespräch an der Schule seiner Tochter, das auf eine „Pointe“ hinausläuft, die einen fast zu Tränen rührt.

• Uncut Gems • Der schwarze Diamant • Thunder Road • Der Chaos-Cop • Let’s be Cops – Die Party Bullen • Still Life • Greener Grass
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